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Full text of "Von kommenden dingen"

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VON 

KOMMENDEN DINGEN 



VON 

WALTHER RATHENAU 



19 2 2 

S. FISCHER - VERLAG. BERLixV 



1 t'i'f 



66, bis 69. Auflage 

Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetsung 
Copyright by S. Fischer, Verlag, Berlin 



DEM GEDÄCHTNIS 
MEINES VATERS 



416077 



INHALT 

Einleitung 9 

Das Ziel 2«; 

Der Weg 7f 

I« Der Weg der Wirtschaft . » . 73 

2. Der Weg der Sitte 152 

3, Der Weg des Willens 219 



EINLEITUNG 



I 



Dieses Buch handelt von materiellen Dingen, jedoch 
um des Geistes willen. Es handelt von Arbeit, Not und 
Erwerb, von Gütern, Rechten und Macht, von tech- 
nischem, wirtschaftlichem und politischem Bau, doch 
es setzt und schätzt diese Begriffe nicht als Endwerte, 

Es ist recht zu fragen, ob nicht vielmehr Bedrückung 
und Armut, Not, Sorge und Unbill die echtesten Kräfte 
im Alenschen befreien, die Seelen erlösen und das Gottes- 
reich herniedertragen. Es steht frei zu antworten, daß 
die Glaubenspflicht und Wandlungskraft des Menschen 
nicht erschwert, sondern erleichtert werden soll, daß die 
Kalte des Elends alle Keime starrt, daß Wachstum und 
Blüte zulänglicher Erwärmung und Bestrahlung be- 
dürfen. Doch diese Frage und Antwort wird nicht ge- 
stellt. Weder um das Bestehende zu Stützen und zu be- 
schönigen, noch um Wünsche und Bedingungen empor- 
zulocken, laßt sich der Geist mißbrauchen; seine Mächte 
sind stark genug, um zu jeder Zeit die Eintracht zwischen 
Gestaltung und Gestaltendem zu erzwingen. Dieses Ver- 
hältnis aber ist eindeutig wie das Verhältnis organischer 
Gebilde zur Summe der Lebensbedingungen; jeder neue 
Geist schafft sich seine Welt, und jede seiner Evolutionen 
verwirklicht sich in neuem Umschwung des Lebens. 



XI 



Nicht die Forderung geht dem Umschwung voran, 
sondern die Verkündung, die schon in sich den ersten 
Anbruch der Erfiüking birgt. Die Verkündung aber 
ist nicht wahrsagerische Träumerei, sondern die Durch* 
dringung des erschauten irdischen Zustande« mit der 
Gewißheit des geistin;en Gesetzes, 

D^halb ist es nicht muRifres Gedankenflechten, son- 
dern Pflicht und Recht, den Blick von der Betrachtung 
des bewegten Geistes zum Schattenspiel der Einrich- 
tungen und Lebensformen zu wenden; denn Strahl und 
Schatten begreifen und beschreiben sich wechselweise. 
Unsre Zeit, die das kleinste dessen, was sie Tatsache 
nennt, so wichtig nimmt, erschrickt davor, aus ihrem 
Herzen ihr Geschick zu lesen; lenkt sie spielend und ver- 
aiiiwortungslos bisweilen ihr Denken ins Künftige, so 
schafft sie aus umgekehrten Tagessorgen und Mißver- 
gnüglichkeiten mechanische Utopien, die, vom Hermes- 
stabe der Technik bewegt, aus der alten Wochenreihe 
einen kärglichen Sonntag zaubern. 

Woher nimmt diese Zeit noch den Mut, von Entwick- 
lung, Zukunft und Zielen zu reden, die Hälfte ihres 
Tuns dem Kommenden zuzuwenden, für Nachkommen- 
schaften zu wirken, Gesetze zu erfinden, Werte zu setzen, 
Güter zu speichern ? Sie wird nicht müde zu forschen, 
woher sie kommt, doch sie weiß nicht, wo sie steht, und sie 
will nicht wissen, wohm ne fahrt. De^hnlb ermüden die 
Besten an diesem Werk des Tages für den Tag; viele stellen 
ihren Zweifel, ihre Müdigkeit und Verzweiflung in die 
Mitte ihres Denkens, geben vor, sich am Augenblick zu 
laben und verzichten auf das schönste Vorrecht ; zu sorgen. 

Andre weisen auf den erstorbenen Dogmenglauben und 
seine Verheißungen. Sie wollen ihn zur Auferstehung 
zwingen durch Einrichtungen, durch Beweise, durch Güte, 



12 



Zorn, Versprechung und Drohung. Sic haben recht im 

Empfinden, denn die Religion des Menschen kann nie- 
mals vcrgelxen; sie irren im Denten, denn es gibt keinen 
Glauben ohne Gegenstand, und dieser läßt sich nicht 
aufzwingen noch aufschwatzen. Das Wesen des Glaubens 
ist, daß er imbeirrbar, unbewußt und unfehlbar sich 
selbst seinen Gegenstand schafft, den Gegenstand, der 
dem jeweiligen Inbegriff der schöpferischen Kräfte er- 
schwinglich ist. Der Dogmenglaube aber siechte durch 
die Schuld behördlicher Mächte^ die zu schwach 
waren, ihn der Welt konkurrenzlos aufzuzwingen, und 
6taik genug, um ihn Jahrhunderte zu lange durch 
dunkle Gläser gegen die Lebensstrahlen der Völker 
abzuschließen; er starb, als man gewaltsam die 
Scheiben aufriß. 

Götter erfinden, Zeichen erzwingen, Sakramente ver- 
ordnen — diese gutgemeinten Ränke sind eitel. Freilich 
bedarf es im Tiefsten richtungscliaifender Kräfte; doch 
keine kunstvoll humane Umdeutung kann das alte Fun- 
dament handgreiflicher Wunder durch ethische Begriffe 
ersetzen; transzendente Überzeugungen bleiben in un- 
Sern Herzen lebendig, aber sie verlangen neue Sprache, 
neue Vorstellungen und neue Erleuchtung. Steigen wir 
hinab in die Schächte unsres unberührbaren innersten 
Bewußtseins, so finden wir die dunklen Tiefen nicht 
leer; wir kehren heim mit der Gewißheit des Unend- 
lichen, der Gottseite der Schöpfung, mit der Ver- 
kündung des Berufes unsrer Seele, unsrer über- 
intellektualen Mächte, und mit dem Geheimnis des 
Seelenreiciies. 

Von diesen Dingen ist in dem Buche „Zur Mechanik 
des Geistes'^ gehandelt; für unsre Erwägungen wird nur 
die dne Voraussetzung in Anspruch genommen : daß alles 

13 



irdische Handeln und Zielen in dem einen Sinne seine 
Rechtfertigung findet, in der Entfaltung der Öeeie und 
ihres Reichea» 

II 

Dieses Buch trifft den dogmatischen Sozialismus ins 
Herz. Denn er erwächst aus materiellem Willen; in 
seinem Mittelpunkt steht die Teilung irdischer Güter» 
sein Ziel ist eine staatlich- wirtschaftliche Ordiiung. Mag 
er heute bestrebt sein, aus andren Weltauffassungen 
fremde Ideale herbeizuholen, so ist er doch nicht aus 
ihrem Geiste geboren; er bedarf ihrer nicht^ ja sie müssen 
ihn stören, denn sein Weg führt von der Erde zur Erde, 
sein tiefster Glaube ist Empörung, seine stärkste Kraft 
ist gemeinsamer Haß, und seine letzte Hoiinung ist ir« 
disches Wohlbefinden. 

Die ihn emporführten, glaubten an die Unfehlbarkeit 
der Wissenschaft, mehr noch, sie glaubten an ihre ziel« 
setzende Kraft. Sie glaubten an unausweichliche mate- 
rielle Menschheitsgesetze und an ein mechanisches Erden- 
glück. 

Nun aber beginnt selbst die Wissenschaft zu erkennen, 

daß ihr vollkommenstes Gewebe dem Willen nichts 
andres sein kann als dem Wanderer eine vortreffliche 
Landkarte: da liegt ein Gebirgszug, ein Fluß, eine Stadt, 
ein Meer; wende ich mich rechts, so gelange ich hier- 
hin, links dorthin; dieser ist der kürzere Weg, jener 
der ebnere; hier herrscht Fülle, dort weht Bergluft; 
hier hegt Freiiand, dort Zivihsation. Welcher Pfad mir 
aber vorgeschrieben ist, wohin mein Herz, meine Pflicht 
mich zieht, kann ein Kartenblatt mir nicht sagen. Wis* 
senschaft mißt und wägt, beschreibt und erklärt, aber 

H 



sie wertet nicht, es 8el denn nach dem Maßstabe kon- 
ventioneller Satzung. Ohne Wertung und Wahl aber 
besteht kein Ziel, und da alles vernünftige Handeln 
Zielen und Polen zustrebt, so ergibt sich abermals, daß 
über alles menschliche Gescheheu das Herz entscheidet. 

In dem zwangsläufigen Abrollen, das die materielle 
Geschichtsauffassung dem Weltgeschehen aufzwingt, hat 
der Wille des Herzens keinen Platz; ändert sich die mut- 
maßliclie Wer Lungsfolge der Menschheit, wie sie sich 
stets geändert hat, so muß der blinde Mechanismus, un- 
aufhaltsam fortlaufend, den Willen der Menschheit sei- 
nem eigenen Widerspiel entgegenschleudern. 

Ziele setzen heißt Glauben. Doch das ist kein echter 
Glaube, der, aus Wunschumkehrung einer zeitlichen Not 
stammend, das Bestehende verneint, um die Weitordnung 
in eine Maßregel zu verwandeln. Echter Glaube stammt 
aus der Schöpferkraft des Herzens, aus der Phantasie der 
Liebe; er schalet Gesinnung, und ihr folgt willenlos das 
Geschehen. Niemals wird Gesinnung durch Einrich- 
tungen erlistet; und weil der Sozialismus um Einrich- 
tungen kämpft, bleibt er Politik; er mag Kritik üben, 
Mißstände beseitigen. Rechte gewinnen: niemals wird 
er das Erdenleben umgestalten, denn diese Kraft ge- 
bührt allein der Weltanschauung, dem Glauben, der 
transzendenten Idee. 

Wird die Unzulänglichkeit des Sozialismus evident, 
so mögen dennoch sich die nicht freuen, die aus be- 
quemer Neigung zum Bestehenden, aus Furcht vor 
Opfern und aus Trägheit des Herzens ihn bekämpfen. 

Die Opfer, welche die kommende Zeit verlangt, sind 
härter, der Dienst ist mühevoller, der äußere Lohn ge- 
ringer als im sozialen Reiche, denn es wird mehr als 
Verleugnung materieller Werte verlangt. Über ihr steht 



»5 



Verleugnung unsrer liebsten Eitelkeiten, Schwächen, 
Laster und Passionen, über ihr steht die Püicht zu Emp- 
findungen und Taten, die wir heute theoretisch preisen 
und praktisch verhöhnen; über ihr steht die schwere 
Erkenntnis, daß wir nicht zum Glücke streben, sondern 
zur Erfüllung, daß wir nicht um unsertwillen leben, 
sondern um des Gottes willen* 

Dennoch wird die Menschheit diesen Weg gehen, 
nicht weil sie muß, sondern weil sie will; weil es von 
der Erkenntnis des Glaubens kein Zurück gibt, weil die 
SeHgkeit des göttlichen Wollens sie ergreift. Sie wird 
ihn gehen durch Feindschaft, Hohn und Verfolgung, 
und es wird ihr die schwerste Prüfung nicht erspart 
sem, daß sie bezichtigt wird von denen, die sie zu 
erlösen schreitet und die ihr bittere Strafe und heilige 
Entsühnung für getanes Unrecht verhängen, Undank 
wird ihren Weg segnen, Mühsal wird ihn begleiten, und 
dennoch wird sie in demütigem Stolz für jeden Schrner- 
aensschritt danken, der sie dem Licht entgegenführt. 

Nicht Furcht und nicht Hoffnung sind die treibenden 
Gewalten. Nicht das verständige Streben nach mecha- 
nischem Gleichgewicht, nicht Güte und selbst nicht 
Gerechtigkeit. Sondern Glaube, der aus Liebe ent- 
springt, tiefste Not und Gottes Wille. 

III 

Die Zeit, die in ihrem Innersten nach Selbsterkennt- 
nis und Erlösung von eigener Härte lechzt, ist in ihrem 
Gehaben vorschauendem Denken nicht günstig. Kaum 
ist sie dem plumpen Ernst und der Handgreiflich- 
keit des Materialismus entronnen, da schämt sie sich 
schon aller Praxu und schämt sich nochmals dieser 

i6 



Scham und sucht «ie zu verdecken» indem sie mit be- 

meistertem Abscheu armselige Gerätschaften und Zu- 
taten des neuzeitlichen Lebens in ihre Empfindungen 
webt. Sie bringt Bogenlampen und Hotelgärten in 
Reime von bedachter Kühnheit und ist doch weltfrem- 
iici als ihre grobe Vorlauf erin, die in menschlichen Din- 
gen zugegriffen hatte und Bescheid wußte. Um sich 
zu beweisen, wie sehr sie der unentwegten Selbstsicher- 
heit des Marktes fernstehen, wählen viele von der Er- 
scheinung der Welt nur die zarteste, bunteste Haut 
und begnügen sich, in koketter Betrachtung hier über 
eine Ähnlichkeit, dort über einen Widerspruch zu 
lächeln. 

Kahler Betrug! Denn nur der Ernst der Welt, der 
Glaube an ihren Sinn und Zusammenhang rechtfertigt 

Betrachtung und Mitteilung; mutiger Glaube an die 
Sinnlosigkeit und hoffnungslose Verworrenheit des Be- 
stehenden fordert in Konsequenz ein ungeistiges Leben 
animalischen Genusses und die Beschränkung alles sitt- 
liclien Bewußtseins auf die Furcht vor der Polizei. Der 
Schaufensterdieb des Lebens leugnet den Schweiß, den 
er verpraßt und verwertet; er bleibt ein Held nur für 
seinesgleichen, denn die Menschheit läßt sich mit dem 
kärglichen Raube nicht beschenken. 

Gewiß, nicht erlernte Kenntnis und ersessene Bildung 
vermag die harten Schollen unsres anvertrauten Feldes 
zu lösen; hochmütiges Wissen und Besserwissen fruchtet 
nicht. Doch ernst zu nehmen ist jedes echte irdische Er- 
eignis; Treue der Sinne und Hingabe des Geistes führen 
zum innern Ergreifen selbst des alltäglichen Geschehens 
und verschmähen das Nippen an den Zeichen der Dinge. 
Ist die Welt eine Ordnung, ein Kosmos, so steht es dem 
Manne an, seine Zusammenhänge, Gesetze und Phäno- 



C Ratbenan, Von kanuuoQdaD Olngao 



17 



mene zu schätzen und in eich zu erbauen. Plato8, lionardos 

und Goethes Eindringen in die handfeste Welt der Dinge 
war nicht profaner Abweg, sondern göttliche Notwendig- 
keit. Der Dichter, der aus mangelnder Kraft der Um- 
spannung die Gegenwart und Zukunft seiner Welt ver- 
Gclimah t um des auserwählt Interessanten willen, ist nicht, 
wie er glaubt, ein Seher, sondern ein Veranstalter ästheti- 
scher Unterhaltung. Die Römer nannten den Staat die 
Sache Aller; in höherem Maße ist esdieNatur: als Umwelt, 
Wildnis, Gälten, Kampfplatz und Grab des Menschen. 

Sehr bald wird auf den Romantismus der Zeit, die 
sich real gebärdet und artifiziell empfindet, die Stim- 
mung folgen, die in Zeiten unverbildeter Menschen 
nie erloschen ist: an die Stelle Uterarischer und gymna- 
sialer Erfahrung wird Welterfahrung treten; auf dem 
Quaderfundament bewältigter Wirklichkeiten wird der 
Bau der Ideen sicherer ruhen und höher steigen als auf 
dem Geschiebe unerlcbtcr Prinzipien. Ein pragmatischer 
Zug, ein Gemeinschaftsgefühl handfester Menschen, 
Phantastik aus dem Grunde wahrer Weltteilnahme und 
Weltverantwortung wird das unabhängige Denken und 
Fühlen aus der Wärmstube der Konventikel auf die 
Bahn des Geschehens, des Schicksals und der Tat ge- 
leiten. Das Denken und Fühlen der Welt wird fest sein, 
nicht handgreiflich, zart, nicht schwächlich, phantasie- 
voll, nicht verstiegen, transzendent, nicht frömmelnd, 
pragmatisch, nicht rabulistisch; die geistige Fuhrung wird 
von Frauen und grinsenden Ästheten auf Männer, von Ar- 
tisten und Arrangeuren auf Dichterund Denker übergehen. 

Der individuelle Nihilismus, an dem wir leiden, der 
uns die Verallgemeinerung zweifelhaft, das Gesetz ver- 
dächtig und die Tat verächtlich macht, der vorgibt, sich 
mit der Kontemplation des unvergleichlich Einzelnen 

l8 



za beruhigen und doch heimlich vom Gesetz und von 

der Tat zehrt: diese hoffnungslose falsche Heiterkeit, 
unüberzeugte Ethik und Entsagung wider Willen schöpft 
noch aus tieferer Quelle, die jedesmal zu fließen beginnt» 
wenn der Glaube die Menschheit verläBt. 

Die Lehre lautet : Wo ist ein Gültiges ? Alles ist ein- 
malig. Wo ist Stetigkeit ^ Jeder Augenblick ist neu- 
geschaffen und ohne Vorgang. Wie könnte Entwicklung 
Bein, da alles Zeitliche Täuschimg ist ? 

Gewiß ist es wahr, daß im tiefsten Innern der Dinge 
alles ruht; je weiter vom Mittelpunkt, desto heftiger 
kreist die schattenhafte Bewegung. Die Seele ahnt in 
allen großen Augenblicken ihr heilig ruhendes Ziel und 
strebt magnetisch aus Täuschungswirren dem Zentrum 
entgegen. Doch dies Gelieimnis befreit uns nicht vom 
Leben. Was im Klang des All sich zur Harmonie fügt^ tönt 
uns zwar in Einzelstimmungen zerrissen; was unveränder- 
lich besteht, blendet uns im Wechsel; und dennoch sind 
wir in dieses Leben gestellt, um es auf unsrer Stufe zu 
vollenden, und unser Leidensweg geht durch die Zeit. 
Verachten wir diese Bühne des Werdens, so ist alles Denken 
vergeblich, jedes höhere Gefühl irrational und alles Han- 
dein Torheit; ja selbst ein Streben nach innerer Voll- 
kommenheit bleibt Handlung und somit Wahn. Doch 
dieser Ausgang widerlegt sich selbst: denn der heiße 
Drang der Seele besteht; und mehr noch, er ist von allem 
Erleben das Realste. Wage es, ihn und nicht das erdacht 
Absolute zur temporären Achse unsres Erlebens zu 
wählen, so gewinnt das Dasein seinen Sinn zurück. Das 
Denken zum Absoluten vernichtet den Willen; die An- 
dacht zum Transzendenten aber gibt dem Denken ad- 
äquate Ziele, belebt den Willen zur Liebe des Menschen^ 
der Natur und der Gottheit und erobert die Tat« 



19 



Obwohl jede historisch-rationale Erörterungsform dem 
Sinne dieser apriorischen Darlegung widerspricht, sei 
eine Bemerkung gestattet» die einen herkömmUchen Irr- 
tum der Erfahrung beseitigen soll. Es liegt nahe, die 
kurze historische Spanne zu durchlaufen, die uns ver- 
traut ist, das kunstüberlieferte Gefühlsleben der Inder, 
Hebräer, Griechen und Germanen zu beleuchten, und 
zu folgern, daß im wahrhaft Echten der menschlichen 
Kräfte keine Entwicklung, selbst keine Steigerung ge- 
schehen noch möglich sei. Vergessen wir doch nicht, 
daß die Brücke der Erinnerung nur von Gipfel zu Gipfel 
führt! Sie ermißt nicht, wie mächtig die Sohle der 
Täler sich gehoben hat. Die Geschichte schweigt von 
den Zahl- und Namenlosen; noch immer ist sie eine 
Chronik der Sieger und Heroen. Die Natur aber ist 
treu; sie zertritt nicht das überholte Geschöpf ; und das 
überholte Volk lebt abseits von der Heerstraße im Schöße 
alter Kontinente. Die Natur arbeitet nicht, wie der 
Chemiker, restlos; sie verwandelt und entwickelt einen 
Teil ihres unerschöpflichen Materials, das übrige legt 
sie beiseite, um es noch lange dem Gedächtnis zu er- 
halten und unmerklich aufzuarbeiten. In Abgeschieden- 
heit der afrikanischen und asiatischen Welt leben noch 
heute die Hirten Kanaans und die Speerträger Ilions; 
wie wir Gleichnisse der Gottheit und doch an Seele 
jünger und schwächer. Aus jenen alten, tief anima- 
lischen Unterschichten aber sind Geschlechter von einer 
Beseeltheit erwachsen, die fast der Höhe der erlosche- 
nen Herrenstämme gleichkommt. 

Wer eine Sprache wahrhaft besitzt, der besitzt, ob- 
wohl die Genialität des Sprachschdpfers ihm nicht zu- 
steht, ihren ganzen Geist; wer das Erbe eines Großen 
im Geist begreift und besitzt, der ist wo nicht im Schöp- 



20 



ferischen» doch im Seelischen sein Jünger und Bruder. 
Das Erbe Buddhas und Chrbti, Piatons und Goethes, 
war, als es die Erde berührte, der Menschheit erschrek- 

kend fremd und feindlich; gleichviel durch welcluj all- 
tägliche Kraft es geschah: heute keimt das heilige Gut 
in tausend Herzen, und diese Herzen, ob in Einfalt, 
ob in wetteiferndem Feuer, sind der Seele naher 
als ehedem die wenigen aus erwählten Schüler. Das 
Maß der Seele ist nicht Genialität; wohl aber ist 
das Maß aller Schöpfung gegeben in der Erweckung 
der Seele. 

Entwicklung ist die Denkform unsres überanimali- 
Bchen Handelns, denn alles Tun ruht im Zeitbegriff, und 
der Wille zum Beharren ist so unmöglich wie der Wille 
zum Ursprung. Es ist das Zeichen einer zweifelsüchtig 
trägen Zeit, wenn der Blick sehnsüchtig am Vergangenen 
haftet; daß unsre gauze Billigung und Teilnahme den 
Vorfahren gilt, daß jedes ihrer Werke und Worte uns 
wichtiger und vertrauter gilt als alles junge Wesen, 
das entschuldigen wir mit der Plage unsrer Mechanis- 
men und mit der Unerträglichkeit jener beschränkten 
Großsprecher, die uns jede mechanisierte Notdurft ab 
Aufstieg zur Vollkommenheit preisen. 

Jedoch auch die geplagte, selbst die irrende Zeit ist 
ehrwürdig, denn sie ist nicht Menschensache, sondern 
Menschheitssache, und somit Werk der schaffenden 
Natur, die hart sein kann, nicht sinnlos. Ist diese Zeit 
schwer, so ist es unsre schwerere Pflicht, sie zu lieben, 
sie mit unsrer Liebe zu durchbohren, bis die schweren 
Gebirge der Materie weichen und das jenseitige Licht 
erscheint. Auch diese Liebe ist hart; zu Staub zermahlt 
sie nicht nur das taube Gestein, das die Zeit uns ent* 
gegentürmt; sie zerbricht auch manches liebgewohnte 



ZI 



Wahrzeichen unsres Heizens; denn nur durch dies He« 
allein führt der Weg zai Freiheit der Welt. 

Ist es Vermeascnheit, diesen Weg ahnend zu bestim- 
men? E« ist vermessen, mit der peinlichen Frage der 
Wissenschaft den komnaenden Geist zu extorquieren. 
Die Erfahrung vermag abzuleiten, nicht fortzuentwik- 
keln: sie sagt mir, daß die linde vor meinem Fenster 
aus einem Samenkorn erwachsen ist, sie sagt mir nicht, 
ob das Korn in meiner Hand zum Baume werden wird 
oder zu Staub. Doch seihet die Ableitung, aufs Gegen« 
wärtige angewendet, bleibt vieldeutig und birgt Ge- 
fahren, denn die Zahl der irdischen Formen ist beschiränkt, 
die Inhalte wa li;^en, und unversehens füllt das alte Ge- 
fäß sich mit neuem Geist. Es ist erlaubt, die Tragödie 
aus Hirtenspielen, die Symphonie aus Tanzen abzuleiten: 
doch Hamlets Geist und der Gehalt der Neunten haben 
mit dieser antiquarischer Forschung nichts gemein. Hier 
liegt der Grenzwert aller Tratition: sie erklärt, beruhigt, 
verleiht den gleitenden Dingen mechamsche Trägheit, 
doch sie heiligt nicht, entschuldigt nicht und öffnet keinen 
Blick ins Künftige. Die Geschichte lehrt es tausendfach: 
mag eine Staatsform, eine öffentliche Ordnung noch so 
fest in klar gewollter geschichtlicher Entstehung verankert 
sein: es ergreift sie ein neuer Geist, die harmlose Form 
bleibt bestehen, und dem Historiker zum Trotz, dessen 
sakraler Bau dahinsinkt, füllt unter der Maske des Irr- 
tums, der Mißdeutung, der Gewalt das innere Gesetz 
in die gereinigte Schale ein neues Leben. 

Versagt sich Erfahrung und Überlieferung dem Stre- 
ben zum Künftigen, erstirbt die Berechnung zur kahlen 
Spcküluiion, so sollen wir uns gegenwärtig halten, daß 
alle Entwicklung Aufstieg des Geistes ist und daß unser 
inneres Erleben, rein empfunden und wunschlos gedeu- 

Z2 



tet, am Geöchehen der Welt mikrokosimschen Anteil hat. 
Dies ist die Erklärung aller Prophetie; vom geschäftlich 
nüchternen Erfassen einer Konjunktur bis zur adäquaten 
Ausdeutung der politischen Notwendigkeit, von der ein- 
fühlenden Erkenntnw eines menschlichen Schicksals bis 
^ur visionären Durchdringung des Weltbildes bezeichnen 
alle Stufen des intellektuaien und des intuitiven Mit- 
klingens den Farallelismus des erlebten und des objek- 
tiven Geistes. Jedes organisierte Instrument erlebt in 
seiner Stimme das Abrollen der Symphonie. 

Die innere Gewißheit dieses Erlebens ist gegeben in 
der ungewollt und übermächtig sich aufzwingenden Not- 
wendigkeit des Denkens; die mitteilende Wahrhaftigkeit 
entzieht sich dem mechanischen Beweise. Was ist be- 
weisbar i Kaum das Vergangene, kaum selbst die Wahr- 
heit der euklidischen Geometrie j unsre Gefühle sind 
es nicht) unsre Erlebnisse nicht und nicht unsre Vor- 
aussichten. Jede geschäftliche Auffassung, jede organi- 
satorische MaßnaliiiiC ist bestreitbar, und dennoch bleibt 
in der Weit ein glaubendes Vertrauen zum Rechten. 
Denn es liegt im mitgeteilten wahrhaften Erlebnis von 
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Kraft, die 
Einfühlung, Prüfung und Glauben erzwingt. Starkes 
Empfinden redet starke Sprache, klar Erschautes leuchtet 
ein, Aufrichtigkeit schafft Vertrauen. 

Der echte Gedanke gibt ein körperliches Gefühl der 
Plastik tind des Gewichts. Und noch ein andres Zeichen 
unterscheidet ihn von den Paradoxen und Anmerkungen 
des Tages, die, nur von einer Seite gesehen und be- 
leuchtet, wahr sind: er neigt zum Wirklichen, er berührt 
das Alltägliche, ohne in ihm zu wurzeln, er scheint reali- 
sabd und dennoch phantastisch. Denn die Keime des 
Künftigen Hegen allenthalben sprossend im Boden; das 

23 



Kommende ist wunderbar, nicht weil es aus dem Nichts 

kommt, sondern weil es das Gemeine wandelt. 

All unser Tun hat etwas Seherisches, denn jeder 
Schritt trägt in die Zukunft* Glauben wir aber an daa 
Vorschauende im Menschen, so laßt uns recht daran 
glauben. Schließen wir uns im guten Willen zusammen, 
so wird dem gemeinsamen Schauen das Trügerische zer- 
rinnen, das Rechte sich verklären; Bedingung ist, daß 
der Fuß nie den Boden, das Auge die Gestirne nie 
verliere. 



24 



DAS ZIEL 



Die Weltbewegung, welche die Epoche unsrer Zeit 
emporgetragen hat, stammt^ von der Erscheinungs- 
seite betrachtet, aus zwei Grundereignissen, die eng zu- 
sammenhängen. 

Eine Volksverdichtung ohne Beispiel hat den 2dvili- 
saäonsfähigen Teil des Erdbodens ergriffen; sie hat m 
ihrem schwellenden Drang die dünne Haut der Ober- 
schichten zerrissen, die vormals den europäischen Völkern 
ihre Farbe liehen und ihr Aufkommen bändigten. 

Die zehnfach übervölkerte Menschheit verlangte eine 
neue Ordnung der Wirtschaft und des Lebens zu ihrer 
Erhaltung und Versorgung; die Umschichtung der Volker 
lieferte in den entbundenen Kräften der alten Unter- 
schichten die intellektuaie Verfassung, die dem Werke 
gewachsen war. 

Der Weg, den der umschaffende Wille der Mensch- 
heit durchlaufen mußte, war lang; abstraktes Denken, 
exakte Wissenschaft, Technik, Massenbewältigung und 
Organisation mußten geschaffen werden, ein Umsteuern 
der menschlichen Wünsche, Gedanken und Ziele wurde ge- 
fordert, neue Lebensführung, neue Kunst, neue Weltauf- 
fassung und neuer Glaube mußten entstehen, um die ver- 
änderte Ordnung erst zu gestalten, dann zu rechtfertigen. 

VI 



Diese Ordnung habe ich m dem Buch „Zur Kritik der 
Zeit" abgeleitet und beschrieben; ich habe sie Mecha- 
niaierung genannt, um ihre Universalität ausizusprechen 
und um die mechanische Zwangläufigkeit anzudeuten, 
die sie von allen früheren Ordnungen unterscheidet. Denn 
ihr Wesen, aHes in allem betrachtet, besteht darin, daß die 
Menschheit, halb bewußt, halb unbewußt zu einer einzigen 
Zwangsorganisation verflochten, bitter kämpfend und 
dennoch solidarisch für ihr Leben und ihre Zukunft sorgt. 

Früh hat man den Zusammenhang der neuzeitlichen 
Erscheinung empfunden, doch wagte man nicht, mit 
einem Blick das Gesamtphänomen zu umspannen. 
Deshalb hört man noch immer vom Kapitalismus als 
einer die ganze Zeiterscheinung umschreibenden Tat- 
sache reden, obgleich er nichts weiter ist als die Pro- 
jektion der Gesamtordnung auf einen Teil der Wirt- 
schaft. Deshalb bildet es noch immer ein unermüdliches 
Spiel der Wissenschaft, die Zweige der Mechanisierung 
aufeinander zu beziehen und voneinander abzuleiten: 
Kapitalismus, Entdeckungen, Krieg, Calvinismus, Juden- 
tum, Luxus, Frauendienst werden in wechselnden Bin^ 
düngen verflochten und zur Evolvente des Gangs der 
Erscheinung gemacht, wobei es niemand auffällt, daß 
beständig ein Wunder durch das andre erklart wird, 
und niemand einfällt, nach der Urvariablen zu fragen, 
die unabhängig und auf sich selbst gestellt das bunte 
Wallen der Erscheinungen beschließt und gerne gestattet, 
daß man die Töchter betrachtet, ohne der Mutter zu 
gedenken. Diese Grundfunktion aber ist im tiefsten Er- 
leben des menschlichen Stammes beschlossen; von außen 
erblickt stellt sie sich dar als Wachstum der Zahl und 
Wandlung der Art, innerlich betrachtet ist sie ein Glied 
in der Geistesevolution des Lebendigen, 



28 



Denn auf der ScKöpfungsgrenze, auf der mr stehen, 

durclischreitet der Geht das Gebiet des zweckhaften 
Intellekts, der mit seinen i neben, Furcht und Begierde, 
vom UrgeschÖpf bis zum Urmenschen alles Leben be- 
herrscht, und strebt zur Seele, dem zweckfreien, wunsch- 
losen Reich der Transzendenz. Damit die Menschheit 
dieses Reich gewinne, muß sie alle Lebenskräfte zusam- 
menraffen, sie muß die Kraft des Intellekts, die einzige, 
über die sie in Freiheit verfügt, nach Menge und Stärke 
aufs höchste spannen, sie muß sich zugleich die Unvoll- 
endung, die Sianlosigkeit dieses gewaltigsten Sinnes der 
materiellen Welt vor Augen führen. Denn der eine der 
Wege, die zur Seele führen, geht durch den Intellekt; 
es ist der Weg der Bewußtheit und des Verzichts, der 
wahrhaft königliche Weg, der Weg Buddhas. Diese Auf- 
gabe und Schickung aber spricht sich aus als eine Not, 
wie alle Menschheitsschulung. Als Not ist diese selbst- 
geschaffene die schwerste trotz Eiszeiten und Wildnissen, 
als Aufschwung ist sie der gewaltigste seit Uispiung des 
Planeten. 

Wer ist der Mensch, der von einer Torheit der Natur 
zu berichten wüßte? Die Mechanisierung aber ist 

Schicksal der Menschheit, somit Werk der Natur; sie 
ist nicht Eigensinn und Irrtum eines einzelnen noch 
einer Gruppe; niemand kann sich ihr entziehen, denn 
sie ist aus Urgesetzen verhängt. Deshalb ist es klein- 
liche Zagheit, das Vergangene zu suchen, die Epoche 
zu schmähen und zu verleugnen. Als Evolution und 
Naturwerk gebührt ihr Ehrfurcht, als Xot Feindschaft. 
Dem Feinde ziemt uns ins Auge zu blicken, seine Stärke 
zu ermessen, seine Schwäche zu erspähen, um ihn nach 
Schicksals Willen zu schlagen. Mechanisierung als Nc. t aber 
ist entwaffnet, sobald ihr heimlicher Sinn offenbart ist. 



29 



Mechanisierung als Form des materiellen Lebens hin- 
gegen wird der Menschheit dienen müssen» solange nicht 
die Volbzahl auf die Norm der vorchristlichen Jahr- 
tausende zurückgesunken ist« Drei ihrer Funktionen 
allein genügen, um ihr die Herrschaft über das materielle 
Erden treiben zu sichern: die Arbeitsteilung, die Be- 
wältigung der Massen und der Kräfte. Kein emster 
Vorschlag wird verlangen, kein ernstes Urteü wird ver- 
muten, daß die Menschheit freiwillig auf die Beherr- 
scliung der Natur verzichte, um in falscher Naivität ein 
kärglich beschränktes Dasein, ein völliges Vergessen alles 
Wissens, einen künstlichen Urzustand sich zu bereiten. 
Ganz töricht aber ist die Meinung jener großstadtmüden 
Einsiedler, die mit einem guten Buch, einfachem Haus- 
rat und einer Laute sich in die Einsamkeit schöner Ge- 
birge begeben und wähnen, der Mechanisierung ent- 
ronnen zu sein, wo nicht gar sie gebrochen zu haben. 
Denn Mechanisierung als Praxis ist unteilbar; wer einen 
Teil will, der will das Ganze, Damit eine Axt käuflich 
sei, müssen Tausende in den Tiefen der Erde schürfen, 
damit ein Blatt Papier entstehe, müssen Waldungen im 
Rachen der Maschinen zerkaut werden, damit eine Post- 
karte bestellt werde, müssen die Schienenwege der Erde 
unter dem Donner der Lokomotiven erzittern. Betrug 
wider Willen und unbewußte Ausbeutung ist es, eine 
Mechanisierung mit Auswahl gelten zu lassen; mögen 
jene Arkadienschäfer den letzten gesponnenen Faden, 
das letzte gezüchtete Saatkorn und die letzte Münze 
von sich abtun: sie werden auf der Erde kaum einen 
Fußbreit zum Schauplatz für erklügelte Robinsonaden 
finden. 

Denn das Wesen der Mechanisierung schiieüt Univer- 
salitat ein; sie ist die Zusammenfassung der Welt zu 



einer unbewußten Zvvangsassoziation, za einer lücken- 
losen Gemeixischaft der Produktion und Wirtschaft. Da 
flie aus dch selbst erwachsen^ nicht durch bewußten 
Willen auferlegt ist, da keine Satzung Arbeit und Ver- 
teilung regelt, sondern ein allgemeiner Notwille, so er- 
scheint die ungeheure Arbeitsgemeinschaft dem einzelnen 
nicht als Solidarität, sondern als Kampf. Solidarität ist 
sie, insofern daSs Geschlecht sich durch planvolles Wirken 
erhält und jeder sich auf den Arm des andern stützt, 
Kampf ist sie, insofern der einzelne nur so viel Anteil 
an Arbeit und Genuß erhält, als er erringt und erzwingt. 
In dieser brutalen Regellosigkeit des Triebartigen und 
Unbewußten der mechanistischen Organisation liegt, 
dies sei hier zum erstenmal betont und im künftigen 
ausgeführt, der eigentlich nothafte Kern ihres Folge- 
wesens; die Welterscheinung selbst, soweit sie auf der 
Gemeinschaft des Kampfes um und gegen die Natur- 
mächte beruht, ist weder gut noch böse, sondern schlecht- 
hin notwendig, weil Alle vereint mehr leisten als Einer, 
und weil Sammlung und Organisation die Bestimmung 
aller zum Leben geordneten Kräfte ist. Gleichviel in 
welcher planctarischen Heimat, wird jeder hiiiläiiglich 
verdichteten und geistig zulänglichen Menschheitsform 
eine der Mechanisierung entsprechende Kollektiverschei- 
nung erwachsen; von der seelischen Stärke dieser Mensch- 
heit aber hängt es ab, ob sie sich dem dunklen Willen 
unterwirft, oder ob sie den Zwang meistert. 

Auf unserm Gestirn hat die Mechanisierung einen 
großen Teil ihrer Aufgabe erfüllt. Unter der Form der 
Zivilisation hat sie eine äußere Verständigung angebahnt, 
die Möglichkeit eines leidlich reibungslosen Zusammen- 
lebens und organischen Aufbaues geschaffen. Unter der 
Form der Produktions- und Verkehrsgestaltung hat sie 



31 



Ernährung, Kleidung und Behausung der vervielfältig- 
ten, ständig wachsenden Erdbcvölkerung gesichert, in- 
dem sie die Fundstellen des Erdkreises öffnete, Zentra- 
lisierung der Verarbeitung, Dezentralisierung des Ver- 
triebes lehrte. Unter der Form des Kapitalismus hat 
sie ermöglicht, die Arbeitsleistung der Menschheit nach 
Bedarf zu sammeln und auf geordnete, einheitliche ^Ziele 
zu lenken. Als staatliche und bürgerliche Organisation 
hat sie versucht, jeden Gruppenwillen zum Ausdruck 
zu bringen und dem Gesamtbewußtsein vernehmlich zu 
machen. Unter der Form der Publizistik leitet sie jeden 
Eindruck, den das Gesamtwesen empfingt, zum Wahr- 
nehmungszentrum der Gemeinschaft. Unter der Form 
der Politik versucht sie die Umgrenzung der Nationalität 
und die Arbeitsteilung zwischen den Nationen zu er- 
wirken. Unter der Form der Wissenschaft erstrebt sie 
ein Gemeinschaftsforschen des Erdgeistes, unter der 
Form der Technik setzt sie das Wissen um in Kampf- 
bereitschaft gegen die Naturkraft. 

Kein Gebiet der Erde ist unerschließbar, keine mate- 
rielle Aufgabe undurchführbar, jedes Erdengut ist er- 
schwinglich, kein Gedanke bleibt verheimlicht, jedes 
Unternehmen kann Prüfung und Verwirklichung for- 
dern; die Menschheit ist, soweit materielles Schaffen 
reicht, zu einem fast vollendeten Organismus erwachsen, 
der mit Sinnen, Nervensträngen, Denkorganen, Blut- 
umlauf und Tastwerkzeugen den Ball umspannt, seine 
Kruste lockert und seine Kräfte aufsaugt. 

Vom Organischen zum Ungegliederten führt kein Ent- 
wicklungsweg. Andre Organisierungsformen als die der 
Mechanisierung sind denkbar; dennoch werden auch sie 
stets ihrem materiellen Sinne gemäß einen materiellen 
Aufbau bilden, der Menschenkräfte sammelt, um Natur- 



krSfte zu bezwingen, dennoch werden atich sie stets dem 
Leben die gleiche Gefahr und Bedrängung bieten, sofern 
die Kräfte der Seele sich ihrer nicht bemächtigen. 

Noch ist es entschuldbar, daß die Welt an ihrem 
ersten Einheitsvverke sich berauscht, ja daß sie das mate- 
riell Erbaute als für den Geist bewohnbar erachtet, daß 
sie ihr Denken und Erkennen, Fühlen und Wollen in 
den Dienst der selbstgeschaffenen Ordnung stellt. Und 
dennoch, obwohl das Gebäude den Gipfelpunkt noch 
längst nicht erreicht hat, regt sich das Gewissen. Zu- 
nächst freilich im grob mechanischen Sinne: die Ent* 
erbten bäumen sich auf; sie wollen diese sinnlich-mecha- 
nische Ordnung vernichten, um eine andre sinnlich- 
mechanische Ordnung an ihre Stelle zu setzen, die ihnen 
gerechter dünkt und mehr verspricht. Doch auch die Be- 
vorzugten fühlen sich bedrückt. Sie fühlen den Verfall 
ästhetischer und sittlicher Werte, sie möchten die alten 
Zeiten herbeiholen und sind bereit, von der unteilbaren 
Mechanisierung soviel zu opfern, ab üim n zusammen- 
hanglos erscheint, soviel, als ihre Interessen und Bequem- 
lichkeiten nicht betrifft. Vor allem aber dämmert ein Be- 
wußtsein, daß Unrecht im Spiel ist. Daß keiner, auch 
der Glücklichste nicht, von innerem Abbruch verschont 
bleibt, daß ein Höheres als das Verlorene in Gefahr ist. 
Noch webt das Geplänkel um Außenwerke, weil das 
Gesamtwesen und die Gesamtmacht der Mechanisierung 
nicht erkaimt und nicht verstanden ist; Fragen der 
Weltanschauung, des Kapitalismus, des Elends, der 
Technik werden außer Zusammenhang mit dem Zentral- 
problem erörtert. Eine Orientierung besteht nicht; 
Menschlichkdt, Gerechtigkdt, Kultur, Gleichgewicht, 
Politik, Interesse, Tradition, Nationalität, Ästhetik wer- 
den abwechselnd zur Achse gewählt. Hier pocht das 



33 



schlechte Gewissen der Zeit und ihre innere Sorge; 
wir haben die Mechanisieiung nach ihren ordnenden 
Kräften befragt^ nun soll sie über ihre geheim walten- 
den Zersetzungen Rede stehen. 

I. Mechanisierung ist eine materielle Ordnung; aus 
materiellem Willen mit materiellen Mitteln geschaffen, 
verleiht sie dem irdischen Handeln eine Richtungskom- 
ponente ins Ungeistige. Niemand kann dieser Richt- 
kraft gänzlich sich entziehen, im mechanistischen Sinne 
bleibt auch der höchst vergeistigte Mensch ein wirt- 
schaftendes Subjekt, das, um zu leben, besitzen oder er- 
werben muß. Die Welt ist zur Händlerin und Schaff- 
nerin geworden, und jeder trägt den Einschlag und die 
Färbung der Zeit. 

Wie müssen Jahrhunderte des Denkzwanges auf den 
gepreßten Menschengeist wirken! Die Ära der Arbeits- 
teilung verlangt Spezialisierung; bewegt sich der Geist 
in den ähnlich bleibenden Normen und Praktiken seines 
Sondergebietes, erscheint ihm zugleich durch tausend- 
fältiges Botschaftswesen das Nebelpanorama des un- 
barmherzig wechselnden Weltgeschehens, so dünkt ihm 
leicht das Kleine groß, das Große klein; der Eindruck 
verflacht, leichtfertiges, verantwortungsloses Urteil wird 
begünstigt. Bewunderung und Wunder erstirbt vor dem 
Schrei der Neuheit und Sensation; von allem bleibt der 
schäbigste Vergleich: Zahl und Maß; das Denken wird 
dimensional. Gik von den Dingen die Abmessung, so 
gilt vom Handeln der Erfolg; er betäubt das sittliche 
Gefühl, so wie Messen und Wägen das Qualitätsgefühl 
verblödet. Vom raschen Urteil nährt sich der Erfolg; 
Irrtum und Täuschung kostet; der Sinn wird skeptisch. 
Er will nicht in die Dinge, sondern liinter die Dinge, 
Menschen und Mächte dringen, er verliert Sclicu und 



34 



Scham. Wissen bt Macht, heißt e«, Zeit ist Geld; so 

geht Wissen erkenntnislos, Zeit freudlos verloren. Die 
Dinge selbst, vernachlässigt und verachtet, bieten keine 
Freude mehr, denn sie sind Mittel geworden. Mittel 
ist alles, Ding, Mensch, Natur, Gott; hinter ihnen steht 
gespenstisch und irreal das Ding an sich des Strebens: 
der Zweck. Der nie erreichte, nie erreichbare, nie er- 
kannte: ein trüber Vorstellungskomplex Ton Sicherheit, 
Leben, Besitz, Ehre und Macht, von dem je soviel 
erlischt, als erreicht ist, ein Nebelbild, das beim Tode 
so fernsteht wie beim ersten Anstieg. Ihm drohend 
gegenüber erhebt sich, realer und tausendfach über- 
schätzt, das Furchtbild der Not. Von diesen Phantomen 
gezogen und getrieben, irrt der Mensch vom Irrealen 
hinweg zum Irrealen hin ; das nennt er leben, wirken und 
schaffen, das vererbt er als Fluch und Segen denen, die 
er liebt. 

Dieser Zustand des mechanisierten Geistes aber ist 
nichts andres als der zum Großstadttaumel aufge- 
peitschte Urzustand der niederen Rassen, das Furcht- 
und Zweckwesen derer, die in ihrem Aufschwung das 
Zeitalter geschaffen haben. Mehr als ein Atavismus: 
ein Niedersinken aller, die den Trank genießen, in die 
Tiefe der Dunklen, die ihn brauten. So sind sie auf 
dem Zenit der Ziviüsation verdammt, das Leben, die 
Stimmung, die Angst und die Freuden zu erleben, die 
ihre Vorderen den Sklaven gönnten. 

Diese Stimmung aber ist Streben und Verblendung. 
Streben, dem kein Ziel genügt und das doch so irra- 
tional ist, daß es zuletzt die Arbeit zum Selbstzweck 
macht, und so erdgebannt, daß es alles, was gleißt, vom 
Wege aufliest und, mit der toten Fracht der Mittel 
belastet, sich zum Grabe schleppt; Verblendung, der 



3* 



3S 



keine Tatsache real genug, kein Wissen zu nebensächlich 
ist und die doch jede Vertiefung scheut, die Welt ent- 
fleischt und entgeistert, den sterblichen Sinn ertötet 
und den unsterblichen yerschmäht. 

Die Freuden sind die der Kinder, Sklaven und nie- 
deren Frauen: Besitz, der glänzt und Neid schafft, 
Unterhaltung und Sinnenrausch. Die Besitzfreude stei- 
gert Mch zum irrsinnigen Warenhunger, der sich selbst 
veriauüeiidfacht, indem Übersättigung und Mode all- 
jährlich die Schatzkammern entwerten und leeren müs- 
sen, um sie mit neuem Unrat und Tand zu füllen. Tief 
erniedrigend und entwürdigend sind die Freuden der 
Großstadt und der Gesellschaft, die in unbewnißter 
Ironie sich die bessere nennt. Verläßt ein denkender 
Mensch und Menschenfreund die Stätten, an denen 
dieses Volk sich vergnügt oder, wie es mit dem gemein- 
sten Wort vulgärer Sprache; es bczciclmct, sich amüsiert; 
verläßt er diese Orte, ohne auch nur einen Augenblick 
an der Zukunft der Menschheit zu zweifeln, so hat er 
die stärkste Prüfung seiner Weltzuversicht überstanden. 
Rausch, Lust und Verbrechen strömt aus Giften und 
Reizmitteln, die an Aufwand das Dreifache fordern von 
dem, was die Welt für alle Aufgaben ihrer Kultur zu- 
sammenträgt. 

2. Mechanisierung ist Zwangsorganisation, deshalb 
verkümmert sie die menschhche Freiheit. 

Der einzelne findet das Maß seiner Arbeit und Muße 
nicht mehr im Bedürfnis seines Lebens, sondern in einer 
Norm, die außer ihm steht, der Konkurrenz. Es genügt 
nicht, daß er nach dem Ausmaß seiner Kräfte und 
Wünsche schafft, er wird geschätzt nach dem, was der 
Andre, die Andren schaffen; halbe oder langsame Arbeit 
ist wertlos, sie .gilt nicht besser als Müßiggang. Die 



36 



Weltarbcit vom Feldherrn bis zum Postboten, vom Tage- 
löhner bis zum Finanzmann steht unter dem Druck des 
Akkord- und Rekordsystems; von Jedem wird soviel ver- 
langt, als der Andre leistet. Der alte Handwerker er- 
gänzte sein Schaffen durch Liebe und Verschönerung; 
die Mechanisierung produziert unter dem Sinnbild der 
Submission: ein Minimum an Güte und Menge wird 
vorgeschrieben, der geringste Preis ist recht, und liebe 
wird nicht bezahlt. Die Grenze der Anspannung bietet 
der Kampf der Gruppen, aufwärts bis dem der Nationen, 
und auch der entscheidet sich nach objektiven Kxäfte- 
summen, ohne Einiliiß des Einzelnen. 

Selbst in der Richtung und Fassung seiner Werktätigkeit 
ist der Mensch nicht frei. Mag er zur Einseitigkeit oder zur 
Vielfältigkeit bestimmt sem, die mechanistische Ordnung 
benutzt ihn zur Spezialisierung. Willig fügt sich da» 
Geschlecht dem Zwang, es erzeugt den geborenen Han- 
delsreisenden und Schullehrer, wie es den geborenen 
Betriebsingenieur und Insektenforscher erzeugt; noch 
mehr, es liefert die Typen in der Zahl und Auswahl, 
wie Bedürfnis und Überfüllung sie vorschreibt. Rück- 
fall wird bestraft; entsteht noch dann und wann ein 
Mensch vom alten Schlage der Krieger, Abenteurer, 
Handwerker, Propheten, so wird er aus der gemeinsamen 
Anstalt ausgeschlossen und verfemt oder zum nieder- 
sten undifferenzierten Dienst entwürdigt. 

Der Zwang geht weiter. Auch die Selbstverantwor- 
tung wird dem Menschen genommen. Denn das orga- 
nisatorische Wesen der Mechanisierung beruhigt sich 
nicht, bevor jeder ihrer Teile, jede ihrer Summen vnt- 
derum zum Organismus geworden ist; in gleicher Lücken- 
losigkeit, wie jedes noch so kleine und noch so große 
Element der lebenden Natur sich als Organon darstellt. 



37 



Geaossenschaftcn, Vereinigungen, Firmen, Gesellschaf- 
ten, Verbände, Bürokratie, berufEche, staatliche, 
kirchliche Organisationen binden und trennen die 
Menschheit in unübersehbarer Verflechtung; niemand 
ist für lieh, jeder ist unterworfen, andern verantwort- 
lich. Dieser Zustand, erhebend in der Großartigkeit 
der Konzeption und in der naturgewaltigen Tröstlich- 
keit eines nicht mehr menschengeschaffenen Schicksals, 
wird zum öden Dienst in jenen gewaltigen, unbewußt 
dämmernden Regionen, in denen nicht selbstbewußte 
Verantwortung, sondern unterworfenes Interesse waltete. 
Auch der zünftige Handwerker war abhängig, doch nicht 
im gleichen Sinne wie der Angestellte des Warenhauses; 
seine Gebundenheit war sichtbar, eindeutig und den« 
noch von innerer Freiheit erfüllt. Ein Blendwerk äußerer 
Freiheit bedeckt die mechanistische Bindung: der Un- 
zufriedene kann Rücksicht auf Form verlangen, auf- 
trumpfen, die Arbeit niederlegen, wegziehen, auswan- 
dern : und ^och befindet er sich nach Wochen bei ver- 
änderten Namen, Personen und Ortschaften im gleichen 
Verhältnis. Die Anonymität der Unfreiheit vollbringt 
durch ihren Zauber, was den alten Despotien und Oli- 
garchien mit ihren Häschern und Spähern nicht gelang: 
die Abhängigkeit zu stabilieren 

Der Einzelzwang aber ist ein geringes Übel, verglichen 
mit der Massenerscheinung, die ihn überdeckt. Die 
Mechanisierung als Massenorganisation bedarf der Men- 
schcnkraft nicht einzeln, sondern in Strömen. Die Pyra- 
midenmannschaft der Pharaonen genügt nicht, um den 
Tagesbedarf eines Landes auch nur an Werkzeugen zu 
decken ; die Heeresmacht Napoleons reicht nicht zu für die 
Besatzung eines Bergwerksbezirks. Völkerschaften müssen 
bereitstehen, um sich zu wechselnden Heeresströmen 



3« 



beständig neu ta ordnen, millionenfache Masdhinen- 
pferde verlangen millionenfaches Zentauren volle. Nicht 
innere Notwendigkeit des Mechanisierungsprinzips, son- 
dern bequem gebilligte Begleitumstände der Entwicklung 
haben die an sich unvermeidliche Arbeitsteilung zwischen 
geistiger und körperlicher Leistung zur ewigen und erb- 
lichen gemacht, und so in jedem zivilisierten Lande zwei 
Völker geschaffen, die blutsverwandt und dennoch ewig 
getrennt, im gleichen Verhältnis wie ehedem die stammes- 
fremden Ober- und Unterschichten, einander gegen- 
überstehen. Beide sondert und beherrscht der Zwang, 
Ohne Verlust bürgerlichen Ranges und Bewußtseins, 
ohne Verzicht auf gewohnten Umgang, Güter des Ge- 
nusses und der Kultur steigt kein Oberer hinab, ohne 
den Zufall eines Anfangsbesitzes an Kapital oder Aus- 
bildung dringt kein Unterer hinauf. Dieser Zufall abei 
ist, abgesehen vom Falle der Auswanderung, so unver- 
hältnismäßig selten, daß unter Tausenden von Ange- 
stellten, die durch den Gesichtskreis unsrer Unterneh- 
mer schreiten, sich kaum der Sohn eines echten Prole- 
tariers findet. 

Von unerhörter Härte ist dieser Trennungszwang für 
das zweite Volk. Helotie, Leibeigenschaft, Hörigkeit 
waren auf Landwirtschaft gegründete Abhängigkeilen, 
Die Arbeit, härter und unlohnender als die der Freien, 
war doch von gleicher Art; es war der schön bewegte 
Kreis des Landlebens, wenn auch unter Aufsicht und 
elende Kürzung des Ertrages gezwängt. Die Arbeit des 
Proletariers genießt zwar jene lockende Anonymität der 
Abhängigkeit; er erhält nicht Befehle, sondern Anwei- 
sungen, er folgt nicht dem Herrn, sondern dem Vor- 
gesetzten; er dient nicht, sondern übernimmt eine freie 
Verpflichtung; seine menschlichen Rechte sind die 



39 



gleichen wie die des Gegenkontrahenten; er hat die Frei- 
heit, Ort und Stellung zu wechseln; die Macht, die über 
ilmx steht, ist nicht persönlich: erscheint sie in der Form 
eines einzehien Arbeitgebers oder einer Firma, so ist es 
in Wahrheit die bürgerliche Gesellschaft. Dennoch ver- 
läuft sein Leben, wie er es auch innerhalb dieser 
Scheinfreiheit gestalte, in generationenlanger Öde und 
Gleichförmigkeit, über und unter Tage. Wer ein paar 
Monate lang bei ungeistiger Verrichtung von 7 bis 12 
und von I bis 6 das Zeichen einer Pfeife herangesehnt 
hat, ahnt, welche Selbstverleugnung ein Leben der 
entseelten Arbeit fordert; niemals wieder wird er ver- 
suchen, durch kirchUche oder profane Überredung dieses 
Leben an sich als ein zufriedenstellendes zu recht- 
fertigen, und jeden Versuch, es zu mildern, als Begehr- 
lichkeit verschreien. Wer aber ermißt, daß dies Leben 
nicht endet, daß der Sterbende die Reihe seiner Kinder 
und Kindeskinder unrettbar dem gleichen Schick* 
sal überliefert sieht, den ergreift die Schuld und Angst 
des Ccu'issens. Unsre Zeit ruft nach Staatshilfe, wenn ein 
Drosclikenpferd mißhandelt wird, aber sie findet es 
selbstverständlich und angemessen, daß ein Volk durch 
Jahrhunderte seinem' Brudervolk frönt, und entrüstet 
sich, wenn diese Menschen sich weigern, ihren Stimm* 
Zettel 7,ur Erhaltung des bestehenden Zustandes abzu- 
geben. Das flache Dogma des Sozialismus ist ein Pro- 
dukt dieser bürgerlichen Gesinnung; tiefste Notwendige 
kcit und funkelndes Paradox ist es zugleich, daß dieses 
Dogma zur stärksten Stütze von Thron, Altar und 
Bürgertum werden mußte: indem es nämlich mit dem 
Gespenst der Expropriation den Liberalismus schreckte, 
so daß er alles freie und eigene Denken fahren ließ und 
hinter den erhaltenden Mächten Schutz suchte» 



40 



Der herrschenden Volksschicht ist der mechanistische 
Trennungszwang keine Not, doch eine Gefahr. Es 
scheint em Naturgesetz, daß jeder Organismus, der vom 
natürlichen Lebenskampfe auch nur um ein weniges 
entlastet wird, zunächst zwar üppig gedeiht, dann er- 
schlafft und eingeht. Die Volicropfer dieser Schicksals- 
folge wurden ehedem von Eroberern abgelöst und in 
wiedererzeugende Berührung mit dem Boden gebracht. 
Eroberer birgt der Behälter der Erde nicht mehr; eine 
bloße Umwälzung der Scliichten würde das Spiel mit 
vertauschten Rollen, nicht mit erfrischten Kräften, er- 
neuem und kläglich beenden. Zu der Entlastung von 
leiblicher Arbeit tritt die Geschlechterfolge intellek- 
tualer Anspannung, die unsre Großstädte geistig und 
physisch entfruchtet und der Dämpfung des westlichen 
Voikswachstums vorarbeitet. 

Überblickt man die Erscheinung der zwangsweisen 
Schichtung» die wir dem rastlosen Streben der Mecha- 
nisierung nach Organisation und Arbeitsteilung zuschrei- 
ben, so ergibt sich abermals, daß die Bewegung zum 
Empfindungs- und Bewegungskreise ihrer dunklen Ur- 
erzeuger zurückgekehrt ist. Sie hat den Urständ der 
Sklaverei nicht verschmerzt und trotz Abendland, Chri- 
stentum und Zivilisation verstanden, ein Hörigkeitsver- 
hältnis über die Völker zu breiten, das ohne gesetzlichen 
Zwang, ohne sichtbare Herrengewalt, durch den bloßen 
Ablauf scheinbar freier Wirtschaftsvorgänge gesichert, 
eine zwar anonvme und verschiebbare, doch unzerbrech- 
liche und erbliche Abhängigkeit von Schiclit zu Schicht 
verbürgt. 

3. Mechanisierung ist nicht aus freier und bewuBtei 

Vereinbarung, aus dem ethisch geläuterten Willen dei 
Menschheit entstanden, sondern unabsichtlich, ja un- 



bemerkt aus den Bevölkerurigsgesetzen der Welt er- 
wachsen; trotz ihres höchst rationalen und kasuistischen 
Aufbaues ist sie ein unwilLkürKcher Prozeß, ein dumpfei 
Naturvorgang. Unetbisch auf dem Gleichgewicht der 
Kräfte, auf Kampf und Selbsthilfe beruhend, wie etwa 
der Urzustand im Lebensgleichgewicht eines Waldes, 
verbreitet sie eine Weltstimmung, die, rückwärts gewandt 
über die frühe Arbeit des Christentums, über die poli- 
tbche und theokratbche Ethik der Mittelmeerkultur hin- 
vvcggreifend, unter der Deckung und Maske der Zivi- 
lisation abermals auf primitive Menschheitszustände hin- 
strebt. Denn diese Stimmung bt Kampf und Feindschaft. 

Das menschliche Herz schlägt zu warm, es bt zu be- 
dürftig der Anlehnung und Liebe, als daß der Haß als 
offne, weit verzehrende Flamme ausschlagen dürfte; 
doch je härter und spröder das Geschlecht, das der 
Mechanisierung erliegt, desto tückischer nagt der innere 
Brand im knirschenden Getriebe. 

Der frühere Mensch goß seine Kraft und Liebe in 
sein Werk; er war um des Dinges willen da; die Men- 
schen standen abseits, er bedurfte ihrer zum seltnen 
Austausch, zum gemeinsamen Schutz oder z\im Dienst. 
Im engen Kreise umgaben ihn die Seinen, die er hegte, 
im weitern die Genossen, denen er Treue hielt, in 
fernerem Abstand die Feinde, die er bekämpfte. Der 
neue Mensch lebt nicht um eines Dinges willen; er strebt 
nach dem neutralen Gut des Besitzes, nach dem unver- 
körpertcn Begriffe einer relativen, doch beliebig ausdehn- 
baren Machtsphäre; sein Lebensinhalt ist nicht die Sache, 
die zum Mittel herabsinkt, sondern die Laufbahn. Durch 
Menschenmauem hindurch muß sie gebrochen wer- 
den ; wohin er blickt, wo immer er stehen möchte, steht 
ein andrer, der bt sein Feind. Um Bresche zu reißen. 



42 



bedient er sich des Genossen, der Gefolgschaft; nicht 
aus Liebe fülirt er sie, folgen sie ihm, sondern aus Inter- 
esse; jeder ist dem andern Mittel, das aufgegeben wird, 
wenn es nicht mehr dient. Dem Produzenten ist der 
Mitmensch Konkurrent, das ist Feind, Abnehmer, 'das 
ist Mittel; Lieferant, das ist Feind, Sozius, das ist Mittel. 
Wem er sich nähertj'von dem will er etwas, wer sich ihm 
nähert, der will etwas von ihm, so sind beide auf der 
Hut, und ihre Stimmung ist feindliches Mißtrauen. 
Dcalialb erscheint es jedem einerseits gefährlich, ander- 
seits ungeziemend, im Fremden den Menschen zu wek- 
ken; es ist Herkommen, ihn wie Luft zu behandeln, 
bis die blöde Konvention der Namensnennung den 
landesüblichen Schutz eines kalten Respekts gesichert hat. 
Der menschenfreundliche Schwärmer, der sich über die 
Form hinwegsetzt, wird, wenn er nichts zu bieten hat, 
kühl abgetan; hat oder vermag er Begehrenswertes, so 
fühlt er bald zum Dank seines Vertrauens sich zum Mittel 
erniedrigt. Er teilt mit Recht das Schicksal derer, die 
einen Gesamtzustand statt durch Einvvukuüg auf Ge- 
sinnung und Gewissen durch Sonderexperimentc be- 
heben wollen. Deshalb klagen die Menschen so gern ein- 
ander an und warnen sich wechselweise, rühmen sich 
ihrer schlechten Erfahrungen und erklären sich ab Pessi- 
misten der Menschenkunde. Sie wissen nicht, daß sie sich 
selbst verurteilen. Denn in der menschlichen Natur liegt 
diese Feindseligkeit und Niedrigkeit nicht, das Herz des 
Menschen ist zart wie seine nackte Haut, es ist der Rüh- 
rung, dem Schmerz, der Neigung hingegeben. Was dies 
Herz verhärtet, ist die Angst; die Sklavenpeitsche der 
Mechanisierung, die niemals ruht und deren Zischen 
Hunger, Verachtung, Entrechtung, Schmerz und Tod 
bedeutet. Freilich sind die Nöte an sich nicht furcht- 



43 



bar, sondern Wege dea Heils; doch nur für den gläubigen 
Menschen; die Medunisieruixg aber hat vorsorglich ver- 
standen, um ein wenig Wissen und Zauberei ihm den 
Glauben abzukaufen. 

Feindschaft von. Mensch zu Mensch steigert sich zur 
Feindschaft von Gruppe zu Gruppe, Stamm zu Stamm^ 
Volk zu Volk. Der Mensch ist zum Interessenten ge- 
worden; irgendeine kümmerliche Theorie hat ihm und 
seinesgleichen Abhilfe aller Bedrängnis versprochen, de 
schließen sich zusammen, nennens Partei oder Inter- 
essenvertretung, verallgemeinern ihre umgekehrten Be- 
schwerden zu einem positiven Idealbegriff und entrüsten 
sich, daß der Widersacher, vom entgegengesetzten Inter- 
esse ausgehend, nicht zum gleichen Ideal gelangt. In 
dieser an Spielarten so ergiebigen Zeit ist nichts schwerer 
zu finden als ein Mensch, dessen Überzeugung und Ideal 
sich nicht mit seinen Interessen deckt; diese verzweifelte 
Erfahrung führt dazu, daß es ernste Denker gibt, die 
eine Weltanschauung, eine transzendente Überzeugung 
überhaupt nicht mehr als eine Form der Erkenntnis, 
als einen Abglanz des Ewigen dulden, sondern vielmehr 
darin nur eine Art von Charakter- und Interessenum- 
setzung, gewissermaßen eine Krankenanamnese, eine 
idiosjnkratische Sonderlichkeit erblicken. Soweit geht das 
Vertrauen zur Positivität der Interessen, zur Alleinherr- 
schaft des Intellekts, zur Erdgebundenheit des Gefühls. 

Welches Interesse hat nun die Mechanisierung, durch 
Angst und Not, durch Feindschaft und Kampf ihre 
Opfer auf die Höhe der Leistung zu treiben ? Ahnt sie 
nicht, daß alles Größte der Welt Werk der Liebe und 
brüderlicher Gemeinschaft gewesen ist? Zweifelt sie 
daran, daß Jvlot zwar Eisen bricht, Glaube aber Berge 
versetzt ? 

44 



Mag sie es ahnen, doch gleicht sie darin dem armen 
Satan, daß sie in den Höhen machtlos ist. Sie hat sich 
verpflichtet, den Menschen mit tausendfach vermehrter 
Sippe zu nähren, zu unterhalten und zu bereichern, 
und hält diesen Pakt. Ihre Miitel sind kunstvoll und 
erfinderisch, aber gemein, denn aus gemeiner Not ent- 
stammt sie; den edleren Menschen drückt sie hinab, den 
niederen zieht sie empor; bis zu ihrer eigenen Höhe, 
nicht höher. Nun kennt sie ihr typisches Material; den 
Glauben hat sie vernichtet, zum guten Willen hat sie 
wenig Vertrauen, mit Angst und Plage kommt sie zu- 
recht. Wo Wetteifer nicht ausreicht, erzwingt es die 
Konkurrenz, wo Bruderhilfe erlahmt, erzwingt es der 
Kampf, wo Volksgemein -:liaft ermangelt, erzwingt es die 
Klassenschichtung. Und abermals in allen diesen Mit- 
teln herrscht der uralte Atavismus des Neides, des Hasses, 
der Angst und Begierde, unter dessen Aspekt die Mecha- 
nisierung erzeugt ward. 

Auch daran erinnert sie sich ihres Ursprungs, daß 
sie die Menschen verfolgt, die nicht nach ihrem Bilde 
geschaffen sind. Der freie Mensch der Phantasie, der 
Traumer des Göttlichen, der hingegebene Freund der 
Dinge und Geschöpfe, der Liebende, der für den kom- 
menden Tag nicht sorgt und das Fürchten nicht lernt, 
ist ihr ein träger und verträumter Knecht. Noch über 
ein kurzes duldet sie ihn hinterm Pflug, in der Front, 
auf fremden Meeren, dann denkt sie sein Werkzeug 
durch Maschinen, ihn selbst durch Schlauere zu ersetzen. 
Des Menschenfreundes, der glaubt, daß die Seele nach 
dem Worte der alten Schrift ans Blut gebunden ist, be- 
mächtigt sich Verzweiflung, denn das beste Blut ent- 
strömt unwiederbringlich. Wer aber glaubt, daß der 
Geist das Blut beherrscht, daß aus Steinen Abiahams 

4^ 



und Denkalions Same erweckt werden kann, der wird 
dies verrinnende Blut ah die Opfergabe preisen, die dem 
Geist Befreiung aus mechanistischen Banden verbürgt. 

Wir wissen, daß alle Güter dieser Erde nichts sind 
als amorpher Rohstoff, weder gut noch böse, weder wert 
noch unwert, solange sie nicht zu zweiter Natur wieder- 
geboren sind. Die Güte, die aus Gewöhnung und freund- 
licher Anlage kommt, nicht wiedergeboren aus Stärke 
des Herzens, ist keine Güte; Natur, durch kein vergei- 
stetea Auge neu erzeugt, ist nicht Natur; das Meister- 
werk gewinnt seine Freiheit, indem es durch Kunst zur 
Natur wiedergeboren wird; der Mensch selbst, unge- 
läutert durch Fall, Bewußtheit und Aufstieg, bleibt im 
Seelenhaften ungeboreu. Die Wiedergeburt durch Be- 
wußtheit und freien Willen zur Pflicht und zum Liebes- 
werk war dem mechanistischen Wesen noch nicht be- 
schieden; noch ist es ungebrochenes Natur- und Kriegs- 
werk, in gleichem Stande wie Selbstverteidigung vor 
Anbruch des Gesetzes oder Ernährung ohne Erkenntnis 
des Eigentums. Und doch ist di- Mechanisierung sitt- 
licher Durchgeistigung fähig; ihr höchster und edelster 
Teil, der Staat, hat durch vorzeitliche Weihen sie er- 
fahren und könnte ohne diese Verklärung seiner Sen- 
dung nicht bestehen. Freilich fließen die tausendfachen 
Attribute des Staates aus ehrwürdigeren Quellen; Hei- 
matsliebe, Stammesgenossenschaft, nationale Gemein- 
schaft des Kulturbesitzes und Erlebens, religiös-theo- 
kratische Verschwisterung des Empfindens haben sein 
Reich im Übernatürlichen gegründet. Doch es ent- 
scheidet nicht die Herkunft, sondern die immanente Not- 
wendigkeit des Wesens; es entscheidet das Bewußtsein, 
daß die geheiligte Institution höher steht als die Not- 
durft des Einzelnen, die Ahnung, daß der Mensch nicht 



4« 



üm eines irdischen Glückes willen geschaffen ist, sondern 
in göttiicker Sendung, der Glaube, daß die menschliche 
Gemeinschaft nicht eine Zweckveremigung bedeutet, 
sondern eine Heimat der Seele. Dieses unausgesprochene 
Bewußtsein, das auch der unvollkommensten Staats- 
form noch einen Schimmer von Göttlichkeit verleiht, 
muß dereinst erwachen für jede Form und Handlung 
materiellen Lebens und muß selbst die Mechanisierung 
ergreifen und durchdringen. Stets; war das Wirken in 
Wissenschaft und Kunst, in Heer und Staat sich bewußt, 
daß kein Werk verantwortungslos für sich allein steht, 
daß jedes sich selbst und der Welt Rechenschaft schul- 
det, daß eine Kette der Pflicht und Notwendigkeit alles 
Schaffen verbindet, daß Losgelöstheit und Willkür die 
Schmach des Eigennutzes und der sinnlichen Knechtschaft 
an der Stirn trägt. Das Bewußtsein muß aber erwachen, 
daß in gleichem Maße alles materielle Handeln und alles, 
was ihm dient, ein Bauen am irdischen und überirdischen 
Leibe der Menschheit bedeutet, darin jeder Schritt und 
Handstreich, jeder Gedanke und Laut Kerne und Zellen 
formt, daß eine göttliche Verantwortung und Dank- 
barkeit eines Jeden Sache zu Jedermanns Sache und 
Jedermanns Sache zur Sache eines Jeden macht, daß 
es kein Unglück und Verbrechen gibt, für das wir nicht 
alle Rechenschaft schulden, daß kein Recht, keine Pflicht, 
kein Glück und keine Macht abseits vom Schicksal Aller 
erworben und vertreten werden kann. Ist einstmals auch 
die Mechanisierung von dieser Erkenntnis durchgeistet, 
so ist sie nicht langer ein empirischer Gleichgewichts- 
zustand; dann wächst sie empor und hinein als wahr- 
hafter Organismus in das Gesamtorganon des Schöp- 
fungskreises, auf daß nun in seinen Adern ungehemmt 
vom Herzen zum Herzen der Gottheit die Kräfte 



47 



strömen und das planetare Leben zum Bilde organischei 
Theokratie sich yoUendet. 

Überblicken wir getrost den Umfang der mechani- 
stischen Erscheinung! Die technisch dienende Verrich- 
tung: Das wuchernde Geschlecht zu nähren und zu er- 
halten, wird von der mechanisierten Ordnung zuläng- 
lich geleistet. Zu den Kräften der Natur, zum Bereiche 
sinnlicher Erkenntnis ist ein bedeutendes Verhältnis ge- 
scL äffen. Im nützlichen Denken, im Sammeln und Ver- 
teilen der Kräfte, in der Beweglichkeit der Massen und 
der Geister ist Ungeahntes erreicht. Das Übel der 
Mechanisierung beginnt, wo die ungebrochene, undurch- 
geistete ELraft sich des inneren Lebens bemächtigt, wo 
die gewaltig entfesselte Bewegung verantwortungslos 
aus der dienenden Bindung sich befreit, um den Men- 
schen und sein Geschlecht, den Herrn des Getriebes, 
zum Knecht seines eigenen Werkes zu erniedem. Hier 
quillt Unfreiheit, sinnloses Mühen, Feindschaft, Not und 
geistiges Sterben. 

Doch dem Menschen ist es gegeben, sich zu besinnen 
und mit dem Lichte seiner übersinnlichen Ahnung die 
Wirrnis zu durchleuchten. Die MechaniDierung als mate- 
rielle Ordnung wird er nicht preisgeben, solange nicht 
neue Ereignisse und Einsichten ihn gelehrt haben, den 
Naturkräften anders als durch organisierte Arbeit und 
Forschung entgegenzutreten. Die Mechanisierung als 
geistige Herrscherin des Daseins wird er bekämpfen und 
kann er vernichten, sobald er die Prajus vom Zweck zum 
Mittel mäßigt, sobald er des Notzwangs und Blutlohns 
nicht mehr bedarf, sobald er vorzieht, aus freiem Willen 
zu leisten, was heute der Zwang ihm erpreßt, und den 
ärmlichsten Teil seines unedlen Sonderglucks um Mensch« 
heitssegen einzutauschen. 

+8 



Daß es nur eines Umsteuerns des Geistes bedarf, nicht 
des Maschinellen^ begreifen wir aus innerster Tiefe, so- 
bald wir nochmals die Mechanisierung als Erscheinung 
verlassen und sie als Geistesevoliition von innen ergrei- 
fen. Hier erscheint sie uns als die gewaltige Steigerung 
des Erdengeschöpfes zum Intellekt, der in der beispiel- 
losen Zahl seiner Träger, in der Schärfe und Nachhalüg- 
keit, Zielriclitung, Verzweigung und Sammlung seiner 
Organe ein ungeheures Maß niedersten Geistes in Bewe- 
gung hält. Dieses Maß reicht aus, um dem bhnd en Willen 
der Natur ein Gleichgewicht zu bieten; und die erste 
dankbare Regung der beschenkten Welt ist das kindliche 
Vertrauen, sie dürfe den überschwenglichen Kräften des 
Intellekts ihr Glück und ihre Freiheit anheimstellen. 
Hier beginnt Irrtum und Not und mit ihr die Heilung. 
Endlich hat die Steigerung des Denkens die kritische 
Einsicht gereift, daß Intellekt zuni Oninen der Begriffe 
taugt, nicht zum Erkennen; indem nun diese Einsicht 
sich zum Begreifen erhebt, die höchste Pfhcht der unte- 
ren Geisteskräfte sei Selbstbeschränkung, Selbstauf- 
hebung, Verzicht auf alles Richten und Iiienken: so ist 
alsbald der Boden für die reine Saat bereitet, die lebend 
von Anbeginn im Dunkel des Menschenherzens schlum- 
mert. Es ist Zeit zum Anbruch der Seelei DaB wir 
heute ihr Bild zu ahnen, ihren Mächten uns hinzugeben 
vermögen, veidanken wir der Not der intcllektualcn 
Weltepoche. Sie welkt, nachdem sie diese Frucht ge- 
tragen; nicht in dem Sinne zwar, als solle die Mensch- 
heit künftig auf ihr Recht zu denken und zu formen 
verzichten: sie wird es pflegen und stärken, doch stets 
in dem Bewußtsein, daß es niedere Kräfte, zum Dienst 
geborene sind, deren sie in höherer Verantwortung und 
Sendung waltet. Berühren aber die ersten Strahlen der 



4 Xtathooau. Von komuMndeo Diugan 



49 



Seele die intellektuale Welt und ihre VerwirkUchungs- 
form, die mechanistische Ordnung, so ist es nicht ent- 
scheidend, welche der Starmisse zuerst ^dahinschmelzen; 
denti nicht der Zusammenhang sekundärer Ereignisse, 
sondern die Sonnennähe transzendenter Ahnung führt 
den Frühling über die Welt. In diesem bescheidenen 
Sinne ist der aufbauende Teil der Erörterungen ver- 
stehen: Nicht ein vollkommenes Verzeichnis irdischer 
Handlungen in zeitlicher Reihenfolge ist ihr letztes Ziel, 
sondern die Aufweisung pragmatischer Verwirklichungs- 
formen des Gedankens : Daß Seelenrichtung des Lebens 
und Durchgeistung der mechanistischen Ordnung das 
blinde Spiel der Kräfte zum vollbewußten, freien und 
menschenwürdigen Kosmos gestaltet» 



Noch schwebt unentschleiert und unhcnannt die Auf- 
gabe über unserm Haupt. Den Weltzustand, der uns 
umgibt, haben wir ermessen; die Richtung, die zur 
Freiheit führt, wurde erkennbar, das Gestirn, dem wir 
N folgen, weist den Weg zur Seele. Nun liegt uns ob, die 
pragmatische Form zu gestalten, die den überstrebenden 
Gedanken irdisch umfaßt und unsrer Epoche greifbar 
vermittelt; die metaphysische Aufgabe soll uns ihr 
physisches Abbild enthüllen. 

Noch einmal muß zuvor ein Wort über materielle 
Einrichtungen und Entwürfe schlechthin gesagt werden. 

I. Welchen Gewinn des inneren Lebens dürfen wir 
von Lebensbedingungen und Lebensformen und ihrer 
Änderung überhaupt verlangen? Die materialistische 
Auffassung antwortet: Jeden. Der Mensch verdanke 
alles seinen Zuständen und Umständen; Blut, Luft und 



50 



Erde, Lage und Besitz umsctreibe ihn so vollkommen, 
daß jedem Wechsel der äußeren Bedingungen eine gleich- 
wertige Änderung des inneren Bestandes entsprechen 
müsse. Zum stärbten Rüstzeug des Materialismus ge- 
hört dieser verführerische Irrgedanke: denn die Ge- 
schichte scheint ihn allenthalben zu bestätigen. Haben 
nicht die Veränderungen der Erdkruste die Evolution 
der Geschöpfe erzwungen? Folgen die Strömungen und 
Wanderungen der Menschenvölker nicht physischen Ge- 
setzen? Ist nicht Wesen und Schicksal der Nationen 
aus Stammesart, Land und Umwelt bestimmbar? Ist 
nicht der Einzelmensch selbst Geschöpf seiner Vorfahren 
und seines Lebenskreises? Unbestreitbar: die Zentren 
der höchsten Kulturen fielen stets zusammen mit den 
Zentren der Macht, der Volksdi^lite, des Reichtums; 
Einsamkeit, Armut, Not, die heiligen Quellen geistlicher 
Erhebung haben niemals einem Volke Kunst und Ge- 
danken beschert. SeevöDcer werden klug, so heißt es; 
Hellas, Rom, Venedig, Holland, England verdanken ihre 
Macht dem Meere; Deutschland wurde stark durch sein 
Blut, Frankreich durch seinen Boden, Amerika durch 
seine Lage. Alles dies scheint wahr. 

Verfolgen wir die Lehre mit ihren eigenen Mitteln, 
so verliert sie bald genug ihre Zuversicht. Welche Kraft 
war es denn, die bei allen Erdumwälzungen die Ge- 
schöpfe empört ri^b? Der Wille zum Leben? Er allein 
konnte nicht Flossen schaffen noch Flügel wachsen 
lassen, nicht reden und nicht denken lehren. War es 
das Blut f Das kaiu ja erst durcli jenen geheimnisvollen 
Willen zu seiner Adelung; auch der Urahn des Ariers 
war ein düsteres Geschöpf, weit tiefer stehend als 
Mongole und Neger. War es der Boden? Nun, es 
stand Jedem frei, diesen Boden zu besetzen; der Stärkste 



4* 



und ErleucKtetste hat ihn genommen. Also doch wie- 
der Stärke und Blut^ Dann mag ein Zufall diese Vor- 
züge gebildet haben. 

Genug dieser Argumente. Sie setzen voraus^ was sie 
zu beweisen haben, daß Leib das erste, Geist das zweite 
ist, daß Materie Geist formt. Glauben wir, daß wir 
Geschöpfe des Fleisches sind, so mag wer will das Leben 
versüßen und beschmeicheln; dann ist das Ringen um 
Gott und unsre Seele eitel, und es haben die das Wort, 
die um des' Nützlichen und des Nutzens willen da sind. 
Glauben wir aber, daß der Geist sich seinen Körper 
formt, daß der Wille nach oben die Welt emporträgt, 
daß der Funke der Gottheit in uns lebt: dann ist der 
Mensch sein eigenes Werk, dann ist sein Schicksal sein 
eigenes Werk, dann ist seine Welt sein eigenes Werk. 
Dann ist das Seevolk nicht das von der See beschenkte, 
sondern das Volk, das die See wollte; dann ist das Volk 
der Bodenschätze nicht ein glücklicher Finder, sondern 
ein Eroberer; dann ist das Volk, das zur kulturtragenden 
Dichte gelangt, nicht eine heckende Horde, sondern ein 
Stamm, der Nachkommen will und ihnen ein Land be- 
reitet; dann ist das edle Blut nicht ein Spiel der Natur, 
sondern ein Werk der Selbstzucht strebenden Geistes. 

Darum darf dennoch nicht die Gegenfrage gestellt wer- 
den: Warum sollen wir Formen und Güter des Lebens 
achten und pflegen, wenn nicht sie, sondern Stille und 
Betrachtung das Höchste schaffen ? Das irdische Leben 
bedeutet die Formation und Waffe, die dem Geiste ver- 
liehen ist, darin er um sein Recht, Dasein und Künftiges 
kämpfen soll; ist er tauglich zum unsichtbaren Kampf, 
so soll er auch zum sichtbaren Kampf tauglich sein. 
Das edle Geschöpf schafft sich Schönheit, das gesunde 
schafft sich Glück, das starke Macht; nicht um dieser 



5^ 



Güter selbst willen, sondern als irdisches Kleid seines 
geistigen Daseins; nicht strebend und gierend, sondern 
selbstlos und selbstverständlich. Und wie der Träger die 

Waffe beherrscht, so wirkt die Waffe zurüdk auf den 
Träger; das Volk, das die Kraft hatte, schön zu werden, 
findet in seiner Schönheit einen neuen Ansporn znm 
inneren Adel. Freilich steht dem Armen und Verach- 
teten die Pforte des Seclenreiches doppelt offen; aber 
sein Wille sie zu suchen wird beflügelt, wenn ein edles 
Volk von seiner Kraft und Sehnsucht ihm mitteilt. Unter 
Reichen freiwillig arm zu sein ist schön und trägt evan- 
gelischen Sinn; im Bettlervolk ein Bettler bildet keinen 
Kontrast und kein spezifisch sittliches Verdienst. Der 
Einzelmensch ist Endzweck; in ihm endet die Reihe 
der sichtbaren Schöpfung und beginnt die Reihe der 
Seele; ist in ihm die Seelenkraft erwacht, so bedarf er 
nicht mehr der irdischen Vorzüge und Vorteile; Armut, 
Krankheit, Einsamkeit müssen ihm dienen und ihn seg- 
nen; das Volk aber ist seine Mutter, die ihn im Erden- 
dasein überlebt, sie braucht Schönheit, Gesundheit und 
Kraft zum ewigen Werke des Gebärens. Hier löst sich 
der Widerspruch: Was heißt es, nichts für sich begehren 
und dennoch für den Nächsten sorgen, der doch auch 
seinerseits nichts begehren sollte ? Der Nächste und der 
Fernste sind unser aller Mutter und Brüder zugleich ; da- 
mit sie leben und zeugen, ist unserEinzelleben ein geringer 
Preis. Deshalb ist es nicht unwürdig noch materiell be- 
fangen, der Gemeinschaft die Güterund Kräfte zu ersehnen 
und zu schenken, die man für sich selbst nicht achten soll. 

2. Die zweite Vorfrage lautet : Wie sind pragmatische, 
der Menschheitslage gewidmete Entwürfe zu recht- 
fertigen; welche Beweiskraft liegt ihnen bei, welche 
Bcweislast liegt ihnen obi 



53 



Es wurde erwähnt, auf das Recht, Ziele zu finden, 
hat die Wissenschaft verzichten müssen. Für alles 

schöpferische Denken aber ist das Ziel entscheidend, 
nicht der Weg, die Frage schwerer als die Antwort. 
Und wiederum ist es leichter, sie zu finden, als sie zu 
suchen. Denn hier versagt die intellektuale Kraft; 
die vermag eine Reihe von Beschwerden und Un- 
zuträglichkeiten des Bestehenden zu sammeln und zu 
sagen: dies sollte nicht sein — (obwohl sie Prüfung und 
Übel, segensreiche und schädliche Not nicht zu unter- 
scheiden vermag) — , doch niemals kann sie bestimmen : 
dies ist als höchste.s Gut der Menschheit beschieden und 
erreichbar, dies sollen wir erstreben, müssen wir erringen. 
Denn all unser Willen, soweit er nicht animalisch ist, 
entspringt den Quellen der Seele. Jedem schrankenlosen 
Verehrer des intellektualen Denkens sei es von früh bis 
spät wiederholt: Der größere und edlere Teil des Lebens 
besteht aus Wollen. Alles Wollen aber ist unbeweis- 
bares Lieben und Vorlieben; es ist seelisches Teil, und 
neben ihm steht der zählende, messende und wägende 
Intellekt abseitig und selbstbewußt als Theaterkassierer 
am Eingang zur Bühne der Welt. 

Was wir schaffen, geschieht aus tiefstem, wissenlosen 
Drang, was wir lieben, ersehnen wir mit göttlicher Kraft, 
was wir sorgen, gehört der unbekannten künftigen Welt, 
was wir glauben, lebt im Reiche des Unendlichen. Nichts 
davon bt beweisbar, und dennoch ist nichts gewisser; 
nichts davon i^i greifbar, und dennoch geschieht jeder 
wahre Schritt unsres Lebens im Namen dieses Unaus- 
sprechbaren. Was tun wir vom frühen Morgen bis zum 
späten Abend? Wir leben für das, was wir wollen; und 
was wollen wir ? Das, was wir nicht kennen und nicht 
wissen und dennoch unverbrüchlich glauben« 



54 



Dieser Glauben aber hat eine «tSrfeere Evidenz ah die 
des intellektuakn Beweises. Was Plato, Christus und 
Paulus beweislos sprachen, kann jeder Rabulist wider- 
legen, und dennoch stirbt es nicht; und jedes dieser 
Worte hat ein wahrhafteres Leben und mehr Glauben 
entzündet als irgendeine physikalische, historische oder 
soziale Theorie. Fragen wir, was im strengsten Sinne 
beweisbar sei, so halt selbst die euklidische Geometrie 
nicht stand; wenn dennoch die Welt von tiefster Wahr- 
heitsempfindung immer wieder durchdrungen wird: was 
ist das Merkmal der lebendigen Wahrheit? 

Es ist die Kraft, mit der sie an die Herzen schlägt. 
Jedes echte Wort hat klingende Kraft, und jeder Ge- 
danke, der nicht in den Labyrinthen des dialektischen 
Verstandes, sondern im blutwarmen Schöße der Emp- 
findung geboren ist, zeugt Leben und Glauben. Deshalb 
ist alles Beweisen nur ein Überreden, gutgläubige Täu- 
sdiung. Glaubt ein Mensch sich berufen, Wahrheit zu 
zeugen, nicht weil er sie denkt, sondern weil er sie schaut 
und erlebt, weil die Welt, die er im Geiste fühlt, ihm 
wirklicher ist als die er mit Augen sieht, so mag er reden. 
Ist er ein Verblendeter, so wird er mit seinem Staube 
den Weg dessen ebnen, der nach ihm und aus der Wahr- 
heit kommt. Ist ihm aber auch nur ein einziges Wort 
verliehen, das Leben tragt, so wird es, nackt und unbe- 
welirt in die Welt gestreut, zur Saat der Herzen. 

Das gilt vom Ziele. Versucht einer aber, nicht bloß 
das Ziel zu sichten, sondern auch dem irdischen Schritt 
den Pfad zu weisen, so ist es abermals auf dieser tieferen 
Ebene der Pragmatik nicht Überredung und Beweis, was 
ihm den Gang, den Andern die Folge erhellt. Nie hat 
ein Führer oder Vorläufer vermocht, die lückenlose Be- 
weiskette seiner Pläne auszubreiten^ und hätte er's, so 



wäre das simple Thersiteswort: „Es geht nicht" unüber^ 
steigHdi ihm entgegengeschleudert worden. Das einzige, 
was in der Welt nachwirkt, wenn der Sturm der Gegen- 
reden verrauscht, ist die Forderung an das Gewissen. 
Sie jedet leise, und sie wiederholt in der Stille der Nacht, 
was der Lärm des Tages übertäubt; sie spricht nicht 
in eines Menschen N^men, sondern im Namen des 
Lebendigen. Und indem sie immer den gleichen ein- 
fachen Weg bezeichnet, läßt sie offenbar werden, daB 
nicht ein erkünsteltes Projekt, sondern ein erschautes 
Müssen und Mögen uns bevorsteht. Deshalb kann auch 
das pragmatisch Geplante uns überzeugen, ohne zu be- 
schwatzen; darin gleicht sich der gesunde Vorschlag des 
Geschäftsmannes und der Schlachtruf (des Propheten, 
daß ein zwingend Notwendiges fühlbar wird, das im 
Geist nachklingt und tönend anwächst. Auch hier gilt 
kein Beweis; sondern Intuition erzwingt Einfühlung, 
Geschautes wird .greifbar. Fehlt einer Darlegung diese 
kindliche Elraft, so bleibt sie gelehrtes Gedankenspiel 
und Ästhetenfreude, gepanzert wie sie sei mit Anmer- 
kungen, Nachweisen und Tabellen. 

So bürgt für das Ziel das Herz, das Gewissen für den 
Weg; und diese strenge Mahnung mag den Schreiber 
auiiicliten, wenn der die Schwäche des Wortes erkennt; 
ihn demütig machen, wenn er sich von Lieblingsgedan- 
ken fortreißen läßt. Der Leser aber sei auf der Hut 
vor dem Gedanken, der sich Beweiskraft anmaßt, er 
richte nach dem, was in seinem Innern anklingt, mit 
Strenge, aber in Wahrheit. 

3. Und endlich: Wenn unser Leben im h<öchsten Sinne 
den äußeren Bedingungen enthoben ist, wenn Einrich- 
tungen niemals Gesinnungen schaffen können, wenn 
alles äußere Dasein nur die Muschelschale, den Masken- 

^6 



ausdruck des seelischen Erlebens bedeutet ; bleibt es würdig 
und angemessen, dem künftigen Gang des Gleichnisses vor- 
zuspüren, statt gläubig dem Wege des Geistes zu folgen, in 
der GewiBheity daB er auch dem Körperschritt Bahn läßt ? 

Wir sind in dieses leibliche Dasein gestellt als in ein 
Gleichnis, um es zu -begreifen; als in einen Preiskampf, 
um ihn zu bewältigen. Was wir dem Geiste abringen, 
wird Wirklichkeit des Lebens, versteinert zur Stufe für 
neuen Au&tieg. Solange nur, als er Handwerker bleibt 
und Meister des Werkzeuges, wird der Künstler das 
Erlebnis seines Herzens unverdorben und unvexfalsclit 
aus seinem Innern lösen; Stoff und Werkzeug des Den- 
kenden aber ist die Welt, und der Gedanke gewinnt die 
volle Kraft seiner Wahrheit erst dann, wenn die Welt, 
an ihm gem^sen, organisch und möglich bleibt. Wer 
es jemals versucht hat, Gedanken, die der freien Region 
der Überzeugung entstammen, im Boden der Wirklich- 
keit zu verankern, wer die harte, stets unbelohnte ^Xluhe 
dieser der Menge unvorstellbaren Arbeit kennt, der ver- 
liert den Respekt vor symmetrisch gerundeten Theo- 
remen und schönen Denkfehlern, die aus Unterschätzung 
simiücher Erscheinung sprießen. Das Evangelium wäre 
sterblich, wenn es als abstraktes Gesetz auf Pergament 
stände, und kehrte sein Verkünder wieder, so würde er 
nicht wie ein studierter Pastor in antiquarischer Sprache 
mit syrischen Gleichnissen reden, sondern von Politik 
und Sozialismus, von Industrie und Wirtschaft, von 
Forschung und Technik; freilich nicht als ein Reporter, 
dem diese Dinge an sich erfüllt und stupend sind, son- 
dern den Blick auf das Gesetz der Sterne gerichtet, 
dem unsre Herzen gehorchen. 

Nochmals sei nach diesen Einwendungen aufs kürzeste 
die Frage ausgesprochen: Wie setzt sich die transzen- 



57 



dent« Aufgabe in die pragmatische um? Die trans- 
zendente Aufgabe lautet: Wachstum der Seele; wie 
lautet die pragmatische? 

Sicherlich lautet sie nicht: Steigerung des Wohl- 
standes. Selbstverständliche und leicht erfüllbare Men- 
schenpflicht ist die Beseitigung aller Not und drücken- 
den Armut; die Kosten eines Rüstungsjahres würden 
ausreichen, um die Blutschuld der Gesellschaft zu tilgen, 
die heute noch den Hunger und seine Sünden in ihrem 
Schöße duldet. Doch diese Aufgabe ist so einfach, so 
mechanisch, trotz ihrer herzzerreißenden Dringhchkeit 
so trivial, daß sie eher der polizeilichen als der ethischen 
Vorsicht zugeschrieben werden sollte. Was darüber 
hinausgeht, bleibt im letzten Sinne gleichgültig. Noch 
immer zeugt und trägt die Erde so viel, daß der Ge- 
samtheit Nahrung, Kleidung, Werkzeug und Muße zur 
Genüge erwächst, sofern sie nui im rechten Maße schaf- 
fen, verbrauchen und genießen will. Mag Reichtum 
als Voraussetzung gehobener Lebensform gelten und 
bleiben: eine Gemeinschaft von Millionen schaffender 
Menschen ist in sich unendlich reicher als die berühmten 
Kleinstädte des Altertums und der Mittelzcit; ein Bahn- 
hof verschlingt hundertfach die Arbeitsleistung des 
Parthenon; und bleibt der Geist edleren Lebens wach, 
so findet er Stoff und Werkzeug zur Verkörperung. 

So wenig wie Wohlstand ist Gleichheit die äußere 
Forderung unsrer Seelen. Welcher irregeleitete Ge- 
rechtigkeitssinn konnte je auf die Forderung der Gleich- 
heit verfallen? Wie wenig wissen wir vom tiefsten 
Innern unsres Nächsten: Worte sind vereinbarte Bot- 
schaften über unverglichene Dinge; wir beide nennen 
rot, was bekannte Reihen von Gegenständen als Farbe 
ausstrahlen, und wissen doch nicht^ ob die Rotempfin- 



dung des einen nicht gar der Grünempfindung des 
andern entspricht. Mut: dem einen das angeborene 
ahnungslose Gefühl der Unbedachtsamkeit, dem andern 
die furchtbarste Entscheidung des Seelenkampfes zwi- 
schen zwei Gefahren; 'i ugendreinheit, dem einen ver- 
suchungsfreie Gewohnheit glückererbten Lebens, dem 
andern frühverlorenes, traumersehntes Kleinod; Glück, 
dem einen ein göttlicher Strom aus jeder Offenbarung 
der Natur, dem andern ein künstliches, nie vollendetes 
Gebäude aus tausendfacher, nie gestillter Wunsch- 
erfüllung: diese Kontraste hat Natur hinter Menschen- 
Stirnen verborgen; sie zu mildern hat sie einem jeden 
den Weg gewiesen zu unendlicher Mannigfaltigkeit des 
Daseins, des Schaffens und Leidens, damit jeder Drang 
sein Gleichgewicht, jede Einseitigkeit ihre ausgleichende 
Umwelt finde: Was kann ungerechter in die Gnade 
dieses Planes eingreifen als mechanische Gerechtigkeit f 
So, wie die Ungleichheit zweier Höhen sich dem Auge 
verschärft durch die Wahl gleicher Basis, so muß die 
Ungleichheit der Geschöpfe bis zur Karikatur hervor- 
treten bei gewaltsamer Ausgleichung der Lebensbedin- 
gungen. Wir finden uns damit ab, daß Mechanismen 
des Lebens, die der radikalen Ordnung dienen: Straf - 
recht und Polizei, Verkehr und Handelsrechte zur Gleich- 
heit streben, die den Schlechteren gegen den Besseren 
schützt; was darüber hinauslangt, ist unbedachter Drang 
eines verirrten Gerechtigkeitsgefühls, das nicht der Ver- 
antwortung, sondern dem Neide entspringt. 

Niemals kann Gleichheit die irdische Forderung 
unsres seelischen Lebens verwirklichen. Kann es die 
Freiheit ? 

Freiheit! Nächst der Liebe der göttlichste Ton 
unsrcr Sprache — und dennoch, wehe dem, der in 

S9 



unserm Lande vertrauensvoll und begeistert ihn ohne 

Umschweif vernehmen läßt. Aul ihn stürzen sich Schul- 
meister und Polizisten, gewappnet mit allen Distink- 
tionen der Philosophen und allen Vorurteilen des Sicher» 
heitsstaates, und beweisen ihm, daß die höchste Frei- 
heit nur in der höchsten Unfreiheit liege, so daß als 
Freiheitskampf allenfalls ein Landeskrieg bezeichnet 
werden dürfe. 

Wer wird Freiheit mit Zügellosigkeit verwechseln? 
Wer jedoch mir zumutet, daß schließlich auch mein 
Wille unfrei sei, daß die Autorität und Partei, der ich 
mich anschließe, rückwirkend meine Freiheit begrenzt, 
daß der Gegner, den ich bekämpfe, mich einschränkt, 
daß der menschliche Gleichgewichtszustand Beengung 
verlangt, der treibt Spitzfindigkeit mit halben Waiir- 
heiten und drischt leeres Stroh. 

Ein Baum wächst in Freiheit. Das bedeutet nicht, 
daß er sich auf und davon machen oder in den Himmel 
wachsen kann ; daran hindert ihn die Begrenzung seiner 
Natur. Es bedeutet auch nicht, daß eine Zelle seines 
Stammes in die Krone wandern, daß ein Blatt sich in 
eine Blüte verwandeln, ein Ast über alle übrigen hinaus- 
wachsen darf; das verbietet das innere organische Ge- 
setz. Dies Gesetz herrscht in Frf'iheit und durch Be- 
schränkung. £s gebietet, daß der Stanmi trage und nähre, 
daß die Blätter atmen und die Wurzeln saugen, daß 
das Sonnenjahr mit Keim und Blüte begrüßt, mit Frucht 
gesegnet und mit Einkehr beschlossen werde. 

Nun wird der Baum ummauert. Wurzeln und Zweige 
sind an der Entfaltung gehemmt, Wind und Sonne ab- 
gewiesen; das verkümmerte einseitige Wachstum sielii 
unter verändertem Gesetz ; so alt es sein mag, es ist nicht 
das eigene, es ist nicht Ausdruck innerer organischer 

60 



Notwendigkeit, nicht mehr gewollte SelbstbeÄchränkung, 
sondern äußeres, gewaltsames Schicksal; an die Stelle 
der Freiheit tritt der Zwang. 

Mag es schwer sein, Freiheit zu umschreiben; ihr 
Gegensatz, der Zwang, ist leichter zu erkennen. Er ist 
im jeden Organismus, Mensch, Volk oder Staat das- 
jenige innere oder äuBere Gesetz der Hemmung, das 
nicht von innerer Notwendigkeit des eigenen oder des 
umfassenden Wesens verhängt ist. Kriterium für Zwang 
und i^ieiheit ist somit die Notwendigkeit; gefordert wird 
von den Befürwortern gottgewollter Abhängigkeiten der 
Nachweis, daß diese Notwendigkeit in Wahrheit und in 
solchem Maße besteht, daß die Aufhebung der Hem- 
mung zum Zusammenbruch oder zur Verkümmemng 
des Organismus führt. Verwegene Überhebung ist es, 
in der Abhängigkeit an sich den Selbstzweck zu erblicken; 
dieser Gedanke führt zur Sklaverei; nur die t i l mische 
Notwendigkeit erträgt den Namen des Gottes willerm 

liegt die Ursache der Beschränkung und Abhängig- 
keit nicht in der Lebensnotwendigkeit des eigenen oder 
umfassenden Organismus, sondern im Willen und der 
Gewalt eines fremden Organismus, so ergibt sich der 
Stand der Knechtschaft. 

Knechtschaft und Sklaverei laufen dem Sinne des 
Christentums nicht zuwider. Sie sind Schickungen, die 
das äußere Leben behindern, die Entfaltung der Seelen- 
kräfte, das Nahen des Gottesreiches nicht ausschließen. 
Epiktets Herzensgewalt wuchs in der Knechtschaft, die 
Blüte des christlichen Mittelalters entsproß dem Kloster. 
Doch uosre Frage ist anders gestellt; wir wüUlü i.iclu 
wissen, wie der einzelne durch die Gnade innerer Frei- 
heit ein unabänderliches Schicksal überwindet; wir wol- 
len die gerechte Form des Lebens finden, die den Seelen- 

6i 



weg der Menschheit öffnet. Dieser Weg aber verlangt 

orgiT n lie Entfaltung, Selbstbestimmung und Selbst- 
vcrantwortungj et kann nicht der Weg des Zwanges 
sein nach der vorbestinimten Abhängigkeit, Wir wissen 
«ins: Knechtschaft ist der Gegenpol der seelischen 

Forderung. 

Keinen ihrer Ruhmestitel schlägt unsre Zeit höher 
an als die Überwindung der Sklaverei. Leibeigen ist 
niemand; Untertan heißt der Mensch nur noch in an- 
maßenden Erlassen; er selbst nennt sich Staatsbürger, 
genießt ungezählte persönliche und politische Rechte, 
gehorcht niemand als der Staatsgewalt, bündelt, wählt 
und verwaltet. Er verdingt sich nicht, sondern schließt 
Arbeitsverträge, er ist nicht Knecht und Geselle, sondern 
Personal, Arbeitnehmer und Angestellter; er hat keinen 
Brotherrn, sondern einen Arbeitgeber, und der darf ihn 
nicht schelten noch strafen. Er kann kündigen und 
seiner Wege gehen, er darf feiern und wandern, er ist, 
wie er sagt, ein freier Mann. 

Und doch seltsam! Gehört er nicht zu den wenigen, 
die man gebildet und vermögend nennt, so sitzt er nach 
wenigen Tagen in den Raiunen eines andern Arbeit- 
gebers, bei der gleichen achtstündigen Arbeit, unter 
der gleichen Aufsicht, mit gleichem Lohn und mit glei- 
chen Genüssen, mit gleicher Freiheit und mit gleichen 
Rechten. Niemand zwingt ihn, niemand tritt ihm in 
den Weg, und dennoch verläuft sein frühalterndes Leben 
ohne Muße und ohne Sammlung. Die mechanische 
Welt tritt ihm entgegen als ein verworrenes Rätsel, das 
eine Parteizeitung einfarbig beleuchtet; die höhere Welt 
erscheint im Ausschnitt einer billigen Predigt und eines 
populären Abrisses; der Mensch erscheint als Feind, 
wenn er dem fremden, als wortkarger Genosse^ wenn «r 



6z 



dem eigenen Kreise angehört, der Arbeitgeber als Aus- 
beuter, der Arbeitsraum als Knochenmühle. 

Die Bürgerrechte bestehen, vor allem das W ahlrecht 
in beiderlei Form. Doch wiederum seltsam I Im be- 
hördlichen Leben bleibt der Mensch stets Objekt; Sub- 
jekt sind die Andern, gleichviel ob sie als militärische Vor- 
gesetzte ihn duzen, als Richter abui teilen, als Polizei und 
Beamte ihn behandeln, ausfragen, verwalten. £r mag sich 
verbünden und organisieren, versammeln und demonstrie- 
ren, er bleibt der Regierte und Gehorchende, auf den gold- 
nen Stühlen sitzen die gleichen, die in breiten S traBen unter 
Bäumen wohnen, in Wagen fahren und sich grüßen; sie 
tragen die Verantwortungen, die Würden und die Macht. 

Doch das bürgerliche Leben ist frei. Hier herrscht 
der Wettbewerb, der Starke und Kluge mag wagen und 
gevdnnen, hier beschränken ihn nur notdürftige Gesetze 
und Regeln; dieser Kampfplatz Steht Alien offen. Und 
abermals: der Eintritt gelingt nicht. Der Kreis Ist heim- 
Hch geschlossen, sein Bundesmerkmal ist Geld. Wer hat, 
dem vwrd gegeben; was einer besitzt, das vermehrt sich, 
doch zunächst muß er besitzen. Er besitzt, was seinen 
Vorfahren gehörte, was sie ihm als Erziehung und Kapital 
hinterließen. In reichen, unerschlossenen Landern mag 
es gelingen, daß der ersparte Pfennig sich mehrt; je älter 
und unergiebiger das Land, desto teurer der Einkauf in 
den werbenden Stand. 

So erheben sich gläserne Mauern von allen Seiten, 
durchsichtig und unübersteigHch, und jenseits liegt 
Freiheit, Selbstbestimmung, Wohlstand und Macht. Die 
Schlüssel des verbotenen Landes aber heißen Bildung und 
Vermögen, und beide sind erblich. 

Deshalb schwindet die letzte Hoffnung des Ausge- 
schlossenen: seinen Kindern möchte beschieden sein, was 

6j 



ihm selbst versagt war; er scheidet aus der Welt mit 
der Erkenntnis, daß seine Arbeit nicht ihm, nicht seinen 
Nachkommen, sondern andern und ihren Nachkommen 
diente, daß auch ihr Schicbal erblich, vorbestimmt und 
unentrinnbar sei. 

Was bedeutet das? Das bedeutet nicht die alte 
Knechtschaft, die persönlich war, und indem sie die 
Schicbale zweier Menschen oder zweier Familien, wider- 
natürlich zwar, doch unter einem Dach verband, die 
letzte menschliche Gemeinschaft und Anteilnahme auf- 
rechthielt. Dieses Verhältnis bedeutet unter dem Scheine 
der Freiheit und Selbstbestimmung eine anonyme Hörig- 
keit, nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Volk 
zu Volk, unter beliebigem Austausch der Beziehung, 
jedoch unter dem unverbrüchlichen Gesetz der ein- 
seitigen Herrschaft. Dieses erbliche Diensttum besteht 
in allen Ländern des alten Zivilisationskreises^ es besteht 
unter BevÖlkerungsklassen gleichen Stammes, gleicher 
Sprache, gleichen Glaubens und gleicher Sitte und nennt 
sich Proletariat. 

Mit der Forderung der seelischen Freiheit und de» 
seelischen Aufstiegs verträgt es sich nicht, daß die eine 
Hälfte der Menschheit die andre, von der Gottheit 
mit gleichem Antlitz und gleichen Gaben ausgestattete, 
zum ewigen Dienstgebrauch sich zähme. Man wende 
nicht ein, daß beide Hälften nicht sich, sondern der 
Gemeinscliait leben und schaffen; denn die obere Hälfte 
wirkt unter freier Selbstbestimmung und unmittelbar, 
die untere wirkt, indem sie ohne Blick auf ein sichtbares 
Ziel mittelbar und im Zwange der oberen dient. Nie- 
mals sieht man einen Zugehörigen der oberen Schicht 
freiwillig niedersteigen; der Aufstieg der unteren aber 
wird durch Vorenthalt der Bildung und des Vermögens 

«4 



80 vollkommen verhindert, daß nur wenige Freie in 
ihrem Kreise einen Menschen erblicken, der selbst oder 
dessen Vater den untersten Ständen angehört hat. 

Trägheit und Vorteil sind starke Kräfte, wenn sie 
dahin wirken, sich mit dem Gegebenen abzufinden. Die 
Abschaffung der Sklaverei in Amerika, der Leibeigen- 
schaft in Rußland hat leidenschaftliche Teilnahme er- 
fahren, vor allem bei den Nichtgeschädigten; die Be- 
sitzer menschlicher Haustiere verteidigten ihre Einrich- 
tung mit gleichen Gründen, wie heute Geistliche, Staats- 
männer und Kapitalisten sie für die Notwendigkeit der 
Unfreiheit anführen: gottgewollte Abhängigkeit, Dienst, 
gleichviel an welcher Stelle, Demut und Selbstbeschei- 
dung; und aucii hier gelten die Aigumente stets für die 
Andern. 

Daß die im Rechte und Besitz Beharrenden ihre hart- 
herzige Meinung im besten Glauben vertreten, weil 

iliiicn Jao Bestehende so absolut gültig, SO fest gefügt, un- 
abänderhch und unerset2Üch scheint, daß nur der all- 
gemeine Zusammenbruch an seine Stelle treten könnte, 
diese urteilslose Einseitigkeit und unfreiwillige Verhär- 
tung hat nichts so sehr verschuldet wie der Kampf und 
Kampf plan der sozialistischen Bewegung. 

Diese Strebung trägt den Fluch ihres Vaters, der nicht 
ein Prophet war, sondern ein Gelehrter, der sein Ver- 
trauen setzte nicht in das menschliche Herz, dem alles 
wahrhafte Weltgeschehen entspringt, sondern in die 
Wissenschaft. Dieser gewaltige und unglückliche Mensch 
irrte so weit, daß er der Wissenschaft die Fähigkeit zu- 
schrieb, Werte zu bestimmen und Ziele zu setzen; er 
verachtete die Mächte der transzendenten Welt- 
anscliauung, der Begeisterung und der ewigeu Ge- 
rechtigkeit. 

i RathdUAtt, Von kommoodeii Diagco 



Deshalb hat der Sozialismus niemals die Kraft ge- 
wonnen, zu bauen; selbst wenn er unbewußt und unge- 
wollt in seinen Gegnern diese produktive Kraft entzün- 
dete, verstand er die Pläne nicht und wies sie zurück. Nie 
hat er auf einleuchtendes Ziel zu weisen vermocht; seine 
leidenschaftlichsten Reden blieben Beschwerden und An- 
klagen, sein Wirken war Agitation undPolizei. AndieStellc 
der Weltanschauung setzte er eine Güterfrage, und selj^st 
dies ganze traurige Mein und Dein des Kapitalproblems 
sollte mit geschäftlichen Mitteln der Wirtschafts- und 
Staatskunst gelöst werden. Mag hie und da ein unbe- 
friedigter Denker Auswege ins Ethische, Reinmensch- 
liche, Absolute gesucht und angedeutet haben: diese 
Gewalten wurden niemals als die Sonnenzentren der 
Bewegung verehrt, sondern allenfalls als matte Seiten- 
lichter ästhetisch geduldet; im Mittelpunkt der Bühne 
saß der entgötterte Materialismus, und seine Macht war 
nicht Liebe, sondern Disziplin, seine Verkündung nicht 
Ideal, sondern Nützlichkeit. 

Aus der Verneinung entsteht Partei, nicht Welt- 
bewegung. Der Weltbewegung aber schreitet Propheten- 
sinn und Prophetenwort voran, nicht Programmatik. Das 
Prophetenwort ist ein einiges, ideales Wort; mag es Gott, 
Glaube, Vaterland, Freiheit, Menschentum, Seele hei- 
ßen: Besitz und Besitz Verteilung sind ihm schattenhafte 
Nebendinge; selbst Leben und Tod, Menschenglück, 
Elend, Not, Krankheit und Krieg sind ihm nicht letzte 

Ziele und Gefahren. 

Niemals hat Sozialismus die Herzen der Menschheit 
entflammt, und keine große und glückliche Tat ist jemals 
in seinem Namen geschehen; er hat Interesse erweckt und 
Furcht geschaffen; aber Interessen und Furcht beherr- 
schen den Tag, nicht die Epoche. Im Fanatismus einer 



66 



düsteren Wissenschaftlichkeit , im furchtbaren Fanatismus 
des Verstandes, hat er sich abgeschlossen, zur Partei ge- 
ballt, im unfaßbaren Irrtum, daß irgendeine einseitig los- 
gelöste Kraft endgültig wirken könne. Doch der Dampf- 
hammer vernichtet nicht den Eisenblock, sondern ver- 
dichtet ihn; werdie Welt umgestalten will, darf sie nicht 
von außen pressen, er muß sie von innen fassen. Er- 
schließbar ist sie durch das Wort, das in jedem Herzen, 
wenn auch noch so schachtern, widerklingt und es wan- 
dein hilft; das bÜnde Pochen einer Partei von Interes- 
senten täubt und verschließt die Ohren. 

Nimmt man alles in allem, in größten Zügen, die rein 
politische Wirkung der sozialistischen Bewegung im 
Laufe dreier Geschlechter: so besteht, abgesehen von 
geschäftlich-organisatorischen Wirksamkeiten die Summe 
ihre« Waltens in der mächtigsten Steigerung des reak- 
tionären Geistes, in der Zertrümmerung des libera- 
len Gedankens und in der Entwertung des Freiheits- 
gefühls, Indem der Soziahsmus die Aufgabe der Völker- 
befreiung zu einer Frage um Geld und Gut machte 
und unter diesem Banner die Massen gewaim, wurde 
die Idee gcbioclicii; aus Unabhängiglceitsdrang wurde 
Begehrlichkeit; mancher innerlich Gebildete wandte sich 
ab, das Bürgertum erzitterte, die besitzende Reaktion sah 
sich durch Zulauf und bequeme Maßregeln doppelt ge- 
stärkt und lächelte über den armen Teufel der Masse, der 
Böses wollte, Gutes schuf, der Thron und Altar festigte, 
indem er Republik und Kommunismus anpries. Inner- 
lich Interessentenvereinigung, äußerlich Beamtenhierar- 
chie, verfiel der Sozialismus, der Weltbewegung werden 
sollte, dem Abstieg zur Fan i, dem Wahn der Zahl, 
der populären Einheitsformel; im Gegensatz zu jeder 
echtenEpoche verlor er an Wirksamkeit, je stärker er wuchs. 



67 



Aus der Trägheit des Gewissens, die der Widerstand 
gegen traurige Nützlichkeitsparadiese, gegen Schalter- 
und Markenideale» gegen nüchterne Schausprüche und 
inyektive Drohungen im Herzen Europas hinterlassen 
hat, aus dieser Trägheit müssen w ir uns losreißen. Emp- 
finden wir den Stachel der Würdelosigkeit, den die 
Knechtschaft verwandten, geliebten und göttlichen 
Blutes uns einprägt, so werden wir ohne Scheu eine 
Wegstrecke neben der Bahn des Sozialismus wandern 
und dennoch seine Ziele ablehnen. Wollen wir in der 
inneren W^elt das Wachstum der Seele, so wollen wir 
in der sichtbaren Welt die Erlösung aus erblicher Knecht- 
schaft. Wollen wir die Befreiung der Unfreien, so 
bedeutet dies nicht, daß wir irgendeine Güterverteilung 
an sich für wesentlich, irgendeine Abstufung der Genuß- 
rechte für wünschenswert, irgendeine Nützlichkeitsfor- 
mel für entscheidend halten. Es handelt sich weder 
darum, die Ungleichheiten des menschlichen Schicksals 
und Anspruchs auszAi gleichen, noch alle Menschen un- 
abhängig oder wohlhabend oder gleichberechtigt oder 
glücklich zu machen; es handelt sich darum, an die Stelle 
einer blinden und unüberwindlichen Institution die 
Selbstbestimmung und die Selbstverantwortung zu 
setzen, dem Menschen die Freiheit nicht aufzuzwingen, 
sondern ihm den Weg zur Freiheit zu öffnen. Welche 
menschlichen und sittlichen Opfer dies fordert, ist 
gleichgültig, denn es wird nicht Nützhchkeit und Vor- 
teil erstrebt, sondern göttliches Gesetz, Würde durch 
dieses Gesetz die Summe des äußeren Glücks auf Erden 
vermindert, so verschlüge es nichts. Würde der Weg 
der äußeren Zivilisation und Kultur verlangsamt, SO 
wäre das nebensächlich. Wir werden ohne Leidenschaft 
erwägen, ob diese Nachteile eintreten; wenn es nicht 



68 



geschieht, so ist das keine Anpreisung oder Krmunte« 
rung für unsern Gang. Denn der bedarf keiner Über- 
redung und keiner Versprechung; im Sichtbaren will 
ihn die Würde und Gerechtigkeit unsres Daseins und 

die Liebe zum Menschen, im Jenseitigen will ihn das 
Gesetz der Seele. 

Wenn von nun an diese Schrift sich eine Zeitlang 
mit den Dingen des Tages befaßt und dennoch nicht 

den tastenden, beweisenden und überredenden Schritt 
beibehält, den der Praktiker gewohnt ist und sachlich 
nennt, so sei diese Unterscheidung bemerkt: Wir haben 
tausendfach Schriften, die das letzte Zehntel emer ver- 
breiteten Überzeugung sicherstellen und unwiderleglich 
machen, bis die nächste Überzeugung kommt und die 
alte vernichtet, und wir haben solche, die aus gegebenen 
Voraussetzungen die brauchbarsten Folgen ziehen. Lei- 
der fehlt bei da bei aller mathematischen Sicherheit der 
Methode die Sicherheit des Zieles, die niemals mathe- 
matisch sein kann, sondern stets intuitiv ist. Hier wird 
keine Sicherheit beansprucht, sondern Empfindung und 
Wertung denkende erörtert; denn diese Schrift ist nicht 
praktisch erwägend, sondern zielsetzend. Entspricht dies 
Ziel im kleinsten dem Fmpfmdungswege des objektiven 
Geistes, so wird das Maßwerk der Wirklichkeiten ohne 
unser Zutun zu den Bögen des Gedankens emporwachsen. 

Das Ziel aber, zu dem wir stj^ben, heißt menschliche 
Freiheit. 



69 



DER WEG 



I DER WEG DER WIRTSCHAFT 



Die geschichtliche Betrachtungsweise hat ein Jahr- 
hundert lang unserm Denken gedient; jetzt artet «c 
aus und wird schädlich, zumal wenn sie auf Einrich- 
tungen angewandt wird. 

Schöpfungen der Natur wandeln sich, indem sie ihren 
Sinn und Zweck behalten oder nur selir langsam ändern; 
Einrichtungen bleiben im Namen und wesentlichen 
Attributen sich selbst gleich und vertauschen ihren In* 
halt, ja selbst ihren Daseinsgrund; in der veralteten Schale 
schlägt ein neues Geschöpf seine Wohnung auf. Diese 
Erscheinung möge der Kürze halber die Substitution 
des Grundes genannt werden. 

Sie rührt daher, daB die Zahl der Einrichtungsformen 
begrenzt ist, daß die Trägheit und Ökonomik des Geistes 
sich gern vorhandener Formeln bedient und daß die 
Stetigkeit des zeitlichen Fortschreitens den Augenblick 
schwer erkennen laßt, in welchem die Wahl eines neuen 
Begriffs und Namens, das Abstreifen abgestorbener Orga- 
nismen und das Einsetzen neuer Betrachtungsweisen am 
Platze wäre. 

Anziehend und anregend bleibt die geschichtliche Be- 
trachtung in jedem Falle, sie kann manche Benennung, 
manche Zutat erklären, Spielarten daitun, funktionelle 



73 



Bewegungen und Wandelbarkciten ins Licht setzen; doch 
führt sie zum gefähdichen Irrtum, wenn sie sich unter* 
fängt, den gegenwärtigen, lebenden und wirkenden Orga- 
nismus auszudeuten oder fortzubilden. Es mag in- 
teressant sein, daß das Pontifikat in irgendeiner Weise 
vom Brückenbau ausgeht; aber es wäre bedenklich, grund- 
sätzliche Schlüsse vom Ingenieurwesen auf kirchliche Ein- 
richtungen zu riehen ; es ist lehrreich, eine Entwicklungs- 
reihe von den attischen Dionysien bis zur französischen 
Unterhaltungskomödie zu leiten, doch wäre es keinem 
Vergnügungsindustriellen zu raten, bei der Beurteilung 
seiner Zugstücke archäologischen Erwägungen nachzu- 
gehen. Man verspottet die Meinung der französischen 
Aufklärung vom Staat als einem Gegenseitigkeitsyertrage 
und halt ihr prähistorische Ableitungen entgegen; und 
doch liegt im Wesen eines auf Kräftegleichgewicht be- 
ruhenden Organismus mehr von vertragsälmlicher Wech- 
seibeziehung als von totemistischen oder patriarchali- 
schen Funktionen; vor allem gehen die Umwandlungs- 
bewegungen in sehr ähnlichen Formen vor sich wie Um- 
gestaltungen vertraglicher Verhältnisse. Nirgends ist so 
fühlbar die Substitution des Grundes am Werke gewesen 
wie beim Wesen des Staates; daher die Unfruchtbarkeit 
der Bemühung, eine geschichtlich umfassende Definition 
dieses Organismus zu finden, der bei scheinbarer Stetig- 
keit sich in jedem Menschenalter unter bleibendem 
Namen neu erzeugt und nur unter der metaphysischen 
Form, als Willensseite des kollektiven Geistes, kontinuier- 
lich angeschaut werden kann; eine Anschauung, die zeit- 
los und ohne fortgestaltende Anwendung bleibt. 

Aus falscher Anwendung geschichtlicher Betrachtung 
folgt falsche Einschätzung des „geschichtlich Gewor- 
denen" als eines absoluten Wertes; der Tradition als 

74 



einer positiven Kraft. Der Wert des geschichtlich Ge- 
wordenen liegt darin, daß es ein geschichtlich Vergäng- 
liches und Vergehendes ist; es entstand als revolutionäre 
Neuerung^ es vergeht als überholte Veraltungy und es 

hält sich, solange es einigermaßen brauchbar und erträg- 
lich ist. Der Wert der Tradition liegt in der Verlang- 
samung der Bewegung, die hierdurch an Stetigkeit ge- 
winnt; der weniger emphatische Name des Trägheits- 
momentes verdeutlicht diese Kraft, die durchaus eine 
negative ist, und die b(A hoher praktischer Bedeutung 
niemals den Wert einer erkenntnismaßigen Widerlegung 
haben darf. Sie besaß diesen Wert vormals gegenüber 
religiöser und philosophischer Überzeugung, sie bean- 
sprucht ihn noch heute gegenüber sozialer und politischer 
Erkenntnis. Muß dieser theoretische Wert verneint wer- 
den, so dürfen wir neben dem praktischen Wert der 
Verzögerung den ästhetischen Wert- anerkennen, der sich 
in Formeln, Trachten, Zeremonien und Feiern ausdrückt, 
Stolz, Farbe und Haltung dem Alltag spendend, der mit 
gerechtem Selbstbewußtsein sich gern an eine ehrenvolle 
Herkunft erinnert. Doch muß die ästhetische Seite der 
Tradition bleiben, was sie lebenskräftigen Nationen ist: 
Schaustück, nicht Wesen. Es ist festlich anmutend, wenn 
der König von Preußen zuzeiten als Kurfürst von 
Brandenburg auftritt; es wäre nicht ersprießlich, wenn 
hieraus ein politisches Vorrecht der heutigen Provinz 
Brandenburg gegenüber Schlesien oder dem Rheinlande 
gefolgert würde. 

Diese Vorbemerkung war im Dienst der Arbeits- 
methode und zur Erläuterung der Substitution des 
Grundes vorauszuschicken. 



7S 



Die alte Schichtung des Feudalismus rechtfertigte 
sich praktisch durch die Bereitschaft der Waffen, durch 
menschliche Überlegenheit, durch Organisation und Ok- 
kupationsbesitz der Landeseroberer; sie rechtfertigte 
sich teleologisch durch Verwaltung und Verteidigungs- 
schutz, beruhend auf erbhchen Eigenschaften. Diese 
Erblichkeit lag in der Erziehung zum Waffenhandwerk 
und zur kriegerischen Gesinnung, in der Züchtung ge- 
eigneter Körperlichkeit und Geistigkeit, in der ileian- 
ziehung religiöser Weihe, im Ausschluß der ßlutmischung 
und in der zwangsweisen Herabdrückung und Verf ried- 
lichung der Unterworfenen, 

Die sicdlerische Ausfüllung der Lander, die zuneh* 
mcnde Intensität der Wirtschaft hinderte die Ober- 
schicht, sich fortschreitend mit der Unterschicht aus- 
zudehnen. Jüngere Söhne konnten nicht genügend aus- 
gestattet werden und verfielen der Kirche oder der Aus- 
wanderung, Besitztümer zerbröckelten und verschmol- 
zen, kirchliche und Territorialherrschaften wuchsen em- 
por, städtisches Bürgertum drängte sich ein, und die 
beharrende Oberschicht blieb nicht länger imstande, 
die quellende Unterschicht zu decken. Im höchsten 
Augenbück, als auch der W^affendienst auf die Unter- 
schicht erstreckt werden mußte, brach das letzte Recht 
der feudalen Organisation zusammen. 

Schon hatte die neue erbliche Schichtung den Volks- 
körper durchspalten, die Schichtung des Besitzes. 

Von landesherrlichem und kirchUchem Besitz, von 
Kolonien, Monopolen, Bergrechten und Wuchergeschäf- 
ten hergeleitet, waren Kapitalmengen herangewachsen; 
die Mechanisierung dar Gewerbe, der Technik, des Ver- 
kehrs, des Denkens und Forschens hatte das Leben er- 
griffen, die Weltbewegung orientierte sich in der Rieh- 

76 



tung des Kapitalgefälles, Die Erblichkeit der Kapital- 
maclit war überkommen aus der Erblichkeit des Stan- 
des, des Bodens und der beweglichen Güter; ihre Be- 
rechtigung wurde nicht angezweifelt und somit nicht 
begründet. ' 

Eine gewisse innere Rechtfertigung hätte sich zur Not 
anfänglich geboten: das Kapital trat überwiegend auf in 
der Form des Unternehmens. Das Unternehmen aber 
überlebt Geschlechter und verlangt daher eine ununter- 
brochene Reihe vorbereiteter Leiter und Herren, wie die 
Erbfolge sie bot und wie sie aus der Landwirtschaft ge- 
läufig war. Insbesondere war die allgemeine Schulung und 
Erziehung unzulänglich; das Haus des Besitzers konnte 
an geistiger und erfahrungsmäßiger Erziehung mehr lei- 
sten als die Allgemeinheit; und somit verbüeb ein ge- 
mehrter Schutz für die Zusammenhaltung der Mittel, 
die nur in ihrer Ansammlung wirken konnten. 

Drei Umstände hätten die erbliche kapualis tische 
Schichtung erschüttern müssen: Die Volksschule, wenn 
sie den Erziehungsvorsprung vernichtete, die Einrich- 
tung der Kapitalassoziation, indem sie das Unternehmen 
unpersönlich stellte und von der Notwendigkeit erb- 
licher Leitung befreite, die pohtisch-nülitärische Eman- 
zipation, indem sie Verwaltungserfahrungen verbreitete 
und den Sehkreis erweiterte. 

Daß diese Umstände nicht zur Wirkung kamen, liegt 
am rasch gewaltsamen Aufstieg der Kapitalmacht, die 
durch Anknüpfung an die noch vorhandenen Terri- 
torial- und Feudalmächte, durch Verzweigung der Be- 
ziehungen und Interessen, durch Erziehung und Lebens- 
weise, durch pubhzistischen Einfluß und politische Un- 
entbehrlichkeit zur Klasse zusammenschmolz und ge- 
schlossen ihr Rcclit verteidigte, das sie nicht durch 



77 



Vernunft, sondern durch Gegeninteresseii angetastet 
glaubte. 

Durch die neue Schichtung wurden die Reste der 
alten nicht zerstört» sondern verstärkt, und zwar so: Die 

Schicht des Besitzes konnte, da sie nicht von außen kam, 
sondern von unten aufstieg, keine eigenen Lebensfor- 
men schaffen; sie mußte sie von ihren Vorgängern ent- 
lehnen, ward Schuldnerin und somit unterlegen. Zum 
zweiten blieben die Dynaaiicn der Feudalschicht zu- 
getan, die ihnen länger vertraut war, Regierungs- 
und Kriegserfahrung besaß, bodenständig und unver- 
änderlich blieb, bereitwillig die Bedingungen ihres 
materiellen Daseins der Krone anheimstellte und so- 
mit im Sinne der unmittelbaren monarchischen An- 
sprüche zuverlässiger erschien. Zum dritten schlössen 
die beiderseitigen herrschenden Schichten Zugehörigkeit 
nicht aus; reicher Adel besaß doppelten Vorteil und 
machte ihn mit Vorbedacht mehr zugunsten der Kaste 
als der Klasse geltend. 

So schillert die europäische Gesellschaft in der selt- 
samen Doppelbrechung zweier Achsen; die noch 
immer wesentliche feudale Schichtung durchsetzt sich 
mit der auffälligeren kapitalistischen, beide bleiben 
erblich und stimmen darin überein, daß sie einen 
leidenden Gegenzustand schaffen, der auf der kapita- 
listischen Seite zum unentrinnbaren Massenschicksal 
geworden ist. 

Haben wir dieses Schicksal in seiner starren Vorbe- 
Stimmung als unvereinbar mit der Forderung seelischen 
Lebens erkannt, so wird nun deutlich, daß eine künftige 
Ordnung, mag sie immerhin in sich abgestuft, geschich- 
tet, differenziert sein, die Eigenschaft der erblichen Be- 
ständigkeit nicht mehr haben kann. 



7» 



• Wie auch immer ihr richtendes Grundgesetz gestaltet 
sein mag, auf Zwang und Gewalt wird es nicht beruhen 
können; es wird den Ausgleich des Gesamtwillens und 
des Einzelwillens in sich tragen, jedoch auf sittlicher 
Grundlage, es wird der Selbstbestimmung, der Verant- 
wortung und der seelischen Entfaltung Raum lassen. 

So erschttnt uns die Forderung der Wiedergeburt 
nicht mehr allein unter dem Anblick der Befreiung eines 
Standes, sondern schlechthin in der Fassung der Ver- 
sittlichung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ord- 
nung unter dem Gesetz persönlicher Verantwortung. 

Den Weg der Entwicklung finden wir, indem wir von 
der Verneinung des Unrechts uns leiten lassen: Die Ent- 
fremdung der Stände, beruhend auf Überspannung 
wirtschaftlicher Gegensätze, die Macht des zufälligen 
oder unsittlichen Erfolges, der Alleinbesitz der Bildung 
schaffen die unterdrückenden Mächte, die Erblichkeit 
verewigt sie. Unser Weg ist der rechte, wenn er zur 
Vernichtung der feindlichen Kräfte und dennoch zur 
Erhaltung menschlicher Ordnung, kultureller Gestal- 
tung und seelischer Freiheit führt. 

Die naivste Form des Heilungsdranges ist die For- 
derung der unmittelbaren Stillung. Der Baum verlangt 
unmittelbar Licht, Raum, Luft, Wasser, Erde; er nimmt, 
was er braucht, der Nachbar verkümmert, das Erdreich 

versauert, der WM kämpft gegen Moor und Heide, so- 
lange es geht, daim stirbt er, und mit ihm der glück- 
lichste Baum. 

Forstmann und Erzieher, Arzt und Staatsmann haben 
luiigbt den Weg der unmittelbaren Stillung verlassen. 
Der Arzt wird erkaltende Glieder nicht durch warme 
Umhüllung, der Staatsmann wird trunksüchtigen Durst 



79 



nicht durch vermehrte Brauereien tiu. heilen suchen; ein • 
jeder iibcrblickt das Lebensgebiet des zu schützenden 
Organismus, beginnt nicht beim Symptom, sondern beim 
Krankheitskern, ermißt die Gesamtheit der Lebenskräfte 
und verteilt sie nach bedachtem Plan auf alle Organe, 
fördernd und hemmend, stärkend und schwächend. 

Der Sozialismus, die Lehre, die ihre Wissenschaftlich- 
keit über alles stellt und sie dennoch beständig ver- 
leugnen muß, um populär zu bleiben, ist über den Weg 
der unmittelbaren Stillung nie hinausgekommen. 

Ihr ergibt sich die volkstümliche Schlußkette: 

Was ist das Ziel ? Erhöhter Arbeitslohn. — Was 
schmälert den Lohn ? — Die Kapitalrente. — Wie er- 
höht man den Lohn ? — Indem man die Rente unter- 
drückt. — Wie unterdrückt man sie ? 

Nun wäre es folgerichtig, zu antworten: Indem man 
das Kapital aufteilt. Es ist jedoch wissenschaidiclier za 
sagen: Indem man das Kapital verstaatlicht. 

Die eine Antwort ist so falsch wie die andre. Beide 
verkennen das Gesetz des Kapitals in seiner gegenwärtig 
entscheidenden Hauptfunktion: nämlich als desjenigen 
Organismus, der den Weltstrom der Arbeit nach den 
Stellen des dringendsten Bedarfs lenkt. 

Erinnern wir uns hier des Satzes von der Substitution 
des Grundes: Es ist nicht entscheidend, aus welchen Ur- 
sachen und Bedürfnissen ein Organismus geschaffen 
wurde; entscheidend ist, welchen Notwendigkeiten er 
in Wirklichkeit und Gegenwart dient. 

Angenommen die soziale Revolution sei vollzogen. 
In Chicago sitzt der diesjälirige VV^eltpräsident, der über 
allen Einzelrepubliken thront und mit seinen Organen 
alle internationalen Angelegenheiten ordnet. Er ver- 
fügt in letzter Instanz über das Kapital der Erde. 



80 



Heute liegen seinem Untemelinningsdepartement 
neben 700 000 törichten Anträgen drei ernste vor : Täne 
Bahn durch Tibet, ein Petroleumwerk in Feucrland, 
' eine Bewässerung in Ostafrika. Politisch und technisch 
sind alle drei Plane einwandfrei, wirtschaftlich anschei- 
nend gleich wünschenswert; im Hui blick auf die ver- 
fügbaren Mittel kann indessen nur einer ausgefülut wer- 
den. Aber welcher f 

Nun liegen nach alter Sitte aus kapitalistischer Zdt 
drei geprüfte Rentabüttätsrcchnungen vor: Tibet wurde 
sich mit 5%, Feuerland mit 7%, Ostafrika mit 14';; 
verzinsen. Es hat sich so viel von den Gewohnheiten 
der alten kapitalistischen £poche erhalten, daß das De- 
partement unter Zustimmung des Präsidenten sich für 
die Ausführung der ostafrikanischen Bewässerung ent- 
schließt. 

Nunmehr könnte man freilich die Rentabilitätsrech- 
nungen einstampfen^ Arbeitsmittel im Werte einer 
Milliarde nach Ostafrika beordern und von jeder weiteren 

Verrechnung absehen. Das Errechnen von Erträgen bliebe 
ein altes Schulexempel, lediglich zur Ermittlung des 
Bedürfnisgrades, ohne materielle Folgen. Leider erheben 
sechs Staaten Einspruch. 

Sie erklären: Die Bevorzugung kommt den Einwoh- 
nern von Ostafrika zugute, die durch vermehrte Ein- 
wanderung, Verbesserung der Lebensverhältnisse, des 
Klimas und was sonst noch, allein profitieren; Portugal 
wartet längst auf dieses, Japan auf jenes, nun wird der 
Weltsäckel, zu dessen Füllung alle beigetragen haben, 
zugunsten des einen ausgeschüttet. Die Entscheidung: 
,künftig hat jeder Landstrich für sich selbst zu sorgen* 
kann der Präsident nicht geben, denn fünfzig Jahre lang 
sind aus Mangel an Universalmitteln wichtige Arbeiten 

6 R»th«a«ii» Von kommeaadfln Dingeo 



unterblieben. So bleibt ihm nichts weiter übrig als zu 
erklären: Der Plan wird ausgeführt; doch die ostafri« 
kanische Gesamtwirtschaft hat einen jährlichen Mehr- 
ertrag von soundso viel an den Weltsäckel abzuführen. " 
Die Rente ist auferstanden. 

In einer deutschen Industriestadt soll eine alte Staats- 
fabrik abgerissen werden; sie ist veraltet und unbrauch- 
bar. Ein geschickter Werkmeister erbietet sich, sie mit 
geringen Kosten für einen neuen Zweck herzurichten; 
einen Beweis der Rentabilität kann er nicht bringen^ 
will aber gern das Risiko tragen. Die Provinzialpräfektur 
lehnt das Experiment ab. Die Ortsbehörde will nicht 
verzichten; überdies hat der Antragsteller hundert sil- 
berne Uliren seiner Freunde und fünf Fianinos als Sicher- 
heit angeboten. Man erfährt, daß ungezählte Ortsbe- 
hörden ähnliches getan haben, man überträgt dem Unter- 
nehmer die Arbeit; die Fabrik ist verpachtet; abermals 
ist die Rente hergestellt. 

Niemais wird, abgesehen von Fällen ideeller Begrün- 
dung, die geeignete Verwendung des Kapitals anders 
gesichert sein als durch die Ermittlung der auskömm- 
lichsten Rente; niemals wird das Risiko der Beurteilung 
und die einseitige Kapitalsentziehung anders zu decken 
sein als dadurch, daß diese Rente wirklich erhoben 
wird und nicht bloß auf dem Papier steht. 

Würde heute alles Kapital der Welt verstaatlicht, so 
wäre es morgen an ungezählte Pachter und übermorgen 
an ungezählte Eigentümer aufgeteilt. Die Notwendig- 
keit der Rente ist gegeben durch die Notwendigkeit der 
Selektion der Anlage. Sie ist der Ausdruck des schrei- 
endsten und meistbietenden Anlagebedürfnisses. 

Ilire Unentbehrlichkeit ergibt sich jedoch noch aus 
einer unabhängigeren und umfassenderen Betrachtung. 



^2 



Oberblickt man das ganze Gebiet eines nationalen 
IndustriewesenSy etwa des deutschen, hinsidbitlich seiner 
Kapitalbewegung) so ergibt sich die überraschende Tat- 
sache : Trotz hoher Blüte und Rentabilität zahlt dieser 
gewaltige Komplex in seiner Gesamtheit nichts her^u., 
sondern zieht Mittel ein; die Kapitalerhöhung und 
Schuldenvermehrung übersteigt die Rentenzahlung. Die 
Industrie arbeitet nur am Wachstum ihres eigenen Kör- 
pers; sie gibt nichts her; selbst die andern Wirtschafts- 
gebiete müssen ihre Ersparnisse beisteuern, um sie zu 
erhalten. 

Auf den ersten Blick überraschend, und doch ganz 

einleuchtend: Denn was geschieht mit den Ersparnissen 
der Welt ? Soweit sie nicht Kultureinrichtungen schaf- 
fen, dienen sie den Produktionseinrichtungen; eiserne 
Bestände und goldne Schätze sammeln in mäßigem 
Umfang die Staaten; der Rest geht auf in wirtschaft- 
Hcher Anlage, und mit ihm wachsen die Bestände der 
papiernen Abbilder, der gedruckten Ümlaufsformulare. 
Diese Vermehrung der werbenden Anlagen aber muß 
andauern, solange die Bevölkerungen sich vermehren 
und solange der einzelne an käuflichen Erzeugnissen 
weniger besitzt als er sich wünscht. 

Entsprechend wächst die Weltinvestition. Sie wächst 
um genau soviel jährlich, als nach Deckung des Ver- 
brauchs, des Kultur- und Verteidigungsaufwandes an 
Arbeitseinkommen und Renteneinkommen erspart wird. 
Die Ersparnis am Arbeitseinkommen ist verhältnismäßig 
gering; es ist zweifelhaft, ob sie im Verhältnis zum Ar- 
beitseinkommen wächst, solange der durchschnittliche 
Verbrauchswille ungesättigt ist. Die jährliche Welt- 
investition besteht somit im wesentlichen aus Kapital- 
rente nach Abzug des verzehrenden Verbrauches der 



83 



Kapi[alsbe.sit'/.er. Dieser Verzehr hängt ab von eihei 
Reihe von Faktoren, die mit der Höhe der Gesamtrente 
durchaus nichts zu tun haben: von der Verteilung der 
Rentenabschnitt % von den durchschnittlichen Ansprü- 
chen der Lebensfiih rutig, von sittlichen Werten. Wäre 
alles Weltkapital im Besitze eines einzelnen und ver- 
schwände somit der Verzehr zu minimem Verhältnis, 
so könnte ohne Lebensgefahr der Wirtschaft^ und somit 
tauachlich, die Rente und mit ihr der Durchschnittß- 
Zinssatz der Welt niemals geringer sein, als dem Aufwand 
entspricht, dessen die Weltwirtschaft für Ergänzung und 
Erweiterung ihrer Anlagen bedarf. 

Die Rente ist somit dem Grunde und dem Umfang 
nach bestimmt durch den Bedarf der Weltinvestition; 
sie ist die Zwangsrücklage der Welt zum Zwecke der 
Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaft; sie ist eine Pro- 
dukcionssteuer, die erhoben wird an jedem Punkte der 
Gütererzeugung, und zwar an erster Stelle; sie ist un- 
vermeidlich, auch wenn alle Produktionsmittel in einer 
Hand liegen, gleichviel ob eines einzelnen, eines Staates 
oder einer StaaLcngcmcinschaft; sie läßt sich lediglich 
vermindern um den Verzehr der Kapitalbesitzer, 

Somit hat die Verstaatlichung der Produktionsmittel 
keinen wirtschaftlichen Sinn; umgekehrt bringt die Ver- 
einigung des Kapitals in wenigen H<änden an sich keine 
andere wirtschaftliche Gefahr, als die der Willkür in Ver- 
brauch und Investitionsform; da aber die letztere unter 
dem Bilde der Konkurrenz der Renten sich einwandfrei 
bewährt hat, so hätte die rein wirtschaftliche Sorge 
gerechter Aufteilung sich auf den Verbrauch zu be- 
schränken. Die Rente an sich ist unabweislich zur 
Deckung der jährlichen Weltinvestition; entscheidend 
ist auch nicht die I i^ige, wer sie bezieht — sofem sie 



84 



nur schließlich ihrem lavestitionszweck zugeführt wird 

sondern die Frage, ob und wieweit der Beziehende 

darRecht hat, ihren Ertrag zu Lasten der Gemeinschaft 
für unersprießlichen Aufwand zu verwenden oder für 
Genuß zu vergeuden. Wirtschaftspolitik wird Vcr- 
brauchspoHtik. 

Die gerechte Sorge hat sich indessen weiter zu er- 
strecken; zunächst auf die Machtfrage. Wäre alles Ka- 
pital in den Händen eines vernünftigen Menschen, so 
wäre sein relativer Seibstverbrauch sehr gering; alle er- 
sparte Rente flösse in verständiger Auswahl den Unter- 
nehmungen zu, um ihre Leistung zu steigern, und in- 
sofern wäre dieser Mensch ein nützUcher Verwalter der 
Weltwirtschaft. In einem andern Sinne wäre er es nicht. 
Denn von seiner Gunst hinge alles Menschlich-wirtschaft- 
liche, alles Politische, zuletzt sogar alles Kulturelle ab. 
Auf Semen Wink würde dieser erhöht, jener erniedrigt, 
diese Landschaft bevorzugt, jene verwüstet; an seine 
Abmachungen könnte er jede Gegenleistung binden, die 
Freiheit der Welt wäre zerstört: denn Besitz in seiner 
heutigen Form ist Macht. 

Eine weitere Frage schheßt sich an: die des ungerech- 
ten Anspruchs. Gelänge es auch, durch Beschränkung 
des übermäßigen Verbrauchs die Rente zu verkleinem, 
so wäre noch immer keine Gewähr gegeben, daß der 
Anteil der unteren Stände am Weltbesitz sich erhöhte. 
Monopole, Risikogewinne, Schwindel können sich ein- 
schieben, Rentner und Erben können sich von der Ge- 
meinschaft leistungslos ernähren lassen; ein Drohnen- 
staat entsteht im Staate. 

Scheidet das sozialistische Mittel der Kapitalsverstaat- 
lidiung aus, weil es undurchführbar und wirkungslos ist, 
so eiliebt sich mithin die unlösbar scheinende Antinomie; 



85 



VermÖgensansammlu ng verringert den relativen Ver- 
brauch und somit die Rente, gefährdet jedoch das Macht- 
gleichgewicht; Vermögensaufteilung vermindert die 
Machtansammlung, steigert aber den Verbrauch und 
verfing trt die Leistungsfähigkeit der Rente. Zu beiden 
Alternativen tritt die Gefahr des ungerechten Anspruchs. 

Das Bild eines ähnlichen Zwiespalts bietet uns die 
N«tur der Erde in ihrem großen Werke der Bewässe- 
rung. Ein ausschließliches System gewaltiger Ströme 
würde die VVassermassen verlustlos zusammenhalten, je- 
doch unbändig in der Handhabung, die Flächen ver- 
dorren lassen; ein enges Netz von Quellen und Bächen 
läßt zwar viel versickern und verdunsten, tränkt jedoch 
Wiesen und Grunde und widerstrebt nicht der Lenkung; 
die Natur fügt indessen diesen Systemen ein drittes 
hinzu: Sie hält durch Verdampfu ig die Wassermengen 
in schwebender B cv/eeung; beständig müssen die Vestcn 
und die Behälter der Meere die Atmosphäre mit Strömen 
beladen, die gewaltiger sind als die sichtbaren Ströme 
der Erde und die in unermüdlicher Verteilung den 
tragenden Boden benetzen. 

Hier, wo befruchtende Teilung des Weltbesitzes zur 
Aufgabe gestellt ist, gilt es, die dritte Kraft zu finden, 
die eine neue Beweglichkeit schafft, die senkrecht zu 
der Ebene starrer ZwangsLäufigkeit das Auf- und Nieder- 
steigen der Massen bewirkt, vom Überfluß schöpft und 
dem Mangel zuteilt und in den Kreislauf den Behälter 
des Staates einschaltet, der nicht wie jetzt ein ausge- 
dörrter Boden der Überschuldung, sondern ein leben- 
spendender Grund der Fülle und des Überflusses sein soll. 

Genug der Gleichnisse! Wir wissen, daß nicht eine 
einmalige mechanische Handhabung des Weltvermögens 
die sittliche und gerechte Regelung des Besitzwesens her- 

86 



« 



beiführt; wir werden unsre Vorstellungen vom Eigen- 
tum, vom Verbrauch und vom Anspruch zu prüfen haben, 

um zu erkennen, welch bleibendes Recht, welch uber- 
altetes Erbe von Schuld und Irrtum in diesen Begriffen 
ruht, und um zu ermessen, welchen Weg die vernünftige 
und unbeirrbare Realität einschlagen wird, um uns auch 
auf der Bahn des Materiellen dem Ziele zu nihern, das 
diesseits Sittlichkeit, jenseits Seele genannt wird. 

Eigentum, Verbrauch und Anspruch sind nicht Privat- 
sache« 

Solange die Welt weit war und die Besiedlung spär- 
lich, die Wirtschaftsgebiete getrennt und jedes in sich 
geschlossen, konnte Jeder der Natur abgewinnen, was 
er wollte, an pflanzlicher, tierischer, menschlicher Beute; 
nach Belieben sie verwenden, tauschen, dienstbar ma- 
chen, vernichten. Heute ist die Erde ein dicht besie- 
delter, kunstvoll gegliederter Bau, von zahllosen sicht- 
baren und unsichtbaren Adern, Nerven, Scheidewänden 
und Behältnissen durchsetzt, von zahllosen lebenden und 
leblosen Kräften gepflegt, geschützt, bewacht, geordnet; 
jeder Schritt bedingt Rechte, fordert Pflichten, macht 
Kosten, bringt Gefahren, berührt fremde Rechte, frem- 
des Eigentum, fremde Lebenssphäre. Jeder bedarf des 
gemeinsamen Schutzes, der gemeinsamen Einrichtungen, 
die er nicht geschaffen, des Korns, das er nicht gesät, 
des Leinens, das er nicht gesponnen hat. Das Dach, unter 
dem er schläft, die Straße, die er betritt, das Werkzeug, 
das er hebt, dies alles ist von der Gesamtheit geschaffen, 
und er hat nur den Teil daran, den Übereinkunft und 
Herkommen ihm zu W eis L. Selbst die Luft, die er atmet, 
ist nicht frei; sie ist geschützt und reingehalten von Aus- 
dünstungen und Dämpfen, von Krankheitskeimen und 
Giften. 



87 



überblickt man diese Unendlichkeit der Bindung, der 
Verscbuldung und Verpflichtung, so bleibt kaum be- 
greiflich das Maß der wirtschaftlichen Freiheit, das dem 
Einzelnen belassen wird. Er kann für die Gemeinschaft, 
der er alles schuldet, arbeiten soviel oder sowenig er 
will, er kann diese Arbeit frei wählen, so nützlich oder 
überflüssig sie sein mag, er kann das, was als Eigentum 
ihm zugestanden ist, mißbrauchen, verderben, vernich- 
ten; er kann von der Gemeinschaft die Garantie seines 
Besitzes, ja selbst die Fürsorge für die Maßnahmen seines 
erstorbenen Willens verlangen. 

Eine kommende Zeit wird schwer begreifen, daß der 
Wille eines Toten die Lebenden band; daß ein Mensch 
befugt war, Meilen irdischen Landes abzusperren; daß 
er ohne staatliche Genehmigung Äcker brachlegen. Bau- 
ten vernichten oder aufführen, Landschaften, verstüm- 
meln, Kunstwerke beseitigen q^er schänden konnte, daß 
er sich berechtigt hielt, jeden beliebigen Teil des Ge- 
samtvermdgens durch geeignete Geschäfte an sich zu 
bringen und, sofern er einige Abgaben zahlte, nach Gut- 
dünken zu verwenden, jegliche Zaiü von Menschen zu 
beliebiger Arbeitsleistung in seine Dienste zu nehmen, 
sofern seine Kontrakte nicht widergesetzliche Bestim- 
mungen enthielten, jegliche Geschäftsform zu prakti- 
zieren, sofern sie nicht staatliches Monopol oder im 
Gesetzbuch als Schwindel erklärt war, jeden noch so 
unsinnigen Aufwand zum Schaden des Gesamtvermögens 
zu treiben» solange er im zahlenmäßigen Verhältnis zu 
seinen Mitteln blieb. 

In den letzten Jahrzehnten haben wir erlebt, wie das 
Bürgertum alle Fragen jenseits einer emsigen Indivi- 
dualwirtschaft als brotlose Kunst und politische Spie- 
lerei auffaßte, solange nicht ein gewinn- oder verlust- 



88 



bringendes Wirtschaf tsgesetx zur Erörterung stand. 
Jetzt, beim Beginn des zweiten Kriegs] ahres, dämmert 
die Erkenntnis, daß alles Wirtschaftsleben auf dem Ur- 
grund des Staates ruht, daß Staatspolitik der Geschäft- 
lichkeit vorangeht, daß Jeder, was er besitzt und kann, 
Allen schuldet. 

Zu lange hat im Wirtschaftlichen der Zustand ge- 
dauert, daß individuelle Betriebsamkeit, von dem ratio- 
nalistischen Gedanken des eigenen Rechts und der Un- 
beschrankbarkeit geleitet, schrittweise und mürrisch im 
Gefühl erhttenen Unrechts den Forderungen der Ge- 
meinschaft wich, so wie man einem aufdringlichen, 
eigentlich unbefugten Petenten nachgibt. Die Gemein- 
schaft hat sich zu fragen, welche Ansprüche sie im Namen 
höheren Kechts zu stellen hat, und der Wirtschaft ge- 
bührt, was übrigbleibt und was zur Erhaltung des 
Mechanismus und zur würdigen Lebensgestaltung seiner 
Au&eher unentbehrlich ist. 

Nach dieser Befugnisprüfung wollen wir im Auge be- 
halten, daß die Regelung des Verbrauchs den einzigen 
Speicher erschheßt, aus dem die Fülle des verfügbaren 
Wirtschaftsmaterials absichtsvoll gemehrt werden kann; 
denn die natürliche Steigerung der erzeugten und er- 
zeugbaren Gütermengen unterliegt nicht, wie manche 
glauben, dem Willen; sie ist jederzeit begrenzt durch 
den jeweiligen Bestand der geschaffenen Arbeitsmittel 
und Arbeitskräfte, 

Zu Beginn unsrer Wirtschaftsepoche galt der Satz: 
Luxus nützt, denn er bringt Geld unter die Leute. 

Das stimmt zur Not für eine beginnende Gewerbe- 
tätigkeit, die mit äußeren Mitteln angefacht werden muß. 
Durchi»-ebildetes Wirtschaftsleben beruht auf planvollem 
Zusammenhalten aller Kräfte, und mit Recht tragen die 



89 



Bezeichnungen der Ökonomie und des Haushalts den 

Beigeschmack sparsamer Abwägung. 

Wenn ein Römer iünfhundert Sklaven aussandte, um 
einen seltenen Fisch zu fangen, wenn die Ägypterin ihre 
Perlen in Wein löste, so mochten sie eine Vorstellung 
von berechtigtem Aufwand hegen, denn die Sklaven 
waren während ihre« Arbeitstages ernährt, die Perlen- 
fischer für Jahre der Gefahr entschädigt. Unsre Vor- 
stellung muß eine andre sein. Arbeitstage und -jähre, 
vergeudet für den Endzweck eines kurzen Glanzes oder 
Genusses, sind unersetzÜch. Sie sind der begrenzten 
Arbeitsmenge der Welt entnommen, ihr Ergebnis ist 
dem kargen Ertrage des Planeten entzogen. An der 
Arbeit, die in uiLhiditbarer Verkettung Alle leisten, sind 
Alle berechtigt. 

Die Arbeitsjahre, die der Herstellung einer kostbaren 
Nadelarbeit, eines gewobenen Schaustücks dienen, sind 
unwiderruflich der IkkleiJung der Ärmsten entzogen, 
die sechsfach geschorenen Rasenflächen eines Parks hätten 
mit geringerem Aufwand Korn getragen, die Dampf- 
jacht mit Kapitän und Mannschaft, Kohlen und Pro- 
viant ist dem nutzbringenden Weltverkehr auf Lebens- 
zeit entzogen. 

Wirtschaftlich betrachtet ist die Welt, in höherem 
Maße die Nation, eine Vereinigung Schaffender; wer 

Arbeit, Arbeitszeit oder Arbeitsmittel vergeudet, be- 
raubt die Gemeinschaft. Verbrauch ist nicht Privat- 
sache, sondern Sache der Gemeinschaft, Sache des Staa- 
tes, der Sittlichkeit und Menschheit. 

Hier entsteht eine Antinomie. iVlIes was erzeugt wird, 
vergeht, vergeht durch Verbrauch. Bestenfalls hat es 
zur Erzeugung neuer Dinge gedient, die wiederum durch 
Verbrauch vergehen. Wird nun jedes Gut für den Ver- 

90 



brauch erzeugt und dient jeder Verbrauch der Lebens- 

erlialtung und Lebeiissteigerung, warum dann den einen 
Verbrauch als berechtigt, den andern als schädlich hin- 
stellen; wenn alles den gleichen Weg nimmt, so bleibt 
schließlich nur die Frage der Reihenfolge. 

Die Reihenfolge ist es tatsächlich, und zwar die Reihen- 
folge des Bedarfs, die den Fluß der Begriffe vom not- 
wendigen Verbrauch bis zum frivolen Luxus ordnet* 
Luxuriös ist jeder Verbrauch, solange ein ursprüngliches 
Bedürfnis unbefriedigt bleiben muß, das an seiner Statt 
hätte gestillt werden können. 

Ein Lehrbuch des Luxus soll hier nicht gegeben wer- 
den, noch eine Kasuistik; daß auch der Begriff des ele- 
mentaren und noLwendi gpri Bcaurfnisses ein fließender 
ist, wird nicht bestritten und bleibt ohne Belang. Nie- 
mand wird eine mechanisch rechnerische Abfertigung 
des Begriffs verlangen; wenn eine Provinz hungert, so 
muß mciit unbedingt der Extrazug als Verschwendung 
gelten, der den verantwortlichen Staatsmann in die 
Mitte der Notleidenden führt; verschwenderisch ist 
nicht die notwendige Ausschaltung dee Geistarbeiters 
aus täglichen Reibungen und Störungen, selbst wenn 
diese Absonderung mit Gemeinschaftsopfern an Raum 
und Arbeit erkauft wird. Wo Iii aber ist luxuriös, was etwa 
eine gedankenlose Menge als Feste der Wohltätigkeit be- 
zeichnet; genußsüchtige Aufwendung, die den Namen der 
Nächstenliebe mißbraucht und mit kalter Barmherzigkeit 
ihren Opfern den Wert geleerter Sektflaschen gutschreibt. 

Unsrer Betrachtung genügt es, daß eine Reihenfolge 
der Bedürfnisse gesundem Ermessen faßbar ist; und so- 
mit löst sich die Antinomie des Verbrauchs. 

Betrachtet man vom Stande dieser Reihenfolge die 
Produktion der Welt^ so zeigt ein furchtbares Erschrecken 

91 



uns den Irrsinn der Wirtschaft. Uberflüssiges, Nichtige«, 
Schädliches, Verächtliches wird in unseren Magazinen ge- 
häuft^ unnützer Modetand^ der wenige Tage lang falschen 
Glanz spenden soU, Mittel für Rausch, Reiz und Be- 
täubung, widerliche Duftstoffe, haltlose und mißver- 
standene NachaKmungen künstlerischer und kunstge- 
werblicher Vorbilder, Gerätschaften, die nicht dem 
Gebrauch, sondern der Blendung dienen, Albern- 
heiten, die als Scheidemünze eines erzwungenen Ge- 
schenkvcrkehrs umlaufen; alle diese Nichtsnutzigkeiten 
füllen Läden und Speicher in vierteljährlicher Erneue- 
rung. Ihre Herstellung, ihr Transport und Verschleiß 
erfordert die Arbeit von Millionen Händen, fordert Roh- 
stoffe, Kohlen, Maschinen, Fabrikanlagen und hält an- 
näliernd den dritten Teil der Wekindustrie und des 
W'VIthandels in Atem. Wer im Wirtsliaus die unver- 
gleichliche Höhe unsrer Kulturepoche gepriesen hat, 
der möge auf dem Heimwege in die Straßeixladen blicken 
und sich davon überzeugen, daß unsre Kultur seltsame 
Begeiulichkeiten pflegt; wer eine Rasenfläche von dem 
läppischen Humor tönerner Gnomen, Hasen und Pilze 
geschändet sieht, der möge sich bei diesem Sinnbilde 
der mißleiteten Wirtschaft unsrer Zeit erinnern. Würde 
die Hälfte der verschwendeten Weltarbeit in fügliche 
Bahnen gewiesen, so^wäre jeder Arme der zivilisierten 
Länder ernährt, bekleidet und behaust. 

Von der unsäglichen Schuld am wirtschaftlichen Miß- 
brauch und von dem Anteil, der leider unsre Frauen 
trilit, ist später zu reden. Hier sei bedacht, daß aus 
der ersparten Vergeudung unsres Zeitalters die Zukunft 
Mittel schöpfen kann und wird, um gerechten Wohl- 
stand über Alle zu breiten. Uns steht die Aufgabe zu, 
den Mißstand zu erkennen und Abhilfe zu suchen, in 



92 



dem Bewußtsein, daß Güterverbrauch nicht Privatsache 
ist, daß dieser Verbrauch aus Vorräten an Kräften und 
Stoffen geschöpft wird, die in begrenztem Maße zu- 
strömen und für die wir Verantwortung tragen. 

Deshalb sind auch die Methoden der Gewinnung und 
Verarbeitung nicht Einzelsache, sondern von öffent- 
lichem Interesse. Der Wohlstand unsrerZeit im groiien 
betrachtet, gleichviel ob er aus Produktion oder Ver- 
kehr zu stammen scheint, wurzelt letzten Endes in dem 
edelsten Stofi unsres Planeten, der Kolüe. Was Jahr- 
kunderttausende an köstlicher Vegetation getragen, zu 
Balsam und Essenzen vielfältiger Zusammensetzung ver- 
dichtet und im Schoß der Erde aufgespart haben, reißt 
unser Geschlecht aus ihren Flanken zum unedlen Dienst 
wahlloser Verbrennung. Es wäre verdient, wenn dies 
Wirtschaftsalter dereinst nach dem Kohlenraubbau be- 
nannt würde, aus dem es seine Schlitze gezogen hat. 
Zu spät haben wir den Wert dieses wahren Steins der 
Weisen erkannt und beginnen ihn zu schonen. Sache 
der Gesetzgebung ist es, sorgfältige Sonderung der fos- 
silen Substanz durch Destillation und Abspaltung zu 
verlangen und nur die wertloseren Abgänge zur kalori- 
schen Kraftc^ewiMuung zuzulassen; Sache der Gesetz- 
gebung ist es ferner, der Kraftvergeudung aus mangel- 
hafter Einrichtung und übler Sparsamkeit und der 
Arbeitsverschwendung zu begegnen. Würde Kohle ge- 
ehrt wie Korn und Brot, so wäre schon heute die Sorge 
der Gestehungskosten und mit ihr der Kampf um die 
Bergwerkslöhne behoben. So wie man Wirtschaftsauf- 
sichten eingesetzt hat, um den Geboten der Sicherheit 
und Wohlfahrt Nachdruck zu geben, so bedarf es des 
gesetzlichen Schutzes der Wirtscliaftsgüter gegen un- 
wissende und raubbaueude Vergeudung. 



93 



Daß die rechnende Betrachtung des Verbrauchs den 
eigentlichen Kulturaufwand der Nationen nicht umfaßt, 
bedarf keiner Erklärung; doch ziemt es, diesen Aufwand 
aus tlem Verbrauchsbegriffe so klar herauszuheben, daß 

entgegengesetzte Schlüsse sich an die Erörterung knüpfen 
lassen. 

Wir haben die Reihenfolge der Bedürfnisse aufgestellt, 
um die Relativität des Luxus als Richtungsgröße her- 
vortreten zu lassen: doch haben wir die Frage vermie- 
den, wohin am Ende aller Verbrauch führt und wozu 
er dient. Glaubten wir, daß die Erhaltung und Wieder- 
erzeugung des Lebens den Sinn der Weltarbeit und 
ihres Güterstromes erschöpfte, so wären Mitleid und 
Genußsucht die dürftigen Kiaite, die unüberzeugt und 
leidenschaftslos unserm Willen die Richtung ins Künf- 
tige wiesen. Unser glaubiger und heißer Wille zur Voll- 
endung setzt voraus und beweist das Emporsteigen ab- 
soluter Werte; indem wir das Wachstum der Seelen er- 
schauen und verkünden, bereiten wir seinen Weg durch 
den Aufbau der Mittelwclt, d^e auf Materie ruht und 
im Erhabenen gipfelt. Diese Welt ist bleibend; was 
die Menschheit an Werken der Liebe, der Kunst, des 
Glaubens und Denkens erahnt und erlebt hat, bleibt 
unverloren; der Jakobstraum verwirkücht sich als ewiges 
Werk der Menschheitssendung. 

Der Sinn aller Erdenwirtschaft ist die Erzeugung 
idealer Werte. Deshalb ist das Opfer materieller Güter, 
das sie erfordern, nicht Verbrauchsaufwand, sondern 
endgültige Erfüllung der Bestimmung. Deshalb scheiden 
alle echten Werte der Kultur aus der ökonomischen Er- 
wägung; sie sind inkommensurabel mit Gut und Leben; 
sie sind wertfrei, nieniaiä zu teuer erkauft, es sei denn 
im Tausche gegen höhere IdeaÜtiiten, sie sind nicht 



94 



Mittel und Rechnungsgrößen, sondern Wesenheiten aus 
eigenem Recht. 

Die Umkehrung der Frage aber lautet und wird mit 
der Besitzverteilung zn erörtern sein: Wie kann der Zu- 
strom irdischen Gutes zu den Opferstellen, wo Mate- 
rielles sich zum Geistigen verflüchtigt, gesteigert werden. 

Wir berühren hier ein Gebiet, das eigenem Zusam- 
menhange aufgespart werden soll: Die Umstellung des 
ethischen Empfindens, die der neuen Anschauung der 
Wirtschaft voran und zur Seite schreitet. Schon hier 
wird der Dreiklang vernehmbar: Wirtschaft ist nicht 
Privatsache, sondern Gemeinschaftssache, nicht Selbst- 
zweck, sondern Mittel zum Absoluten, nicht Anspruch, 
sondern Verantwortung. 

Die mechanischen Mittel, die Maßnahmen und Ge- 
setze zu erörtern, die zur Verwirklichung der Grund- 
gedanken in einem bestimmten Lande, also weitaus in 
erster Linie in Deutschland führen, wird nur da die 
Aufgabe dieser Schrift sein dürfen, wo es sich um neu- 
artige Begriffe handelt, die in der Luft zu schweben 
scheinen, wenn nicht ihr Zusammenhang mit dem Be- 
stehenden und Menschlichen, also ihre Realität kon- 
struktiv bewiesen wird. Wir behalten die Aufgabe im 
Smn, Ziele zu setzen; und wie etwa der Architekt die 
Lehre vom Gewölbebau und ihren Wert darzulegen ver- 
mag und dennoch sich versagt, Bauzeichnung zu fertigen, 
bevor Größe und Lage, Umgebung und Baumittel ge- 
geben vorliegen, so haben wir uns auf den Hinweis zu 
beschränken, daß erkannte und vereinbarte Ziele auf 
unendlich vielen, der Praxis hinlänglich bekannten Wegen 
erreichbar sind, deren Auswahl den Zeitumständen und 
den mechanischen Gegebenheiten überlassen werden 
kann. Hier jedoch handelt es sich darum, einen ver- 



95 



kannten Baustoff dem Schutt des Vorurteils zu cnt- 
leiBeji und grundsätzlich füi die Errichtung künftiger 
Wirtschaftsstnikturen zu sichem: Auf den Begriff der 
Luxusgesetzgebung haben vni den Blick zu richten. 

Der Auf Wandsbesteuerung und den LuxuszöUen haftet 
die gemeinplätzliche Marke an, daß ihre Erträge ent- 
täuschen, weil sie denVerbrauch einschränken. So schei- 
nen de wirkungslos, wenn man sie von der finanziellen 
Seite betrachtet und somit die Nebenwirkung als Haupt-^ 
Sache, die Haupt wirkupg als schädliche Nebensache faßt. 
Kehrt man die Frage um, so daß die Aufgabe der Ein- 
schränkungunnützen Verbrauchs gestellt wird, so ist die 
Antwort der Wirksamkeit bereits gegeben. Bedenkt man, 
daß jede eingeführte Perlenschnur dem Meliorationsauf- 
wand eines Gutsbesitzes entspricht oder uns für den 
Ertrag eines reichen Bauernhofes dem Ausland zinsbar 
macht, daß jedes Tausend aus Frankreich bezogener 
Champagnerflaschen die Kosten der Ausbildung eines Ge- 
lehrten oder TeduuKcis verschlingt, daß der Aufwand uns- 
rer Einfuhr an Seide, Putzfedern, Duftstoffen und aller- 
hand Kram ausreichen würde, um alle Not und Entbeh* 
rung im Lande zu stillen, daß unser spezifischer Mehr- 
verbrauch an Spirituosen im Vergleiche mit Amerika den 
Lasten unsrer Kriegsanleihen gleichkommt: Bedenkt man 
dies und hundert Beispiele ähnlicher Art, so wird es 
schwer zu begreifen, daß die Gesellschaft jede Vergeudung 
natlo rillen Gutes sich gefallen läßt, ohne durch das 
legitime Mittel der Steuern und Zölle entscheidend 
einzugreifen. Noch immer spukt die Vorstellung, Luxus 
bringe Geld unter die Leute, Verbrauch sei Privat- 
sache, Menschen würden arbeitslos, wenn man sie 
aus zerstörenden Berufen in schaffende Berufe hinüber- 
führt. 



96 



Man hält die Besteuerung der Einkommen bei uns 
für etwas Selbstverständliches, man ist geneigt, sie mit 
einer leichten sittlichen Empfindung zu verbinden, 
etwa dahingehend, daß, wer viel bekomme, auch 
leicht etwas abgeben köime. In diesem Sinne folgert 
man naturgemäß weiter, daß, was einer erspare, ihm 
als behäbige Vermögensvermehrung zuwachse und 
daß auch von diesem Zuwach-? eine Kleinigkeit ab- 
zutragen sei. Was aber einer verbraucht, das bleibt 
unangetastet. 

Diese Rentenbürgerauffassung betrachtet den An- 
spruch der Gemsinschaft als eine unliebe Kostgängerei, 
die man mit geringem Aufwände abfindet. Freilich ist 
das Einkommen steuerpflichtig, freilich ist es die Er- 
sparnis; am schuldigsten aber ist der Verbrauch, und 
zwar sollte er so besteuert werden, daß oberhalb eines 
auskömmlichen Mindestsatzes auf jeden Kopf berechnet, 
für jede Mark weiteren Verzehrs zum mindesten eine 
Mark dem Staate gebührt. 

Der leichte Einwand, daß hierdurch die Ersparnis 
entlastet, die Neigung der Vermögen zu Wachstum und 
Ungleichheit gefördert werde, wird sich aus dem be- 
antworten, was über das Schicksal der Privatvermögen 
zu künden sein wird. Es gibt andre Möglichkeiten ge- 
nug, und wirksamere, um der wachsenden Ungleichheit 
vorzubeugen; die Besteuerung der Ersparnis ist über- 
dies niemals erfolgt, um die Ersparnis zu mindern, son- 
dern um die Besteuerung weniger fühlbar zu machen; 
während wir davon ausgehen, daß die Besteuerung so 
fühlbar sein kann, wie sie will, wenn sie nur mit Ent- 
schiedenheit auf Minderung hinwirkt, auf Minderung 
dessen, was den Gemeinschaftsbesitz am schwersten 
schadigt, des ungeziemenden Verbrauchs. 



)p Rftihfnau, Von kommendto Diaisut 



97 



Aus diesen Vorklingen wird mancher schließen, daß 
ein sinnenfremder Puritanismus angepriesen werden soll/ 

der ausschließlich auf emsige Arbeit, kräftige Nahruag, 
handfestes Kleid und Gerät und bestenfalls auf tüchtige 
Mittelerziehung und ausgebreitete Kirchlichkeit hinaus 
will. Das Bekenntnis^ daß alles innere Leben dem Wachs- 
tum der Seele, alles äußere Leben der Steigerung idealer 
Güter geweiht ist, steht dieser Sorge entgegen; es mag 
immerhin schon jetzt angedeutet sein, daß die bunte 
Hülle des materiellen Übermuts, des Luxus, der Pracht 
und Repräsentation, die Hülle, die heute unserm ge- 
schwächten Auge zuviel von der wahrhaftigen Herrlich- 
keit der Welt verbirgt, der künftigen Ordnung nicht 
vorenthalten sein muß. Überall da, wo die Gemein- 
schaft selbst als Wirtin auftritt, mag sie zum Zeichen 
ihrer Freiheit und Liberalität sich mit Dingen des 
Glanzes umgeben, nicht karger als im Banne der Herzen 
von Rom und Athen, Venedig und Augsburg, Versailles 
und Potsdam. Anders wird man denken über die Raffi- 
niertheit der Absperrung, über die Unersättlich I cii , die 
hinter Gittern und Vorhängen, Scheiben und Flügel- 
türen in Polstern und Schätzen wühlt. Bis zum Miß- 
brauch ist unsre Zeit mit dem Begriff der Pracht ver- 
traut, den Begriff der Vornehmheit scheint sie zu ver- 
lieren. Pracht und Repräsentation wirkt auf eine ferne, 
zur starren Bewunderung verdammte Menge und ent- 
fremdet; Vornehmheit drückt inneren Adel in stiller 
Zurückhaltung aus, sie besteht im Verzicht; indem sie 
sanft zurückzuweichen scheint, zieht sie nach und empor. 
Sparta und das alte Preußen waren vornehm, Pans und 
das späte Rom zeigen die untrennbare Einheit von Prunk 
und f*öbeltum. Die unterschätzte Knnstepoche der 
preußischen Wiedergeburt vor hundert Jahren sei uns 



98 



ein Vorbild, wie nicht aus Nachbildung des Prunkhaften, 
sondern aus stiller Vertiefung iix die bescheidenste Auf- 
gabe Schönheit entsteht. 

Wir haben die gewaltige Bedeutung des Verbrauchs 
und seiner Regelung für das künftige Wirtschaftsleben 
umrissen und zugleich eine veränderte ethische und öko- 
nomische Auffassung und deren Ausstrahlung in den 
gesetzlichen Aufbau des Staates als Forderung hinge- 
stellt. 

Indem wir zur Frage der Besitzverteilung schreiten, 
haben wir von neuem auszuholen und die Richtung der 
Gestirne zu suchen; denn die Orientierung des Ver- 
brauchsproblems verläßt uns. Wir haben gesehen, daß 
äußerste Ungleichheit der Vermögen der Berich- 
tigung des Verbrauchs eher förderlich als schädlich 
ist ; wäre alles Vermögen der Welt in einer Hand und 
einigermaßen verständig verwaltet, so wäre die Ver- 
bilHgung der Verbrauchsgüter so bedeutend, daß bei 
gleichbleibendem Verhältnis der Löhne und Gehälter 
zum Umsatz der Verbrauchsanteil des Einzelnen einer 
bürgerlichen Lebenshaltung genügte. Höher läßt er 
sich in unserm Zeitalter durchaus nicht steigern, und 
diejenigen Theoretiker irren, die von irgendwelchen 
sozialpolitischen Maßnahmen eine plötzliche Vermeh- 
rung und Verbüiigung der Produktion in bedeutendem 
Umfang erwarten; denn die Menge der jeweils erzeugten 
Güter ist durch den jeweiligen Vorrat an Produktions- 
mitteln eindeutig bestimmt, ein rapider Zuwachs der 
Produktionsmittel wäre nur durdh zeitweilige gewalt- 
same Einschränkung des Verbrauchs erzwingbar. Das, 
was die Welt in jedem Jahre zu verzehren und zu ver- 
brauchen hat, steht also fest; die Wirkung läßt sich, 
wie wir gesehen haben, nur dadurch verbessern, daß 



99 



durch Umstellung der Produktion törichter Verzehr in 
nützlichen Verbrauch verwandelt wird. Mag hierdurch 
die Summe der nütriichen Gütererzeugung sich um ein 
Dritteil erhöhen, so ergibt die aufteilende Berechnung 
für zivilisierte Länder den Durchschnitt einer bürger- 
lichen Lebensführung, die sich in unserm Gelde mit 
einem }ahresaufwande von etwa jooo Mark für eine 
Familie bezeichnen läßt« 

Versagt die Verbrauchstheorie als Richtlinie für die Be- 
sitzverteiiuiig, indem hier gleichsam der Punkt o : o durch- 
schritten wird, so scheint auch die Forderung der Proleta- 
riatsbefreiung gegenüber der Frage der Besitzverteilung 
sich indifferent zu verhalten, so paradox dies klingen mag. 
Denn das Verhältnis des Proletariats ist, soweit es sich in 
Wirtschaftsbeziehungen ausdrückt, nicht sowohl eine 
Sache des Besitzes wie des Verbrauchsanspruchs. Auch hier 
den äußersten Fall der Ungleichheit gesetzt: daß ein 
einzelner das ganze Weitvermögen besäße — und dieser 
Fall ist nur sittlich, nicht wirtschaftlich verschieden von 
dem Grenzfall der Utopie, wo dieser einzelne ,Staat' 
heißt — , in diesem angenommenen Falle brauchte dem 
Weltbesitzer durchaus kein Proletariat gegenüberzu- 
stehen. Seine Angestellten freilich wären wir alle, doch 
von unserm Gemeingefühl und Vorgehen hinge es ab, 
welche Aufteilung der jährlich erzeugten Gütermenge 
wir durchsetzten. Immer vorausgesetzt, daß der Be- 
sitzer die Weltproduktion verständig lenkt, so stehen ihm 
nicht mehr als fünf Verwendungsarten frei: Einen Teil 
muß er uns, seinen Arbeitern und Beauftragten, über- 
lassen und aufteilen; einen zweiten Teil muß er zur 
Erneuerung und Verstärkung seines Produktionsappa- 
rates und andern der Gesamtheit dienenden Einrich- 
tungen vorbehalten; einen dritten Teil kann er auf- 



100 



sparen, ao etwa Lebensmittel» um künftigen Knappheiten 

vor7ubeugen; einen vierten Teil kann er selbst verbrau- 
chen und einen fünften Teil willküilich vernichten, so- 
fern er ein böser Narr ist; eine sechste Verwendung ist 
nicht gegeben. Da der vierte und fünfte Fall vernach- 
lässigt werden kann, der dritte nicht v^esentlich ist, so 
werden wir mit unseim Brotherrn nur über die Tei- 
lung zwischen eins und zwei zu verhandeln haben. £r 
wird anführen, daß die Sorge für die Zukunft eine grö- 
ßere Aufwendung für werbende Zwecke fordere, wir 
werden einwenden, daß auch wir leben wollen und die 
Nachkommen für sich selber sorgen mögen. Und wohl- 
gemerkt: Diese Verhandlung wird in gleichem Sinne 
verlaufen, gleichviel ob der Besitzer Rockefeiler heißt 
oder sozialer Universalstaat. 

Die Einigung erfolgt; der Investitionsanteil ist fest- 
gesetzt — er wird mindestens soviel, vermutlich mehr 
ausmachen als bd der heutigen Wirtschaft — , und es 
kann dem Arbeitgeber ziemlich gleichgültig sein, wie wir 
den Verbrauchsanteil unter uns aufteilen, sofern keine 
Unzufriedenheit und Arbeitsunlust entsteht. Wiederum 
wird, wenn wir das heutige Froduktionsmaß zugrunde 
legen, ein dLu\,iischnittliclier Jahresaufwand im heutigen 
Gegenwert von 3000 Mark ermöglicht. 

Sind wir nun Proletarier? Durchaus nicht. Für Bil- 
dung und Unterhalt unserer Nachkommen ist gesorgt; 
niemand auf der Welt, mit Ausnahme des Einen — der 
ja auch die Staatsgewalt sein kann — hat größeres Recht 
als wir; der gesamte verbrauchsgerechte Teil der Welt- 
erzeugnisse steht zu unsrer Verfügung; die Aufteilung 
haben wir selbst vorgenommen. 

Seltsamer Widersinn: Die Hohe des Einzelbesitzes 
zum Gipfel getrieben, hebt das proletarische Verhältnis 

101 



auf I Nun liegt es sicherlich nahe, den Schluß von einem 

, Universalbesitzer auf zwei, von zweien auf zehn, hun- 
dert, tausend zu machen und nachzuweisen, daß die 
Besitzverteilung ohne jeden Einfluß auf die Froletariats- 
gestaltung ist, weil eben diese, im wirtschaftlichen Sinne 

gefaßt, auf dem Verbrauchsrecht mehr als auf dem Ver- 
mögen steht. 

Die Folgerung wäre übereilt, denn sie läßt zwei Dinge 
außer acht : den ständischen Charakter des proletarischen 

Zustandes und den Machtcharakter des Vermögens, Die 
Macht eines Weltbesitzers wäre gewaltig, doch träte sie 
außer in seiner unmittelbaren Nähe niemals voll ans 
Licht, am wenigsten dann, wenn eine organisierte Ein- 
holt ihm gegenüberstände. Seine Privatinteressen wären 
dieser Einheit gegenüber kaum schädlicher als die ge^ 
wohnlichen Hausinteressen eines verständigen Dynasten, 
der sich von Klassenbegünstigung fernhält; im wesent- 
hchen wäre er bedacht auf Erhaltung seines Machtver- 
hältnisses und Festigung des Erbganges. Ist beides ge- 
sichert, so hat er kein weiteres Interesse, seinen Arbeitern 
Bildung, Rechte und Verantwortungen vorzuenthalten. 

Eine Mehrzahl von Besitzern dagegen vereinigt sich, 
zumal wenn Erblichkeit ihres Rechts gegeben ist, zur 
Klasse. Äußer auf Sicherung sind sie auf Zuwachs be- 
dacht; mögen sie untereinander kämpfen: der Haupt- 
gegner bleibt der Unterworfene, und um so mehr, wenn 
dieser nicht grundsätzlich vom Besitz ausgeschlossen 
ist, sondern erwerben kann oder gar bereits besitzt. Das 
dringende Interesse entsteht, den Enterbten machtlos 
zu halten, die Machtmittel der Bildung, der Organi- 
sation und des Besitzes ihm zu verschüeßen, ihm Rechte 
und Verantwortung nur soweit zu gewähren, als die Er- 
haltung des notdürftigen Gleichgewichts jeweils erfordert. 



102 



Die Frage der Bcsitzverteilung gewinnt an Bedeutung. 

Obgleich die Ungleichförmigkeit der Verteilung die ge- 
rechtere Formung des Verbrauchs begünstigt, steigen 
zwei Begleiterinnen empor, die zum Schaden entschei- 
den; die eine, untrennbar mit dem Besitz verbunden 
und im künftigen Verlaufe je mehr in den Vordergrund 
tretend: die Macht; die andre, durch lange Überlie- 
ferung, jedoch vielleicht nicht für immer ihr anhaftend: 
die Erblichkeit. Vereinigt bilden sie die Macht der Klasse. 

Haben wir diesen Zusammenhang erkannt, so werden 
wir niemals mehr für das freie Spiel der Kräfte, weder 
hinsichtlich der Ansammlung noch der Verteilung der 
privaten Vermögen, eintreten können. 

Wn haben den Begriff der bildenden Erziehung ge- 
streift und bemerkt, wie eine herrschende Klasse diese 
schicksalbestimmende Woiiltat ihren Unterworfenen 
mißgönnen muß. Unsre Zeit, die im Umfassenden 
nicht nachzudeiiken wagt, weil sie das Wissen über- 
schätzt und deshalb das Gestalten verlernt hat, verfügt 
über den BUck des Praktikers für naheliegende Uneben- 
heiten. Sie kann nicht verkennen und ist müde zu be- 
mänteln, daß an jedem Staatsbürger, dem von seiner 
Kindheit an die Bildungsmittel der Epoche vorent- 
halten werden, ein Raub geschieht ; ein Raub am Men- 
schen und ein Betrug am Staat. Unsre Zeit, um leichte 
Antworten nicht verlegen, hat sich entschlossen, einige 
Stimmen aufzurufen, die für die Gleichmäßigkeit der 
Erziehung, allgemeinen und gleichen Unterricht ein- 
treten. 

So wohlgemeint diese Absicht, so bedingt ist ihre Er- 
füllung. Auch wenn die Erfahrung schwiege, die in be- 
nachbarten Ländern seit Jahren sich darbietet, so müßten 
wir mutmaßen, daß diese unvermittelte jugendliche An- 

103 



näkerung der Stände den bürgerlichen Aristokratismus 
der Bildungsüberlegenkeit nicht mildert, sondern schärft. 
Aus Mietspalästen und Vorstadthausem werden die 
kleinen Klassenfeinde herbeigeholt und als Ellassennach* 
barn untergebracht. Die einen gepflegt und standes- 
bcmißt, an wohlgesetzte Gespräche Erwachsener ge- 
wöhnt, von leidlichen Manieren, leichtem Ausdruck, im 
Besitz der zarten Bildungsansätze, die aus einer Um- 
gebung von guten Büchern, Kunstwerken, aus Reisen 
und gelegentlichem Vor Unterricht erwachsen, frisch, aus- 
geschlafen, gut genährt, körperlich geübt. Die andern 
so ziemlich das Gegenteil. Nun wird von ihnen eine 
neue Haltung, Spiaclic und ylnschauung verlangt, sie 
sollen aus einem gewohnten Kreise heraustreten und 
mühsam, neben dieser Verwandlung, die einen Teil der 
Kräfte und des Willens verzehrt, die neuen Kenntnisse 
erwerben, die den Gutgekleideten so leicht werden, ja 
die sie zum Teil schon besitzen. Verlegenheit und Hüf- 
losi^eit treten hinzu, wandeln sich auch wohl in Starr- 
köpfigkeit, wenn den kleinen Bürgern dunkel und schmerz- 
lich der Abstand fühlbar wird, der sie und die ihren von 
den Glücklichen trennt. Nur ungewöhnliche Willens- 
kraft und Begabung wird ihn unter dieser Belastung über- 
brücken und vielleicht ohne Ergebnis für das Lebens- 
ziel; die übrigen sinken nach kurzer Berührung zurück 
in tiefere Floffnungslosigkeit, die nicht mehr dem äußeren 
Geschick allein, sondern der vermeinten eigenen Unzu- 
länglichkeit die Schuld zumißt. 

Ist hingegen Erziehung und Unterricht von der Einsicht 
getragen, die sich des Schwächeren und Mühseligeren an- 
nimmt, so muß die Neigung zum Fassungsmaß des Zu- 
rückgebliebenen verzögernd, verbreiternd, verflachend auf 
Ahe wirken. Die tötende Feindschaft der Schule gegen 

104 



dieBegabnng, der klägliche Wirkungsgrad, die Weltfremd- 
heit, die lederne Schruliigkeit des Unterrichts, die unsre 
Jugend vergällt haben und die aus der Unbefriedigung 
eines geizig behandelten und überbürdeten Standes 
fließen, diese Philistrositäten finden den berufenen An- 
laß, den Bildungsstand weiterlun zu senken und geistiges 
Mittelstandswesen auszubreiten. 

Nur auf der Grundlage ähnlicher Lebensumstände, 
Häuslichkeit und bürgerlicher Herkunft -kann gleich- 
artige Erziehung fruchten; auf dieser Grundlage ist sie 
sittliche Notwendigkeit; Klassengegensätze gleicht sie 
niemals aus, so sehr sie auch die Messungsebene herab- 
drückt. 

Abermals finden wir uns zu einer Politik des wirtschaft- 
lichen Ausgleichs aus sittlicher Notwendigkeit hinge- 
wiesen, und diese Bestimmung bekräftigt sich, sobald wir 
eine neue Spiegelfläche, das ökonomische Verhältnis des 

Staates zu seinen menschlich höchsten Aui^aben be- 
trachten. 

Die Staaten unsrer Tage sind tiefverschuldete Bett- 
ler. Die höchsten, allmächtigen Gebilde, die bestimmt 

sind, die Menschheitszweige unter dem Bilde der Wil- 
lensorganisation darzustellen, die das Recht haben, jedes 
Hindernis, das einer reinen Willensentfaltung entgegen- 
steht, niederzubrechen und in dauernder Wandlung sich 
und ihren Elementen die gültige Form, den zeitlichen 
Ausdruck zu schaffen, diese Gebilde, die auf der Erde 
uns das hohe Vorbild und die experimentelle Gewiß- 
heit kollektiver Geistesverschmelzung und übergeord- 
neter Geisteseinheit geben: sie sind heute an die tri- 
vialsten aller Fragen, ,was kostet es* und ,langt es', ge- 
bunden. Sie sind befangen in dem traurigen Wirtschafts- 
kampf der Väter gegen die Söhne, der im Hintergrunde 



S05 



jeder Gesetzesvorlage gekämpft wird; der entweder 
endet mit neuen Steuern — die Väter opfern, damit 
die Sölme genießen — oder mit neuen Schulden — die 
Väter verbrauchen, und die Söhne mögen zahlen. Beir 
des ist mißlich, und es befestigt sich die unsinnige An* 
schauung, Staatsausgaben seien an sich ein Übel, der 
glücklichste Staat sei der billigste, Sparsamkeit am 
Nötigen sei kein Verbrechen, sondern eine Tugend, 
sittliche Aufgaben seien vom Klassenstandpunkt zu be- 
urteilen. Arbeitslosigkeit, Not, endemische Krankheiten 
könnten ausgerottet werden — ^ es kostet zuviel. Ein 
Teil des Volkes wohnt in menschenunwürdigen Räumen 
und könnte mit einem Aufwände von einigen hundert 
Millionen in Gartenstädten angesiedelt werden — wo- 
her das Geld nehmen. Die edelste Volksaufgabe der 
Erziehung liegt in den Händen schlecht bezahlter, zum 
Teil verdrossener Mittelbeamten; die ländliche Schu- 
lung ist mangelhaft — es fehlen die Mittel. Autgaben 
der Wissenschaft, der Kunstpflege, der Menschenliebe 
treten heran — sie müssen privater Fürsorge, dem Kol- 
lektenwesen oder der planmäßigen Anzapfung bürger- 
licher Eitelkeit überlassen werden. 

Ein Dritteil der Kosten des europäischen Krieges hätte 
ausgereicht, um die Staaten auf ein halbes Jahrhundert 
wirtschaftlich suverän zu machen. Die Geschichte, die 
ihre Lehren streng und anschaulich austeilt, wird ihren 
Mund öffnen, wenn das Schlachten wetter schweigt; sie 
wird In der Bildersprache der Folgen zu uns reden und 
die Folgerungen uns überlassen; dabei wird manch eins 
der Worte, die wir heute ausgiebig reden, mit veränder- 
tem Tonfall zu uns zurückkehren. Eine der Lehren aber 
wird unsem kleinbürgerlichen Parlamenten wohltun, 
die teils aus Mißtrauen gegen ihre beauftragten Regie- 

io6 



rangen, teils aus beruflicher Enge, teils aus Furcht vor 

dem Wähler den Staat als ein Geschäft mit beschränkter 
Haftung und beschränkten Mitteln verwalten möchten: 
die Lehre vom gcpßen Einmaleins. Mögen die Mittel 
des einzelnen sich schmälern und den Taler zur Mark 
umschmelzenj um so mehr muß als Rechnungseinheit 
des Staates an die Stelle der Million die Milliarde treten. 
Nur dann wird unser Gemeinschaftsleben nach innen 
und außen neue Kraft gewinnen, wenn wir uns ent- 
sclilicßen, dem Gemeinwohl weitherziger zu dienen in 
den Zeiten der Beschränkung als ehedem im Überflüsse. 

Das Ziel aber ist der materiell unbeschränkte Staat. 
Er muß mit seinen Mitteln dem Bedürfnis vorauseilen, 
nicht nachhinken, nicht die Frage stellen ,vvie bringe 
ich auf, sondern ,wie bringe ich unter*. Er soll eingreifen 
können in jeder Not, zu jeder Sicherung des Landes, zu 
jedem großen Werk der Kultur, zu jeder Tat der Schön- 
heit und der Güte, Auf des Staates Macht, Reichtum 
und tjberschwang mag der Bürger mit stolzer Freude 
bücken, nicht auf seinen eigenen, beiseitegetragenen, 
gespeicherten Manmion. Wer diese Umlagerung der 
Kräfte für grundsätzlich unmöglich hält, weil er Miß- 
brauch durch die Regierenden, Reptilienvvesen, Um- 
triebe fürchtet, der mißtraut seinem Volk und sich 
selbst; seinem Volk, wenn er nicht an die gewaltige Schar 
derer glaubt, die dem Goldrausch widerstehen ; sich selbst, 
wenn er für sich und seinesgleichen daran verzweifelt, 
eine Regierungsform durchzusetzen, welche die Kchten 
und Starken zur Verantwortung führt. Nicht einen Tag 
lang wird eine Nation anders regiert, als sie regiert zu 
werden wünscht und somit verdient. 

Soll nun der Staat wahrhaft im Lande der Reichste 
der Spendende und Mächtige sein, so kann er es nicht 



107 



auf Kosten der Armen werden. Wir wissen, daß die 
Summe der Güter, der Vexbrauchsrechte jederzeit be- 
messen und begrenzt ist und daß es die tollste der 
Utopien bedeutet, wenn jemand glaubt, daß aus einer 
Umstellung der Ansprüche und Rechte an sich eine 
Steigerung der hochgespannten Weltproduktion hervor- 
gehen kann. Was der Reiche an Rechten und Mitteln 
zuviel hat, ist das, was dem Staate fehlt, zwischen der 
Gemeinscha.ft und ihm besteht ein unüberbrückbarer 
Antagonismus des Besitzes. 

Diesen Gedanken emsthaft zu erwägen hat man sich 
immer wieder gescheut, obwohl er gefühlsmäßig aller 
Soziulreform zugrunde liegt, ja ihren gesundesten Kern 
bildet. Die Werbekraft des Sozialismus liegt nicht in 
der farblosen These von der Verstaatlichung des Kapi- 
tals, sondern in dem anschaulichen Endziel, daß, gleich- 
viel auf welchem Wege, der übersatte Reichtum ver- 
schwindet und hiermit das Los eines jeden sich bessert. 
Diesen Kern in eine überflüssige Theorie zu verwickeln 
sah man sich gedrungen, weil man der scheinbaren sitt- 
lichen und wirtschaftlichen Widersprüche nicht Herr 
wurde. Wenn es jedem freistand, wenn es von den mei- 
sten erstrebt wurde und den Gesetzen nicht zuwider- 
lief, sich zu bereichem, so mußte es unehrlich scheinen, 
den Erfolgreiclien seiner Arbeitsfrucht zu berauben. 
Auch schien es mißlich, sich bloßzustellen und für einen 
Grundsatz einzutreten, der dem eingewurzelt bour- 
geoisen Empfinden gerade der Umstürzler nach Unrecht, 
ja nach Wegelagerei, wo niclit nach unwissenschaftlicher 
Mißgunst schmeckte. Daneben glaubte man im stillen 
an die Unentbehrlichkeit des Reichtums für die Auf- 
gaben der-Kapitalbildung, der wirtschaftlichen und tech- 
nischen RiSiken, dci großen Unternehm ungcn, aes finan- 

iü8 



ziellen Weitblicks. Diesen Bedenken konnte niclitö Brs- 
aeres geschehen, als untergetaucht zu werden in einer 
umfassenden Theorie^ in der sie zwar nicht aufgelöst, 
doch jedenfalls unsichtbar gemacht wurden. Der Reich- 
tum sollte geLroifeii werden, und soniit wurde das Kapi- 
tal verstaatlicht, mit dem er dann freilich dahinsank; 
aus dieser Verstaatlichung an sich sollte die Erhöhung 
des Arbeitswertes entstehen, die nichts, wie wir sahen, 
mit ihr zu tun hat; ungelöst und unlösbar aber blieb 
die Frage, wie die Gemeinschaft ohne Wettkampf, ohne 
innere Triebkraft, ohne Vergleichsnorm auf bürokrati- 
schem Wege das Grundprinzip ersetzen mag, ohne das 
selbst die große Natur die Aufgaben ihrer Entwicklung 
nicht zu lösen vermag, das Prinzip des Daseinskampfes, 
der Auswahl, der Lust am Überwinden. 

Die Lehre von der sozialen Freiheit wird, wenn end- 
gültig erkannt ist, daß dem Ausgleich des Besitzes, somit 
der Beschränkung des Einzelreichtums zugestrebt wer- 
den muß, das Problem bewältigen, und zwar durch 
entschiedene Trennung der drei Wirkungsformen des 
Vermögens: Des Anrechts auf Genuß, des Anrechts auf 
Macht und des Anrechts auf Verantwortung. Wird diese 
Scheidung durchgeführt, so lassen sich Wirtschafts- 
formen finden, die innerhalb der herkömmlichen Eigen- 
tumsordnung den Forderungen der Freiheit, der Men- 
schenwürde und Gerechtigkeit genügen und der Ent- 
wicklung Raum lassen. 

Noch immer bewegen wir uns im Bereich der Frage 
vom Besitzausgleich und empfinden nun, daß unmittel- 
bare Gcbüi't clrr Sitthchkeit die wirtschaftliclien Er- 
wägungen überschatten. 

Die Seele freilich erhebt für sich selbst keinen Anspruch 
auf zeitliches Glück, Macht und Ehren, sie verlangt für 

109 



sich selbst keine irdische Gerechtigkeit. Sie erwacht im 
Glück dea Leidens^ sie lebt in der Einsamkeit der Ent- 
sagung und erstarkt in der Seligkeit des Opfers. Dennoch 
ist Gerechtigkeit als Menschheitsbegriff ihr nicht fremd. 
Was wäre Barmherzigkeit, wenn man die Folge zöge, 
daß auch dem Nächsten die Entbehrung glückbringen- 
der ist als die Fülle ? Was wäre Gerechtigkeit, wenn man 
sich üumaßte, seine Mitmenschen durch zugefügtes Un- 
recht zu stärken? Die objektive Bedeutung dieser 
Tugenden ist, daß sie das Übel und die Schicksalslast 
der Welt aufsaugcii, die feindlichen Lanzenspitzen auf 
das eigene Herz raffen und sättigen; doch weit sind sie 
entfernt, das Übel zu wollen oder zu schonen. 

Wir werden da, wo wir binnen kurzem den persön- 
lichen Anspruch des Einzelnen auf seinen Anteil an 
den Gütern der Welt zu prüfen haben, erkennen, daß 
es bestenfalls mittelmäßige, weitaus elende menschliche 
Eigenschaften sind, die zum eigentlichen, nämlich zum 
genießenden Besitz ermächtigen. Hier aber waltet 
die Frage, was denn überhaupt einen Menschen zum 
Ausspruch berechtigt, f^in Leben zu führen, das 
durch Anmaßung und Verwüstung, durch Absonde- 
rung und Ablehnung das Dasein und die Daseinskraft 
Ungezählter in Staub tritt. Alte Ilerrschaftsgewohn- 
heit, die Schutz erteilte und im Austausch Vorrechte 
forderte, solche alsdann auf Weiber und Nachkommen 
erstreckte, bildet die alleinige Herkommensgrundlage 
repräsentativer und anspruchsvoller Lebensführung. 
Symbolischer Ausdruck dieses Zusammenhanges ist die 
Parodie altherrschaftlichen Zeremoniells, die vom neuen 
Reichtum affektiert wird: gekaufte Kanonen auf den 
Terrassen, Fahnen in den Vorräumen, gepuderte Diener 
auf den Treppenabsätzen^ falsche Ahnenbilder an den 



lio 



Wänden» altertümliche Gebräuche der Tafel, der Emp- 
fänge, der Jagd; Wappen, Livreen, Pokale. 

Heute hat niemand Schutz zu gewähren außer dem 
Staate, niemand Schutz zu empfangen außer von den 
Beauftragten des Staates und in seinem Namen. Mögen 
Gerichtshöfe, Magistraturen, Kirchenfürsten, Dynasten 
sich mit Prunk und Pomp umgeben, um das Vergangene 
zu ehren, dem Bürger ein gelegentliches Schauspiel zu 
geben und der Menge zu imponieren, mögen sie mit 
Takt versuchen, die Grenze des Mummenschanzes und 
der Komödie zu vermeiden; in unsrer Zeit wie in jeder 
früheren Hegt die Würde des Menschen und der Stel- 
lung in der Verantwortung» wo diese sinnbildlich wird, 
entsteht das Repräsentative; Gebräuche und Zeremo- 
nien sind Symbole, die nur von der Fortdauer der 
Kräfte, die sie abbilden, ihr Licht empfangen; sind diese 
erstorben, so bleibt die dürre Hülle der Formel und 
Etikette. 

Die bürgerliche Wirtschaftsüberlegenheit des Wohl- 
standes jedoch beruht auf keiner Institution; wie manche 

andre t^iaik : Realität ist sie von Ursprung eine Neben- 
erscheinung, die solange harmlos und unbeachtet blieb, 
als sie sich in mittleren Grenzen hielt und nicht in die 
Reihe der öffentlichen Wirkungen trat. Wenn ein öst- 
licher Patriarch durch glückliche Zuchterfolge seine 
Herde verhundertfachte, so war das eine schöne Siche- 
rung des Stammes und, solange andern nicht die Was- 
serplätze streitig gemacht wurden, Privatsache. Wenn 
ein mittelalterlicher Kaufmann im Spezereihandel er- 
folgreich war, so konnte er sich ein behäbiges Haus bauen, 
es mit Linnen und Gerät reichlich ausstatten und einen 
Silberschatz in seinen Truhen bewahren. In öffentliche 
Wechselwirkung trat sein Wohlstand nur dann, wenn er 



III 



zur Begründung ständischer Vorrechte führte, Reichtum 
als sozial umgestaltende Macht tritt erst dann auf, wenn 
unter gesteigerter Bevölkerungsdichte die kollektive 
Organisation der Wirtschaft sich zum Kreise lückenloser 
Wechselwirkung schließt. Dies geschah vereinzelt im 
späten Rom, in vollem Umfang und ungestört seit Beginn 
der mechanisierten Epoche, die man einseitig als die 
kapitalistische bezeichnet. Heute leben wir, wirtschaftlich 
betrachtet, in der gesamten zivilisierten Welt unter der 
Herrschaft einer gewaltigen Plutokratie, die in einzelnen 
Staaten sich der gesamten politischen Gewalt, der Be- 
stimmung über Recht und Verfassung, über Krieg und 
Frieden bemächtigt hat, in andern den unmittelbaren 
politischen Einfluß mit herkömmlichen Mächten teilt, 
während sie den Arbeitsaufbau der Länder schrankenlos 
besitzt. 

Es wäre ungerecht, die Leistungen der plutokratischen 
Weltmacht zu verkennen. Sie hat die Bewegung der 
Mechanisierung vollendet, sie hat die zivilisierte Erde 
im Laufe weniger Geschlechter maßlos bereichert, sie 
hat der Verteidigung der Staaten gewaltige Mittel ge- 
liefert und dadurch, entgegen ihrem innersten Wesen, 
den Nationalismus gestärkt. Sie hat, zumal in den Zeiten 
ihres Aufstiegs, in weitherziger Auswahl starke Geister 
der Nationen in sich aufgenommen, sie hat ihnen und 
dem Gesamtgeist der Völker das mechanistische, ratio- 
nalistische und unternehmermäßige Denken aufgezwun- 
gen, das patriarchalische, feudalistische und zünftlerische 
Denken abgewöhnt und hiermit eine neue, wirkungs- 
volle, freilich nicht minder einseitige Geistessphäre ge- 
schaffen. Sie hat mitgewirkt, die Weltpolitik wirtschaft- 
lich auszurichten, und unwissentlich die Gegensätze so 
gewaltsam gesteigert, daß ihr selbst nachgerade durch 

112 



Reihen nationaler Katastrophen Gefahren drohen. Im 
Zusammenliange der politischen Forderungen wird diese 
Wirbingareihe erörtert werden; hier bleibt die höhere, 

die sittliche Frage gestellt und mit abschließenden Sätzen 
zu beantworten. 

Plutokratie ist Gruppenherrschaft, Oligarchie, und von 
allen oligarchischen Formen die verwerflichste, denn sie 
ist an keine ideale Anschauung, an kein Sakrament ge- 
bunden. Die alten Theokratien des Ostens nahmen ihr 
Recht von der Gottheit; de verloren dieses Recht, in- 
dem sie sich in Priesterpfründen verwandelten. Die 
griechischen Aristokratien beriefen sich auf den Herren- 
anspruch der Göttersöhne. Durch erbliche Pflege kö rag- 
licher Gesinnung und leiblicher Schönheit behauptete 
der Adel der Eroberer seine Obmacht über die Niede- 
rung der Urstämme, bis er durch Vermischung in ihr 
aufging. Der Bauernadel der Römer herrschte durch 
den Alleinbesitz des Staatsgedankens und Kriegertums; 
er wurde abgelöst durch einen neutralen, ideaUosen 
Beamtenadel, dann folgte Vermischung der Rassen 
und Untergang. Die mittelalterliche Kirche wurde zur 
organisatorischen Oligarchie, als sie die Macht des Glau- 
bens in eine heidnische Welt zu tragen berufen war. 
Nach der Bekehrung Europas wandelte sich diese Sen- 
dung in Staatspolitik, und ihre Trägerin betrat den Weg, 
der sie von einer Weltmacht zur staatlich anerkannten 
internationalen Organisation herabführte. Der euro- 
päische Feudalismus ruhte auf dem Idealbegriff der 
Gefolgschaftstreue, zu dem die Verantwortung für die 
beherrschte Urscliicht des Landes und späterhin die 
Glaubenspilicht sich gesellte. Das Christentum wurde 
zum Gemeingut, die Bevölkerung verschmolz, der Feu- 
dalbmus wich der Territorialherrschaft und zum Teil der 



S Ratheiitkii» Voo kommaadcn Dlnfico 



113 



Demokratie, und Adelsherrschaft konnte sich nur da 
behaupten, wo sie den Ideaibegriff der Königstreue, des 
Kriegertums und des ländlichen Patriarchats sich rettete, 
vornehmlich im slawogermanischen Norden und Osten. 

Plutokratie hingegen wirkt nicht durch gemeinschaft- 
liche Ideale, sondern durch gemeinschaftliche Interessen. 
Nicht als Erobererstamm, nicht als Glaubensgemeinschaft 
hat sie sich vereint erhoben, sondern einzeln, Mann für 
Mann ist sie aus den Schichten der Nationen durch wirt- 
schaftliche Auslosung der Sonderbegabung, des Zufalls, 
des- glücklichen Risikos hervorgetreten. Sie will nichts 
als ihre Erhaltung und Bereicherung, sie ist zu keiner 
andern Gemeinschaft der Anschauung gedrungen oder 
verpflichtet; ihre Kraft liegt im Opportunismus. Sie 
ergänzt sich durch Erblichkeit und, im klaren Erfassen 
ihres Interesses, soweit als irgend nötig, durch Koop- 
tation; die Vorliebe des Vaters wird durch die Klugheit 
des Sozius gebändigt. Von geistigen Potenzen vererbt 
sie zunächst Bildung, sodann eme gewisse wirtschaft- 
liche Einsicht und Unternehmerschulung, die sich durch 
frühzeitige Einwirkung der Umgebung und häusliche 
Überlieferung fortpflanzt. Ohne dauernden Zutritt 
frischen Blutes hatte diese Tortwirkung freilich keinen 
Bestand, denn die Gewohnheit üppigen Lebens und in- 
tellektueller Einseitigkeit auf der einen, die äußere Nach- 
ahmung aristokratischer Gebräuche auf der andern 
Seite scheidet in jeder Generation Existenzen aus, die 
teils erschlaffen, teils, wie der Ausdruck lautet, sich 
ruinieren. 

Die zeitweilige Aufnahme neuer, das gelegentliche 
Ausscheiden angestammter Elemente nimmt der pluto- 
kra tischen Kaste nicht die Eigenschaft einer geschlos- 
senen Einheit. Geringem Wechsel und Austausch ist 



114 

» 



jede Oligarchie unterworfen, und die hier beobachtetf^ 
Bewegung bleibt wirkungslos, weil der Zuwachs unter 
streng beobachteter Auswahl sich stets auf die eng be- 
nachbarten Stände, nicht auf das ganze Volk entreckt, 

weü die Gleichartigkeit der Lebenau ui'iassunR- eine Vor- 
bedingung bil 1 t iinLi .veil die erblich gefestigten Ele- 
mente das Übergewicht der Tendenzen aufrechter- 
halten, ja sogar durch feudalistische Nachahmung sie 
zum Miß begriff eines Geldadels umgestalten und ver- 
steinern. 

Solange menschliche ünvollkommenheit die Abstu- 
fung der Fähigkeiten, Gesinnungen und Seelenkräfte zu 
den äußersten Gegensätzen steigert, wird jede Gesell- 
schaftsordnung die gleichen Gegensätze in der Schich- 
tung ihrer Verantwortungen, Bedürfnisse und Ansprüche 
zeigen. Wie auch immer die Form und Lagerung dieser 
Schichten auftreten mag, stets wird eine Ähnlichkeit 
mit oligarchischen Gebilden aufweisbar sein. Der Ver- 
schiedenheit sittlicher Auffassung bleibt es vorbehalten, 
ob man diese Ordnung will oder ob man sie erträgt, 
ob man die Gegensätze steigert und verewigt, indem 
das Vorrecht der Zugehörigkeit geschlossen, das Maß 
der Rechte erweitert und durch das Band der Erblich- 
keit gefestigt wird, oder ob man der Ausgleichsbewegung 
Raum gibt, die Ungleichheit der Rechte beschränkt und 
jedem Menschengeiste den Aufstieg offenhält. Dann 
strebt die Entwicklung dem Indii fei enzpunkte zu, der 
den Begriff des Aristokratismus gleichzeitig erfüllt und 
auslöst: wenn nämlich die stärksten und edelsten Naturen, 
gleichviel welcher Herkunft und Gestalt, die Verant- 
wortung für ihre Bruder tragen; dann bleibt die Ober- 
schicht geschlossen in ihrer Natur und dennoch im be- 
ständigen Wechsel ihrer Substanz; der Name der ,Herr- 

i« 115 



Schaft der Besten* ist gerechtfertigt und unsre Vor- 
stellung einer Kastenwirtschaft vernichtet. 

Schwerlich haben diesen Idealzustand die im Auge, 

welche in ästhetisierendcr Neigung mit dem Blick auf 
Athen und Venedig uns eine gebildete und gesinnungs- 
Tolle Erbschicht als Endziel hinstellen* Oligarchie^ so- 
fern nicht im Sinne des Wortspiels der Begriff im 
Indifferenzpuntte aufgehoben werden soll, erbliche 
Oligarchie verträgt sich nicht mit der Würde und 
Freiheit menschlichen Anrechts und kann niemals einen 
sittlichen Idealbegriff dem Denkenden bilden, der sich 
zur Lehre vom Aufschwung aller Seelen bekennt. 

Die plutokratische Oligarchie jedoch nähert sich dem 
indifferenten Grenzbegriff in keinem Sinne; ihre Ein- 
. richtung müssen wir als sittlich unzulänglich bezeichnen. - 
Auch wenn wir die Ungleichheit der Ansprüche hin^ 
nehmen und im Gegensatz zum Sozialismus in der Viel- 
fältigkeit der Bedürfnisse, in der Verfeinerung, deren 
eine geistige Existenz bedarf, in der Farbigkeit, die ein 
künstlerischer Hang zu seiner und Andrer Freude an- 
strebt, eine Grundlage der Wcltkultur erblicken, so 
können wir das freie Spiel der Kräfte, das auf dem Boden 
unsrer Wirtschaftsordnung gleichsam als unbeabsich- 
tigte und unbesprochene Nebenwirkung die erbliche 
Plutokratie erbaut, nicht hinnehmen. Das Menschen- 
dasein ist nicht geschaffen, um nach vorausbestimmtem 
Schicksal unter die Zufallsmächte gebeugt zu werden, 
die aus dem willkürlichen Spiel des fessellosen Wirt- 
schaftskampfes emporsteigen. Besitzverteilung ist eben- 
sowenig Privatsache wie Verbrauchsanrecht. Wir haben 
keinen Grund, nach dem Eisenbartrezept des Sozialismus 
das tausendjährige Gebäude organischer Arbeit zu zer- 
brechen, um polizeilichen Bürokratismus an die Stelle 

ii6 



des Wettkampfes, verbreitertes Speisemarkenwesen und 
gehobenes Armenrecht an die Stelle bürgerlicher Frei- 
heit zu setzen; doch von neuem und endgültig sehen wir 

uns zu einer Reformation gewiesen, die ein neues Reich 
sozialer Freiheit auf der Grundlage gerecliteren Ver- 
brauchsanspruchs, gleichmaßigerer Besitzverteilung und 
kräftigeren Staatswohlstandes erbaut. 

Eine Zwischenschaltung, die den Kreis des Voraus- 
gegangenen sciiließt, indem sie den letzten Widerspruch 
zwischen Schluß und Anfang beseitigt, möge zu den 
folgenden empirischen Erwägungen überleiten. 

Der überflüssige Verbr;iui„h errriclit, wie wir gesehen 
haben, einen Mindestbetrag in dem theoretischen Grenz- 
falle, wo alles Vermögen sich in einer Hand befindet. 
Besteht nun die Gefahr, daß bei erhöhtem Gleichmaß 
des Besitzes sich dieser Verbrauch dermaßen steigert, daß 
die nötigen Rücklagen für Erweiterung und Erneuerung 
des Weltbetriebes gefährdet werden? 

Diese Gefahr besteht nur bedingt. Zweifellos wird 
der Durchschnittsverbrauch an solchen Gutem, die zur 
Lebenserhaltung und Lebenserhöhung beitragen, sich 
steigern; doch dieser Aufwand wird erfahrungsgemäß 
zurückerstattet durch Arbeitsmaß und Arbeitsgüte. Ver- 
mindert wird der Aufwand des großen Luxus selbst dann, 
wenn der Gemeinschaft das Recht zu hohem und glanz- 
vollem Schaffen und Waken gewonnen wird. Der Ein- 
zelne wird, wenn Neigung ihn unwiderstehlich zu präch- 
tigen Entfaltungen zieht, durch Beschränkung des all- 
täglichen Bedarfs das Gleichgewicht einstellen. Als 
störende Möglichkeit verbliebe eine allgemeine Zersplit- 
terung der Mittel in überflüssigem Kleinkram und bana- 
lem Putz. Die Macht des wirtschaftlichen Gewissens, 
dessen Erweckung Ursache und Folge der neuen Epoche 



117 



zugleich sein wird und von dem wir im Zusammenhange 
der Wirtschaftsethik zu handeln haben, wird eine gren-* 
zenlose Verachtung unsres Manner* und Weiberspiel- 
zeuges der sittlichen Menschheit einpflanzen und Kram, 
Tand, Imitation, Novitäten, Galanterie-, Scherz-, Mode- 
und Spezialartikel und was sonst mit greulichen Namen 
unwürdige Dinge bezeichnet, wilden und halbzivilisierten 
Völkerschaften überlassen. Der gewaltige Teil der Wclt- 
arbeit, den Ungezogenheit und MiBgeschmack heute ver- 
nichtet, wird gerettet. So wird ein zweites und neues 
Minimum des überflüssigen Verbrauchs auf natürlicher 
und sittlicher Grundlage in der Wirtschaftsform des 
ausgeglichenen Besitzes geschaffen, und es tritt hervor, 
daß unsre bestehende gegensatzreiche und plutokratische 
Wirtschaftsverfassung auch deshalb ihr Urteil verdient, 
weil sie den Verbrauch mißleitet. 

Wir betreten das Gebiet der Praxis. Doch bevor wir 
dem Aufbau der neuen Ordnung uns zuwenden, liegt 
es ob, den herrschenden Anspruch auf Bevorzugung zu 
prüfen, den heute der Einzelne gegenüber dem Gesamt- 
besitz und Gesamtverbrauch persönlich zur Geltung 
bringt. Wenn wir erwogen haben, wer diesen Anspruch 
auf Reichtum und Vermögen erhebt; mit welchem sitt- 
lichen Recht er die Gewährleistung der Gesellschaft 
und des Staates verlangt, welchen Schutz die Gemein- 
schaft bisher gegen Überforderung und Unrecht sich 
geschaffen hat, so werden wir deutlicher die wirtschaft- 
Hchen und sittlichen Grundlagen einer freieren und 
gerechteren Ordnung überblicken. 

Wer ist reich und mit welchem Recht? Wer darf 
sagen: Aus dem Gesamtvermögen und Ertrag der Welt 
gebührt mir das Zelr.üache, Hundertfache, Zehntausend- 
fache dessen, was der Durchschnitt der Menschheit bc- 

Ii8 



sitzen und verbrauchen darf? Woher stammt persön- 
licher Reichtum und wie wild er erworben? 

Die Entstehung der Vermögen in der Vergangenheit 
soll uns hier nicht beschäftigen; genug, daß sie durch 
Erbgang auf ihre heutigen Träger herabgekommen sind, 
bei diesem Begriff der Übertragung werden mr später 
verweilen. ZuTor behandeln wir die Ansammlungen 
der Gegenwart. 

Ist Reichtum Ersparnis ? Bei der Kürze des mensch- 
lichen Lebens kann aus regelmäßigem xVrbcitscinkommen 
zur Not ein mittlerer Wohlstand erspart werden; die 
Einkünfte, die sich zum Reichtum aufhäufen lassen, sind 
nicht Arbeitsvergütungen, sondern Gewinne andrer 
Kategorien. Die Vohcsmeinung, daß man durch Spar- 
samkeit an sich reich werden könne, ist irrig. 

Möglich, jedoch nicht häufig ist die Bereicherung 
durch Fund. Schatzgraberei frommt unsrer Zeit nicht 
mehr, es sei denn um der Wissenschaft willen, und die 
Entdeckung Rembrandtscher Werke in Trödelläden be- 
reichert vornehmlich den Zeitungsschreiber; doch der 
Fund mineralischer Schätze hat die afrikanischen, die 
kanadischen und manche deutsche Vermögen geschaffen. 

Damit gemeinhin Reicliiuiu entstehe, müssen Tausende 
bewogen werden, einen Teü ihres Besitzes herzugeben; 
dazu sind sie nur dann bereit, wenn ein dringender Wunsch 
ihnen nur gegen dieses Opfer erfüllt werden kann. Diesen 
dringenden Wunsch, mag er verständig oder töricht sein, 
nennt man einen wirtschaftlichen Bedarf; wer reich wer- 
den will, muß einen allgemeinen Bedarf befriedigen. 
Doch dieser Vorsatz genügt nicht: denn der Wettbe- 
werb ist zur Stelle; er reißt einen Teil der Bedarfs- 
deckung an sich und verkleinert den Nutzen, und schließ- 
lich erntet der Unternehmer statt der erhofften Schätze 



119 



nur eine mäßige Rente oder ein raittlerea Arbeits» 
einkomxnen. 

Die Aufgabe der Bereicherung wird also nur dann ge- 
löst, wenn der Unternehmer den Wettbewerb beschran- 
ken, den Nutzen nach Gutdünken bemessen oder den 
Kreis der OpferwüÜgen beliebig ausdehnen kann. In 
diese Lage bringt ihn nur das anerkannte oder er- 
zwungene Monopol. 

Der glückliche Erfinder nutzt das Monopol des Paten- 
tes oder des Fabrikgeheimnisses. Wer seine Erfindung 
nachahmt oder seinen Werkmeister besticht, wird bestraft. 

Der Bergbau einzelner Mineralien bereitet ein natür- 
liches Monopol; wenn nämlich die Fundsteilen selten 
oder beschränkt sind. 

Die Großbank, das Warenhaus, die industriell ver- 
zweigte Biesenunternehmung übt das Monopol des Vor- 
sprungs. Wer es ihnen gleichtun weihe, muijie viele 
Jahre mit gewaltigen Mitteln und langdaueiixden Ge- 
winnausfällen konkurrierende Organisationen auszubauen 
suchen, und es gibt wenige, die solcliem Versuch ihre 
Kapitalien anvertrauen. 

Chemische Industrien stützen sich auf das Monopol 
der Lage: oftmals gibt es nur einen geographischen 
Schwerpunkt in günstiger Entfernung der Rohstofflager, 
der Kraftquellen, der Arbeitskräfte und der Absatz- 
gebiete. 

Der große Tenor trägt das Monopol der Seltenheit 
in seiner Kehle; die Opernhäuser sind zahlreicher als 
die gutgebildeten hohen Männerstimmen. 

Verbände und Syndikate erzwingen das Monopol der 
Kartellierung, indem sie die Gesamtheit einer Industrie 
einheitlicher Geschäftsführung unterstellen und den 
Wettbewerb ausschließen. 

120 



Der Besitzer eine» Zinshauses zehrt von dem 
Monopol großstädtischen Bodens: gewisse Geschäfte 
und Personen sind auf Räume in bestimmten Stadt- 
teilen angewiesen; die Nachfrage wächst, der Platz 
bleibt beschränkt. 

Der Modclieferant lebt vom Monopol seines Namens, 
denn es gibt Leute, die betrübt sind, wenn ihr Hut 
oder Regenschirm eine andre als die bevorzugte Firma 
aufweist. 

Der Besitzer einer Bahn, eines Wasserwerks, eines 
Hafens erhält sein Monopol unmittelbar vom Staat oder 
von der Gemeinde; das Recht, das er ausübt, nähert sich 
dem Hoheitsrecht. 

Diese und zahlreiche andre Monopole machen reich; 
andre Wege zum Reichtum gibt es nicht. Denn Spiel, 
Risiko und Spekulation gleichen, wie es im Wesen der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung liegt, bei längerer Dauer 
ihre Ergebnisse aus, und die seltenen Fälle, in denen 
der Gewinner durch rechtzeitigen Abschluß oder Tod 
seinen Raub sichert, können außer Ansatz bleiben. 

Befragen wir über das Recht oder Unrecht der Mono- 
polbereicherung unser unbefangenes inneres Gefühl, so 
empfinden wir: In der erzwungenen Beitreibung, in 
ihrer willkürlichen Bemessung, in der rücksichtslosen 
Machtstellung des Einzelnen gegenüber den Vielen liegt 
ein Unsittliches. 

Gemildert erscheint es im Monopole des Vorsprungs 
und der Technik, zumal wenn es nicht von einer Person, 
sondern von einer Genossenschaft ausgeübt wird, denn 
hier ist der Nutzen des Geleisteten erkennbar, und trotz 
der Ausnahmestellung des bevorrechteten Organs kann 
ein bedeutender Vorteil für die Gemeinschaft gegenüber 
der Zersplitterung gegeben sein. 



121 



Um so unerträglicher tritt das Monopol hervor, Je 
unverdienter es erworben, je müheloser es gehandhabt, 
je zügelloser es genutzt wird; und so ist das Monopol 
des grundbesitzenden Großstadtrentners eines der 
weniger erfreulichen. 

Zugleich wird ersichtlich, daß es nur weniger Hand- 
griffe der gesetzlichen Ordnung bedarf, um alle Quellen 
des persönlichen Reichtums zu regeln und, wenn es nötig 

scheint, zu schließen. Diese Frage der Pragmatik be- 
halten wir dem Abschluß der wirtschaftlichen Erörte- 
rung vor; zunächst muß die zweite und entscheidende 
Seite des Anspruchs auf Reichtum uns beschäftigen. 

Nur ein geringer Teil des heutigen Wohlstandes ist 
vom Besitzer erworben; die weitaus überwiegende Menge 
der Vermögen ist ererbt. 

Wenn die Betrachtung des erworbenen Reichtums, 
zurückgeführt auf die wahren Quellen des Ursprungs, 
ein inneres Gefühl des Unrechts uns erweckt, so ver- 
sagt dieses Gefühl gemeinhin bei der Kritik des Erbes; 
die Geschlechterfolge des Besitzes erscheint Jeiii heutigen 
Empfind^-n als ein Unantastbares. Diese Erkenntnis nötigt 
zur Einschaltung einer methodischen Vorbemerkung. 

Alles geselbchaftliche und politische Fortschreiten 
geht hervor aus dem Kampf zwischen Überlieferung 
und Neuerung. Keine Zeit hat so sehr wie die unsre 
sich der Neigung hingegeben, diesen Gegensatz zu ver- 
tiefen, mit der deutlichen, doch unterbewußten Ten- 
denz, für das Überlieferte Partei zu nehmen, wie es allen 
unschöpierischcn Epochen eigen ist. 

Und dennoch besteht der Gegensatz nur in der Be- 
trachtungsrichtung, nicht im Absoluten: das Revolu- 
tionäre von heute ist das durch Überlieferung Geheiligte 
von morgen, und das Reaktionäre von heute ist das 



122 



Revolutionäre von gestern. Stellt man somit dem Über- 
lieferten, ab einem gleichsam durch Naturkraft organisch 
Erwachsenen, das Neuerliche als ein Willkürliches, dog- 
matisch Erklügeltes, auf keinerlei Erfahrung und berech- 
tigte Eigenart Gest fitzt es entgegen, so findet eine Ver- 
wechslung statt: Die Verwechslung zwischen den Eigen- 
schaften der Entwicklungskonttaste und den Eigenschaf- 
ten der Menschen, in denen sie sich verkörpern. Es 
wird verwechselt die Art der crhaltunglieb enden Men- 
schen mit der Art des Überlieferten, und die Art des 
Neuerers mit der Art der Neuerung. 

Die Neuening, wenn sie Tatsache wird, ist genau so 
organisch, genau so aus der Natur der Menschen und 
Umstände erwachsen wie die Alterung; sie selbst wird 
in kurzem Gewohnheit, Überlieferung, ehrwürdiges 
Altertum und überholte Vcraltung sein. Dagegen ist 
freilich der Mensch, der mit seiner Neigung am Über- 
Ueferten hangt, ein andrer, als der das Neue verkündet 
und schafft. Der eine stützt sich auf Erfahrung und 
liebevolles Beobachten des Bestehenden, zuweilen wohl 
auch auf üebgewordene Vorrechte und Vorurteile, der 
andre auf die Kraft des Bedürfnisses, auf die Gabe des 
Schauens und auf Ideale, gelegentlich auf eigene Un- 
zufriedenheit und persönliche Wünsche. Die 'i'ugenden 
des einen sind Treue und Verständnis, die Tugenden 
des andern sind Schöpferkraft und Intuition; die Ge- 
fahren des einen sind Borniertheit und Trägheit, die 
Gefahren des andern Dogmatismus und Leichtfertigkeit. 

Von diesen Gefahren trägt fast jede Neuerung etwas 
an sich, sie erscheint zuerst dogmatisch, rationalistisch 
rücksichtslos, ohne zureichendes Verständnis für berech- 
tigte Eigenart. Doch bald sind durch den Gebrauch 
diese Kanten abgeschliffen, die scharfen Farben tönen 



123 



sich, das Werkzeug schmiegt sich in die Hand. Ein 
Wunder, so sagen die Orientalen, währt nicht länger 
als drei Tage. 

Berechtigte Abneigung gegen Volkslaster und Greuel, 
verbunden mit dem tief gewurzelten Hang der Slawo- 
germanen zu bequemer Beibehaltung, verführt unsre 
Geschichtsbetrachtung, in jeder plötzlichen Neuerung 
verbrecherischen Umsturz zu sehen. Mit Recht ist 
unserm Empfinden die Bewegung der großen franzö- 
sischen Revolution fremd; und dennoch sind in 
ihren erregten Nächten bedeutende Grundbegriffe 
der kommunalen Verwaltung, der Volkserziehung, 
der Volkswehr aus Erwägungen der Vorstellungs- 
kraft entstanden. Unser deutsches politisches Fühlen 
ist monarchisch, und hierin liegt eine seiner wenigen 
Stärken; wir sind leidenschaftlich geneigt, jede repu- 
blikanische Bestrebung als Hochverrat auszurotten; 
immerhin ist es gut, daß uns genügende Objektivität 
bleibt, um nicht in jedem Schweizer einen Nachkom-* 
men von Königsmördern und pietätlosen Nihilisten zu 
sehen und den Deutschen, der etwa in Basel sich an- 
siedelt, als Jakobiner zu verfolgen. 

Unter dem allgemeinen Blick der geschichtlichen Be" 
wegung erscheint somit der subjektive Gegensatz der 
Überlieferung und Neuerung als verzögernde Kraft, als 
physisches Trägheitsmoment. In der Ökonomik der 
Weltgeschichte fällt dem Traditionalismus die Aufgabe 
zu, Stetigkeit der Bewegung zu wahren, das Schleudern 
des Wagens zu verhindern, willkürliche Experimente ein- 
zuschränken. Aber es darf niemals vergessen werden, 
daß diese Kraft eine negative ist. Konservativismus ist 
scheinbar Bejahung des Bestehenden, in Wahrheit aber 
Verneinung des Lebens und seines Wachstums. 



124 



In einer Betrachtung, die künftigen Dingen gewidmet 
ist, muß diese JEinstellung stets von neuem vorgenommen 
werden. Auch aus ihrer negativen Richtung haben wir 
zu lernen; sie gibt uns die Frage auf: Welches Kriterium 
unterscheidet zwischen den Begriffen der utopischen 
Phantasterei und der organischen, wenn auch grund- 
sätzUchen Neuerung? 

Nicht die Praxis kann hier entscheiden, denn auch 
das Unvollkommene, selbst das Widersinnige ist eine 
Zeitlang in der Praxis möglich. Es entscheidet ausschließ- 
lich die Stärke und Einheit der Gesamtanschauung, 
Tritt ein Widerspruch auf zwischen der Weltanschauung 
und einem erworben Gcfulilsmäßigen der Einzelanschau- 
ung, so hat diese zu weichen. Über die Gesamtanschau- 
ung jedoch entscheidet nicht der Richterstuhl der Gene- 
ration, sondern der Areopag der Zeiten. 

Von dieser Seite kehren wir zurück zur herrschenden 
Gefühlsauffassung des liibes und nehmen uns das Recht, 
ihr zu Leibe zu rücken« 

Im Gegensatz zu der Bereicherung durch Monopole 
und Spekulation, die einen Gefühlston des Widerstrebens 
in uns auslöst, erscheint dem gemeinen Empfinden 
die Bereicherung durch Erbschaft an sich nicht ver- 
werflich. 

Wir sehen die Rennplätze und Vergnügungsorte einer 
Großstadt angefüllt von gutgewachsenen, selbstbewuß- 
ten jungen Männern, die in einer Stunde für ein Pferd 
oder eine Tänzerin mehr Geld ausgeben, als ein armer 
Student, ein Dichter oder Musiker für den Lebensunter- 
halt eines Jahres ersehnt; ihre Ansprüche an die Lei- 
stung des Landes übersteigen den Aufwand eines Mini- 
sterpräsidenten und Kanzlers. Die Gegenleistung be- 
steht in Genuß und Repräsentation. Nach Maßgabe 



125 



s^ner Gesinnung und Interessen behandelt sie ein jeder 

mit Höflichkeit, Achtung, Unterwürfigkeit, und sie 
antworten korrekt, leutselig, herablassend. Sie halten 
es für selbstverständlich» daß der junge Gelehrte 
oder Kaufmann besch^den ihnen Platz macht, wo sie 
als Spendende oder Bestellende auftreten; das Volks- 
bewußtsein findet ihr Auftreten gelegentlich an- 
maßend, ihre Untätigkeit bedauerlich, sieht aber in der 
bevorzugten Lage etwas Unabänderliches, den Ausdruck 
eines geheiligten Herkommens von erblichem Glanz und 
erblicher Macht. 

Hart beurteilt wird die Dirne, die, von einem reichen 
und alternden Manne als Witwe hinterlassen, sich in 
fürstlichem Aufwand gefällt. Man wirft ihr die Her- 
kuiilL vor, bestreitet ihr aber nicht das Recht, die 
Einkünfte einer Herrschaft zu verprassen, d^m sie ver- 
fügt über ihr Erbe. 

Ein industrieller Machtbesitz geht auf einen mün- 
digen, aber unbefähigten Sohn über. Generaldirek- 
toren machen ihm submisseste Berichte, suchen sich 
seinen Liebhabereien anzupassen, erbitten Gehaltser* 
höhungen und Vollmachten; eine Schar ergrauter 
Werkleiter schart sich um den Wagenschlag des jungen 
Herrn. 

Ein wohlhabender Mann stirbt, hinterläßt eine Frau 
und vier Kinder. Alle fünf beschließen von ihren Renten 
zu leben; die Kinder heiraten Manner und Frauen, die 

in gleicher Lage sind, und der Staat ist um vier Fami- 
lienstämme bereichert, die ein Jahrhundert lang nichts 
schaffen, außer daß gelegentlich ein Nachkomme Kunst- 
geschichte oder Diplomatie studiert. 

Wieviel gesunde Männer unter sechzig Jahren leben 
in einem zivilisierten Lande von ihren Renten ? Wie- 

126 



viel junge Mäimer begründen ihre Existenz auf die Ehe 
mit einer Erbin? 

Wieviel unproduktive Familien hat ein Land von Ge- 
schlecht zu Geschlecht zu ernähren? 

Alle diese Erscheiiuineen sind weit entfernt, im Ge- 
wissen der Gern einschalt einen Gefühls ton von Unrecht 
auszulösen; sie können gelegentlich ak ungefällig, doch 
seltsamerweise nicht als unsittlich gelten. 

Man lasse jeden Kultureinwand aus dem Spiel. Die 
Lebensansprüche der Unproduktiven, an die Schaffen- 
den aufgeteilt, würden höhere kulturelle Aulgaben er- 
füllen; die Arbeitskräfte der Unproduktiven, in den 
Dienst dci Gesellschaft gestellt, würden neue geistige 
und wirtschaftliche Werte schaffen. 

Tief eingevrarzelt durch die Gewohnheit der Jahr- 
hunderte ist der Sittenbegriff des Erbes, und so hat 
die Welt nicht gefühlt, daß längst die Substitution des 
Grundes eingetreten ist und die Voraussetzungen ver- 
schoben hat. 

Geräte mögen in Urzeiten ebensohäufig dem Vor- 
storbenen ins Grab gegeben wie vererbt worden sein. 

Sie waren Ausstattungsteile des Menschen und seiner 
Hütte, überlebten das Geschlecht und bildeten Attri- 
bute des kollektiven Individuums, der Familie. Das 
gleiche mag von Herden gegolten haben, deren anima- 
lische Geschlechter in Parallehsmus zu den menschlichen 
eiwiicbsen; ähnliches vom Acker und Ackergerät, so- 
bald die Einzelwirtschaft sich abgesondert hatte und der 
Familie die Aufgabe der fortgesetzten ländlichen Pflege 
zufiel. 

Macht, Ansehen, Kriegstum und Vorrechte vererbten 
sich auf der Grundlage der Volksschichtung. Der unter- 
worfene, somit entadelte Stamm durfte niemals mehr 

127 



herrscKen oder sich selbst bestimmen; der Schutz nach 
außen, die Adelsgewalt nach innea konnte nur durch 
Vererbung sich erhalten. Priesterweihen, Königtum^ 
Standesrechte wurden in diesen Erbwandel einbezogen. 

Aus der Epoche der feudalen Erblichkeit löste sich 
unmerklich die Epoche des Kapitalismus, und ohne Prü- 
fung der Sache und des Gewissens fiel ihr kraft Über* 
lieferung und mangels andrer Analogie von selbst der 
unzerstörbare Charakter der ErbliclikeiL in den Schoß, 
Die VVeseixsgründe waren verblaßt; während erblicher 
Adel Rechte und Pflichten umfaßte, Schutz und Dienste 
von Geschlecht zu Geschlecht verlangte und gewahrte, 
bot erblicher Reichtum nur Rechte, nur Macht und 
Genuß und erwiderte nichts. 

Die staatliche Gemeinschaft der Römer empfand zu- 
erst und unbewußt die gewaltige Paradoxie, daß ein 
Toter als Wollender, als willkürlich Spendender von 
Macht, Land, Geschäft und Genußrecht auftritt, und 
begegnete ihr mit der genialen Kasuistik ihrer Rechts- 
strukturen, bis endlich ein wo nicht organischer, so doch 
organistischer Aufbau das fragwürdige Fundament be- 
deckte. Und bis auf den heutigen Tag setzt der Staat 
jedes zivilisierten Landes seine Macht und sein Ansehen 
dafür ein, daß ein Verstorbener gegen Lebende Recht 
behält, daß jede seiner gesetzlich zulässigen Schrullen 
Geltung findet, daß ein unbekannter, ferner Verwandter 
am Nachlaß beteiligt wild, daß von aufgespeicherten 
Schätzen und Rechten, deren Anhäufung bedenklich 
genug war, den beliebigen, durch Herkommen und Be- 
stimmung geschützten Erben nicht ein Titel verloren- 
geht. Wenn es heute einem Manne gelänge, den letzten 
Fußbreit Bodens, alle Kunstwerke, alle Schriften eines 
Landes in seine Gewalt zu bekommen, und er dem Staat 



128 



nichts ließe als ein paar T-andstraßen und Verwaltungs- 
gebäude, «o würde dieser Staat, sofern einige Formein 
ausgefüllt und einige Abgaben bezahlt werden, alle ver- 
fügbaren Kräfte aufbieten, um diesen Machtkomplex 
ungeschmälert in die Hände eines noch so übel beleu- 
mundeten Universalerben zu überführen, und ihm das 
Recht gewährleisten, Ländereien abzusperren und brach- 
zulegen, Landschaften zu schänden, Werke stillzulegen, 
Arbeiter brotlos zu machen, Denkmäler zu vernichten — 
sofern dieser Staat sich nicht entschlösse, durch Sonder- 
gesetze die Paradozie der Erblichkeit anzutasten. 

Diese Erwägung genügt, um uns zu versichern, daß 
unter den unantastbaren, jeder Kritik enthobenen 
Gütern der Menschheit der Sittenbegriff der Güicr- 
und Machtvererbung keinen Platz findet. Er mag uns 
gewohnt und vertraut sein; sakrosankt ist er nicht, 
sondern lediglich dine vorherrschende, ungeprüft hin- 
genommene ethnologische Eigenart. Seine Grundlagen 
haben sich verschoben, seine Folgerungen führen zu 
Antinomie. 

An diesem Sittenbegriff aber hängt das ganze Wesen 
ansrer gesellschaftlichen Schichtung, die ganze unver- 
änderliche, leblose Konstanz der nationalen Kräftever- 
teilung. Das lebendige Auf- und Niedersteigen des 
Lebens, das die Natur beherrscht, der organische Wechsel 
dienender und bestimmender Glieder, das spendende 
Spiel der goldnen Eimer erstarrt vor dieser Scliicksals- 
macht der Geschlechter, die Menschenwerk ist. Sie ver- 
urteilt den Proletarier zu ewigem Dienst, den Reichen 
zu ewigem Genuß. Sie bürdet die Verantwortung auf 
den Milden, der sie verleugnet, und erstickt die Schaf- 
fenskraft des Unverbrauchten, der die Verantwortung 
ersehnt. Die zähe Olschicht des Herkommens lagert 



9 Utathenaa, Voo konunonden Dlnc«ik 



129 



sicli trennend zwischen die waiüverwandten Losungen, 
die sich zu durchtränken streben^ und steigert die Span* 
nung eines unbetätigten Willens. 

Die Anfänge eines neu sich bildenden Sittenbewiißt- 
seins haben wir wahrgenommen. Es findet sich ein 
Winkel unsres Empfindens, der nicht mehr bereit ist, 
die Ansprüche auf materiellen Weltanteil, wie sie aus 
dem freien Spiel der Kräfte in den respektierten Nen- 
tralgebieten des Sachrechts und Handelsrechts sich ent- 
wickeln, ungeprüft hinzunehmen. Zu den unsittlich sich 
färbenden 'Ansprüchen des Spekulanten und des Mono* 
polisten gesellt sich der Anspruch des veidienstlos auf 
sein Herkommensrecht pochenden Ma ssener ben. 

Wir haben den Wirtschaftskreis des Verbrauchs, des 
Besitzes und des Anspruchs umschritten und dürfen die 
gewonnenen Wertungen in grundsätzlicher Form dem 
Gedächtnis einprägen. 

1. Der Gesamtertrag menschlicher Arbeit ist zu jeder 
Zeit begrenzt. Verbrauch, wie Wirtschaft überhaupt, 
ist nicht Sache des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft. 
Aller Verbrauch belastet die Weltarbeit und den Welt- 
ertrag. Luxus und Absperrung unterliegen dem Gemein- 
willen und sind nur soweit zu dulden, als die Stillung 
jedes unmittelbaren und echten Bedarfs es zuläßt. 

2. Ausgleich des Besitzes und Einkommens ist ein 
Gebot der SittHchkeit und der Wirtschaft. Im Staate 
darf und soll nur einer ungemessen reich sein: der Staat 
selbst. Aus seinen Mitteln hat er für Beseitigung aller 
Not zu sorgen. Verschiedenheit der Einkünfte und Ver- 
mögen ist zulässig, doch darf sie nicht zu einseitiger 
Verteilung der Macht und der GenuBrechte führen. 

3. Die heutigen Quellen des Reichtums sind Mono- 
pole im weitesten Sinne, Spekulation und Erbschaft« 

130 



Der Monopolist, Spekulant und Großerbe hat in der 
künftigen Wirtschaft jordnung keinen Raum. 

4. Beschränkung des Erbrechts, Ausgleich und Hebung 
der Volkserziehung sprengen den Abschluß der Wirt- 
schaftsklassen und vernichten die erbliche Knechtung 
des untersten Standes. Im gleichen Sinne wirkt die Be- 
schränkung luxuriösen Verbrauchs, indem sie die Welt- 
arbeit auf die Erzeugung notwendiger Güter verweist 
und den Wert dieser Güter, gemessen am Arbeits- 
ertrage, ermäßigt. 

Auf diesen Grundsätzen ruht das System des wirt- 
schaftlichen Ausgleichs und der sozialen Freiheit. 

Seine gesetzgeberische Durchführung ist eine Frage 
minderer Bedeutung. Denn die Betrachtung der ge- 
gesetzlichen Einrichtungen in den verschiedenen Staaten 
zeigt die Vieldeutigkeit aller praktischen Lösungen. Die 
Lebensformen sind durchweg viel ähnlicher als die ge 
setzgeberischen Systeme, durch die sie geregelt werden 
sollen; die Ziele sind ähnlich, die Ergebnisse sind ähn- 
lich, nur die Anordnungen sind verschieden. Entschei- 
dend ist, daß die Ziele, die Idealanschauungen geändert 
werden; die Einrichtungen werden ihnen folgen und 
abermals in Mannigfaltigkeit der praktischen Qestaltung. 

Von unermeßlich größerer Bedeutung ist es, daß der 
künftigen Umgestaltung Änderungen der Gesinnungen 
und ethischen Wertungen vorauszueilen, so wie es stets 
im geschichtlichen Laufe geschehen ist, wenn neue Wege 
gewiesen wurden. Die Gesinnungen warten auf diesen 
Anstoß. Aus sich selbst haben sie zwar die Kraft, doch 
nicht die Neigung, ihre Gleise zu verlassen; die Ver- 
altung der Ziele drückt sich nicht darin aus, daß die Ge- 
sinnungen sich mit einem Schlage wandeln, sondern 
daß sie unsicher und verzagt werden. 

^ 13« 



Dieses Verzagen ging allen großen Umwälzungen zu- 
vor, wir empfinden es heute in unsem Tiefen sostark, weil 
es mit unbewußten Regungen des bösen Gewissens ver- 
bunden ist. Deshalb wurde mit echter Leidenschaft, 
die tiefer wurzelte als in Politik, ja tiefer als im Volks- 
tum, der Krieg ergriffen; man erhoffte von ihm neue 
Richtung der Gesinnung und neuen Sinn des Lebens. 
Doch soviel er hinwegläutern, aasbrennen mag: dies 
letzte kann er nicht geben. Denn nicht aus sozialen und 
innermenschlichen Nöten ist er emporgebrochen, son- 
dern aus nationalen Konflikten. Nationalismus aber 
bildet nur die Außenfläche des kollektiven Empfindens 
und Bewußtseins, dessen innerster Kern transzendent 
bleibt und sich im Sittlich-Sozialen kundgibt. Manchen 
überalteten Wert wird der Krieg erschüttern» jedoch 
nur soweit, als der nach außen wirkende Wille des Vol- 
kes betroffen wird; sein innerstes Gewissen wird nicht 
tiefer getroffen ab in seinen Zusammenhangen mit 
diesem Willen. Rückt man diesen äußeren Willen in 
den Mittelpunkt des Lebens, so ist der \\ eg nicht mehr 
weit, und der Krieg wird zum Selbstzweck, der Frieden 
zum müden und müßigen Traum. Krieg ohne Leiden- 
schaft und Haß ist sachliche, unmenschliche Schläch- 
terei; Haß und Leidenschalt aber kuiiiien niemals letzte 
Ziele sein, denn die Erfüllung der Seele ist Liebe. 

Der Wandlung der Gesinnung wollen wir den näch- 
sten Hauptabschnitt unsrer Betrachtung widmen; die 

Kasuistik der Einrichtungen £oll in aller Kurze in einer 
einzelnen^ einfachen Lösungsform alsbald versinnlicht 
werden. 

I. Das nächstliegende Mittel zur Regelung des Ver- 
brauchs ist ein ausgedehntes, teil\\oise bis an die Grenze 
der Prohibition getriebenes System von Zöllen, Steuern 

13* 



und Abgaben auf Luxus und übermäßigen Verbrauchs- 
genuß. 

Dieses System soll kein finanzielles sein; der Ertrag 
ist eine gleichgültige Nebenwirkung; sein Sinn liegt 

ausschließlich in der Beschränkung. 

Dl« Abgaben sind um so höher zu bemessen, je tiber- 
flüssiger und je kostbarer das eingeführte oder erzeugte 
Produkt sich darstellt. Man vergesse nicht, daß jede 
Einfuhr nicht anders bezahlt werden kann als durch 
Ausfuhr. Um eine einzige Perlenkette zu bezahlen, muß 
der zehnjährige Arbeitsertrag von fünf deutschen Ar- 
beiterfamilien dem Auslande preisgegeben werden. 

Auf Tabak und Spirituosen, auf kostbare Textilstoffe, 
Rauchwaren, Putzfedern, Hölzer, Gesteine, vor aUem 
auf gefertigte Luxus waren sind Zölle und Abgaben zu 
erheben, die bis zum Mehrfachen des Wertes ansteigen; 
Juwelen, deren Einfuhr schwer zu überwachen ist, 
sollten außer dem Zoll eine hohe Jahresstcuer tragen. 

Es gibt Gegenden in Deutschland, wo der Bierver- 
brauch, auf den Kopf des erwachsenen Mannes berech- 
net, im Durchschnitt r^ehr als drei Liter am Tage aus- 
macht. Für geistige Getränke und Tabak berechnet 
sich unser Jahresaufwand nach Milliarden. Unbeküm- 
mert um die Interessen der Brauer, Zapfer, Fabrikanten 
und Detaillisten, die reichlich entschädigt werden kön- 
nen, müssen diese Genußmittel zu Trägern gewaltiger 
Verbrauchsabgaben werden. Umsatzabgaben sind zu er- 
heben von allen im Lande gefertigten Luxus-, Galan- 
terie-, Putz- und Modewaren, soweit sie nicht der Aus- 
fuhr dienen. 

Zu besteuern ist der Raumaufwand. Abgesperrte Park- 
anlagen, luxuriöse Gebäude und Wohnräume, Remisen 
und Garagen müssen zu den Lasten des Landes bei- 



135 



tragen. Persönliche Bedienung in starker Progression 
der Kopfzahl und der Gehälter; Luxuspferde, Equipagen 
und Automobile, Beleuchtungsaufwand, kostbares Mobi- 
liar, Rang und Titel sind Steuerobjekte nicht im Sinne 
des Finanzertrages, sondern der Beschränkung. 

2. Dem Ausgleich der Vermögen dienen die bekannten 
Einrichtungen der Vermögens- und Einkommenbesteue- 
rung; jedoch nicht wie bisher in dem Sinne einer Not- 
quelle für den Staat, mit Bangen auferlegt und mit 
Unmut entrichtet: sondern vielmehr als Anerkenntnis 
dafür, daß oberhalb eines bürgerlichen Auskommens der 
Erwerbende nur bedingter Mitbesitzer des Erworbenen 
ist und daß es dem Staate freisteht, von diesem Über- 
schuß ihm soviel oder sowenig zu belassen, wie er will. 
Wer die Entwicklung der sogenannten gemischtwirt- 
schaftlichen Unternehmungen beobachtet, die für ein- 
zelne Erwerbszweige monopoHstischer Art schon heute 
dem Gedanken Ausdruck geben, daß oberhalb eines aus- 
kömmlichen Ertrages der Fiskus den weitaus überwiegen- 
den Teil des Nutzens zu beanspruclicn hat, dem wird 
die Aussicht nicht widersinnig erccheinen, daß der Staat 
auf übermäßige Erträge und Vermögen bis zu einem 
beliebigen Anteil die Hand legen könne. 

Der Einwand des Antriebs zur Auswanderung der 
Wohlhabenden hat nichts zu bedeuten. Denn diese Ein- 
richtungen werden nur in dem Zeitmaße entstehen, 
wie ihre Berechtigung und Notwendigkeit erkannt wird, 
und langsam sich ihrem Endzustand nähern. Solche 
Erkenntnis aber bleibt nicht national begrenzt; umge- 
kehrt wird vielmehr die Einsicht^ welche Stärke das 
vorschreitende Land gewinnt, nicht nur den Schritt der 
übrigen beflügeln, sondern auch die Vermögen fester an 
ihre Heimat f esseln, die den Segen ihres Opfers vor Augen 



134 



aeheii. Bei der Betrachtung der Umstellung sittlicher 

Begriffe wird diese Erkenntnis uns in neuem Licht er- 
scheinen. 

Noch kurzsichtiger ist der Einwand des Antriebes zur 
Verschwendung. Hat ein Mensch jenen seltsamen und 

unerfoi seilten Hang zum Sammeln, der unsre Zeit be- 
herrscht und eine der stärksten Triebkräfte des wirt- 
schaftlichen Handels darstellt, so wird er von dieser 
Leidenschaft nicht frei, weil ihre Befriedigung erschwert 
ist; durch Verarmung ist bisher noch kein Habsüchtiger 
zum Verschwender geworden. Fehlt ihm die Neigung, 
ist er an sich dem Aufwand zugetan, so wird das größere 
Einkommen ihn nicht sparsamer finden als das kleinere. 

Ein dritter Einwand verdient die Prüfung, die wir 
ihm vorbehalten: Welchen Ersatz findet der Untemeh- 
mergeist, der zurzeit ausschließlich von privater Kapital- 
ansammlung befruchtet wird und dem auch der reichste 
Staat die Mittel und Anregungen nicht zu bieten ver- 
mag, die freier Wettlauf um neue Ziele erfinderisch 
und hoffnungsfreudig hervorlockt. 

3. Der Kampf gegen private und persönUche Mono- 
pole ist eine Tendenz, die nur gemeingültig und nach- 
drücklich anerkannt zu werden braucht, um in jedem 
Einzelfalle ihre gesetzUche oder geschäfthche Handhabe 
zu finden. Unausgesprochen, zum Teil bestritten, 
hat diese Tendenz bereits den Anlauf genommen, 
der nur des auslösenden Signals bedarf. Schon jetzt 
werden Eriindungspatente, fiskalische Konzessionen, 
Naturkraftverwertungen zeitlich begrenzt, die Ausbeu- 
tung seltener Bodenschätze, die Nutzung monopolistisch 
wachsender Grundwerte tritt in den Kreis fiskalischer 
Erwägung. Für die Wirtschaft Öffentlicher Betriebe sind 
Formen gefunden, welche den Unternehmungsgeist be- 

I3S 



tdJigen, ohne sich seinen Ansprüchen zu unterwerfen. 
Fast unbeachtet blieben bisher die bedeutenden Mono- 
pole des Vorsprungs^ der Organisation und des Kapitals; 
schwer ist es, sie grandsätzlich zu beseitigen, da sie durch 
Zentralisierung die Wirtschaft anspornen und stärken; 
doch lassen sich Formen finden, von denen demnächst 
die Rede sein soll» die den Vorteil der Allgemeinheit 
sichern» ohne den Einzelnen über Gebühr zu be^ 
reichern. 

Im Zusammenhang mit den Monopolen und ihren 
Gegenmitteln muß einer wilden Berufsart Erwähnung 
geschehen, die zwar nicht regehnäßig zu großem Reich- 
tum führt, die aber in ihrer Gesamtheit der Nation un- 
verhältnismäßig große Beträge entzieht und sie vielfach 
solchen PersonHchkeiten zuweist, deren Anspruch auf Be- 
sitz mit ihrer menschlichen Artung und Leistung streitet. 
Nicht die alten und verdienstvollen Formen des Handels 
und des Kommissionswesens sind gemeint, sondern die 
Gelegenhtttsgeschäfte großen Umfangs, Spekulationen, 
Gründungs- und Geldvermittlungen, Patent- und 
Giundstücksschiebereien, verborgene Beleihungs- und 
Wertpapiergeschäfte, Hier helfen nur nachhaltige Stem- 
pelgebühren und entschiedene Sonderbesteuerungen 
akzidenteller Gewinne, Gewerbescheine, Firmeneintra- 
gung und Bilanzrevisionen. 

Im weiteren Zusammenhange sei eine Tätigkeit ge- 
streift, die, an sich ehrenhaft und gutwillig, durch die 
Rückständigkeit ihrer Voraussetzungen der Wirtschaft 
größeren Schaden zufügt als irgendeine falsche Maß- 
nahme seit Beginn der kapitalistischen Ordnung, indem 
sie Hunderttausende schaffensfähiger Existenzen zu einer 
Leistung aufsaugt, die von wenigen Tausenden erfüllt 
werden könnte. 



136 



Jede verwitwete Inhaberin eines Strickwarengeschäfts 
beansprucht, daß fünfzigmal im Jahr junge Abgesandte 
ihrer bevorzugten Großhändler bei ihr vorsprechen, 
einige Stündchen mit ihr verplaudern, ihr Neuigkeiten 
erzählen und vorzeigen, während sie sich vorbehält, 
dem einen oder andern gelegentlich einen Auftrag zu 
erteilen. Jeder dieser Verkäufer mußte für drei oder 
vier solcher Besuche, die er vor seinen Mitbewerbern 
streng zu verbergen sucht, eine Reise machen, welche 
die Ware verteuert und seine Arbeitskraft für einen 
Tag aufzehrt. Millionen von Arbeitstagen werden in 
jedem Jahre durch sogenannte Geschäftsreisen verloren, 
die erspart werden könnten, wenn in jeder größeren Pro- 
vinzialstadt ein gemeinsames Musterlager der Grossisten 
unterhalten und von den Geschäftsleuten der Umgegend 
zwei- oder dreimal im Jahre besucht würde. Eine scharfe 
Besteuerung der Handelsgeschäfte, die aus Mangel orga- 
nisatorischer Entschlüsse die Volkskraft durch unwirt- 
schaftliche Rundreisen verbrauchen, würde diese Reform 
des Kleinhandels erzwingen und um Hunderte von Mil- 
lionen die Produktionskraft erhöhen. 

Solange es in einer Wirtschaftsgemeinschaft Erzeug- 
nisse gibt, die auf dem Wege vom Hersteller bis zum 
Verbraucher um mehr als ein Vierteil, bisweilen um die 
Hälfte, gelegentlich auf das Doppelte des Preises sich 
verteuern, ist das Handelssystem tief reformbedürftig. 
Nicht die Schonung des Verbrauchers ist hier das Höchst- 
zuerstrebende, noch die Bereicherung des ELändlers das 
Meistzufürchtende: sondern das überflüssige Hin und 
Her der Ware, das übermäßige und zinsraubende An- 
sammeln der Läger, das überflüssige Anbieten, Feilschen 
und Mäkeln zwischen den einzelnen Stufen des Handels- 
weges, vor allem das übertriebene Hegen der Bequem- 



137 



Uchkeit des Käufers, dem der Weg bis zur nächsten 
Straßenecke zu lang erscheint, der sieben Detaillisten 
verlangt, wenn in einem Häuserviertel ein einziger ge- 
nügt, der spät, mehrfach gemahnt, oder gar nicht zahlt. 
Diese leicht zu beseitigenden Reibungen des Handels 
erfordern einen tingemessenen Aufwand an nationaler 
Arbeit und Kapitalaufwendung, der erspart und der 
Landeserzeugung zugeführt werden muß. Es ist nicht 
gleichgültig, sondern Sache der Nationalwirtschaft und 
Gesetzgebung, ob die Arbeitsleistung eines Armeekorps 
aufgewendet werden darf, um die Verteilung des Tabaks, 
des Schreibpapiers und der Seife in einer Großstadt zu 
sichern. 

4. Oberhalb einer mäßigen Vermögenseinheit gehört 
jeder Nachlaß dem Staat. Die obere Grenze des vererb- 
baren Besitzes ist gegeben durch die Wirtschaftsform 
des Landbaus, der nach dem Stande unsrer Kenntnis 
nicht anders als privatwirtschaftlich und im Erbgange 
nachhaltig und erfolgreich vor sich R;eht. Hingegen ist 
alles, was für die Notwendigkeit der Erhaltung latifun- 
dialer Besitze angeführt wird, teils zeitlich eng begrenz- 
tes, teils irriges Urteil; denn jeder wirtschaftliche, tech- 
nische und kapitalistische Vorsprung des Großbetriebes 
läßt sich auf dem Wege der Assoziation gewinnen. Die 
allmähliche Überleitung zum staatlichen Heimfall des 
Erbes bildet die wachsende, nach Umfang und Ver- 
wandtschaftsgrad hoch gestaffelte Besteuerung; der 
Unfug des Erbanfalls außerhalb engsten Familien- 
kreises sollte sobald als möglich beseitigt werden. 

Vom staatlichen Heimfall auszunehmen sind in be- 
schränktem Maße wohltätige Legate, in weiterem Um- 
fange gewisse Stiftungen, auf deren Bedeutung wir zu- 
rückzukommen haben. Selbst Familienstiltungen können 

•38 



innerhalb bestimmter Grenzen zngelaösen werden, so- 
weit sie der Erziehung und Ausbildung, ethischen und 
kultureilen Zwecken dienen. Höchste Werke und Denk- 
mäler der Natur, der Kunst und der Geschichte können 
nicht vererbt werden. 

Bedeutender sind die Wirkungen dieser Maßnahmen 
auf das Gesamtgebiet skthch-gesellschaftUcher Bezie- 
hungen als diejenigen irgendeines andern Umschwungs, 
den die neuere Geschichte kennt. Das äußere Leben 
erscheint unter neuer Auffassung. Neben seiner Bezie- 
hung zur Klasse entsteht dem Einzelnen eine vertiefte 
Beziehung zur Gemeinschaft, der er entstammt und zu 
der er durch sein Haus zurückkehrt. Die losgelöste, 
von der Masse getragene Existenz verliert ihren Sinn; 
das bürgerliche Dasein besteht nur solange, als es dient 
und leistet, und schattenhaft, soweit es seine Untaug- 
lichkeit bekennt. Die schnöde Luzusexistenz hört auf, 
und zugleich mit ihr die erbliche Gebundenheit; die 
Anschauungen gleichen sich aus zum Volksgefühl. Die 
Herrschaft eitler, diebischer, frevelhafter Naturen wird 
zur seltensten Ausnahme, Wirkung und Achtung treten 
sich näher. Die Erzielujng gewinnt neue Formen und 
neue Wirksamkeit; war sie leichte Rüstung, so wird sie 
zur Lebenswaffe. Die Notwendigkeit, jede Anlage zu 
erforschen und zu fördern, wird unabweisbar; sie lohnt 
der Gemeinschaft mit einer ewigen Ernte geistiger 
Kräfte, wie nur die Perioden der grossen Umwälzungen 
bisher sie erkannt haben. Der Frau wird ihre mütterliche 
Würde und häusliche Verantwortung zurückgewonnen, 
die in damenhaftem Selbstzweck, in Leerheit und in Tages- 
fron ersticken sollte. Jedem gutwilligen Menschen er- 
schließt sich ein Aufblick und Aufstieg; niemand ist aus- 
gestoßen noch verachtet ; ausgeschlossen nur der Verächter, 



139 



Aufzuklären bleibt ein letzter Widerspruch. 

Betrachtet man die heutige Wirkungsweise der grö- 
ßeren Frivatvermögen im rein mechanistischen Sinne 
und ohne den Blick auf die sittlich-soziale Seite des 

Problem? zu riclitcxi, so ergibt sich, daß sie eine ihrem 
eigentlichen Wesen fremde, doch wirtschaftlich bedeu- 
tende Aufgabe erfüllen: sie tragen das Risiko der Welt- 
wirtschaft. 

Alle Unternehmungen des kapitalistischen Arbeits- 
systems stimmen darin überein: sie fordern große Mittel 
und sind gefährlich. Jede fiskalische Verwaltungsgemein- 
schaft ist imstande^ Mittel zu beschaffen; Risiken zu 
tragen vermag sie nicht, denn es fehlt ihr der leiden- 
schaftliche Anreiz, der die Sorgen der Verantwortung 
überwindet, und es fehlt ihr das autokratisch waltende, 
instinktive Urteil, das die Aussichten jenseits der Gefahr 
vorwegnimnit. Fernstehende neigen zu dem Irrtum, 
daß dieses Urteil durch fachmännisches Studium und 
Gutachten ersetzt weMen könne, diese Hilfsmittel ver- 
sagen bei allen großen Zukunftsfragen; die Meinungen 
der Autorii :iten widersprechen sich, und wenn sie 
sich einigermaßen geeinigt haben, ist der Augenblick 
verpaßt. 

Das Privatkapital begegnet der Größe der Aufgabe 

durch Assoziation; es begegnet den Risiken seiner Unter- 
nehmungen durch unermüdliches Streben nach Erfolg 
und Gewinn; es überwindet die Dunkelheit des Zu- 
kunftsurteils durch die sorgfältigste Auswahl seiner Be- 
auftragten und durch die große Zahl der Versuche. 

Bisher konnte dieser Forderung nur das überschüssige 
Kapital genügen, das über den Notbedarf hinaus ge- 
schichtet im Besitze der Wohlhabenden nach Anlage 
und Vermehrung strebte; die kleinsten Erspaimübc be- 

140 



gnügten sich gern mit erhöhter Sicherheit uüd gerio- 
gerer Abenteuerlust. 

Es entsteht nun die Frage : Welche neuen kapitalistischen 
Formen können an die Stelle der privaten Untemehmungs- 
mittei treten, wenn der überschüssige Einzelreichtuin 
dem gleichmäßigen Volkswohlstand gewichen ist f 

Um zu antworten müssen wir der späteren Dar- 
legung über die sittlichen Probleme der Wirtschaft einen 
Begriff vorwegnehmen: Den Hinweis auf die vorscbrei- 
tcnde Verdrängung der Habsucht durch Verantwor- 
tungsgefühl. 

Überblicken wir die große Zahl wahrhaft vorbild- 
licher Unternehmungen, und zwar unter völliger Ab- 
straktion vom historisch Gewordenen, ledigüch auf das 
Seiende und Werdende den BUck gerichtet — denn 
überall hat die Substitution des Grundes stattgefun- 
den — , so haben wir folgendes festzustellen: 

Fast ausnahmslos tragen diese Unternehmungen die 
unpersönliche Form der Gesellschaft. Niemand ist stän- 
diger Eigentümer; ununterbrochen wechselt die Zu- 
sammensetzung des tausendfältigen Komplexes, der als 
Herr des Unternehmens gilt. Die ursprüngliche Ver- 
anstaltung» daß mehrere wohlhabende Kaufleute sich 
zusammentaten» um gemeinsam ein Geschäft zu errich- 
ten, dessen Anforderungen die Kräfte eines einzelnen 
überstiegen, ist zur historischen Fiktion geworden. Fast 
im Vorübergehen erwirbt dieser und jener einen oder 
mehrere Anteile^ die er bezeichnenderweise Papiere 
nennt; er erwartet einen Ertrag oder eine Wertvermeh- 
rung; in vielen Fällen denkt er an möglichst raschen 
Verkauf. Die Tatsache, daß er Mitglied einer geschlos- 
senen GeseUschaft geworden ist, kommt kaum zu seinem 
Bewußtsein; häufig hat er nur gleichsam auf die Pro- 



sperität 4es einen oder andern Geschäftszweiges ge- 
wettet^ und das Symbol dieser Wette ist ein Papier. 
Zugleich aber besitzt dieser Erwerber noch andre, 

vielleicht zahlreiche andre Papiere; er wird zum Kreu- 
zungspunkt verschiedenartiger Besitzrechte, und auch 
die Zusammensetzung dieser Anrechte wechselt. Manch- 
mal kennt er sie nur dem Namen nach; man hat ihm zum 
Erwerbe geraten; er hat eine Zeitungsnotiz gelesen j er 
ist einer allgemeinen Neigung gefolgt. 

Dieses Verhältnis aber bedeutet die Entpersönlichung 
des Eigentums. Das ursprünglich persönlichste Ver- 
hältnis eines Menschen /,u einer greifbaren, genau be- 
kannten Sache ist zu einem unpersönlichen Anspruch 
auf einen theoretischen Ertrag geworden. 

Die Entpersönlichung des Besitzes bedeutet jedoch 
gleichzeitig die Objektivierung der Sache. Die Besitz- 
ansprüche sind derart unterteilt und beweglich, daß das 
Unternehmen ein eigenes Leben gewinnt, gleich als ge- 
höre es niemand, ein objektives Dasein, wie es yormals 
nur in Staat und Kirche, in städtischer, zunftischer oder 
Ordensverwaltung verkörpert war. 

Dieses Verhältnis drückt sich im Lebensprozeß des 
Unternehmens aus als eine Schwerpunkts Verschiebung; 
zum Mitlelpunkt werden die leitenden Organe einer 
Beamtenhierarchie; der Gemeinschaft der Eigentümer 
verbleibt das suveräne Recht der Bestimmung, doch 
dieses Recht wird mehr und mehr theoretisch, indem 
eine Mehrzahl andre Kollektivorganismen, etwa Ban- 
ken, mit der Wahrung ihrer Rechte betraut und indem 
diese Treuhänder wiederum unmittelbar an der Ver- 
waltung des Unternehmens mitwirken. 

Schon heute ist der paradoxe Fall denkbar, daß das 
Unternehmen sein eigener Eigentümer wird, indem es 

142 



aus seinen Erträgen die Anteile der Besitzer zurückkauft. 
Das deutsche Gesetz schrankt diesen Vorgang ein und 
verlangt, daß dem Vorbesitzer sein Stimmrecht gewahrt 
werde; ein organischer Widersinn der vollkommenen Los- 
lösung des Besitztums vom Besitzer besteht jedoch nicht. 

Die Entpersönlichung des Besitzes, die Objektivierung 
des Unternehmens, die Losung des Eigentums führt 
einem Punkte entgegen, wo das Unternehmen sich in 
ein Gebilde nach Art einer Stiftung, oder besaer gesagt, 
nach Art eines Staatswesens verwandelt. Dieser Zustand, 
den ich als den der Autonomie bezeichnen will, läßt 
sich auf vielfachen Wegen erreichen. Der eine Weg 
der Rückzahlung des Kapitals wurde erwähnt. Ein 
zweiter Weg, den Besitz an die Angestellten und Be- 
amten des Unternehmens aufzuteilen, wurde in einiger 
Annäherung von einem deutschen Industriellen be- 
schritten. Der Besitz kann an behördliche Stellen, Uni- 
versitäten, Stadtverwaltungen, Staatsregierungen ge- 
bunden werden; dies ist bei ^nem der ältesten deut- 
schen Bergwerke geschehen. Erforderlich sind lediglich 
zulängliche und brauchbare Bestimmungen, welche da- 
für sorgen, daß das Unternehmen dauernd von den je- 
weils besten auffindbaren Organen geleitet werde. 

Ist die Verfassung wohl durchdacht, so kann das Unter- 
nehmen allen künftigen, wenn auch noch so stajk vvach- 
senden Kapitalansprüchen genügen. Zunächst verbleibt 
ihm die Rente, die es bisher jährlich an seine Gesell- 
schafter auszuzahlen hatte. Sodann kann es vorüber- 
gehend oder dauernd mit Schuldverschreibungen be- 
lastet werden. Es kann im Notfall einen Rückschritt tun 
und von neuem tilgbare Anteilsrechte begeben; es kann 
und wird vor allem unter dem Schutze eines unerschöpf- 
lich reichen Staates, und an sich der Küiitrolle dieses 



143 



Staates unterworfen, erwarten, daß nach Bedarf ihm 
Staatsmittel gegen gebührende Verpflichtungen über- 
wiesen werden. Noch mehr: der Staat selbst wird wün- 
schen und verlangen, daß die autonomen Unterneh- 
mungen jederzeit die überschüssigen Mittel seiner Kassen 
unter entsprechender Aufsicht aufzunehmen und anzu- 
legen bereit sind. 

Dem objektiven Streben zur Antonomie entspricht die 
subjektive psychologische Entwicklung des Unterneh- 
mens und seiner Organe. 

Soweit größere Privatunternehmer noch bestehen, 
haben sie sich längst gewöhnt, ihr Geschäft unter der 
objektiven Gestalt der Firma als ein selbständiges Wesen 
zu betrachten. Dieses Wesen führt eigene Rechnung, 
arbeitet^ wächst, schließt Verträge und Bündnisse, nährt 
«ich von eigenem Ertrage, lebt als Selbstzweck, Daß 
es den Inhaber ernährt, ist, wo nicht Nebenwirkung, 
doch in den meisten Fällen nicht Hauptsache; ein tüch- 
tiger Geschäftsmann wird dazu neigen^ seinen und seiner 
Familie Verbrauch mehr als nötig zu beschränken, um 
der Firma reichlichere Mittel zur Erstarkung und Aus- 
dehnung zuzuführen. Das Wachstum und die Macht 
dieses Geschöpfes ist des Besitzers Freude; weitaus mehr 
als der Ertrag. Die Habsucht weicht dem Ehrgeiz und 
der Schaffenslust. 

Gesteigert findet sich diese Denkweise in den Häup- 
tern großer Gesellschaftsunternehmungen. Hier herrscht 
schon heute der gleiche Beamtenidealismus wie im Staats- 
betriebe. Die leitenden Organe sorgen für Zeiten, in 
denen sie nach menschlichem Ermessen längst nicht mehr 
dem Unternehmen angehören werden. Fast ausnahms- 
los kämpfen sie dafür, dem Unternehmen den größten 
Teil seiner Erträge zu wahren, den kleinsten 1 eil aus- 



144 



zuschütten, obwohl ihre persönlichen Einkünfte darunter 
leiden und das Ergebnis der Verwaltungsperiode ihren 
Nachfolgern zugute kommt. Ein hervorragender Ober- 
beamter, vor die Wahl gestellt, seine Einnahmen zu ver- 
doppeln oder in die Leitung einzutreten, wird die Ver- 
antwortung an Stelle des Reichtums wählen. Die Macht 
und Vorbildlichkeit des Instituts ist zum absoluten Zweck 
des äußeren Lebens geworden; der vollkommene Ersatz 
der Habsucht als treibenden Motors durch Verantwor- 
tungsgefühl hat sich vollzogen. 

So arbeitet die Psyche des Unternehmens in gleicher 
Richtung wie die Entwicklung des Besitzverhaltnisses: 
beide wirken im Sinne der Autonomisierung. 

Der wirtschaftUche Sinn der gesamten Bewegung aber 
ist im letzten Sinne der: Nicht mehr die Erwerbslust 
des reichen Kapitalisten ist es, die das Unternehmen 
schafft, sondern das Unternehmen selbst, zur objek- 
tiven Person geworden, erhält sich selbst, schafft sich 
seine Mittel, wie es sich seine Aufgaben schafft, und ist 
bereit, diese Mittel aus eigenen Erträgen, aus vorüber- 
gehendem Anlagebedürfnis, aus Staatsdarlehen, aus Stif- 
tungen, aus Spargeldern seiner Angestelken und Arbeiter 
oder wie immer sonst zu entnehmen. 

Es lagert sich somit zwischen das Gebiet der Staats- 
verwaltung und das Gebiet der Privatgeschäfte eine 
Schicht mittlerer Gebilde; autonomer Unternehmungen, 
die der privaten Anregung entstammen, von privater 
Initiative geleitet werden, der Aufsicht des Staates unter- 
liegen und ein selbständiges Leben führen, das in seiner 
Wesensart von der Privatwirtschaft zur Staatswirtschaft 
überleitet. Dieser objektiv und unpersönlich gewor- 
dene Besitz wird vermutlich in künftigen Jahrhunderten 
die hauptsächliche Daseinsform aller dauernden Güter 

lo RalUeiidu, Von koinracudan Diugeu ^45 



bilden; ihnen gegenüber werden die Verbrauchsgüter 
als Privateigentum, die gemeinnützigen Güter als Staats- 
eigentum ihre Stellung wahren; den Betriebsmono- 
polen dienen die Formen gemischtwirtschaftlicher Unter- 
nehmung. 

Der Lage der autonomen Unternehmungen muß die 
Eigentumsgesetzgebung in gleicher Weise Rechnung 
tragen wie den Stiftungen, deren wachsende Bedeutung 
gleichfalls der kommenden Zeit gehört. Beiden Insti- 
tutionen ist die Annahme von Legaten zu gestatten, so- 
fern es sich um billigerweise anzuerkennende Zwecke 
handelt. So findet der Schöpfer eines wirtschaftlichen 
Organismus dieM glichkeit, seinem ideellen, auf Dauer 
seines Werkes gerichteten Willen Ausdruck zu leihen, 
ohne daß müßigen Generationen Eigentumsrechte und 
Renten übertragen werden; der wirtschaftliche Wille, 
soweit er produktiv wirkt, erhält Bestand, soweit er mate- 
rielle Güter anhäuft, stirbt er ab. Die objektive, vom 
Einzelleb en losgelöste Stiftung wird zum wahrhaften 
Denkmal eines nach außen wirkenden Lebens; sie ge- 
winnt eine, wenn auch nicht im geistigen Inhalt, so 
doch im absoluten Dasein begründete Analogie zur 
idealen Schöpfung des Kunstwerks. 

Daß unser deutsches, dem Wesentlichen und Ideellen 
zugewandtes Land an Stiftungswerken, die nicht engen 
Familienzwecken dienen, soviel ärmer ist als etwa 
Amerika oder selbst Griechenland, beweist, daß der 
Untemehmergedanke nicht eigentlich deutschen Ur- 
sprungs ist und deswegen bei uns noch nicht zu seinen 
letzten Folgerungen kommen konnte. Diese Folgerungen 
aber, die weder im Sinne des Einzelnen noch im Sinne 
des Familienstammes eigennützige sein dürfen, weil der 
aus Eigennutz gebaute Organismus nicht bestehen kann, 



146 



wurden zu voller Wrkung hervortreten, sobald die Erb- 
lichkeit, die aus falscher Analogie der Gewüliiiheit diesen 
Schöpfungen zugestanden wurde, ihren Charakter ver- 
liert. Was heute seltene Ausnahme ist, wird zur Regel; 
was eine Generation erschafft, wird in die Sphäre all- 
gemdner Gültigkeit erhoben, um der nächsten Genera- 
tion zu dienen; Wirtschaftseinheit ist nicht mehr aus- 
schließlich der Stamm der Familie, sondern die Gemein- 
schaft; jedoch nicht ausschließlich die schematisch ge- 
bundene Gemeinschaft des Staates, sondern daneben ein 
ideelles Zwischenvolk wirtschaftlicher Individualitäten, 
die nicht Menschen sind, sondern Verkörperungen mensch- 
licher WlUenseinheiten. 

£s hindert nichts zu gestatten, daß Stiftungen inso- 
fern auch dem Familiengedanken dienen, als sie in ge- 
messenem Umfange zur Ausbildung und Lebensaus- 
rüstung individueller Nachkommenschaften beitragen, 
sofern die Leistung ein gegebenes Verhältnis zur gemein- 
nützigen Wirkung nicht übersteigt; doch wird niemals 
die Ausartung zum Rentnertum und zur Züchtung vor- 
versorgter Stände zugelassen werden dürfen. 

Überblicken wir nun das Wirtschaftsleben eines I^an- 
des, das die Grundsätze unsrer Ordnung verwirklicht, 
so finden wir folgende W^rkungsreihe. 

Die Produktion hat ein verändertes Aussehen gewon- 
nen. Alle Kräfte des Landes sind tätig geworden; müßig 
bleiben nur Kranke und Greise. Die Einfuhr und Er- 
zeugung überflüssiger, häßlicher und schädlicher Pro- 
dukte ist auf ein Geringstes beschränkt; hierdurchist ein 
Dritteil der nationalen Arbeit erspart, die Produktion der 
notwendigen Mittd erheblich verbilligt und gesteigert. 

Die Konzentrierung der Landeserzeugung auf die not- 
wendige und nützliche Produktion verbessert den Wir* 



H7 



bjngsgrad meiwcWicher Arbeit in ihrem Verhlltnia zu 

diesen Erzeugnissen; der Faktor der Erschwinglichkeit 
wächst. Der Konsumanteü der Bevölkerung steigt, bei 
gleicher Arbeitsleistung erhöht dch die Lebensführung. 

Während der Gesamtwohlstand des Landes sich 
dauernd, durch die Heranziehung müßiger Hände und 
die RationaUsierung der Produktion, doppelt und drei- 
fach steigert, ist die Ansammlung privaten Reichtums 
gehemmt. Somit muß das Wachstum des Besitzes der 
Gemeinschaft zugute kommen. Dies geschieht in dop- 
peltem Sinne. 

Zunächst wird der Staat über alle Begriffe reich. 

Er kann allen bisherigen Aufgaben in erholitem 
Umfang genügen; er kann alle Not und Arbeitslosigkeit 
im Lande beseitigen; er kann gemeinnützige Pflichten 
in ungeahntem Maße erfüllen, ohne der Steuerkraft 
seiner Bürger zu bedürfen. Staatsaufgabf ri, die heute 
zum höchsten Schaden der Wirtschaft mit fiskalischen 
Ausbeutungen verknüpft werden, können ohne Gewinn- 
absicht behandelt werden. Dieser Grundsatz, auf ein 
einziges Problem, das des Verkehrs und Transportes an- 
gewendet, bedeutet eine Vervielfältigung der Produk- 
tionsfähigkeit und eine unabsehbare Verbilligung der 
Erzeugung: denn praktisch wird das ganze Verkehrs- 
gebiet frachtfrei; die Wirkung ist die gleiche, als wenn 
alle Fundstätten und Erzeugungsmittel des Landes in 
seinem Schwerpunkt vereinigt wären. Gleiches gilt von 
der Erzeugung und Verteilung der Kräfte. 

Der Staat wird zum Bewahrer und Verwalter großer 
Anlagemittel^ die er mit mäßigem Gewinnanspruch den 
werbenden Berufen zur Verfügung stellt und an deren 
Hergabe er die Bewilligung normalisierter Arbeitsein-' 
kommen knüpfen wird. Ein neuer Mittelstand entsteht 

148 



durch staatliche Finanzierung solcher Gewerbe, deren 

Erhaltung neben den Großbetrieben von Nutzen bleibt. 
Der Andrang der staatlichen Kapitalien ermäßigt den 
gewerblichen Zinssatz des Landes und erleichtert die 
Errichtung mittlerer Unternehmungen. 

Zugleich wird es dem Staate ermöglicht, geistige Ar- 
beit aus dem Mechanismus des materiellen Erwerbs- 
lebens loszulösen und ihr den würdigen Ertrag zu sichern, 
der heute an den Zufall des ungeistigen Erfolges gebun- 
den ist. Der Künstler, Gelehrte und Denker wird un- 
abhängig vom Urtf il und Entscheid eines Marktes, der 
grundsätzlich das Echte nur dann belohnt, wenn es das 
Glück hat, mit dem Schein verwechselt zu werden. 

Neben dem Staat gewinnt das Volk an Wohlstand, 
freilich nicht in der Form großer einzelner Vermögen, 
sondern nach Art großbürgerlicher Behäbigkeit. Die 
Klassengegensätze sind geschwunden, der Weg zur Selb- 
ständigkeit und Verantwortung steht einem jeden offen, 
die Mittel der Bildung sind jedem Begabten erschwing- 
lich. Er kämpft nicht gegen die geschlossene Phalanx 
der Bevorrechtigten; eine beständige Vermbchung, ein 
dauerndes Auf- und Niedersteigen \^on Leistenden und 
Leitenden findet statt. In gleichem Maße wie einer- 
seits die Ansammlung von Ersparnissen, die Erlangung 
wirtschaftlicher Kredite sich erleichtert, anderseits der 
Neubeginn von Existenzen durch Rücktritt in die Ko- 
lonnen der minder qualifizierten Arbeiter zur alltäg- 
lichen Erscheinung wird, verlieren die Lohnkämpfe an 
Erbitterung, und um so mehr, als in erhöhtem Maße 
sittliche und intellektuelle Eigenschaften über Lebens- 
aufgabe und Beruf entscheiden. Vor allem aber hat sich 
das Verhältnis des Arbeitsangebots geändert. Die freie 
Verfügbarkeit des Kapitals, das Wachstum der Produk- 



149 



tion gewinnt einen Vorsprung gegenüber dem Angebot 
der Arbeitskraft: während heute zuweilen Hände feiern 
und Maschinen und Arbeitsmittel überansprucht sind, 
wird Maschine und Kapital auf das Zugreifen der Hände 
warten und somit ein erhöhter Anteil des Arbeitswertes 
dem Arbeitswilligen zufallen. 

Die Schicht neuer Gebilde, der autonomen Unter- 
nehmungen, die sich zwischen Privatwirtschaft und Staat 
schalten, trägt zu dieser V^^kung bei. Denn das auto- 
nome Wirtschaftsorgan sucht seine Bestimmung nicht 
^ überwiegend in der Gewinnung hoher Erträge ; es sammelt 
Uberschüsse nur insoweit, als Erneuerung und Ausdeh- 
nung sie erfordern; der Gegensatz zum Lohninteresse ist 
gemildert. Noch mehr: Einzelne dieser Gebilde werden 
ihre Mitarbeiter am Arbeitsergebnis grundsätzlich teil- 
nehmen lassen, andre werden die Vorteile einer Wirt- 
schaftsform, die nicht mehr dem Geldinteresse von Aktio- 
nären und Kapitalisten unterliegt, darin suchen, daß 
ihnen durch Heranbildung eines hoch entlohnten Ar- 
beiterstandes eine Verbesserung der Qualität und des Wir- 
kungsgrades der Arbeit erwächst. Das Dasein und der 
Wettbewerb dieser autonomen Werke übt rückwirkend 
und anspornend seinen Einfluß auf den Markt der 
Arbeit aus. 

Bei einem wirtschaftlichen Zustande dieser Art kann 
Gleichmäßigkeit der Erziehung und sorgfältige Auswahl 
aller Begabungen verwirklicht werden und zur Kräfti- 
gung des nationalen Aufbaues entscheidend beitragen, 
während gegenwärtig an der Verschiedenheit häuslicher 
fiexkunft, körperlicher und geistiger Vorbestimmung 
aller gute Wille vorurteilsloser Volkserziehung scheitert. 
Die Reife eines Volkes, die Fülle seiner geistigen und 
sittlichen Mächte kann aber nur dann sich entfalten, 

150 



wenn kein Samenkorn verloren -wird und jedem Sproß 
die Wartung zuteil wird, die der Würde und dem gött- 
lichen Anspruch des Menschengeistes zusteht« 

Daß kein Trugschluß die scheinbar utopische Dar- 
legung eines erreichbaren Zustandes fälscht^ möge die 
küxzcstc Gegenüberstellung nochmals vergewissern: 

1. Produktion und Wohlstand des Landes müssen 
steigen^ denn es wird 

Vergeudung ausgeschaltet, 

uberflüssige Produktion auf nützliche Produktion um- 
gestellt, 

Müßiggang beseitigt und Jede verfügbare Kraft zu 
geistiger und materieller Produktion herangezogen, 
freier Wettbewerb und private Unternehmungslust 

erhalten, 

die Verantwortung in die Hände der sittlich und 
gebtig Befähigten gelegt. 

2. Die Ansammlung übermäßigen und toten Reich* 
tums wird verhindert; 

1. Die starre Gliederung der Stände wird verflüssigt; 
an die Stelle dauernd tragender und dauernd lastender 
Glieder tritt lebendige Bewegung und organisches Auf- 
und Niedersteigen; 

4. Somit wachst 

die Macht des Staates, seine materielle Stärke und 
seine ausgleichende Kraft, 

und gleichzeitig entsteht ein gleichmäßiger mittlerer 
Wohlstand, der alle Stände durchdringt, Klassen- 
gegensätze aus eicht und die Nation zur höch- 
sten denkbaren Entfaltung ihrer geistigen und wirt- 
schaftlichen Kräfte führt. 



IL DER WEG DER SITTE 



Ha ist ein Irrtum unsrer Zeit^ den Begriff fortschrei- 
tender Entwicklung zu leugnen, den sie ein Jahrhundert 
lang gepriesen hat. 

Freilich ist Entwicklung ein zeiträumliches Geschehen; 
und wenn wir wagen, den Blick zum Absoluten zu er- 
heben, so versinkt das in Raum und Zeit Bedingte. Es 
steht uns frei, dies Jenseitige als ein Ruhendes zu be- 
nennen, obwohl auch dieser Begriff der Raumzeit nicht 
entrinnt, die er zum Nullpunkt drängt; obwohl wir 
radikaler verfahren, wenn wir Kontraste unbekannter 
Kategorien als Urgrund unsrer Symbole fordern. So 
mag ein unzulängliches Bild zugelassen bleiben: Ruhe 
im Zentrum des Wesens; wachsende Bewegung bis zur 
Peripherie der Erscheinung. 

Diese Erwägung verliert alle Bedeutung, sobald wir 
uns auf die Bühne der Erscheinung begeben. In diese 
Erscheinungswelt sind wir gesetzt, um zu handeln; diese 
Welt wird beherrscht vom intellektualen Denken; hier 
wird der Spuk: Raum, Zeit, Bewegung reales Requisit. 

Ihr Licht erhält die Bühne aus andern Reichen; dies 
Licht ist Ethik. Das jenseitige Reich, aus dem sie stammt, 
ist nicht mehr Gebiet des Intellekts; die Geisteskraft 
des Menschen, die dieses Reich erschließt, bt seine Seele, 

151 



Hier liegt der naive Irrtum aller Philosophie zutage, 

die sich vermaß, mit der Kraft des InteUekts, der Logik, 
des Einmaleins alle Reiche zu durchdringen, ohne sich je 
zu fragen, ob denn diese intellektuelle Denkkraft wirk- 
lich eine absolute sei, ja ob sie denn die einzige Macht 
des Geistes bedeute; ob nicht vielmehr jede Erkenntnis- 
welt adäquate Geistesmächte verlange, ob nicht in uns 
selbst Ansätee dieser Mächte im Intuitiven, in der 
Liebeskraft der Seele sich offenbaren. Die Jahrtausende 
vergingen, und immer wieder drängte sich das Einmal- 
eins an die Geheimnisse, die nicht einmal die Sehn- 
sucht der Seele zu bewältigen vermag. 

Hier scheiden sich die Urbetrachtungen: sollen wir 
das Absolute in der Sprache des Intellekts, sollen wir die 
Erscheinungswelt in der Sprache der Seele zu umschrei- 
ben suchen ? In der Betrachtung der Seele ist die Er- 
scheinungswelt ein Gleichnb; eine Bühne, auf die wir 
gestellt sind, um nach dem Willen des Dramaturgen 
bewegliches Schicksal zu schaffen und zu erleben; in 
der Betrachtung des Intellekts ist das Jenseitige ein Auf- 
stieg. Der Indifferenzpunkt beider Betrachtungen ist 
unser sittliches Sollen; hier steht die Notwendigkeit der 
Verknüpfung; hier ist es unerlaubt, die Erscheinung ganz 
als Selbstzweck oder ganz als Spiel zu nehmen ; hier lehrt 
die Seele den Intellekt und erweist sich als höherer 
Herkunft. 

Unzulässig bleibt die Vermengung: das reale Leben 
ZU trüben durch die transzendente Betrachtung der 
Bewegungslosigkeit, oder das transzendente Reich an- 
zutasten durch das Hineintragen irdischer Ordnungen. 

Auf der Seite der intellektualen Betrachtung im Reich 
der Erscheinung haben wir das Recht und die Pflicht, 
das Beginnen der Seele als Aufstieg und Entwicklung 



153 



hinzunehmen» obwohl in transzendenter Betrachtung 

das Wesen der Seele ohne Anfang und Ende ist. 

Eine Betrachtung wirtschaftlicher, geschichtlicher und 
sozialer Dinge muß sich stets bewdSt sein, daß sie auf 
der Bühne der Erscheinung agiert. Sie muß das reale 
Leben ernst nehmen, an Wissenschaft und Entwicklung 
im Rahmen ihrer Aufgabe glauben, soweit es sich um 
Bestehendes handelt. Treten Ziele hervor, so übernimmt 
der Sittenbegriff die Führung. Dann ist das Bestehende 
nicht nebensächHch zwar, doch auch nicht entscheidend; 
die Forderung wirkt aus größter Ferne, und dennoch 
machtig, wie die Kraft der Gestirne auf Ebbe und Flut. 
Das Bestehende bleibt fest und wird dennoch plastisch 
wie zähes Metall; wir dürfen der Entwicklung ver- 
trauen, daß sie das Widerstrebende, das scheinbar ewig 
Konstante, und wenn es die Leidenschaften, die Wünsche 
und Verblendungen der Menschen wären, einem klareren 
und vollendeteren Stande, dem Reiche der Seck näher 
führt. 

Daß die Welt seit dem Verlöschen der absoluten dog- 
matischen Ideale überhaupt es vermocht hat, sich neben 
ihren mechanischen Schutzwehren ein paar Schritte vor- 
zutasten, erklärt sich nur daraus, daß in den Winkeln 
ihres Gewissens allerorten noch Glaubensreste der Zei- 
ten, transzendenter, mythologischer, fetischistischer und 
animistischer Herkunft sich vorfanden, die, einzeln ver- 
fallend, in ihrer Sammelwirkung noch eine Richtung 
andeuten. 

Unfaßbar und ausdenkbar ist es, diese Welt, in der 
ein nie erhörtes Maß von geistigen Kräften kreist, preis« 

gegeben sich vorstellen zu müssen den zufälligen Kon- 
stellationen materieller Bedürfnisse, physischer Gleich- 
gewichte, majorisierender Bestrebungen, ohne das Gegcn- 



^54 



gewicht einer einigen, unerschüttcrtcn ethiachen Trieb- 
kraft, Ohne die Überzeugung eines absoluten Gutes, 
das not tut. Ohne Glauben an ein gemeinsames Ziel, 
das Leben und Tod umschlingt. Ohne eine gültige 
Wertung, die sagt: dies ist gut und jenes böse. 

Freilich, auch Interessen schaffen Glauben! Eine land- - 
wirtschaftliche Existenz kapitalisiert ihren Jahresnutzen 
zu einer religiös-politischen Anschauung. Ein Freihandeb- 
interessent steigert seine Geschaf tsaussicht zum lukrativen 
Deismus. Der Forscher schafft sich eine Professoren- 
transzendenzy die seinem Arbeitsgebiet lächelt. Ein 
Machthaber tauscht mit seiner Gottheit Verleihungen 
aus. Der arme Schlucker rächt sich und setzt sie ab. 
Ist es denn noch keinem aufgefallen, daß in dieser weiten 
Welt anscheinend niemand, aber niemand eine Über- 
zeugung haty die mit seinen Interessen streitet? 

Soll ntm die Richtung der Welt, ihr geistiges Wollen, 
der Kräftediagonale überlassen bleiben, die sich aus der 
Unzahl transzendentalisierter Interessen ergibt? 

Und doch liegt das Reich der Seele vor aller Augen, 
und mit ihm die Ordnung der Ideale und Ziele, reiner 
und organischer gereiht und geklärt als die trübe Ord- 
nung der Wirklichkeiten. 

UnfaBbar ist noch ein Zweites und Geringeres, das 
immerhin gerade dem pragmatbchen Sinn der Zeit am 
Herzen liegen sollte: Der Mensch, der alle Reiche des 
Himmels und der Erde zu durchforschen glaubt, ihm 
fehlt noch immer die wertende Erkenntnis des Men- 
schen; er kennt und wertet nicht seinen Nächsten, 
nicht seinesgleichen. 

Verbrauchte Wertungssysteme aller Zeiten und 2k)nen 
durchkreuzen sich im Bewußtsein der Menschheit, und 
keines vermag die Führung zu gewinnen, weil die 



»55 



leitende, gemeingültige Grund- und Weltanschauung 
fehlt. 

Im westlichen Voiksbewußtseln und seiner ästheti- 
schen Anschauung überwiegt die germanische Polarität 
von Mut und Furcht. Geschätzt wird jede Eigenschaft, 
die Mut beweist, verachtet und gehaßt jedes Laster, 
das auf Furcht beruht. Jede Gewalttat ist verzeihlich, 
wenn sie mit Offenheit, Treue, Tapferkeit vereinbar 
ist; die Feigheit der Lüge, der Hinterlist, des Betrugs 
schändet und macht ehrlos. Jeder Vorwurf ist Vorwurf 
der Feigheit; Ehre ist anerkannter Mut. Der Mut- 
beweis des Zweikampfs heilt die angegriffene Ehre. 
Khigheit, Energie, Frömmigkeit, Barmherzigkeit sind 
indifferente Eigenschaften, die nützen oder schaden, 
die aus benachbarten Wertungssystemen eine gewisse 
Anerkennung oder Abneigung finden können, jedoch 
für die unterbewußte und entscheidende Wertung außer 
Ansatz bleiben. In der Dichtung bestimmt das Kenn- 
zeichen des Mutes und der Wahrhaftigkeit die Sym- 
pathie und Teilnahme; eine dichterische Figur darf 
träge, träumerisch, gewalttätig, unklug, unwissend, ego- 
istisch sein und kann dennoch das Mitgefühl des Lesers 
finden^ ist sie grundsätzlich feige, lügenhaft, heimtük- 
kisch, so ist ihre Verwendung im Mittelpunkt des Dicht- 
werkes unmöglich; daher ist die Bezeichnung der Haupt- 
figur als Helden zutreffend. Der tragische Konflikt 
treibt die dem Volksempfinden unbewußte Antinomie 
auf die Spitze: der Held ist mutig und erweckt daher 
tiefe Teilnahme; er übertreibt oder entbehrt indifferente 
Eigenschaften und geht daher nach dem Lauf der Welt 
oder des Schicksals, dem diese Eigenschaften seltsamer- 
weise nicht indifferent sind, unter sympathisch erregtem, 
intellektuell erstauntem, unbewußt begreifendem Mit- 

156 



empfinden des Zuschaue» zugrunde. Im franzosischen 
Dichtungskreise genügt es, wenn der Held sich mutig, 
gelegentlich großmütig erweist; im übrigen tut es der 
Sympathie keinen Abbruch, wenn er, wie Julien Sorel 
in Stendhals berühmtem Roman, lügt, mißtraut und 
intrigiert; die deutsche und angelsächsische Dichtung 
erträgt nur den klar umschriebenen Mutmenschen als 
Teilnahme fordernde Hauptfigur. 

Ein anerzogenes theoretisches Bewußtsein laßt neben 
der Mutwertung die orientalisclic Scliätzung der Barm- 
herzigkeit und Klugheit gelten, das Patriarchenideal, das 
dem deutschen Mittelalter widerstrebte und dem Ein- 
gang der Bibel in das deutsche Dichterbewußtsein wehrte. 

Das berufskünstlerische Empfinden des letzten Jahr- 
hunderts schuf Ansätze einer intellektualen Wertung; 
die Steigerung der geistigen Fähigkeit zum Talent, der 
intuitiven Fähigkeit zur GeniaUtät schien entscheidend 
zu werden und sich von ethischen Bedingungen los- 
zulösen. 

Das mechanisierte Denken verehrt den Erfolg; es drang 
eine neue Polarität der Wertung ein, die im Volksbe- 
wußtsein nachhaltig fühlbar wurde: die amerikanische 
Stufenleiter der Arbeitskraft, Nachhaltigkeit, Entschluß- 
kraft und Willensphantasie. 

Der chronistische Niederschlag des SittenempHndens 
auf dem Pergament der Gesetze entspricht in seiner 
dürftigen Anpassung der Verworrenheit der STSteme. 
Die Lüge ist erlaubt, auch vor Gericht, der Meineid 
verboten. Streng bestraft werden Eigentumsvergehen, 
zumal wenn sie die Feigheit der Hinterlist verraten. 
Der Mutbeweis des Zweikampfes wiederum ist unter- 
sagt, Wild aber dem Volks- und btandcsempiinden zu- 
liebe in Grenzen geduldet« 



IS7 



Gleiclies Durcheinander bürgerlicher Nützlichkeiten 
spiegelt die gesellschaftliche Schätzung. Feigheit und 
betrügerische Tücke ächten, wenn sie nachweisbar und 
offenkundig geworden sind. Lüge, Habsucht, Hinter- 
list, Schadenfreude, Verleumdung, Bosheit, Unbarm- 
herzigkeit, Hochmut, Eitelkeit, Undankbarkeit, Geiz, 
Trägheit, Lüsternheit, Roheit werden hingenommen, 
solange sie dem bürgerlichen Erfolg keinen Abbruch 
tun. Fleiß, Energie, Willenskraft, Schlagfertigkeit, 
Talent, Witz, Gedächtnis werden anerkannt; wenn sie 
zum Erfolg führen, bewundert. Güte, Edelmut, Opfer- 
ainn, Begabung finden Beifall, wenn sie öffentlich ver- 
brieft sind. 

Dies ist das ungefähre Inventarium der unterbewuß- 
ten, bewußten, gesetzlichen und gesellschaftlichen Men- 
schenwertung unsrer Zeit. Indessen leben in Europa 
wohl an tausend Menschen, die nichts voneinander 
wissen und deren Augen sehend geworden sind. Sie 
tragen in sich den Maßstab einer neuen Wertung, und 
mehr: es ist ihnen der verhängnisvolle Blick vcilielien, 
der das Menschliche wie einen Kristall durchdringt. 
Ihnen reden nicht nur Mund und Augen, sondern Stirn, 
Gestalt und Hände; die Wahl und der Klang eines Zu- 
faUswortes, das unausgesprochene Glied einer Gedanken- 
verbindung, die unwillkürhdie Bewegung, jede Wahl, 
Vorliebe, Abneigung in Gedanken, Dingen und Men- 
schen, jedes Band der Umgebung, des Verkehrs, der 
Handlung und Lebensführung offenbart mit dergleichen 
Eindringlichkeit und Eindeutigkeit das Wesen des An- 
geschauten, wie es der Mehrzahl nur durch den Brenn- 
spiegel dichterischer Vision vermittelt wird. 

Man spricht geincuiliin von der Gabe der Menschen- 
kenntnis, und viele stellen sich darunter eine Art von 

158 



mißtrauischer Schlauheit vor, welche Mnter die gehd- 
men Beweggründe, Schliche und Schwächen der Men- 
schen zu kommen sucht, um sie desto leichter zu nutzen 
und zu beherrschen. Diese falsche SHaventugend führt 
zu nichts, es sei denn zu kleinen ungerechten Vorteilen; 
denn sie kann von niederen Naturen nur gegen ihres- 
gleichen geübt werden. Wahre Menschenkunde ist nur 
tief verantwortlichen, das heißt echten Herrschernaturen 
gegeben, die deshalb nicht einmal genial zu sein brau- 
chen; das königliche Menschenvertrauen Wilhelms L be- 
ruhte auf solcher Kraft und hat auf ein Jahrhundert 
den streng monarchischen Gedanken gerettet. 

Einfühlende Menschenkenntnis führt nie zur Ver- 
achtung und nie zur Überhebung. Das organische Emp- 
finden, auf dem sie beruht, begreift die Notwendigkeit 
der Schöpfungsfülle, die in der gleichzeitigen Harmonie 
aller Möglichkeiten, im lebenden Aufbau der Stufen- 
glieder sich vollendet; Verachtung ist doppelte Blind- 
heit: gegen sich selbst und gegen die Allseitigkeit der 
Natur. 

Die Wertung verliert hier ihren pharisäischen Ge- 
schmack, der aller beschränkten Ethik anhaftet und sie 
schöpferischen Naturen verleidet; die Frage lautet nicht 

mehr, was ist besser und schlecliLcr, was ist selbstgerecht 
und verächtlich, erlöst und verdammt, sondern vielmehr: 
was weist ins Künftige und was ins Vergangene f Was 
verlangt nach Verantwortung und was nach Schonung ? 
Was fordert Leben, und was neigt zum Tode? 

Fragt man aber die Menschen, die in mensciüichen 
Dingen schauend geworden sind, nach welchen Polen 
ihre unbewußte und unbeirrbare Wertung sich richtet, 
so wissen sie es nicht. Wir wissen es und wollen es aber- 
mals bekräftigen; es ist die Richtung der Seelennähe 



«59 



und der Seelenferae« Jene haben den Gegensatz des 

seelenvollen und des seelenlosen Menschen erahnt und 
erblicken seine Übergänge in allen menschlichen Mani- 
iestationen. 

In früheren Schriften habe ich den Ürkontrast dar- 
gelegt und seine Herkunft erläutert: der Geister, die 
ihren Schwerpunkt im Absoluten, ihr Gleichgewicht in 
den Erfüllungskräften der Transzendenz, Intuition und 
Xiebe finden, und jener andern, deren Schwerpunkt 
in der Erscheinung, deren Gleichgewicht in Wünschen 
und Ängsten liegt. Der transzendente Geist fühlt sich 
hingegeben als dienendes Glied des Unsichtbaren; die 
Erscheinungswelt schafft er sich und beherrscht sie, doch 
nicht in Willkür und Genuß, sondern eingedenk des 
Auftrages und der Verantwortung. Der terristrische 
Geist wird von der Welt beherrscht, von Körperlich- 
keit, Freuden und Leiden, Dingen und Menschen. In- 
dem er sich zu befreien trachtet, ringt er um Leben 
und Genuß, ura der Sinne mächtig zu werden; nach 
Wissen und Besitz, um die Dinge zu bewältigen; nach 
Macht und Herrschaft, um die Menschen zu unter» 
werfen. Dreifacher Irrtum, widerlegt durch Ungenügen, 
Zweifel und Tod. 

Die Stimmung dieses Geistes ist Begierde und Furcht, 
flire Objektivation heißt Zweck. Seine Kraft ist der 
reine analytische Intellekt; die hoffnungslosen Versuche 
dieser einseitigen transzendenzlosen und zweckhaften 
Kraft, ein Weltbild oder eine Sittenlehre zu schaffen, 
bilden den Inhalt aller früheren Philosophie. Sie konnten 
niemals weiter als bis zur Selbstbcschi iinkun^: und Ab- 
dankung des Intellekts gelangen; glückte ein Schritt 
darüber hinaus, so hatten verschämt geleugnete intui- 
tive Kräfte sich eingedrängt. Psychologisch merkwürdig 

i6o 



sind die verschiedenartigen Schreckphänomene, die auf- 
treten, sooft die Inteliektualkraft an die Kristallmauern 
des Nachbarreiches stößt^ und die wechselnden Be- 
zeichnungen, die sie negierend ihm verleiht« Jede Ethik 
auf der Grundlage des zweckhaften Intellekts mußte 
notgedrungen utiMtarisch enden; die Beschämung über 
diese Erdgebundenheit» die Verzweiflung über die dia- 
lektische Anpreisung unverbindlicher Nützlichkeiten hat 
zu seltsamen, zwitterhaften Verschleierungen geführt. 

Utilitarisch bleibt vor allem die praktische Ethik und 
Religion des intellektualen Geistes. Beide kommen über 
das do ui des des Handelns nicht hinaus; schon im Be- 
griff des bewaslosen Glaubens ist der Intellekt wiederum 
zur Abdankung gezwungen, sofern er nicht unter heim- 
licher Angst vor seiner eigenen Forschung sich an ge- 
schichtliche Offenbarung halt. Auch wenn er die Er- 
scheinungswelt durch eine theokratische Übererde, die 
Lebenszeit durch eine postume Verlängerung erweitert, 
bleibt Hoffen und* Fürchten, Handeln und Zweck ent- 
scheidend, mag man diesen Zusanmienhang nennen, wie 
man wül: sein Inbegriff ist Nutzen. 

Es ist zu beachten, wie die reinsten Religionen, den 
Bezirken echter Transzendenz entstammend, sich mate- 
rialisieren, sobald sie in die Hände intellektual-zweck- 
hafter Bevölkerungen gelangen; ob sie beim Gebetrade 
oder bei der Rehquie enden, stets führt sie der Weg 
vom wunschlosen Glauben zum klugen Handeln. 

Für den transzendenten Geist gibt es kein ethisches 
Handeln, sondern vielmehr einen ethischen Zustand 
Die reine, wunschlose, in Schauen und Glauben erfüllte 
Gesinnung kann nicht fehlgehen, gleichviel was sie tut; 
sie kennt keine Vorschrift. Sie hat kein Mittel, und 
wünscht keins, um seliger zu werden, als sie ist; de 

i6i 



wild es durch die einströmenden Kräfte, denen sie eat- 
gegenatmet. Hier ist jeder Kompromiß des Lasters mit 
der Tugend, des Willens mit der Gewährung beendet; 
der ethische Vorgang ist der intellektualen Ordnung ent- 
hoben und in den Bereich seines eigenen eriüllenden 
Wesens gerückt. 

Wiederholt habe ich dargelegt, was unsrer Zeit zu 
wissen so bitter not tutj in welchen erkennbaren mensch- 
lichen Ausstrahlungen das Wesen des Intellektualen, 
Furcht- und Zweckhaften sich kundgibt ; wie die Sorge und 
Erdgebundenheit sich ausdrückt in egozentrischem Denken 
und Fühlen; die Abhängigkeit von Menschen in Ehr- 
geiz und Scheinsucht, Geschwätzigkeit und Lüge; die 
Abhängigkeit von Dingen in Habsucht, Wißbegierde; 
der Gesamtkomplex der transzendenzlosen Geistesrich- 
tung in unsachlicher, liebloser, kritischer Haltung zur 
Welt und ihren Geschöpfen, in unsicherem, instinkt- 
losem Wandel, im Verschmähen des Augenblicks und 
Hängen an der Zukunft, in der Neigung zum Sinn-* 
fälligen, Deklamatorischen, Pathetischen, im Hang zum 
Aberglauben und zur interessierten Frömmigkeit. 

Niemals tritt eine dieser Eigenschaften gesondert auf, 
niemals bleibt ihr Ausdruck dem empfindenden Auge 
verborgen. Sie bilden das äußere Maß der Seelenferne 
des Einzelnen und des Volkes; ihr mählicher Übergang 
zu den Äußerungen der Transzendenz, zur Schöpfungs- 
Hebe, Wahrheit, Sachlichkeit, Intuition, zur Freiheit von 
Dingen, Menschen und vom Ich, zur Versenkung in die 
Dinge um der Dinge willen, zur Liebe um der Liebe 
willen, zur wunschlosen Frömmigkeit, zum Dank, zur 
Hingabe und zur Erleuchtung. Dies ist der wahre 
Menschheitsweg, dies sind, ob Mensch ob Volk ihn 
schreitet, seine Stationen und zugleich die einzigen 



162 



wahren und untrüglichen Maße menschlicher Ent- 
faltung. 

Wer diese Maße unbewußt in sich empfindet, dem 

können solche Darlegungen nichts Neues sagen, nur 
allenfalls Zusammenhänge klären, die sich dem Denken 
leicht ergeben. Doch ist es von höchster Wichtigkeit, 
daß endlich die allgemeine Wertung vorempfinde, was 
ihre Schulung die Menschheit lehren soll; daß nicht mehr 
abgestorbene Reste widersprechender ethischer Systeme 
bald dies bald jenes loben und empfehlen, so daß scUieß- 
lich ein jeder beifällig und zuversichtlich sein Los be* 
trachtet, das in irgendeiner Ziehung herauskommen muß, 
und die Welt in Selbstgerechtigkeit erstarrt. Daß heute 
eine Minderheit, unaufgerüttelt von Propheten und 
Zeloten, in stiller, unausgesprochener Übereinstimmung 
diese Wertungsmaße in sich tragt und ohne Haß und 
Proselyteneifer sie in jeder Individualität bestätigt fin- 
det, ist ein frohes Zeichen; nur wenige Jahrzehnte wer- 
den vergehen, bis zum mindesten Deutschland den 
menschlichen Weg in Ziel und Maßstab vor sich sieht. 

Uralt ist der Intellekt, vor menschlich. In seiner Schule 
ist die Menschheit greisenhaft geworden, seine Denk- 
rezepte und Nützlichkeitslehren handhabt sie in unend- 
lichen Erbreihen mit unbewußter Meisterschaft. Jung 
ist die Seele; ihren Anteil muß jeder Mensch von neuem 
erringen, ihre Sprache ist noch ein Stammeln, in ihrem 
Geist sind wir Kinder. Die Nationen, junge Gebilde 
von wenigen Jahrtausenden, haben in ihrem Kollektiv- 
bewußtsein sich der intellektualen Methoden bemächtigt 
und legen sie dem inneren Ausbau, der äußeren Ver- 
teidigung zugrunde; ihr beginnendes Seelenbewußtsein 
wurde bisher nur im KoUektivgcbilde der Sprache, in 
Sitte, Überlieferung, Mythos, sodann im KoUektivkunat- 

u- 163 



werk, Städtebau, Dombau, Hausgerät, Volkslied walir 
nehmbar; religiöse Transzendejaz dagegen wurde im 
KoUektivbewußtsein ausnahmslos zum Ritual und Kir* ' 
chenwesen intellektualisiert und erniedert ; ein nach auBen 
wirkendes politisches Gewissen ist noch nicht entstanden, 
die Staaten verkehren als anethische Wesen. 

Von den Vermächtnissen des reinen Intellekts ist das 
gewaltigste die Schöpfung der europäischen Wissenschaft 
und ihre Materialisierung in der mechanistischen Welt- 
epoche. Wie äußere und innere Umstände, Volksver- 
dichtung^ Wechselwirkung gegensätzlicher Bevölkerungs- 
schichten» Kämpfe intuitiven und intellektualen Geistes 
wirken mußten, um diese Bewegung empor zuführen, 
habe ich geschildert und wiederhole ich nicht. Hier ist 
zu betonen, daB die mechanistische Epoche, ihrem Höhe> 
punkt noch fem, in sich die Gegenkräfte zu nähren be« 
ginnt, die zwar nicht bestimmt sind, die Mechanisierung 
in ihrer Praxis zu zertrümmern — denn als Hebel gegen 
die Schwerkraft toter Massen bleibt sie unentbehrlich — y 
wohl aber ihr die Herrschaft über den Geist zu nehmen 
und sie zur Dienerin des Menschentums zu machen. 

Je mehr nämlich die einstmak unerhörten Denkfor- 
men, Forschungs- und Handlungsmethoden der Mecha- 
nisierung, gleichviel ob auf Wissenschaft, Technik, Wirt- 
schaft, Politik angewendete, Gemeingut und Eibteil der 
Zivilisationen werden, nachdem sie zwei Jahrhunderte 
lang Geheimmittel und Vorrecht einer intellektuellen 
Minderheit gewesen sind, je mehr sie, ins Unbewußte 
verdaut, aufhören, Vorsprung und Sonderrechte zu ver- 
leihen, desto wirbamer und weltnotwendiger treten 
wiederum die Abstufungen des rein schöpferischen, in- 
tuitiven und verantwortlichen Geistes hervor und be- 
anspruchen die Führung. 

164 



Schon heute, zunächst in Politik und Wirtschaft, so- 
dann in Technik und Wissenschaf übemüdet das Über- 
angebot intelligenter, versagt der Bestand intuitiver und 

charaktervoller Kräfte, Der Intellekt beginnt, selbst- 
verständliche Voraussetzung zu werden; wirksam bleibt 
nur die Erhöhung, die ihm durch die edlere Kompo* 
nente zuteil wird. Es treten die angeborenen Kargheiten 
der Intelligenz zutage; die unerträgliche iiliiiiiclikeit 
alles dessen, was gedacht und getan wird, im Größten 
wie im Kleinsten« ebnet die Bahn für unerhörten Vor- 
sprung dessen, der Pelion auf Ossa türmt, der die Kraft 
des Verstandes durch Intuition überhöht. Eiu gewisses 
intellektuelles Normalmaß ist jedem erreichbar, selbst 
auf Gebieten, die der Schulung fast unzugänglich schei- 
nen; das mittlere Kunstwerk sogar ist erlernbar gewor- 
den, und die Herstellung eines leidlichen Bildes, eines 
lesbaren Ron^ans bedarf nur einer mäßigen, nachah- 
mungsfähigen Bildung, die mit schöpferischer Begabung 
denn auch oft genug verwechselt wird. 

Die ethische Bedeutung der Bewertung menschlicher 
Eigenschaften steigert sich zur sozialen Notwendigkeit, 
denn nur die höhere Menschlichkeit allein vermag die 
Tyrannei der Mechanisierung zu überwinden und ihre 
Kräfte zur Heilsamkeit umzulenken. Eine spätere Zeit 
wird schwer begreifen, daß wir dem freien Wettspid 
unedler, selbst unehrlicher Eigenschaften und Begabun- 
gen Führung, Verantwortung und Macht überließen, 
weil uns Blick und Unterscheidung fehlten, daß wir 
Behendigkeit, Schlagfertigkeit, unbekümmerte Wahr- 
heitsverachtung, Schwatzerei, Brutalität, Eigennutz, Ge- 
schäftigkeit, vorsichtige Niedrigkeit, Streberei und Krie- 
cherei vertrauensvoll schätzten, sobald sie sich eines 
Hebels der Mechanisierung mit einigem Erfolg bemäch- 



165 



tigten, (laß wir als unabänderliclie Notwendigkeit es hin- 
nahmea, daß diese Teufelskräfte das größere Maß irdi- 
schen Ansehens und Anspruchs verschlangen. Daß wir 
uns nicht schämten, edle Naturen vergehen ta sehen, 
weil sie in der Wahllosigkeit der Kampfmittel nicht 
standhielten. Daß wir nicht einmal die äußeren Zeichen 
zu erkennen vermochten, die sich beim ersten Blick, 
beim ersten Wort offenbaren, obwohl die Zahl der 
Sehenden, Erkennenden schon ausreichte, um eine Men- 
schenkunde zu begründen, die, in Schulen und Lehr- 
sälen verbreitet, der Jugend Augen und Ohren hätte 
öffnen können. Statt dessen halten wir uns an schatten- 
hafte Züge theoretischer Moralsysteme verschieden- 
artigster Herkunft und Orientierung, die einander der- 
artig widersprechen und sich wechselseitig aufheben, 
daß vollkommene Gleichgültigkeit entsteht und schUeß- 
lich alle Schätzung mit der übrigbleibenden gemeinen 
Minimalforderung der sogenannten Anständigkeit sich 
zufrieden gibt. Ein anständiger Mensch im Sinne der 
europäischen Restmoral aber ist einer, der seine drin- 
gendsten Schulden bezahlt, sich über Lügen nicht er- 
tappen läßt, kein öffentliches Ärgernis gibt, in Geschäften 
das Strafbuch achtet, sich an Öffentlichen Kollekten be- 
teiligt, Satisfaktion gibt, gute Kleider trägt, mittlere 
Schulkenntnisse besitzt und die gleichen Eigenschaften 
bei seinem ehelichen Vater nachweisen kann. Diese 
Gaben berechtigen heute, 191 5, in allen zivilbierten 
Ländern, soweit das bürgerliche Sitte nemplinden in 
Betracht kommt, zu jedem Ansehen, zu jedem wirt- 
schaftlichen Anspruch, zu jeder menschlichen Ver- 
antwortung, und sobald irgendeine ausgesprochen nütz- 
liche Anlage oder Kenntnis hinzutritt, zu jeder Macht- 
stellung. 



166 



Besteht Obereinstiinmuiig, daß alle Wimchafts- und 

Gesellschaftskunde nichts ist als angewandte Ethik; daJJ 
Staat, Wirtschaft und Gesellschaft des Unterganges wert 
sindj wenn sie nichts andres bedeuten ab Gleichge- 
wichtszustände gezügelter Interessen^ bewa^nete und 
unbewaffnete Produktions- und Konsumgenossenschaf- 
ten; daß nur der seelische Lebensinhalt des Daseins 
würdig ist; daß er sich selbst Form und EJeid schafft in 
Dingen und Einrichtungen, die zur Leiche werden, wenn 
der Hauch entflieht: ist dies ausgemacht, so bleibt uns 
die Aufgabe, den Wechselwirkungen zwischen Bett und 
Bach, zwischen schaffendem Willen und geschaffener 
Satzung nachzuspüren« Wir sind mit der Beschreibung 
der Institutionen vorausgeeilt, die wir im ,Weg der 
Wirtschaft* aus allgemeinem Gesetz entwickelt haben; 
wir sollen die Wandlungen des Bewußtseins betrachten, 
die den Gang der Einrichtungen begleiten, ihm vorauf- 
gehen, ihm folgen müssen. Eine kurze Bemerkung hat 
uns die Verworrenheit des metaphysischen und sitt- 
lichen Bewußtseins, den Mangel an Kunde und Wertung 
des Menschen enthüllt; die Forderungen, die hieraus 
entspringen, müssen erfüllt, die Erfüllungen in das Bild 
des Künftigen verwoben werden. 

Entäußerung haben wir als den Leitstrahl dt-r sozialen 
Sittlichung erkannt; Lossagung vom Dienst des Über- 
flüssigen, von den Dingen als Machtquelle, vom Eigen- 
nutz des Familienstammes; Hinstreben zum Wesent- 
lichen des äußeren Lebens, zur Solidarität, zur Hingabe 
an die Gemeinschaft, Verwerfung des ungerechten und 
unsittlichen Anspruchs, Übergang der Verantwortung 
an geistige und sittliche Mächte. 

Ist dies der sichtbare Weg, so liegt uns ob, den un- 
aichlbaren zu beschreiben, den Kurvenlauf der meusdi- 

167 



liehen Gesinnung aufzuweisen, auf dem die äußere Be- 
wegung abrollt. Wir wissen, daß das heutige Bewußt- 
sein dieser Kinetik widersteht; der Mechanismus des 
äußeren Lebens würde dich klemmen und pressen, ja 
zertrümmern, wenn er durch Zwang vorschnell und 
unbeieitet in neue Rhythmen gedrängt würde. Erkennt- 
nis ist das erste; ihr folgt langsam und unaufhaltsam 
die Formung der Gesinnung; nun gerat das starre System 
in Fluß, es sucht das neue Gleichgewicht, und schon sind 
höhere Forderungen und Probleme entstanden, die aber- 
mals nach Erkennung ringen. 

Die geistigen Motoren haben wir zu prüfen, die das 
heutige Getriebe erhalten und dem künftigen entgegen- 
wirken; ihre Verflüchtigung und Beseelung wird dem 
Ausblick ermeßbar sein. Von Trägheit, Sinnlichkeit, 
Leidenschaft, Eitelkeit, Herrschsucht ist zu handehi und 
von ihren bändigenden Gegenkräften; kann nur ein 
neues soziales Sittenbewußtsein das neue Gleichgewicht 
errichten, so werden wir die Nichtigkeit der Theoreme 
bestätigt finden, die Frieden und Gerechtigkeit: von 
Einrichtungen erhoffen und vermeinen, die Wider- 
sprüche, die Auflehnungen der menschlichen Natur 
durch Gewalt zu brechen oder durch Redensarten 
hinwegzutäuschen. 

Gewaltige Forderungen an unsre Wandlungsfähig- 
keit werden hier erhoben; der Wahn, daß sie durch 
rasche Anpassung, durch eilige Vorbilder, selbst durch 
]Mait)ricn Einzelner vorscliiicll gereift werden könnten, 
findet hier keinen Platz, denn die Straße der Erkenntnis 
ist nicht durch Feldwege zu kürzen. Hingegen handelt 
es sich nicht um ferne Dämmerungsgesichte; der Lauf 
der letzten beiden Jahrhunderte hat größere Bewußt- 
seinswandlungen gebracht^ als die wir fordern. Aus leib- 



168 



eigenen Volksschichten, die den Rocbaum kuBten and 
die Peitsche fürchteten, sind zur Hälfte Menschen bür- 
gerlichen Bewußtseins, zur Hälfte organisierte Gegen- 
^mpfer geworden. Wie vormals in dreißig Jahren 
aus festem Bürger- und Bauerntum ein verwahrloster 
Stand der Armut und Knechtung entstand, so sind in 
dreißig Jahrzehnten den zerfallenen Hütten und ver- 
blühten Städten die Gebter unsrer Denker und For- 
scher, Dichter und Führer entsprossen. In wenigen 
Menschenaltem aus dem Boden gestampft, hat sich in 
Preußen das Standesbewußtsein der Beamten und Offi- 
ziere erhoben; ein sittliches Bewußtsein ohne Vorbild, 
von großartigerer Einseitigkeit und Entsagung als irgend- 
eine der Forderungen, die wir stellen. Im kurzen Laufe 
einer Kriegsperiode hat der Spartanergeist des bewaff- 
neten Volkes mit allen seinen Werten der Hingebung, 
des Opfermutes, des Ehrgefühls sich über unser Land 
ergossen; eine größere Erhebung, als wir an neuer Wand- 
lung vorhersagen. 

So unabänderlich die tiefsten Regungen der Herzen, 
Liebe und Haß, Freude und Leid, Leidenschaft und 
Erkenntnis uns erscheinen, so wandelbar sind die Wer- 
tungen und Meinungen, die Auswahl der bändigenden 
und treibenden Kräfte, die Uberzeugungen. Aus dieser 
kreisenden Bewegung aber lösen sich leise die lang- 
atmenden AbwaaJkmgen, die von der Tierheit zur 
Menscliheit, von der Menschheit zur Gottheit führen« 
Was wir erwarten, ist im Vergleich nur eine jener leichten 
Umgestaltungen des Wertens und WoUens, des Zurück- 
drängens und Emportragens, wie die beiden Jahrtausende 
deutscher Geschichte sie zehnfach aufweisen. 

Wenn Deutschland nicht der Ort ist, wo alle Prag- 
matik als Willensübersetzung transzendent ethischer 



169 



Wertung und nur als diese betrachtet werden muß, so 

haben wir uns über die deutsche Sendung getäuscht. 
Glauben wir an Pflicht und Recht ^um Absoluten, so 
ist Kepler am Werk: Die menschlichen Triebe und Nei- 
gungen verharren nicht mehr unbewegt und unantast- 
bar im Zentrum der pragmatischen Bewegung, sondern 
der Drehpunkt ist in die Sonne der Transzendenz ver- 
legt, und urnotwendiger Bewegung müssen Erde und 
Planeten folgen. 

Nicht Eigenwille unsrer Eitelkeiten bestimmt den 
Gang der Welt; Erkenntnis schreitet voraus, Einrich- 
tung hinterdrein, und zwischen beiden tut die Mensch- 
heit ihren schwersten Gang zum Opfer und zur Frei- 
heit. 

So haben wir nun zu ermitteln, welche Wandlung 
des sittlichen Gesamtbewußtseins als voraufgehende und 
gleichlaufende, als mitreissende und mitgerissene Strö- 
mung uns bevorsteht. Das wirtschaftliche Opfer, das 
zu erbringende, ist uns bekannt : V erzieht auf eine Reihe 
käuflicher Genüsse, Verzicht auf einen erheblichen Teil 
des erarbeiteten oder ersessenen Ertrages, Verzicht auf 
jede Laufbahn, die in leichtem Dienst, mit leichtem 
Gepäck an Geist und Charakter zum Ziele führt, Ver- 
zicht auf dauerndes wirtschaftliches Vorrecht gesicherter 
Familiensteilung. 

Diesen vier Grundforderungen der Wirtschaft ent- 
sprechen zum Teil gesonderte, zum Teil gemeinsame 
hemmende und treibende Motoren. Sinnlichkeit, Ehrgeiz, 
Sammelsinn wirken vorwiegend der ersten und zweiten 
entgegen, Ehrgeiz und Familienstolz der dritten und 
vierten, mangelnde Menschenkenntnis und Weitung 
der dritten, mangelndes Staats- und Gemeinschafts« 
empfinden allen vieren. 

170 



Von Sinnlichkeit, BequemKchkeit und Trägheit wollen 
wir nicht ausführlich handeln. Nicht daß wir diese 
treibenden und beharrenden Motoren als unveränder- 
liche einschätzen; doch ist ihr Wesen dem physischen 
io viel näher verwandt, daß die Einwirkung der Er- 
kenntnis sie nur mittelbarer trifft. Um so durch- 
dringender haben wir die Familie der Machtmotoren 
zu betrachten, der eigentlich bösen Mächte im mensch- 
lichen Herzen. 

Die guten Mächte sagen: Ich will schaffen und seinj 
die bösen sagen: Ich will haben und scheinen. 

Was willst du haben r Zunächst, was genügt. Was 
Not lindert, Sinnlichkeit stillt, Arbeit kürzt, Freiheit 
stärkt. Soweit gut. Sind Sinn und Trägheit nicht zügel- 
los, ist die Freiheit dem innern Gleichgewicht verwandt, 
so bedeutet es nicht viel. Die Welt könnte zwei Dritt- 
teile ihrer Mühen sparen, wenn dieses Los allen genügte. 

Was willst du weiter? Was sicherstellt. Was auf 
möglichst lange, auf absehbare Zeiten mir und den 
meinen den Genuß dieser ersten Güter verbürgt. War- 
um das ? Weil ich um die Zukunft sorge und — fürchte. 

Mag eine Vorsicht um Alter und Krankheit Idug sein, 
solange die Unzulänglichkeit unsrer Sitten die Siechen 
und Greisen schmachvoll preisgibt. Die Vorsicht ab- 
zugelten wäre unsrer reichen Zeit ein Leichtes. Doch 
hier trifft uns zum erstenmal ein Hauch des Abgrundes: 
die Furcht, die Quelle alles Bösen und Schlechten, der 
Urzeitfluch, das Tierheitserbe, das Scheidungsmal alles 
unedlen und edlen Blutes. 

Du hast Auskommen und Sicherung; was willst du 
weiter? — Das, was den andern fehlt. Was Eindruck 
macht, was Neid erweckt, was Ansehen gibt, was Macht 
spendet. Warum das? Ich weiß es nicht. 



171 



Du sprichflt wahr: du weißt es nickt. Denn alle«, 

was du an Worten aufbringen könntest: Ehrgeiz, 
Sammeltrieb, Herrschsucht, Wille zur Macht, ist Um- 
schreibung des gleichen, des Ratseis. Dies Dunkelste der 
Menschennatur ist so gemein, so tief eingeboren, so un- 
ergründlich, daß wir es nicht mehr für problematisch, 
sondern für selbstverständlich halten. 

Verwirren wir nicht die eitle Neigung des Ehrgeizes, 
der Herrschsucht, der Neidfreude und Scheinsucht mit 
der berufenen Willenskrafi zum Schaffen und Ordnen, 
die herrscht, indem sie dient, dient, indem sie waltet; mit 
der organischen Kraft der Verantwortung, die in dei 
Führung Ruhe findet und doch nur soweit, als auch 
sie einem höheren Gesetz und Wesen sich beugen darf; 
mit der Opfergewalt, die sich verschenkt und neigungs- 
los Tribut empfängt, nicht zu genießen, sondern unbe- 
rührte Spende im Ejreislauf notwendiger Ordnung fort- 
zureichen. Nennen wir diese schaffende Kraft Verant- 
wortung, die eitle, nach Herrschaftszeichen und nach 
deren Scheine langende dagegen, um den doppelsinnigen 
Namen des Ehrgeizes nicht einseitig zu belasten, Macht- 
gier, so lautet die Frage: Wie konnte die Leidenschaft 
der Machtgier entstehen und die Welt derart unter- 
jochen, daß in ihrem Namen die Einechtschaft erwuchs ? 

Der Kenner der Völker und Rassen und Erbhchkeiten 
möge uns darlegen, wie diese Leidenschaft nur bei furcht- 
haften Menschen und Stämmen möglich ist, weil diese 
dem Druck der Unterwerfer nur die eine Hoffnung ent- 
gegensetzen können, das Blatt umzudrehen und den 
FuB auf den Nacken des Bedrückers zu setzen; wie sich 
noch heute bei gequälten Kindern von einiger Begabung 
unbändiger Ehrgeiz entwickelt. Sie mögen Erinnerungen 
alter Sklavenbitterkeit, ja selbst geschlcchtHcher Unter- 



171 



Icgcnheitea für die psychotische Erscheinung haftbar 

machen und nicht übersehen, daß seltsame Zusammen- 
hänge zwischen Machtgier und schwacher MännlichJceit 
zu finden sind. Sie mögen erörtern, wie das Aufkommen 
und Durchwachsen der europäischen Unterschichten die 
furchthaften Eigenschaften ans Licht gebracht und das 
Gewebe der historischen Menschheit durchtränkt hat. 

Dem Kenner der Gesellschaft möge gesagt sein: daß 
die Welterscheinung, die wir von außen betrachtend 
Mechanisierung nennen, einen inneren Gefühlston, ein 
Zeit- und Weltgefühl auswirken mußte, so einseitig, 
hart und irrig, wie die Bewegung selbst. Den Fliegen- 
den und Schwimmenden erfüllt ein Gefühl des Schwe- 
bens und Strömens, den Wandernden ein Gefühl des 
ruhigen Eilens; der Geiühiston der Mechanisierung ist 
Machtgier; mit ihren Ausstrahlungen der Neugier, 
Wißgier, Geldgier, KritiUust, Zweifels- und Ver- 
kleine rungs SU cht. 

Uns genügt es festzustellen, daß wir in Machtgier 
die pragmatische Verneinung aller Transzendenz zu 
sehen haben. Wer in dem Schein, den wir Wirklichkeit 
zu nennen pflegen, den Inbegriff alles Seins erblickt, 
der kann ein vermessenes Glück erträumen, das dieses 
Wunderspiel von Farben, Tönen und Reizen unterwirft, 
um es zu besitzen und zu beherrschen; so wie ein 
Kind den Stern und Schmetterling in seine tasten- 
den und zerstörenden Hände begehrt. Wer aber das 
Dasein über der Erscheinung bekennt, der kann 
sich nicht an ein tötendes Spiel verlieren; er fühlt, 
daß Besitz vernichtet, wenn er andres ist und will 
als Pflicht und Pflege, daß Macht verderbt, wenn sie 
andres ist und wiU ab Verantwortung; er weiß, daß 
seine heiligsten Kräfte der Wollust eines Traums nicht 



173 



verlallen dürfen, daß ein Nichtsciender ist, wer den 
Dienst der Weit verleugnet und den Dienst der Über- 
welt yerschmäht. 

Anderwärts ist dargetan, daß nicht sittliches Handeln 
besteht, sondern sittlicher Zustand. Der Willensschwer- 
punkt im Seelischen, die Geistesbeharrung im Trans- 
zendenten^ die Richtung zum Gotthaften ist Sittlich- 
keit und Seligkeit zugleich, und innerhalb dieses Be- 
stehens und Beharrens ist die Handlung nicht mehr 
wägbar; urteilspendend bleibt allein die Bona Voluntas 
der Gesinnung. 

Herrschsucht, am Maße der Gesinnung gemessen, sagt 
aus, es sei recht, wenn ein Mensch sich eindrangt in 
die Ordnung der Schöpfung, um zu beschatten, was er 
nicht schöpfen und schützen kann; es sei recht, Men- 
schen und Dinge zu Zweckmitteln herabzuwürdigen, 
den /Anspruch an Lebensraum nach Leidenschaft zu be- 
stimmen, Gottesvormundschaft über Mündige zu ver- 
langen. Neidfreude sagt aus, sie habe im Mitmen- 
schen den Todeskeim ungesättigter Erdenwünsche, un- 
getrösteter Blindheit am Ewigen, zehrenden Neidhasses, 
erblickt. Sie wolle dies Siechtum reizen und steigern, 
bis ein Ausbruch der Verbitterung oder der Unter- 
würfigkeit die Würde des Gottesbildes zerstört und 
der feindseligen Macht huldigt. An der Scliwaclic 
des Menschen und ihrer Ausbeutung zur Vernichtung 
der Seele sei ihr gelegen. Sie hat sich ihr Urteil ge- 
sprochen und steht neben ihrer Schwester, der Schaden- 
freude, im satanischen Abgrund. 

Die furchtbarste Irrealität, selbst unter dem kahlen 
Licht der Tageswirklichkeit betrachtet, gibt Zeug- 
nis von der Antinomie des Kräftepaares Besitz und 
Macht. 



Abgesehen von leiblicher Bequemlichkeit und ainn- 
licher Sättigung: Was ist Besitz l Verzeichnis von Sachen, 
die man ungestraft bewegen, absperren, zerstören oder 
gegen andre Sachen vertauschen darf, die wiederum 
bewegt, abgesperrt und zerstört werden können. Ein 
totes Leben gewinnen diese Sachen, die der Besitzer 
nur dann kennt und einigermaßen besitzt, wenn sie 
wenig zahlreich sind, nur dann, wenn sie im Sinne jener 
Leidenschaften auf andre wirken; ein lebendiges Leben 
gewinnen sie, wenn sie schaffend, ordnend, waltend, 
verantwortungsvoll gehandhabt werden. Aber dann ver- 
lieren sie die Eigenschaft des Besitztums; sie werden 
Gut; sie sind des Schaffenden und brauchen 
ihm nicht zu gehören, sie gehören dem Eigentümer und 
sind nicht seine Sache. Der Begriff des Eigentums wird 
irrelevant; dem Förster gehört der Wald, nicht der 
Kommune; dem Wanderer die Landschaft, nicht dem 
Grundeigner; dem Kunstfreund die Galerie, nicht dem 
Fiskus. Des Bildners ist ewig das Werk, nicht des Käufers. 

Macht! Vergessen wir den Vorzug einiger bequemerer 
Eingänge, die Befriedigung, aus einigen gleichgültigen 
Kreisen nicht ausgeschlossen zu sein; so bleiben 
schändliche Formen und Form ein der Menschen, die 
gezwungen oder selbsterniedrigend dem Mächtigen hui- 
digen ; zumeist weil sie etwas wollen, das sie nicht schaffen 
können. Wem jubelt die Menge zu, wenn ein Trium- 
phator einzieht f Einer menschlichen Hülle zu Pferd 
oder Wagen, die sich neigt; der Mensch sitzt träumend, 
an sein Ohr schlägt eine Welle, die einer Form und Vor- 
stellung gilt, von der er nichts weiß. Mund und Ohr 
bleiben sich ewig fremd, und am Abend, bevor er ent- 
schlummert, ist er mit seinem Gott so allein wie der 
letzte seines Gefolges. Aus der Fremdheit der Macht 



175 



nur Liebe; dock wehe dem Mächtigen, wenn 
er die Beteuerungen derer, die wollen, für Liebe hält; 
tief verachtet fühlt auch er sich mm Mittel erniedrigt 
und spendet mit versteUtem Glauben, um nicht zu be- 
schämen. Von jener Irrealität schweigen wir, die dem 
Machtbewußten zu spät die Relativität der Mächte 
offenbart und, je höher er steigt, desto mehr ihn zugleich 
vom Obern tmd Untern abhängig macht, so daß zuletzt 
der Tyrann nur noch dem Pöbel gehorcht, dem er ent- 
stiegen ist. Im Steigen aber war er doppelt geächtet: 
verhaßt jenen, über die er wegstieg, verachtet jenen, 
welchen er zustrebte. 

Es bleibt, wie vom Besitz, so von der Macht nur das 
verantwortende Schaffen, und wiederum bedarf dieses 
der Macht nicht, es setzt sie als unbegehrte Wirkung; 
es nimmt ihr alle die Formen, die den Machtlüstemen 
beglücken, mit denen allein er sich begnügen möchte, und 
läßt nur die Sorgen, Schmerzen und Mühen, die jener 
verschmäht. An die Stelle des Machtbereichs tritt der 
Wirkungskreis, an die Stelle der Herrschaft die Verant- 
wortung, an die Stelle des Rausclies die Sorge; wo 
Macht sich erfüllt, da hebt sie sich auf. 

Gegenstandslos sind die Leidenschaften der Macht- 
gier tmd Habsucht; so sind sie auch erfolglos. Der be- 
grifflichen Irrealität entspricht die praktische. 

Solange die brutalste Unkenntnis vom Menschentum 
die Zivilisation noch beherrscht, kann und wird es ge- 
schehen, daß Menschen, die sfeciem refrohatiimis^ das 
Zeichen der Verworfenheit, jedem reinen Auge erkenn- 
bar, an Stirn und Antlitz, an Haupt und Gliedern tragen, 
daß Menschen, deren Tracht und Wort, Bewegen und 
Benehmen dem ersten Blick Gemeinheit und seelischen 
Tod verrät, alle Wege der Achtung und des Vertrauens 



176 



offen finden, während Edle, denen es zum Leben nur 
an Schlangenklugheit fehlt, verhöhnt und verachtet, be- 
straft und entehrt zugrunde gehen. Solange diese Pöbel- 
blindheit die Allgen umfängt, die von nun an weichen 
soll, solange wird der Gierige mit angeborenen Mitteln 
der Schamlosigkeit, der Lüge, List, Aufdringlichkeit, Be- 
schwatzung, Bettelhaftigkeit und schmutzigen Betrieb- 
samkeit seine Wege bahnen und, wenn er ankommt, als 
Vorbild der Klugheit, Eriindsamkeit und Tatkraft mit 
Ehren empfangen werden. Doch selbst in der hemmungs- 
losen Mechanisierung, im ungezügelten Kräftespiel der 
Zeit kann er nicht weiter dringen; zum objektiven Schaf- 
fen kann er nicht gelangen, der Welt nicht dienen. Sein 
Besitz kann wachsen und seme Macht sich mehren ; doch 
das, was er letztlich begehrt, die Notwendigkeit seines 
Daseins, das wird ihm nichi zuteil. So schädlich der 
Raub des Raumes, den er beansprucht, die Verderbnis 
des Wandels, die er einimpft, so nötig die Pflicht der 
Abwehr gegen sein Wesen und Wirken: die letzte und 
verantwortliche Macht bedarf gegen ihn keines Schutzes, 
denn sie gehört dem Dienenden und Treuen, sie gehört 
der Kraft der Entäußerung und der schaffenden Gewalt 
der Phantasie. 

Ist es nun verwegen zu behaupten und zu verlangen, 
daß diese Hauptmotoren der mechanistischen Weitbe- 
wegung, die Leidenschaft der Macht und des Besitzes, 
sterblich, ja trotz der Feuerkraft ihrer Mittagshöhe 
sterbend sind ? Ist es nicht trostlos vermessener, zu 
glauben, daß den Lügenmächten, die wir als himmels- 
feindlich, tief versündet, als irreal und wirkungslos er- 
kennen, vergönnt sein soll, auf immerdar ein Menschen* 
Volk zu betören und zu knechten, das ihre Leerheit 
durchschaut F Wenn wir nicht glauben dürfen, daß 



IS Katheaaii. Von teommwidcD Dlugen 



177 



Erkenntnis und sittlicher Wille erworbenes Laster lösen 
und ererbtes Skkvenmal tilgen kann, so bleibt dem Sit- 
tenträumer nur die Wahl, sich still und hastig aus der 
Welt zu retten. 

Nun wird mancher kommen und sagen: Wie soll eine 
altgewordene Menschheit sich ändernd Haben wir je 
das Opfer einer Leidenschaft gesehen? 

Ihm sei erwidert: Wir haben Größere» erlebt. Wir 
haben manchen Sturz und Umsturz von Gut und Böse 
erlebt; wir haben Menschenopfer und Greisenmord und 
Aussetzung und Blutschande und Götzendienst und 
Blutrache und allerhand Unzucht gehen und kommen 
sehen. Zu jeder Zeit schlummert jede Leidenschaft, 
Sünde und Tollheit im Menschen; jede ist zu wecken 
und jede zu bändigen. Gebändigt wird sie vom Ein- 
zelnen; wenn er nieder ist, durch Furcht, wenn er edel 
ist, durch seelisches Dasein; gebändigt wird sie von 
der Gesamtheit durch das Gewissen der Sitte. Des- 
halb sei es immer wieder gesagt: Daß unsrer Zeit die 
Richtkraft mangelt, daß sie aus sterbenden Erinnerungen 
der Zeiten sich ein überzeugungsloses Gewissen flickt, 
das ist ihr tödliches Übel; und neue Weltanschauung 
ist berufen, den zu ordnenden, gleichzurichtenden 
Kräften die tausendfältige Spannung zu entlocken. Ist 
in diesen Tagen jeder, der Opfer der Liebe und des 
Lebens bringt, im Innersten und von Natur ein Held 
und ein Liebender i Ist er es nicht, so lernt er es sein 
und dankt seine Lehre der Gleichrichtung einer Ge- 
samtheit, die noch die Stärke hat, in schweren Augen- 
bhcken Opfer zu befehlen. Was nicht freier Wille 
schafft, das schafft Erkenntnis, die zum allgemeinen 
Werturig^urteil sich erbreitet. Das Gesamtgewissen, 
das heute nur Lug und Feigheit verachtet, wird morgen 



17Ö 



Machtgier und Habsucht, Genußsucht und Eitelkeit, 
Neidfreude und Niedrigkeit verdammen; nicht alsobald 
wird Jeder Einzelne von diesen Lastern lassen, doch 
ihre Herrschaft ist gebrochen; was heute erhoben stol- 
ziert, fristet morgen ein verängstetes Leben; die Welt 
ist befreit, und ihre Freiheit wirkt bildend und schaf- 
fend in jeder Seele. 

Die Welt ist wahrhaft frei, denn alle Bitterkeit des 
Kampfes ist ihr genommen. Vergessen wir nicht: Der 
Kampf ums Leben ist es nicht, der das Leben vergiftet, 
sondern der Kampf ums Überflüssige, der Kampf ums 
Nichts. 

Dämpfen wir die beiden überhitzten Motore falscher 

Freuden, so ist ein jedes Glied des verkrampften Mensch- 
heitsleibes entspannt. Es endet der Biutglaube zum 
Gelde, daß jeder seinen Besitz und Erwerb verteidigt 
und verheimlicht als ein Heiligtum seines Lebens. Luft 
und Wasser sind unentbehrlicher und dennoch frei, gern 
gegönnt und gern gespendet, weil niemand leidenschaft- 
lich fürchtet, an diesen Elementen zu verarmen, nie- 
mand Narr genug ist, sie zu sammeln, und niemand die * 
geringe Mühe achtet, sie schöpfen. Der Blutglaube 
will, daß wir dankbar einen Trunk empfangen und ent- 
rüstet eine Münze verschmähen, die nicht erkauft ist. 
Schöpfen wir unsem Lebensunterhalt leidenschaftslos 
und maßvoll, wie man reines Wasser schöpft, das nicht 
von Pestkranken umlagert ist, so sinkt der Blutglaube 
dahin. 

Das Schöpfen aber wird leicht und frei, wenn nicht 
mehr eigne Gier das Überflüssige verlangt und fremde 
Gier alle Quellen leer trinkt, weil sie ein Dritteil der 
Weltarbeit in Kram und Tand vergeuden muß. Mit 
Entsetzen durchschreitet ein denkender Mensch die 



179 



Straßen und erblickt die Kaufläden, Magazine, 
Warenlager und Arbeitshöfe, Schauderhaft häiilich, 
gemeinen Lüsten dienend , läppisch und schäd- 
lich, nichtig und hinfällig ist das Meiste, das sorgsam 
gespeichert, glänzend liingestellt und teuer feilgeboten 
wird. Ist es wahr und mögUch, daß Millionen frönen, 
um diese Dinge zu machen, zu transportieren, zu ver- 
kaufen, die Werkzeuge und Rohstoffe zu schaffen und 
zu sammeln, damit sie gemacht werden können; daß 
Millionen abermals frönen, um die Greuel erwerben zu 
dürfen, und Millionen sie hoffnungslos begehren und 
entbehren l Es gehört Kraft dazu, um an eine Mensch- 
heit zu glauben, die von solchen Dingen und für solche 
Dinge lebt. Was tut sie damit? Sie speichert sie in 
ihren Häusern, verzehrt sie im Übermaß, hängt sie um 
ihre Leiber, steckt sie in Haare, Ohren und Taschen, 
läßt sie in Altliandlungen, Auktionslolcalen, Leihhäusern 
einen zweiten und dritten Kreislauf beginnen, und 
schafft zuletzt nach Afrika, was nicht im Abfallhaufen 
oder Schmelzofen sein Ende und seine Erneuerung ge- 
' funden hat. Was bezweckt eine zivilisierte Menschheit 
mit diesem Unfug des Warenhungers, der Gier nach 
käufUchen Substanzen f Ein wenig Bequemlichkeit und 
Sinnenreiz. Dann aber, und vor allem: Schein und 
abermals Schein. Es soll nach etwas aussehen. Man 
hat irgendwo ein prächtiges Ding gesehen und möchte 
das gleiche habend wo nicht das gleiche, so doch ein 
scheinbar ähnliches. Es soll Eindruck gemacht werden; 
die andern sollen staunen und beneiden. Man möchte 
etwas reicher scheinen, als man ist, weil nach der 
entsetzlichen Vorstellung der Zeit Reichtum Ehre bringt. 

Dieser Hang zum Narrenstand und zur Sklavenfreude 
kann nicht ewig sein. Er ist es nicht. Wäre er ewig, 

j8o 



80 schwände jede Hoffnung, ein stolze« und würdiges 
Menschen Volk erwachsen zu sehen. Er ist es nicht; die 
Einsicht in die Nichtigkeit käuflicher, unreiner Freuden 
und die Erkenntnis ihrer radikalen Schändlichkeit und 
Schlechtheit muß nur in wenigen tausend Gewissen 
erwacht sein, und die Teufelsblume zerblättert. Freude 
am unbegehrten Schönen bricht hervor, Natur und reine 
Kunst, Kraft und Herrlichkeit des menschlichen Leibes, 
Ehre des Geistes und Anbetung des Göttlichen werden 
zur Wahrheit; Spuk und Wust, die uns vor unsern 
Enkeln schänden, fliehen nach dunklen Kontinenten, wo 
sie bis zur letzten Erlösung ihr Dasein fristen mögen. 

Zögernd stellen wir dieser Zuversicht eine Anmerkung 
entgegen, die nicht entkräften darf und dennoch ein zeit- 
liches Bedenken ernst erwägen soll: sie betrifft die Frauen. 

In andern Schriften habe ich geschildert, wie von 
Grund auf Mechanisierung das Leben der Frauen durch- 
wühlt hat. Vor hundert Jahren sind die häuslichen Han- 
tierungen der bürgerlichen Frau erloschen. Die Berufs- 
teilung übernahm die Sorge für Gespinst und Gewebe, 
für Kleidung, Licht, Feuer und Nahrung ; Garten und 
Hof gingen ein, es verblieb Haushalt, Erziehung und 
Küche. Der wachsende Wohlstand schuf die bürger- 
liche Dame; an die Stelle der Arbeit trat Bildung. Es 
entstanden in gehobenen Kreisen die Anfänge der Ge- 
selligkeit; nachbarliche Gassengespräche und Volksfeste 
verdrängte m Häusern, deren Wohnstube sich öffnete, 
geselbchaftlicher Besuch und Verkehr. Von der Woh- 
nung trennte sich die Werkstatt, von der Heimstätte 
löste sich der Geschäftsraum; die Arbeitszeit dehnte sich 
aus, der Geschäftsmann, Beamte, Gelehrte verließ tags- 
über das Haus, der Hausstand war aus dem Rahmen 
immerwährender Gemeinschaft gesprengt. 

I8i 



Nun war em äußerer und innerer Bezirk geschaffen; 
den äußern, des Berufs und Erwerbs, verwaltete der 
Mann, den innern^ der Ordnung und Erhaltung, über- 
nahm die Frau. Sie wurde Herrin der Häuslichkeit, 
Verwalterin, und wie es die Geldwirtschaft forderte, 
Käuferin. Der Mann erwarb, die Frau gab aus. Ab und 
zu war vor Zeiten ein Küchengericht, selten ein Kleid- 
stück, kaum je ein Hausgerät von der Frau erstanden 
worden; Handwerker, gar Bauleute hatten mit dem 
Mann zu tun. Heute ist die Frau fast alleinige und un* 
aufhörliche Käuferin; sie füllt die Kaufhäuser, Straßen 
und Verkehrsmittel der Städte, sie bestellt und ver- 
rechnet, sie stattet aus, richtet ein und baut. 

Der furchtbare Verfall der gewerblichen Künste seit 
achtzig Jahren^ den das ernsteste Bestreben nicht auf- 
zuhalten vermag, fällt weit weniger der Maschine als 
der kaufenden Frau zur Schuld. Denn ihr fehlt dei 
Blick fürs Handwerkliche, fürs Tüchtige, Brauchbare und 
Echte, vor allem für l\laß und Kunst; es fehlt ihr auch 
die Festigkeit des Willens zum Notwendigen, die Un- 
abänderlichkeit des Entschlusses; sie unterliegt dem Reiz, 
der flüchtigen Ähnlichkeit mit Gediegenem, der Ge- 
legenheit, dem glänzenden Schein, der trügerischen 
Rechnung, dem Geschwätz des Verkäufers. Jede schänd- 
liche Gepflogenheit des Kleinverkau^ entstammt dem 
Verkehr mit Käuferinnen; was den Mann entrüstet, den 
ein Mißgeschick in diesen und jenen Kaufladen ver- 
schlägt, das ist zumeist gewohnte Spekulation auf weib- 
liche Käuferschwächen. Nur im Vorübergehen sei ge- 
streift, was an andern Stellen erläutert wurde: daß 
Kunst und Kunstrichtertum den gleichen Weg des Ver- 
derbens beschreiten mußten, seitdem der Mann des 
Berufs dem Ernst der Bildung zugunsten der Frau ent- 



182 



Sägte, seitdem die Hallen der Theater und Konzerte, 
der Kunstsammlungen und Vorträge der Frau gehören, 

seitdem sie die Leserin der Bücher und Besprechungen, 
Freundin der Künstler und Empiängerin ihrer Werke 
geworden ist. Die sterile Sentimentalität der nachroman- 
tischen Literatur war die erste Frucht des Damensalons, 
und vielleicht die unbewußte Erkenntnis dieses Zu- 
sammenhangs hat die beiden letzten freien Geistei 
unsrer Zeit, Schopenhauer und Nietzsche, bewogen, sich • 
gegen die Frauen zu wenden. 

So ward die Frau der neuen Wirtschaft unvermittelt und 
gewaltsam im Lauf des Jahrhunderts in unerhörte Lagen 
versetzt: Hinausgetrieben aus dem hauslichen Abschluß, 
mit Bildung bdastet, geselligem und rechnerischem 
Verk^r zugewiesen, mit der Pflicht äußerer Lebens- 
gestaltung behaftet, vielfach in männliche Berufe ge- 
leitet, hat sie den gewaltigsten Forderungen standge- 
halten, die jemals unvorbereiteter menschUcher Natur 
zugemutet wurden; sie ist nicht erlegen und hat unser 
Jahrhundert zum mann-weibUchcn gestaltet. 

Bedt ril:]iche Nebenwirkungen aber waren unvermeid- 
Hch. Rechenhaf tigkeit, Kauf gewohnheit, Straßenverkehr, 
äußeres Auftreten, Selbstbestimmung haben die mütter- 
liche Seite des Frauenwesens nicht vertieft. Dirnen- 
hang, vormals vom Manne gebändigt, durfte sich ent- 
falten. Es erhob sich eine der unerquicklichen Erschei- 
nungen unsrer Zivilisation, das Luxusweib. Alte Reprä- 
sentationspflichten adliger Frauen waren im Erlöschen, 
weil die Schutzpflichten geendet hatten; diese ent- 
werteten Tagewerke und Allüren boten die Vorlage 
des Zerrbildes. Die neu bereicherte Gesellschaft ver- 
langte maßlose Geselligkeit, um sich im Reichtum zu 
üben und soziale Vorteile zu erschleichen j aus diesem 

183 



gefährlichen und frechen Spiel wurde eine Art Pflicht^ 
eine herzlose Unterhaltung, ein Geschäft und ein 
Leben. Sorge für üppige Wohniäume, Dienerschaft, 
Schmuck, Kleidung, Körperpflege, Tafelaufwand, vor- 
nehme Gäste füllten dieses Leben aus; vorteilhafte 
Liebschaften gaben ihm Erregungen; Pferde, Jagden, 
Reisen, herabt^Cvv urdigte Künste schafften Gesprächs- 
stoff; kümmerliche Wohltätigkeiten, Hofbeziehungen 
und politische Kabalen sorgten für den Schein der 
Daseinsberechtigung; Erziehung und Haushalt wur- 
den bezalilt, und neben der Beratung des Mannes in 
gemeinschaftlichen Interessen der Laufbahn beschränk- 
ten sich die Pflichten des Weibes darauf, zwei- oder 
dreimal in der Narkose zu gebären. 

So verworfenes Fraucnleben wurde an der Spitze der 
mechanischen Stufenleiter geduldet und verherrlicht; in 
den Tiefen Arbeitslast und schmerzliche Prostitution, im 
unteren Mittelstande rechnende Sorge, im oberen Kampf 
um Reprcicciitation, Billmig und männliche Berufsarbeit. 
Diese Ausartungen mechanisierten Lebens haben das 
Wesen unsrer Frauen berührt. Sie haben Begehrlich- 
keit, Freude am Schein, Lust zu imponieren und Ko- 
ketterie emporgetrieben, Dinge, die Deutschland vor- 
dem nur unter der Form harmloser und schnell gebän- 
digter Weibernarrheit kannte. Die sittliche Folge 
dieser Laster ist schwer, die wirtschaftliche und soziale 
ist unermeßlich. Dem Neid der Nachbarin, dem lüster- 
nen Blick des Straßengängers, der gutmütigen Nach- 
giebigkeit der Männer opfern wir die Tages- und Nacht- 
arbeit von Millionen. Was wird im Einzelhandel feil- 
geboten ? Neben l'abak und starken Getränken Dinge, 
die Frauen kaufen, überflüssige, häßliche, wacklige Ge- 
räte, die man haben will, weil ein andrer sie hat, weil 

184 



sie modisch sind, weil man ähnliches von weitem, auf 
Bildern, bei anscheinend vornehmen Leuten gesehen 

hat und für unerschwinglich liick, während es hier billig, 
verblüffend billig, wie der ekle Ausdruck sagt, ange- 
priesen wird. Gewänder und Putz, mit handgreiflich 
unternehmender Sinnlichkeit aufgebauscht, tragbar, so- 
lange der dünne Tand und der Wille des Händlers es zu- 
läßt. Namenlose Gegenstände, Artikel genannt, die man 
kauft, um zu kaufen, die man verschenkt, um sie los zu 
sein. Aller Kram nach dem Gesetz der Mode der perio- 
dischen Erkenntnis unterworfen, daß er wertlos und 
nichtsnutzig ist und somit nach dem gleichen Gesetz 
erneuert werden muß. 

Dieses Spiel mochte geduldet werden, solange es als 
Privatangelegenheit eines törichten Haushaltes galt. Da 
wir erkannt haben, daß Warenhunger, Gier nach Käuf- 
lichem zu den fressenden Schäden unsrer Wirtschaft 
gehört, ist dieses Laster und seine Stillung Staats- und 
Menschheitssache geworden. 

Es wäre gegen die Würde der Frauen, wollten wir 
ihnen die Verantwortung für die Not der Zeit mit ge- 
fälligem Lächeln vorenthalten. Wir müssen ihnen sagen, 
daß das Hundertfaclie der Tränen, die sie durch stille 
Wohltat trocknen, an den harmlosen Nichtigkeiten haf- 
tet, die sie in Schachteln, Paketen und Gefährten in 
ihre Häuser schleppen lassen. 

Die Schuld für jede Schlechtigkeit des Mannes trägt 
die Mutter, die Schuld für jedes Irren und Gleiten der 
Frau trägt der Liebende und Mann. Der Mutter ent- 
wächst der Knabe, sein frühes Irren ist nicht wieder- 
bringlich; das Weib bleibt der Liebe bildsam, ihm wird 
das Reuetor des Himmels nie verschlossen. Erkenntnis, 
Welt und innere Stimmt bleiben dem Mann vernehm- 

I8S 



lieh und waken ihm die Verantwortung zu, seine Schuld 
ist die höhere. Gegen den Mann darf das irrende Weib 
Klage führen, und die furchtbare entwurzelte Wirrnis 
der weiblichen Suchung ist die härteste Klage» 

Durch die Mechanisierung des Lebens hat der Mann 
die Gefährtin aus der schutzenden Hausstatt gerissen, 
in Welt und Wirtschaft getrieben, ihr den Schlüssel ent- 
wunden und den Geldbeutel in die Hand gedrückt; er 
hat ihr die Wahl gelassen zwischen Rechnerei^ Koket- 
terie, äußerer Arbeit und veremsamtem Leben. Nicht 
der Hau tv rann, der Egoist und Fronherr hat die 
schlimmste Sünde begangen, sondern der Müßiggänger 
und Verweibte, der sie zum flachen Spiel, zum Sachen- 
glück, zur Vergnügungsgier verführte, den haltlosen 
Mädch ensinn, der in jedem Weibe schlummert, erweckte 
und zum Dirnensinn verkehrte, um die Seele zu töten. 
Er trägt die Schuld, daß negerhafte Urgelüste, durch 
Jahrtausende gebändigte, im Frauenleben unsrer Zeit 
empojgestiegen sind, deren Schande und Not die Enkel 
entsetzen wird. 

Wir haben den Frauen zu danken, daß ihr verang- 
stetes Suchen eine Bewegung verbreitet, die nur im 
Ziele irrt. Uns liegt es ob, dies Ziel zu entschleiern, 
d.ts nicht in äußerer Herrschaft begründet ist; nicht 
Rückkehr zum verödeten Hof und Garten, zum ver- 
alteten Rocken und Webstuhl dürfen wir erzwingen, 
auch nicht ödes Fortschreiten zu Kanzeln und Tribunalen. 
Wandlung zu hoher Menschlichkeit ist das erste Ziel, 
Verachtung käuflichen Glücb, albernen Schmucks und 
schnöden Müßiggangs; Verantwortung für inneres Glück 
und Ordnung des allmenschlichen Hausstandes das letzte. 
Je entschiedener Wohlfahrt und Erziehung, Pflege und 
Lebensschmuck zu Sorgen der Gemeinschaft, zu Verant- 



i86 



Wertungen der Geseiischaft werden, desto reiner und 
bedeutender werden die neuen Pflichten des Weibes; 
und wenn der Inhalt dieser Pflichten frauenhaft und in 
höchstem Sinn natürlich bleibt, so dürfen mr vor den 
Formen, mögen sie auch der Mittel der Organisation, 
des gedanlenmäßigen Aufbaues, der Verkettung be- 
dürfen, nicht erschrecken. 

Den letzten der Motoren sollen wir nun betrachten, 
die den Sch%\Ting unsres mechanistischen Weitwesens 
treiben: den Eigenwillen des Familienstammes. 

Auszuschalten ist die krankhaft unbewußte Irreführung, 
die vor sich selbst den rätselhaften Sammeltrieb mit der 
Fürsorge für Nachkommen zu erklären und zu recht- 
fertigen sucht und dabei bis zum Tode den knapp gehal- 
tenen Kindern das Erbe mißgönnt^ am Hebsten es den 
fremderen Enkeln überweist. Auszuschalten ist gleicher- 
maßen die vielverbreitete postume Eitelkeit jener Gei- 
zigen, die vom Staunen der Testamentseröffner sich ein 
jenseitiges Labsal versprechen. Nur die echte und edle 
Form des Geschlechterstolzes, die Freude an der Er- 
haltung des klingenden Namens, die frohe Erinnerung 
an das Verdienst der Väter, die liebende Sorge um das 
Glück des Blutes ist unsrer Gegnerschaft würdig. 

Die jahrtausendalte Zweischichtigkeit Europas liegt 
uns im Blut. Noch immer sind wir kein Volk, zur Not 
ein Staat. Ein echter, herrschender Adel, ein regierendes 
Patriziat aber muß geschlossen bleiben; seine Vermischung 
ist Untergang, seine Verarmung Ruin. Der sterbende 
Adel des i8. Jahrhunderts reckte sich noch einmal zu 
tiefster Verachtung des Bürgers und Leibeigenen auf, 
für die er die Namen Roture und Kanaille erfand. Nun 
wäre die Zeit gekommen, uns als Volk zu fühlen, und es 
gibt Augenblicke, wo das Gefühl der Gemeinschaft mach- 

1S7 



tig wird: Wenn wir unsre Heere schreiten und sterber* 
sehen, so steigt die einende Liebe empor, und es blinkt dci 
Traum des verschmelzenden Feuers: Traum; denn die 
gesonderten Völker einen sich nicht. Ein Adel, schroff im 
Reichtum, gemäßigt im Verfall, vielfach erneuert, ver- 
fälscht, mit werbenden Kasten verschwägert, zur Hälfte 
büigerliche Namen tragend, zur Hälfte geschichtliche, 
dieser Adel regiert und teilt sich in kriegerische und staat- 
liche Gewalten. Ein Stand der Reichen beherrsclxt die 
großen Gewerbe, übt heimlichen und offenen Einilaü, 
sucht Eindrang in den Adel der Verwandlung und des 
Bodens, ergänzt sich durch einseitige intellektuelle Aus- 
wahl aus den Resten des Mittelstandes und schützt 
sich gegen Abspaltung nach unten. Ein verblühender 
Mittelstand, dem der Boden des Handwerks verkümmert, 
die Scholle beengt ist, wehrt sich gegen den Ahstieg 
ins Proletariat, folgt dem Zuge zur plutokratischen 
Beamtenleiter, wird zum Gefolge des reichen Standes 
und begnügt sich schließlich, innerhalb dieses Einzel- 
standes eine Art opponierenden Sonderproletariats zu 
bilden, das wehrlos bleibt, weil es die Grundbgen seines 
immerhin gehobenen Bürgerdaseins nicht anzugreifen 
wagt. Ein tief bewegtes, furchtbar schweigendes Prole- 
tariat ruht zu Unterst, ein Volk für sich, ein dunkler See, 
aus dem zuweilen ein Blick und Schrei nach oben dringt; 
der Inbegriff der Schuld und Sünde mechanisierter Ge« 
Seilschaft. 

Diese vierfach gesonderte Macht nennen wir Volk. 

Es gab Verblendete, die leugneten, daß im Augenblick 
nationaler Gefahr die Gemeinschaft der Sprache, des 
Ericbens und des Landes vermögen würde, die Einheit 
des Wollens zu schweißen; es gibt Verblendete, die 

hoffen, Gemeinschaft des Opfers werde genügen, 



um zeitliche Entäußerung in dauernden Verzicht zu 
wandeln. 

Die wir die demutsvolle Verantwortung des Herr- 
schens, die stolze Freude des Dienstes als Wechselkräfte 
des Organischen verehren: wir haben die anonyme 
Dienstbarkeit erblichen Standes, die hoffnungslose Ver- 
urteilung emes Volkes zu ungeistiger Fron, die Ent- 
seelung seiner Wünsche und Freuden als dem Segens- 
kreise des Natürlichen entwichen, als Übel und Unrecht 
erkannt. Der Wille zum Volke schließt den Willen zur 
Schichtung aus. Wer den deutschen Menschen will, 
kann nicht den proletarisch gebundenen Deutschen wol- 
len. Wir aber wissen, daß nur die ewig wechselnde 
Durchdringung, das stets erneute Wechselspiel von Lei- 
stung und Leitung das Volk schafft, daß Erbhchkeit 
der Rechte und Pflichten, des Schicksals und Erlebens 
das Volk aufhebt und die Kaste bildet. 

Der Gefühlston des Widerwillens zum Volke, des 
Willens zur namenlosen Unterwerfung und zur Knecht- 
schaft der Ungeborenen, der Gefühlston der Lösung 
vom Bruderkreise ist der Eigennutz und Eigenwille des 
Familienstammes, die Selbstsucht des Hauses. Selbst- 
sucht, sofern sie sich nicht begnügt mit der Überhefe- 
rung edlen Namens, mit dem Vorzug der Erziehung 
und der Gemeinschaft des Lebenskreises, sondern un- 
vergängliche Sicherstellung der Begüterung und dauern- 
des Empfangen verlangt, indes die Übrigbleibenden 
fronen. Wer sich dieses Gesetzes bewußt bleibt, daß 
es kein erbliches Behagen gibt ohne erbliche Knecht- 
schaft, daß die vielgestaltige menschliche Natur in glei- 
chem Maße verkümmert, wenn sie geschlecliterlang in 
Arbeitsfreiheit oder in Arbeitszwang mißbraucht wird, 
der wird im Eigenwillen des Stammes die radikale Sünde 

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der menschlichen Gesellschaft spüren; er wird, wenn 
er auf der Neigung zum eigennützigen Abschluß be- 
harrty nicht mehr wagen, von der Einheit und Brüder- 
lichkeit eines Volkes zu reden, sondern sich offen zur 
Verachtung eines vom Schicksal gezeichneten Pöbels be- 
kennen und seinen Willen zur unabänderlichen Beherr- 
schung dieses Schlages verkünden. 

Als natürlich gegebener» sittlich gerechtfertigter Motor 
der Menschengesellschaft fällt hiermit der Haus- und 
Stammeswille mit seinem Anspruch auf erbliche Güter 
und Rechte dahin, und die Welt wird frei, in jedem 
Zeitalter die Auswahl ihrer Geister und Kräfte zu 
erneuen. An die Stelle der leiblichen und stofflichen 
Erbschaft tritt die geistige, die heute schon die im- 
materiellen Reiche beherrscht, an die Stelle der Kind- 
schaft die Jüngerschaft, an die Stelle des Nepotismus 
die Erwählung. Überlieferte Sitte und Gesinnung wird 
Eigentum des Volkes, Erziehung Sache der Gemein- 
schaft; das adlige Volk in beherrschendem Dienst und 
dienender Herrschaft wird zum Träger seines Geschicks 
und zum Hüter seiner Auserwählten. 

Damit dies Wort sich wahrhaft vollende, damit der 
wahre Adel des Volkes nicht verfälscht werde, damit 
die Verantwortung mit sittlichci und Geistcokraft in 
Wahrheit sich decke, damit nicht der falsche Verführer, 
der geschmeidige Sklave sich zur Herrschaft schleiche, 
bedarf es jener neuen Kraft, deren wir mehrmals ge- 
dachten, die heute heranbricht : der unbeirrbaren Kennt- 
nis und Schätzung m enschhcher Eigenschaf ten und Werte. 

Denn dieser Gefahr müssen wir ins Auge blicken: Je 
beweglicher und selbst bestimmbarer die menschlichen 
Schicksale sich gestalten, je mehr die Bindungen des 
Herkommens und der Geburt ihre unabweisbare Richt- 



190 



kraft verlieren, desto freier wird der Kampfraum sitt- 
licher und intellektueller Mächte, und mit dieser Frei- 
heit wächst die Möglichkeit des Glücksrittertums, des 
intellektuellen Betrugs und der sittlichen Komödie. 
Schon die heutige plutokratische Ordnung ermutigt 
eine höchst unsittliche Auswahl des Erfolges; zumal 
eine Reihe mittlerer Lebensgebiete geben dem Lügner 
und Schwätzer, dem Schlauen und Streber, dem Un- 
sachlichen und Giengen, dem Heuchler und Kriecher, 
dem Frechen und Betrüger unleugbaren Vorsprung vor 
sittlicher Arbeit und sachlicher Begabung. Schon heute 
besteht die Gefahr, daß die Wirtschaft dem Freibeuter, 
die öffentliche Meinung dem Advokaten unterliege, daß 
alle edlen und stillen Eigenschaften der Not und dem 
Tode verfallen. 

Doch die Gegenkräfte erwachen. Tritt einer von den 
wenigen sehend Gewordenen in erlauchte Versamm- 
lungen geistiger und machttragender Größen, so erblickt 
und vernimmt er da und dort unerwartet und mit 
tiefstem Staunen aus Gestalten und Worten die unver- 
hüllten Male, die unbewußten Selbstbezichtigungen, die 
dereinst zur Verbergung und zum Schweigen mahnen 
werden und die heute dem Träger wie der Menge un- 
wahmehmbar entgehen. Begegnen sich Menschen sehen- 
den Blickes, so begreifen sie kaum, daß ihr klares Wissen 
und Schauen noch immer der Menge Geheimnis sein kann. 
Sie lächeln trauervoll, wenn gepriesene Größen mit dem 
ersten Worte ahnungsloser Selbstgewißheit ihre seelenlose 
Blöße spreizen, sie leuchten auf, wenn Blick und Ausruf 
des gemeinen Mannes ein tiefes, reines, würdevolles Herz 
enthüllt. Heute wird ein Mensch geächtet, weil von einem 
Vergehen der Unbesonnenheit ihm der Makel des Ker- 
kers anhaftet oder weü Armut ihn zu niederer Arbeit 



191 



zwingt; jmdre, die das Zeichen des Sklaven weithin 
sichtbar an Antlitz, GUedein und im Herzen tragen, 
urteilen in purpurnen Talaren, segnen unter Baldachi- 
nen, lenken menschlicke Geschicke und führen die Siegel 

der Macht. 

Kommende Zeiten werden die Verachtung nicht 
kennen, weil sie das Verbrechen gegen die Würde Gottes 
ist. Sie werden den zurückgebliebenen Menschen, der 
an Leib und Seele noch Sklave ist, nicht ächten und 
quälen, sondern in Liebe emporheben. Doch werden 
sie ihm yon Jugend auf Verantwortungen entziehen, bis 
er geläutert sie tragen darf, sie werden ihm nicht eher 
vertrauen, als bis er sich zur Wahrheit aufgerungen hat, 
sie werden seinen Einfällen und Spaßen, Entrüstungen 
und Ausreden, Schmeicheleien und Überredungen un- 
erbittlich bleiben. Schon das kindliche Alter wird diese 
Gifte erkennen und fernhalten, klare Namen und Be- 
griffe werden sie umschreiben. Berufsgattungen, die 
solcher Eigenschaften bedürfen, Lebensführungen,Trach- 
ten, Vergnügungen, die sie verraten, werden nicht 
mehr als ehrenhaft gelten; man wird die Arbeit eine8 
Abtrittreinigers höher stellen als die eines Schwätzers 
und Schiebers, man wird krankhafte Verirrungen minder 
verpönen als Üppigkeit und Schaustellung, man wird 
Matrosenbordelle milder beurteilen als Stätten gemeiner 
Kunst Verzerrung. 

Welch gewaltige Richtkraft bewußter Volksüberzeu- 
gung innewohnt, das erkennt man in einem Lande, das 
uns nicht Vorbild ist, wo die einseitigen und unbeseelten 
Begriffe der Ilerrenwürde und der Stammesgepflogen- 
hciten zum Kanon allen Menschenurteils geworden sind. 
Das drohende Wort ,dies ist nicht herrengemäß* und ,dies 
ist nicht heimisch* hält Millionen in den Schranken eines 



192 



wennaudbinur intdlektual-sittUchcnGchabena. Der trans* 
zendentea Pflicht und Not unserer Zukunft kann dieser 
karge Imperativ nicht genügen. Sie hat die Frage auf- 
zurichten: ,Wa8 ist der Menschenseele würdig und an- 
gemessen?*, und vor dieser kategorischen Losung, die 
alle empirischen, intellektuaien und utiHt arischen Pflich- 
ten tief unter sich läßt, verblassen Charaktere und Be- 
rufe, Begabungen und Rechte, die heute die Welt be- 
herrschen, und es zieht die Stille ein, die den Menschen, 
den Dingen und der Gottheit ihr Recht gibt. 

\^ nähern uns nun der letzten und emstesten Prü- 
fung. Die mächtigen Motoren des Willengetriebes haben 
wir als gestillt betrachtet: Die Gier nach Schein und 
Geltung, nach Kram und Tand, den Eigenwillen und 
Eigennutz der Häuser; kann es nun geschehen, daß 
der Mechanismus der Gesellschaft, solcher Triebkräfte 
beraubt, abstirbt, daß die Zivilisationsarbeit der Erde ab- 
reißt, die leiblichen und geistigen Güter der Mensch- 
heit verkommen? Oder bleiben Kräfte lebendig, die 
den planetaren Prozeß unter reineren Bedingungen fort- 
setzen ? 

Wäre es wahr, daß der Zweck nicht nur die Mittel 
heiligt, sondern gar die Motive, daß nur aus schlechten 
und törichten Trieben das Leben dieser tellurischen 
Gemeinschaft sich erbauen ließe, so wäre es besser und 
an der Zeit, daß dieses Leben zugrunde ginge. Setzen 
wir jedoch in unverbrüchlichem Bekenntnis die ewige 
Sittlichkeit des Weltgeschehens voraus, und nur dann 
haben wir das Recht, anders als aus gemeiner Feigheit 
sittlich zu. handeln, so wissen wir, daß wir keiner Schlech- 
tigkeit bedürfen, um zu leben. 

Fast ist es begreifhch, daß in unsem Tagen der Segen 
der Arbeit 

^io IDasemskampf genannt weiden muß und 



l| R«tb«iiftii. Von komuMiidea rhogen 



193 



daß dieser Kampf mit Haß und Verzerrung in einer 
Arena voll Blut und Tränen geschieht. Unmenschlich, 
daß diese Gesellschaft es ansieht, wie der junge Kamp- 
fer ungewarnt und ungeschult herniedersteigt, um stünd- 
lich wiederholt sein und der Seinen bürgerliches Leben, 
Nahrung, Hausung und Pflege gegen die Gier und Härte 
der andern zu wehren. Ein irrender Blick, ein unbedachter 
Schritt, eine kranke Schwäche kann ihn stürzen; und 
ist der innerste Mensch nicht gegen jedes Schicbal ge- 
festigt, so kann der Sturz Tod des Leibes sein und Ver- 
nichtung der Seele. Sicherheit schuldet die Gesellschaft 
einem jeden ihrer Glieder; sie hat die alte Sicherheit 
der nährenden und schaffenden Berufe vernichtet, sie 
hat aus dem alten Pflichtenkreise der Gewerbe einen 
Kampfplatz geschaffen, auf dem die schlaue Finte und 
die giftige Waffe siegt; ihr liegt die Blutpflicht ob, den 
Sold zu opfern, den ein Kriegsmonat kostet, um den 
Daseinskampf über krasse Lebensgefahr emporzuheben. 
Erst dann kann die tiefe Angst und Bitterlceit schwin- 
den, mit der Tausende an den kommenden Tag denken, 
das Gift der Unfreiheit, das Überzeugungen fälscht, und 
die unreine Leidenschaft, die sich in Fragen des Mein und 
Dein nistet. Erst dann ist Raum geschaffen für die reinen 
Kräfte, die das künftige Willensdasein bewegen sollen. 

Diese Kräfte aber sind nicht neu noch fremd. Schon 
heute folgt ihnen alles höhere Schaffen; gefordert wird, 
daß sie künftig das gesamte Schaffen ergreifen, das dann 
kein niederes Schaffen mehr sein wird. 

Alles Schaffen ist edel, das um seiner selbst willen 
geschieht; alles Schaffen ist gering, das durch den Stachel 
des Wunsches, durch die Peitsche der Angst er- 
zwungen wird, das nicht sich selbst dient und genügt, 
sondern dem Zwecke. 



Die wundervolle, väterlich göttliche Liebe zum Ge- 
schaffenen ist es, die den alten Dingen der Handwerks- 
zeit Mark und Leben, Fülle und Sprache leiht; der 
Massenkram unsrer Zweckgewerbe ist taub und ver- 
logen, sein grinsender Glanz schielt nach dem Kehricht- 
haulen, wo sein Eintagsleben endet. Der Überschuß 
spendender Liebe, der dem alten Gerät die zweckfreie 
Schönheit und den sorgsamen Schmuck der Gestalt er- 
sann, wird von der kalkulierten Phrase des Maschinen- 
ornaments verhöhnt; als letzter, versöhnlichster Abglanz 
versiegten Reichtums bleibt die Exaktheit, eine hoch- 
gezüchtete technische Tugend ungezählter Geschlechter 
aus der Erbreihe der Geräte, deren Stammbaum mit 
eignem Leben neben dem der Menschheit einherwächst. 

Erheben wir jedoch den Blick von den armseligen Wer- 
ken 7weckhafter Gewinnsucht zu jeglichem Schaffen, das 
wahrhaft unsrer Zeit Bestimmung gibt, so erkennen wir: 
Nur da wird schöpferisches Leben, wo frei von Zweck 
und Absicht um der Sache willen geleistet und geschaffen 
wird. Der Künstler wirkt aus GesLaltungs drang und Liebe, 
der Forscher aus Wissenstrieb und Ordnungsgeist, der 
Staatsmann aus Willenskraft und Ideenzwang, und selbst 
die erdgebundenen Berufe wollen Verwirklichung des 
Gedachten, Leben des Oiganioierbaren. Der Finanz- 
mann und Organisator, der schafft, um sich zu be- 
reichern, ist ein Stümper und Krämer; nie ist lebens- 
kräftige Saat seiner Hand entflossen; denn das Wort 
und Werk, das zweien Herren dient, der Sache und dem 
Eigennutz, ist das schwächere, es wird zu Boden ge- 
schlagen von dem freieren, das nur der Sache dient 
und daher einfach ist. 

W'as also ist andres nötig, als daß der freie Geist der 
Liebe zur Sache, der heute alles höhere Schaffen leitet, 



195 



sich auch des mittleren und niederen bemächtige ? Es 
gibt nicht ein einziges Werk auf Erden, das nickt in 
Liebe verrichtet, durch Geist und Willen veredelt wer- 
den kann. Die menschliche Natur ist so wandlungsreich 
wie die menschlichen Berufe; sie schafft nicht nur den 
geborenen Soldaten und Geistlichen, sie schafft den ge- 
borenen Buchdrucker, Radfahrer, Schachspieler und 
Stenotypisten. Freiheit von Erbfron ist nötig. Freiheit 
von Not und Freiheit der Berufswahl; von diesen Be- 
dingungen haben wir gesprochen; sie sind erfüllbar. 
Sind sie erfüllt, so bedarf es nicht mehr des Antriebs 
unedler Bewegungskräfte, der Despotengeißel Gier und 
Angst: nicht Hunger und Wollust, sondern Liebe hält 
den Menschen bau lebendig. 

Doch wo bleibt der leidenschaftliche Auftrieb, der die 
Kräfte der Führung und Herrschaft emporschnellt f 
Wer ist bereit, die doppelte Arbeit und Sorge des 
Kampfes und Aufstiegs, des Lebens für sich und die 
andern zu tragen, wenn Eitelkeit geächtet und Ehrgeiz 
gesänftigt ist ? Kann die Welt diesen letzten tmd stärk- 
sten Hebel, dieses selbstbestimaiende Werkzeug der Aus- 
lese entbehren? 

Schon heute bedarf sie seiner nicht und wird seiner nie 
bedürfen. So wenig der Wille zum Gewinn die wahren 
Werke der Wirtschaft erzeugt, so wenig vermag der 
Wille zu personlicher Macht das wahre Werk der Herr- 
schaft zu erfüllen. Der eitle Herrscher ist der schwächste; 
schwächer als der beschränkte, gefährdeter als der böse. 
Eitelkeit tötet die Sache. Eitelkeit erfordert ein Leben 
für sich, ein zweites Leben neben dem des Schaffens, 
ein Leben, das die Kräfte des Menschen derartig hin- 
nimmt, daß für die einsamen, losgelösten, hingegebenen 
Stunden des Schauens und Schöpfens kein Raum bleibt. 



196 



Der Respekt vor der Wahrheit und Notwendigkeit sinkt 

daliin, Dinge und Menschen verlieren ihren Selbstzweck 
und werden zu Mitteln, der Entsclüuß verliert Charakter 
und Richtung und wird zum Spiel. Nur der gesetzhaften 
Einseitigkeit und Eindeutigkeit ist es verliehen, Ihren 
Weg zu Ende zu schreiten; das Dickicht durchdringt, 
wer in gerader Richtung wandert, gleichviel in welcher; 
wer im Kreise sich bewegt, kommt um. Wenn aber 
der Dienst der Sache mit dem Dienst der Person ge- 
kuppelt ist, 8o wird die Richtung verloren. Wer Jahre 
des Lebens am kläglichen Werk seiner Laufbahn ge- 
arbeitet hat, dem ist Welt und Leben nicht mehr der 
Garten des Herrn, sondern eine brettcrne Bühne der 
Kabale und Intrige, niemals wieder wird sein Auge den 
reinen Glanz, sein Arm die sehnige Kraft und sein Herz 
den kindlichen Wllen empfinden, der Saat und Ernte 
segnet. Die Sache verlangt den ganzen Menschen, ver- 
langt ihn bei Tage und bei Nacht, und hinter dieser 
Leistung bleibt der Stärkste und Begabteste zurück, 
der seinem eignen Leben und Gedeihen nachhängt. 

Endgültiges ist von Ehrgeizigen nie geschaffen worden. 
Wer das Beispiel jenes gewaltigen Dämons der Schwelle 
anführen wollte, der das Tor der alten Welt hinter sich 
zuschlug und den Weg in das Reich der Neuzeit auf- 
riß, das er betrat und verkannte, der hat den Geist 
des Korsen nicht begriffen. Diesen Fanatismus der 
Dinglichkeit bringt nur der auf, der nicht sich selbst 
lebt, sondern dem Gegenstand; und ist der Gegenstand 
ein Idol, das Spielbrett tollen, unbegründbaren Willens, 
so ist er dennoch königHch, weil er den Menschen sich 
selbst und gemeiner Lust entreißt und adelt. Nicht um 
der Oper willen in Notre-Dame und Erfurt hat dieses 
Herz sich entmenscht, sondern für die imperiale Macht; 



197 



und weil ein Irrensrest nicht zuließ, daß die Idee sich 

vom Menschen löste, darum kam der Mensch um. 

Verantwortung ist die einige Kraft, die Herrschaft 
fordern und rechtfertigen darf. Nie wird sie Herrschaft 
fordern um der Abzeichen willen, nie wird sie Macht 
fordern um des Menschen und seiner Freude willen. 
Verantwortliche Herrsclialt ist Dienst, doch nicht der 
mystische Dienst eines Despotengottes, der Willkür ver- 
leiht, weil er Willkür übt, der Anbetung verleiht, weil 
er Anbetung fordert, sondern Dienst am idealen Ge- 
danken, der die andern zum gemeinsamen Werk empor- 
reißt. Verantwortliche Herrschaft macht den König 
zum Knecht, den Knecht zum König, nicht um von 
ihm bestimmt zu werden, sondern um ihn im Geist zu 
seinesgleichen zu erhöhen. Sie verlangt nicht Unter- 
werfung und Gehorsam, sondern Mitwirkung und Folge; 
Kniefall und Buhlschaft ist ihr verächtlich, Pomp und 
Götzenweihe ein Greuel. Wer Lust hat, über Sklaven 
zu herrschen, ist ein entlaufener Sklave; frei ist, wem 
Freie willig folgen und wer Freien willig dient. 

Die Freude, die Despotismus bringt, id die Freude 
an der Selbstüberhebung, an der Niedrigkeit der Men- 
schen, an Bequemlichkeit, Glanz, Ruhm und Neid, und 
wenn zuweilen die Bequemlichkeit geopfert wird, so ge- 
schieht es, um neue Machtfreuden einzutauschen. Die 
Freude der Verantwortung ist Freude an der Gefahr, 
an Arbeit und Sorge, und Freude am Schaffen. Opfern- 
des Schaffen aber ist tätige Liebe, die höchste Bürg- 
schaft unsres transzendenten Rechts. Wenn jemals vor 
dem Richters tuhi der Welten die Menschheit des tellu- 
rischen Planeten erschiene, so wäre sie durch das selige 
Wort : jMcin Glück war schaffende Liebe^ gerichtet und 
erlöst. 



Der Verantwortung ist es gegeben, in der Reihe der 
menschlichen Motore die falsche Kraft der Ehrsucht 

abzulösen und jene leidenschaftliche Steigerung zu er- 
wirken, deren das Einzelstreben bedarf, damit es der 
Welt nicht an Führung fehle. Dem strengen Gefühl 
steht nicht allein die Nachhaltigkeit bei, der im Laufe 
eines Lebens nichts versagt bleibt, sondern auch die 
Gerechtigkeit der selbstbestimmenden Auslese. Ehrgeiz 
fördert Schwache und Toren, die den großen Moment 
für Lichtbilder verschwenden, Wille zur Verantwortung 
bezeichnet den Fähigen und Erwählten ; denn jeder liebt, 
was er kann, und kann, was er wahrhaft und selbstlos liebt. 

Neue Grundgestaltungen gesellschaftlicher Sitte sahen 
wir emporsteigen, Umstellungen der treibenden Kräfte, 
der Wertungen und der Ziele. Dennoch enthalten For- 
derung und Erfüllung nichts der Menschheit Fremdes, 
utopisch Gewolltes: Denn in allen reinen Geistern unsrer 
Zeit ruht unbewußt eine jede unsrer Hoffnungen ver- 
wirklicht. Was ist vermessen: Zu erwarten, daß viele 
dereinst begreifen, was heute wenigen vergönnt ist, oder 
für alle Zeit den Aufstieg zu freierem Empfinden zu 
leugnen; doch wage der Leugner zu bekennen, daß alles 
Sinnen und Trachten, das den Stempel sittlif licn Wil- 
lens trägt, alsdann bestimmt ist, ewiges Vorrecht und 
ewige Verwerfung zu bekräftigen. 

Die Stetigkeit des Vorschritts, die Entwandlung aus 
den Keimen der Zeit wird von neuem sichtbar, wenn 
wir das Gesamtbild versittÜchter Weitstimmung mit 
den Linien erschauter Gesetze umschreiben. 

Das äußere Leben wird stiller, denn die grellen Ver* 
lockii Ilgen und Reize haben auf^;ehüI■t zn wirken; sie 
sind den Weg des Zuckerzeugs, der Glasperlen und Knall- 
erbsen gegangen. Der aufdringliche Bettel und Schrei, 



199 



die ireche Preisung des Verkäufers ist nicht mehr selbst- 
verständlich und angemessen; der Not kann der Mann 
nicht mehr verfallen und seine Bereicherung ist gleich- 
gültig. Eile ist Angst; das Drängen und Schieben der 
Menschen, heute verzeihlich als Rettung vor Untergang 
und Verzweiflung, wird unwürdig, wenn für alle gesorgt 
ist; Vorsprung durch Rücksichtslosigkeit ist verpönt. 
Die Gier und Hast des Kaufens ist erloschen und mit 
ihr die schreiende Angst des Gewerbes und des Inter- 
essenzanb. Arbeit wird ernst, still und würdig; die Er- 
innerung an unsre Zeit erscheint wie im Bilde vergangener 
Trödelmärkte. Die Stätten des giftigen Luius und der 
verpesteten Freuden, der geistlosen Vergnügung und 
der groben Reize wandern ab, zuerst nach Vorstädten 
und Fabrikorten, dann nach dem Balkan, zuletzt nach 
tropischen Bezirken. Ihr Besuch steht jedem frei, der 
in Gegensatz zur Kulturgemeinschaft treten mag; doch 
die forsche Verwegenheit der Verführung wird ver- 
schämt. Frauen mögen hier und da nach Art der Neger- 
weiber bunte Flitter, Vogelfedcrn und glanzende Kiesel 
durch die Straiie schleifen, schwänzelnd und tänzelnd 
Freier locken, in gepolsterten und durchdüfteten Win- 
keln schmollen und den letzten Weinreisendeo und 
Modeberichter bezaubern; doch sie wissen, was sie tun; 
denn das Gemeinschaftsbewußtsein hat den schaffenden 
Beruf des Weibes erkannt. Bereicherte Lieferanten 
mögen hinter Gittern und Mauern Köstlichkeiten an 
Gerät und Nahrung stapeln und verprassen, Menschen- 
kräfte vergeuden, Werke der Kunst und Natur ver- 
sperren: Neider und Bewunderer werden sie nur in 
wenigen Gleichgesinnten finden, die bewußt die alten 
Freuden der Gier und Prunksucht über die Einsicht 
der Kulturgemeinschaft stellen. Der Begriff der mat^- 

ZOQ 



rieDen Oberbietung, der in seiner Gemeinheit aus Häu- 

serfronteTi und Fensterauslagen, Geräten und Trachten 
grinst, hat ein Ende; Bereicherung hat aufgehört ein 
allgemeines, selbstverständliches, gebiUigtes Ziel zu sein; 
Bewunderung des Luxus weicht einem traurigen Er- 
staunen. Technik dient dem Leben wie zuvor, doch wird 
Beschleunigung und Bequemlichung jeder Verrichtung 
nicht zum Selbstzweck. Pflicht der mechanischen Sklavin 
ist und bleibt, Massen zu bewältigen, Arbeit zu vergei- 
stigen, den Menschen tierischer Last und Fron zu ent- 
heben und die wachsende Zahl der Erdbewohner zu 
versorgen. Die Hingerissenheit vor jeder Verschärfung 
der Reize, vor jeder Steigerung dimensionaler Wirkung 
ist kindisch und mag noch kurze Zeit den Amerikaner 
freuen; einer geistigen Gemeinschaft ziemt sie nicht. 

Heute ist die Stimmung menschlicher Beziehung 
Fremdheit und Feindschaft, Wen man nicht kennt, mit 
dem soll man nicht reden. Ihm darf man die Harte der 
Interessen, gemildert durch oberüächhchc HöÜichkeit, 
entgegenkehren. In Geldsachen, sagte ein preußischer 
Minister, hört die Gemütlichkeit auf. Wird man be- 
kannt, so steigert sich die Höflichkeit zur Fratze, die 
Feindschaft bleibt; denn sie hat ihren tiefen und furcht- 
baren Grund in der Lebensgefahr des Wirtschaftskamp- 
fes. Ist der Mensch gegen Obdachlosigkeit und Hunger, 
gegen Not und Siechtum dereinst so geschützt wie heute 
gegen Mord und Raub, so verliert die geseUige Feind- 
schaft ihr Recht, und wer sie übt, gesteht Eigennutz 
und Habsucht. Mißtrauen, die wohlfeilste der Klug- 
heiten, gilt niaiichem heute als Niederschlag der Lebens- 
erfahrung, und es mag wahr sein, daß einem Geschlecht, 
das in der Wertung menschlicher Eigenschaften ahnimgs- 
los, das blind ist in der Deutung ihrer Zeichen, allzu« 



201 



häufig Vertrauensbruchy Lug und Tücke widerfährt; 
ist doch dieses Geschlecht das gleiche, das von Tausen- 
den Beschwätzern überredet, von Verkäufern geblendet, 
von groben Lockmitteln gereizt sein will. Ist die 
Menschheit der Angst und Gier überhoben, so kehrt 
Selbstbesinnung ein und Würde und Selbstvertrauen; 
und hat sich der Mensch gewöhnt, ohne Überhebung 
noch Verachtung, doch unbestechlichen Blicks Leib und 
Geist seines Nächsten zu durchschauen, so weiß er, was 
er dem andern anvertrauen und auferlegen darf, was 
er von ihm erwarten kann und was er ihm schuldet. 
Die verängstete Blindheit des Mißtrauens schwindet; 
der Mensch blickt dem Menschen ins Auge und erkennt 
den Bruder. 

Unter dem Stachel der Gier und des Ehrgeizes stei> 
gerte sich gesellige Feindschaft zu dem grausamen Wett- 
lauf um die Güter des äußeren Lebens; der Furienruf: 

Entsage, damit ich besitze, opfere, damii icii genieße, 
Stirb, damit ich lebe, trieb die Völker in Raserei und Ver- 
nichtung und entzweite die Glieder des Brudervolkes 
zum Erbkrieg der Klassen und Stände. In jede mensch- 
liche Erwägung mischte sich die i^rage des Mein und 
Dein. Kein politisches Besinnen kann mehr die Kräfte 
einer Nation auf reine Ziele richten; keine Einheit des 
Wollens kann dem Drang nach innerer Gerechtigkeit 
die Gewalt der Naturkiaft verleihen; alle Werte mid 
bestritten, und über allen erhebt sich uneingestanden 
und unbezweifelt die Schicksalsmacht der Interessen. 

Nur die Verflüssigung und Entwertung des Reich- 
tums, die Überbrückung erbhcher Spaltungen, die Auf- 
hebung der Teilung in f^wig tragende und ewig lastende 
Gheder, nur die Verschmelzung der menschlichen Gesell- 
schaft zu einem lebenden, unstarren, aus sich selbst sich 

20Z 



erneuernden Organismus, nur diese stille und gewaltige 

ümformung aus der '1 ief e des sittlichen Gewissens, wie 
unsre neue Lehre sie dargetan hat, kann und wird den 
Bruderkampf der Menschen und Völker stillen. Nicht 
um irdische Paradiese zu schaffen, nicht um diesem das 
Dasein zu erleichtern, jenem Wunden zu sparen, nicht 
allein um der Gerechtigkeit, noch weniger um der Barm- 
herzigkeit willen: sondern aus der ewigen Pflicht, zu 
neuen und schweren Kämpfen aufzurufen, um die Welt 
nicht ersterben zu lassen in materiellen Schranken, die 
unwürdig sind, um sie zu neuem, härter zu erringendem 
Leben zu führen, zum Leben der Gemeinschaft und 
der Seele um des Gottes willen. 

Das innerste Lebensgefühl des Menschen wird zum 
Gefühl der Sohdarität. Wenn heute als erlaubt gilt, was 
nicht verboten ist, wenn heute jeder die äußersten Gren- 
zen zulässiger Rechte ausspäht, so umfaßt dereinst ein 
jeder die äußersten Grenzen seiner helfenden Kräfte. 
Das Leben, losgelöst von der Angst und Gier der Lei- 
den und Genüsse, wird nicht zum kalten Spiel noch zum 
gelangweilten Sport der Glieder und Köpfe; die könig- 
liche Kraft des Willens bleibt uns erhalten, doch nicht 
im Dienst selbstverzehrter Zwecke, sondern im Bewußt- 
sein der Gottespflicht, die uns in dieses Leben gestellt 
hat, die uns verantwortlich macht für die Verwaltung 
und Gestaltung jeder Sehne unsrcs Leibes und jeder 
Fühlung unsres Geistes, die von uns fordert nach dem 
Gesetze der Vergöttlichung den Aufstieg vom tierischen 
zum geistigen, vom geistigen zum seelischen Dasein. 

Wie leicht ist es, von dieser heiligen Zuversicht sich 
lächelnd abzuwenden und mit dem entsagenden Hin- 
weis auf die uralte Unveränderlichkeit der menschlichen 
Natur jedes höhere Ziel den Jahrtausenden anheimzu- 



stellen» damit immer wieder den Tagesfragen um so 

mehr Raum geschaffen werde. 

Tagesfragen! denen ihr eure Tage und Nächte opfert: 
was sind sie? Der Sickerweg ungefaßter Quellen und 
Bäche, die im Moorland verrinnen, weil kein Geistes- 
wille ihnen den Weg weist; hier ein Balken, dort ein Stein- 
block hingebreitet, damit von Not zu Not der irrende 
Fuß eine Stütze findet, die unter dem Tritt versinkt. 
Verzicht auf Selbstgestaltung des Menschengeschlechts 
nach dem Licht seiner eingeborenen Einsicht, Anheim- 
gabe an die Willkür der Zeit, die nach tausendfacher 
Vergeudung des Lebens ein wankendes Gleichgewicht 
erschüttert, das alle Kräfte erstickt, bis die Lawine sich 
löst und nach schmerzvoller Zerstörung den neuen Null- 
punkt sucht. Politik des geringsten Widerstandes, Durch- 
setzen dessen, was am leichtesten möglich, nicht dessen, 
was nötig, hart und schwer ist; Vermittlung zwischen 
bestehenden Willenskräften, nicht weil sie zu Recht be- 
stehen, sondern weil sie eingewurzelt oder häufig sind* 
Die Welt läßt ihre Torheiten, Eitelkeiten und kleinen 
Bedürfnisse darüber abstimmen, welche zuerst befrie- 
digt werden soll, und diejenige kommt zuerst, die am 
lautesten schreit. Niemals zuvor hat es eine geschicht- 
liche Zeit gegeben, die darauf verzichtet hätte, ihre Wol- 
lungen zu werten und zu formen nach dem Bilde ihrer 
intuitiven Einsicht; uns war es vorbehalten, unter der 
Herrschaft des allklugen und allwissenden Intellekts unser 
irdisches und gottliches Leben dem Kräftespiel des Zu- 
falls, der Mehrheit, des Herkommens, der abergläubischen 
Reste und eklektischen Werte anheimzugeben und mit 
gravitätischer Ratsherrenmiene Tagesfragen zu erörtern. 

Un Veränderlichkeit der menschlichen Natur 1 Wie lieb 
ist diese Redensart den Behäbigen, die manches zu ver- 



204 



lieren und nichts ru erringen haben, die am Künftigen 
zweifeln und diesen Zweifel Lügen strafen, indem sie 
an Tageswerken und Tagesfragen feilen. Gewiß, Lachen 
und Weinen, Liebe und Haß, Lust und Schmerz sind 
;ilt und neu ; und dennoch lebt der Buschmann und Papua 
als Erinnerung an alte Menschenzeiten, dennoch hat 
Christus das Menschendasein in zwei Epochen gespalten, 
dennoch haben drei Jahrhunderte genügt, um alles Wir- 
ken des Abendlandes auf das Denken zu Stellen, dennoch 
hat sich im Laufe von vier Menschenaltern eine un- 
bekannte Masse in das tatkraftigste Bürgertum ver- 
wandelt und den deutschen Volkskörper von innen 
heraus erneuert, dennoch ist durch einen Königs- 
willen der preußische Stand der Landesverwalter und 
Verteidiger geschaffen worden. Unsrer Zeit, die aus 
Trägheit des Denkens und willentlicher Verblendung 
sich gewöhnt hat, ganzen Völkern das Recht des Daseins 
abzusprechen, obgleich sie weiß, daß in jedem Gemein- 
schaftskörper Muttermörder und Betrüger, Irrsinnige 
und Sieche, Denker, Feldherren, Heilige, Werbende, 
Genießende und Schaffende in ähnlichster Folge, Zahl 
und Mischung erscheinen, unsrer Zeit ist es schwer klar- 
zumachen, daß der Wechsel des geschichtlichen Antlitzes 
nicht den Wandel Aller bedeutet, sondern das Empor- 
brechen neuer Schichtung, die Umgestaltung der lei- 
tenden Wertung, den Sphärenschriit dc3 herrschenden 
Gedankens, der Idee. Natur verschmäht den Wandel 
von Grund auf, sie bewahrt als Erinnerungszeichen die 
Bilder des Verflossenen in den Kammern stets entfern- 
terer Abgeschlossenheit; noch immer lebt die vorwelt- 
liche Muschel und der Steinzeitmensch, und noch in 
Jahrtausenden wird der angst- und giererfüllte Intellek- 
tualmensch leben; doch seiner wird die Herrschaft der 



20$ 



Welt nicht mehr »ein. 7At und Menge gilt ihr nicht«; 
sie treibt nicht herdenweise die Menschen in die Pforten 
des Paradieses, sondern sie schallt wie der Künstler: der 
nur den auserwählten Stein mit dem Hauch seiner Seele 
belebt. Das Meer bleibt ein unveränderliches, gefügtes 
Reich, und dennoch färbt und gestaltet es sich in jeder 
Stunde neu, wenn Trübungen emporsteigen und Winde 
es kräuseln, wenn Wolken beschatten und nächtliches 
Leuchten aufbricht. So ist in jeder Nation jedes Glauben 
und Wissen, Denken und Wollen gleichzeitig vorhanden 
und wirksam, und es ist keineswegs die Mehrheit und 
Mehrzahl, welche die zeitliche Geisteslärbung bestimmt, 
sondern die lestere und geschlossenere Schichtung und 
Vereinigung. Die herrschende Geistesmacht aber hat in 
einem Mehrheitsgeist die Gewalt, auch den ungefärbten, 
den indifferenten Bestandteil sich anzugleichen und all- 
mählich die Vormacht zur Mehrheitsmacht heranzu- 
bilden. Alles assimilatorische Wirken beruht auf diesem 
Gesetz; deshalb kann nur die sittlich und willenhaft 
gleichförmige Nation zivilisieren und kolonisieren. 

Nicht eine sittliche Wandlung von Grund auf in 
rascher Bewegung und Gleichzeitigkeit bei allen Völkern 
ist das Ziel und die Voraussage unsrer Lehre und die 
Grundlage der künftigen Menschheitsgestaltung, son- 
dern zuerst ein dämmerndes Aufsteigen und Ausbreiten 
herrschender, vereinigender und mitreißender Geistes- 
macht, ein schnelles Anklingen und langsames Schwel- 
len des seelischen Rufes und Einklangs, der einstmals 
auch das unharmonische Gefäß zum Nachhall zwingt. 
Der erste leise Tou ist erwacht und wird niemals mehr 
schweigen, zögernde Stimmen setzen ein, und noch in 
unsern Tagen wird der Ruf vernehmlich. Ist er über 
die Bewußtseinsschwelle auch nur einer Volksgemein- 

206 



ichaft gedrungen, so beginnen die Wandlungen des sicht- 
baren LebenSy und sind sie durch das Gesetz der Herr- 
schaft zur vollen Wirkung erwachsen, so ist die Zeit der 
neuen, der strengen Forderungen angebrochen. 

Noch einmal belcraftend zum Ausgangspunkt zurück- 
Tukehren zwingt uns die Frage: Woher die Gewißheit? 
Woher seit Jahrhunderten zum ersten Male die recht- 
fertigende Zuversicht, daß neue Einheit des Glaubens 
und Wertens uns beschieden sein könne, da doch der 
intellektualisierten und mechanisierten Welt jede Über- 
zeugung zerrissen, jede absolute Schätzung durch Ver- 
gleichung erstickt und verboten, jede Verbindlichkeit 
gelöst und nur der Eigenwille gestärkt ist? Sind wir 
nicht allem heißen Giauben zum Trotz dem blinden 
Gange der Mehrheitsbewegungen verfallen, dem öden 
Kompromiß der Interessen und Leibesnötc, die schließ- 
lieh, wie die materielle Geschichtsauffassung es ver- 
langt, den namenlosen Gesetzen der Naturkräftc folgen 
müssen und ihnen zum Sieg über den Menschheits- 
gedanken helfen? Haben wir nicht endgültig die 
Selbstbestimmung des Geistes dem mechanischen Schick- 
sal des Gleichgewichts geopfert ? 

Die Obmacht einheitlichen Menschheitswillens und 
sittlicher Gewißheit über die Widerstrebung materieller 
Gegebenheit bestand solange, als offenbarte Religion 
jeden Schritt des Gemeinschaftswillens bestimmte. Sie 
brach zusammen, als das Wunder aus der alltäglichen 
Natur verschwand und dem Gesetze wich, als Sonne und 
Mond nicht mehr auf Gottes Geheiß verweilen durften, 
weil das Denken ihnen rastlose Ruhe und tote Bewegung 
vorschrieb. Sie mußte zusammenbrechen, weil offen- 
barte Religion sich nicht erneuert, es sei denn, daß sie 
wie im Osten an jedem Tage von neuem durch Zeichen 



207 



sich bekräftigt, das ursprüngliche Wunder wird historisch, 
d«r Glaube dogmatisch, die Botschaft Gesetz; die Gott- 
heit verpriestcrt. Aus der Gemeinschaft der Geheiligten 
wird die mechanisierte Kirche, aus Frömmigkeit Politik, 
das ursprünglich Iranszendente wird durch Deutung 
und Umdeutung eine terrestrische Macht, weiche die 
Realitäten xu bekämpfen geeignet und bestimmt ist, nach- 
dem sie nicht mehr vermag, sie zu gestalten. Herrschaft 
offenbarter Religion setzt voraus ein Volk, das den HöUen- 
weg des Intellekts noch nicht durchschritten hat, sie setzt 
voraus beständige Erneuerung durch Zeichen und Wunder, 
die den ursprünglichen transzendenten Inhalt lebendig 
erhalten und sein Verhältnis zum Gange der Wirklich- 
keiL Liiiuuihörlich neu deuten und unerschütterlich be- 
stimmen. Nicht Priesteredikte und Kirchen Versamm- 
lungen erneuern die herrschende religiöse Einheit, son- 
dern Propheten. 

Die Obmacht der Religion erlag der Vernunft. Mut 
und Gewissen der Völker germanischer Färbung ver- 
zichteten auf die materialisierten Tröstungen der Mystik 
und erstrebten den Einklang des Glaubens und Den- 
kens. Sie schufen ein religiöses Gebilde, das jahrhunderte- 
lang den Menschheksweg begleiten durfte, weil es den 
Blick auf die ursprüngliche Transzendenz des Evange- 
liums offen hielt; das jedoch zur allbeherrschenden Gei- 
stesmacht nicht werden konnte, weil es schismatisch war, 
weil es nicht auf Prophetie beruhte, weil es das rorschende 
Denken frei ließ und vom ersten Tage an hinter der poli- 
tischen Macht, der es sein Dasein schuldete, zurücktrat. 
Der Protestantismus hat im letzten Sinne stets ein pri- 
vates Leben geführt, mochte er auch unter staatlichem 
Schutz in einzelnen monarchischen Staaten zu politi- 
schem Einfluß gelangen; die höchste Macht der Wert- 



bcstimmung für alles Leben konnte und wollte er nicht 
erringen; der Hofprediger durfte den Weg des Propheten 
und Märtyrers nicht schreiten. 

Den intellektualisierten Geist der Völker beherrschte 
die Vernunft. Abermals, wie vordem in der Zeit des 
naiven vorchristlichen Staatsgedankens, fiel der Philo- 
sophie die Aufgabe zu, Werte zu setzen. Sie fand wenig 
Gehör. Denn die Welt war auf Jahrhunderte mit der 
beispiellosen Arbeit der Mechanisierung beschäftigt; 
Wissenschaft, Technik, Kapital, Verkehr, Staatsverfas- 
sung, Kriegskunst, Ständewesen, Lebensführung, Kunst 
mußten der Übervölkerung des Erdballs, der Umschich- 
tung der Volkskörper angepaßt werden. Die gewaltigste 
aller Erdumwälzungen verlangte unbekümmerte Frei- 
heit des Einzelnen; gegensätzliche Kräfte und Nationali- 
täten hatten sich in die Weltarbeit zu teilen; ohne die 
zügellose Freiheit des Denkens und der Denkmethoden 
wäre sie nicht bewältigt worden. Unvermeidlich war 
der großartige Irrtum, die triumphierende Analytik 
könne den letzten Schritt wagen, der Menschheit Ziele 
zu setzc[i; plcicli als ob der Buchdrucker dem Dichter, 
der Lokomotivführer dem Reisenden, der Farbenhändlcr 
dem Maler oder der Kanonier dem Feldherrn die Wege 
weisen wollte. 

Pflichtgetreu und bekümmert machte immer erneut 
die Philosophie sich ans Werk, die zerrinnenden Fäden 
ZU sammeln, ewige Richtungen, Gesetze, Imperative zu 
ersinnen. Vergeblich! Jede kritische Frage hatte sie sich 
gestellt, an Begriffen und Welt, an Gott und Dasein 
zweifeln gelernt, und dennoch war sie aus reiner Vernunft 
an der einfachsten Vorfrage blind vorbeigeschritten: ob 
nämlich der denkende, messende, vergleichende Intellekt, 
die Kunst des Einmaleins und des Warum die Einzige, 



14 8athcaau, Von kommßod«!! Diojr^n 



209 



dem ewigen Geist verliehene Kraft sei und bleibe, nm 
Mensdüicligöttliches zu durchdringen. Sie blieb Intel- 
lektualphilosophie. Sie benahm sich, als wollte ein 
Schwingungstheoretiker mit Kurven und Diagrammen das 
Erleb nis der Symphonie ergründen, als wollte ein Meteo- 
rologe mit Wetterkarten die Stimmung eines Frühlings- 
morgens erschöpfen, als wollte ein Hydrauliker das Ur- 
empf inden der Meeresbrandung errechnen. Sie sah nicht 
ein, warum das Wogen und Sehnen der Gefühle sich 
nicht sollte auf mathematisch-logischem Wege erklären 
lassen, warum die Beobachtung und Spaltung der Be- 
griffe nicht auf das höchste Erlebnis anwendbar sei. 
Sie erstaunte nicht über die Armseligkeit und Kahlheit 
ihrer Definitionen, wenn sie sich an die inneren Gewalten 
der Liebe, der Natur, der Gottheit wagte. Sie fragte 
nicht, warum allen ihren sittlichen Lehren die zwingende 
Macht der absoluten Verbindlichkeit fehle, sie fragte 
noch weniger, auf welchen Voraussetzungen eine abso- 
lute Verbindlichkeit überhaupt beruhen könne. Denn 
auf den Nachweis der allgemeinen Nützlichkeit hat jeder 
das Recht zu antworten: ich verzichte; und auf jede 
theoretische Pflichtkonstruktion: ich schließe mich aus 
und nehme die Folgen auf mich. Logisches Denken 
kann Recht begründen und Sitte, niemals absolute, 
jedem Einwand enthobene Wertsetzung und Sittliclikeit. 
Die kann nur aus dem Absoluten, dem unantastbar Gött- 
lichen fließen; und nur dann hätte der Mensch das Recht, 
mit grübelndem Verstände konventionelle Sittenformeln 
zu errechnen, wenn jeder Geistesweg zur Transzendenz 
ihm verschlossen wäre. Dieser Weg aber steht himmel- 
weit offen; es ist nicht der Weg der Kirchen und Klöster, 
der Doj^men und Riten, sondern der Weg des seelischen 
Erlebens und Erschauens, und jeder hat ihn betreten. 



2IO 



der jemals losgelöst vom zweckhaften Zetern des intel* 
lektualen Denkens sich wunschlos schweigend der Liebe, 
der Natur, der Gottheit hingab. Freilich, auf diesem 
Wege sind wir nicht altklug, wohlerfahren, unerstaunt 
wie auf d^ tausendjährigen Straßen des ewig gleichen, 
weit übersehbaren Intellekts; wir irren und stammein 
und staunen an den Pforten des Bezirks, in den unsre 
Sprache nicht reicht; doch ewige Gewißheit treibt uns 
vorwärts, und wir kehren heim, die Augen erfüllt von 
unvergänglichem Erinnern, und erkennen, was wir 
heimbrachten, wieder in den Sprüchen und Lehren 
unsrer Größten, die alle das gleiche gesagt und verkün- 
det haben: das Gebot der Liebe, das Reich der Seele, 
das Erlebnis Gottes. 

Das sind wenig Worte, sie scheinen alt und erschöpft 
und sind unergründlich. Keine Frage des Lebens, keine, 
und ginge sie um die entlegensten, erbärmlichsten Dinge, 
die in diesen Quell getaucht nicht den klaren Kern 
ihrer Wahrheit und Würdigkeit erleuchten ließe. Kein 
Zusammenhang und kein Irrtum ist so verworren, daß 
er im Lichte der erschauten Wahrheit sich nicht ein- 
fach löste. Alle Werte stufen sich ab, alle Urteile werden 
zum erlebten Gefühl, und selbst das irdische, flüchtige 
Leben behält sein Recht, nicht als ein Letztes, das sich 
anmaßen dürfte, aus seinen Bedürftigkeiten Gut und 
Böse herzuleiten, sondern als der Orbis pictus, aus dem 
wir lernen mit dem Auf blick zum Höheren, als die Schule 
des Herzens und Willens, die Palästra des irdischen 
Leibes, die nicht Selbstzweck ist, noch letztes Glück 
und letzte Trauer spendet, noch letzter Leidenschaften 
und Verzweiflung würdig ist, sondern die vielmehr uns 
Pflicht und Erbteil und vergängliches Schicksal bedeutet, 
die wir ernst und würdig nehmen, ja die wir heben sollen. 



211 



Nicht die Philosophie dcb Ini rl] rkts hat uns den alten 
und neuen Doppelweg zu Welt und Gott gewiesen, 8on* 
dern die schauende Kraft, die vordem viele Namen hatte 
und die uns seelische Einsicht heißen soll. Sie wird das 
alte Erbe der Meriücliheitsführung übernehmen, das die 
Religion verlor und die lutellektualphilosophie nicht er- 
griffy und weil wir in dem Glauben an diese Einsicht 
leben und sterben, ist die Frage nach der Gewißheit der 
Lehre erschöpft. 

Es möchte nun manchem scheinen, als würden Welt , 
und Leben, von diesem Kern erfaßt, schon fast ein Spiel, 
als könnten abermals treibende Kräfte im Sinne tätigster 
Leidenschaft verloren gehen, als könnte die Menschheit 
in quietistischer Beschaulichkeit zu tief gesänftigt und 
gesättigt werden. Gier und Angst freilich, Übermut und 
verzweifelte Trauer werden sich stillen. Doch sie haben 
das Große auf Erden nicht geschaffen. Das Staunen 
• vor dem zweckhaften Intellekt und seinen mechanisti- 
schen Taten wird erblassen; denn schon heute fühlen 
wir die Erlernbarkeit und die rutinierte Gleichförmig- 
keit dieser Kraft, die ebnen aber nicht schallen kann, 
die sehend aber nicht erleuchtet ist. Dennoch wird die 
Welt nicht unklug werden. Es gab eine Zeit, wo das 
Gehen und wo das Reden neu war und alle Geister des 
Menschen in Aiispruch nahm; heute ist es uns geläufig, 
wir können gehen und zugleich reden, wir können reden 
und zugleich denken. Auch das alltägliche Denken ist uns 
heute schon vertraut; es füllt unsre Tage aus und viele 
unsrer Nächte; es gibt Zeiten, wo wir vor dem erbar- 
mungslosen ungewünschten Denkstrom flüchten möchten. 
Dann nimmt Schlaf uns auf, zuweilen Meditation. Daß 
wir des Denkens, zumal des abstrakten, der grund- 
sätzlichen Entschlüsse uns weit bewuliier bind als des 



Atmens, beweist den Schülerstand,, die Geringfügige 
keit unsrer Meisterschaft selbst in dieser geringen Kunst. 
Je mehr wir wunsdiiosemy meditativem Schauen Raum 
geben, je häufiger das mühselige Urteil durch die reine 
Erkenntnis berichtigt wird, desto leiser und sicherer 
arbeitet der intellektuale Geist, desto tiefer versinkt er 
in die Sphäre des t^berwundenen. Wer die Selbstver- 
ständlichkeit, Reinheit und Sicherheit in den Entschlüs- 
sen glücklich erzogener und freier Menschen mit der 
dumpfen Mühsal des unsicheren Intellektualchai akters 
vergleicht^ der hat ein Büd von der unbewußten und 
bescheidenen Meisterschaft, zu der das intellektuale 
Denken heranreift, um dereinst größere Dienste der 
Menschheit zu leisten als der geringe und beneidete 
Vorsprung unsrer wenigen denkgeschulten und benei- 
deten Naturen. 

Nicht Unklugheit wird das Geistesmerkmal jener Zu- 
kunft sein, sondern Überwindung banaler Klugheit durch 
die Sicherheit seelischen Urteils. Die Unsicherheit unsrer 
Zeit und ihrer Klügsten in Wertung und Urteil ist ohne 
Vorbild, denn niemals zuvor hat ein ähnliches Übermaß 
hemmungslosen Intellekts auf Erden gekreist und wahl- 
lose Willkür der Gefühle entfesselt und gerechtfertigt. 
Schwankend und instinktlos wie un^er ästhetisches Ur- 
teil, das die Welt verunziert, sind Liebe und Haß in 
ihrem jähen Wechsel, smd die Urteile vom Erträglichen, 
vom Gerechten und Zumutbaren. Da alles bewiesen 
werden kann, wird täglich alles bewiesen und jeder Be- 
weis ertragen. Und doch bringt jeder Tag einer kleinen 
Zahl von Menschen den Beweis, daß auch heute noch 
die Wenigen, die schöpferisch die Welt verkörpern, weil 
sie aus den Tiefen der Intuition ihr Sein und Urteil 
schöpfen, daß diese Wenigsten und Besten, gleichviel 



welchen Ursprungs und Berufs, in allen großen Fr.igen 
das gleiche fühlen und verkünden, zum Ruhm und 
Preis der absoluten Wahrheit. Nichts Ungeheures ist 
es, zu erhoffen, daß eine Zeit bevorsteht, in der auch eine 
größere Zahl es lernt, Herz und Sinn zu befragen 
und von dem Urteil innersten Empfindens die Dinge 
des Tages, der Welt und der Ewigkeit richten zu lassen. 
Nicht ein kühles Spiel des Lebens wird die Folge sein, 
auch wenn die jähe Angst um Schein und Tand dahin- 
sinkt, wenn manche Narrenfreude und heimliche Lust 
erstirbt; heißere Leidenschaften werden entfacht von 
höherem Willen, und weil das Gebiet dieses Willens nicht 
mehr in Notdurft, Zvsang und Tierheit begründet ist, 
so ist sein Siegel Freiheit. Nicht Gleichgültigkeit gegen 
Menschen, kaltes Erbarmen und höfliche Fremdheit 
steht uns bevor; denn wenn die Mittel des niederen 
Kampfes um Brot und Achtung erschöpft sind, Wett- 
bewerb und Buhlerei, Neidhaß und Schadenfreude, 
Gleißnerei und Herrschsucht, so erhebt sich, wie heute 
bei den Besten und in großen Zeiten, Verantwortung 
und Sorge für die Gemeinschaft, Gemeinsinn und Soli- 
darität, Nicht die beiden Gegenformen erdgebundener 
Denkart sind zu befürchten: Nihilismus und materielle 
Gläubigkeit; denn die Verzweiflung weicht, die zur 
Verleugnung treibt, und die Not, die alle falschen Ge- 
bete und abergläubische Betteleien um irdische Vorteile 
lehrt; und der Geist des Dankes und der Hingebung, 
des Schweigens und der Liebe erhebt sich zu wahr- 
haftiger Transzendenz. 

Den Dreiklang Glaube, Hoffnung und Liebe hat der 
letzte Prophet den Jahrtausenden zugerufen, und alles 
göttlich -irdisch -menschliche Verhältnis ist in diesen 
Worten beschlossen. Tote, offenbarungslose Zeit hat 



214 



«ie überschattet. Glaube gilt als die anbehagliche und 
doch unabweisliche Pflicht^ Dinge für wahr zu neh- 
men, von deren Unwahrheit man eigentlich überzeugt 
istj das Opfer nicht nur des Intellekts, sondern auch, 
des Gewissens zu bringen um eines Gebotes willen. 
Hoffnung wird mißdeutet als die Erwartung, daß nach 
dem Grundsatz der Vergeltung das Opfer nicht vergeb- 
Hch sei, sondern Vorteil bringe. Verklangen ist das Ge- 
bot der Liebe; ihr Rest ist Mitleid und ein kalt gemes- 
senes Gefühl für den Ausgleich der Nöte; dies ist die 
einige Friedensinsel im Kampf der Begierden. Neben 
der Liebe der Geschlechter, der Blutsverwandten und 
Befreundeten hat tätige Menschenliebe sich nicht be- 
hauptet. 

Nicht hier soll Ton künftigem Glaubensleben gehan- 
delt werden, das bleibe späterem Werk vorbehalten; hier 

ist von menschlicher Gesellschaft die Rede. Deshalb 
sei das Wort des Paulus nur im sozialen Sinne unsrer 
Zeit umgedeutet und im Einklang mit dem dargelegten 
Gange; so lautet es: Selbstbestimmendey verantwort- 
liche Freiheit, Solidarität und Transzendenz. 

Blicken dereinst unsre Nachkommen zurück auf unsre 
Epoche, so werden sie mit erschreckter Bewunderung 
rühmen, wie in den wenigen Jahrhunderten der euro* 
päischen Schichtenverschmelzung das intellektuale Den- 
ken zum Gipfel stieg und als sein Wahrzeichen die 
Mechanisierung der Welt hinterließ. Ein älmliches Ge- 
fühl erschüttert uns, wenn wir die Anfänge unsres Ge- 
schlechts überdenken, die freilich über Jahrhundert- 
tausende gebreitet sind; wenn wir die Urfindungen des 
aufrechten Gangs, der Sprache, des Feuers zurückahnen; 
doch mischt sich in unser Gefühl nicht die Bitterkeit 
unsrer kommenden Richter« Nur aus dem Aufstieg der 

215 



unvordenklich geknechteten Unterschichten werden sie 

den niederen, negerhatten Zug unsrer Zeit erklären kön- 
nen, den gierigen Hang zu Kram und Tand bei Weibern 
und Männern, die Lebensangst und Menschenfeind* 
Schaft, die Sammelwut der Erhaitungsmittel, die Halt- 
losigkeit der Wertungen, den Mangel an bindender Sitte, 
an Verantwortung, Selbstgefühl und Solidarität. Wie 
gemeinhin die Zeiten aufbrechender Leibeigenschaften 
und Urschichten, die Alter des verkommenden Grie- 
chentums, des späten Römerreichs, so wird unsre Epoche 
als ein Ende und aia ein Anfang gelten; daß aber nicht 
fremde Unterjochung, sondern innerer Wille die Wie- 
dergeburt erzwang, das sei und bleibe vorbildloses Ver- 
dienst unsrer Geschlechter. 

Ist es nun möglich und ersprießlich, das Kommende 
zu beschleunigen; durch Gesetze und Einrichtungen, 
durch Vorkampf und Werbung, durch Vorbild und Kund« 
gebung das Werdende herbeizuziehen? Vergessen wir 
nie, daß die Gesinnung es ist, welche die Einrichtung 
bewegt; in die Gesinnung greift die Weltbewegung ein, 
sie widerstrebt, aber gehorcht, wie die Feder der Ühr. 
Ihr folgt das Räderwerk, nicht umgekehrt, und kein 
vorschnelles Stellen des Zeigers kana das Werk beflü- 
geln. Langsam reiit ein Zeitalter, dessen tiefstes Ge- 
wissen erst heute berührt wird. Nicht die Frühlings- 
stürme des Krieges, nicht die Strahlen des Friedens 
dringen in die tiefe Stille des Erdreichs, in der das Korn* 
des Lebens keimt. Geist erzeugt Geist, Ding schafft 
Dinge. Selbst vom Willen hängt der Geist nicht ab, 
weder kann der Wille ihn schaffen, noch ihn zerstören. 
Ist die Zeit gekommen, so werden die Stimmen der 
Sehnsucht sich mehren, die nach neuer Gerechtigkeit 
verlangen, und sie werden nicht schweigen, ehe die 

2iÜ 



Gewißheit aeucr Werte, nnantastUrer Wahrheitsgütcr 

aus der Nacht des Zweifels erwacht ist. Diese Guter 
aber, die der Einsicht unsrer Zeit sich erschließen, sind 
die Güter der Seele. Die Verkündung ihres Reiches 
ist geschehen, heute wie vor tausend Jahren; ihr Sinn 
hat sich nicht geändert, ihre zeitliche Form ist gewan- 
delt. Dieses Reich aber beginnt in der Tieie des Bewußt- 
seins und wirkt auf die Tiefe des Gewissens, erst dann 
keimt es auf zur Welt des Tages. Mag der Tageswille 
des Einzelnen zweifelnd oder vertrauensvoll im Gewebe 
des sterbenden Dickichts sich diesen oder jenen Weg 
bahnen, es verschlägt nichts. Der Widerstand toter 
Massen kann nichts verzögern, der Opferwille am mate- 
riellen Gegenstand wird nichts beschleunigen. Mag ein 
erwachtes Gewissen das seinige opfern, so wird das ein 
Zeugnis sein, keine bestimmende Tat; denn neues Un- 
recht wird sich des Opfers bemächtigen. Im Licht des 
Tages wird erwachendes wirtschafthches Gewissen sich 
darin bekunden, daß Besitz nur noch als anvertrautes 
Gut erscheint, worüber Rechenschaft geschuldet wird, 
daß an die Stelle besitzender Willkür Verantwortung des 
Besitzes tritt, daß ein Leben und eine Arbeit weder um 
des Erwerbes, noch um des Genusses willen gciuLit wer- 
den kann. 

Der Sinn dieser £ntwi<^klung also ist, daß der gleiche 
Staats- und Glaubensgedanke, der das politische und 

sittliclic Handeln des Einzelnen nicht gesondert gelten 
läßt, sondern Ausgleich, Grenze und Verantwortung dem 
Leben einer höheren Einheit unterwirft, daß dieser Ge- 
danke sich auch des wirtschaftlichen und geselligen Da- 
seins bemächtigt und die höhere Freiheit an die Stelle 
der niederen setzt. Die individuelle Freiheit gehört dem 
inneren Erschauen und Erleben und seinen Schöpfungen, 



den Werken der Transzendenz, des Herzens, der Kunst 

und des Denkens. 

Wenn somit das letzte Gebiet des menschlichen Han- 
delns, das wirtschaftlich soziale Dasein seiner vorstaat- 
lichen Willkür entkleidet und auf die Ebene gemein- 
sanier Verantwortung, göttlichen Willens, seelischen Auf- 
stiegs gehoben wird, wenn eine neue Sittlichkeit und 
Bedingtheit auch das materiellste Wollen der Mensch- 
heit durchgeistet, so kann nicht einer beliebigen staat- 
lichen Form die Bürde und Verantwortung so gewal- , 
tiger Beschränkung und konzentrierender Beherrschung 
auferlegt werden. Es entsteht die politische Frage des 
Staatenaufbaues in neuem Sinne; jene Frage, die Jahr- 
hunderte hindurch als höchste irdische Obliegenheit dem 
theoretischen Denken, der Religion und Philosophie er- 
teilt war, bis sie bei Beginn der mechanistischen luid 
nationalistischen Epoche der geschichtlichen und eth- 
nischen Praxis, dem Gleichgewicht zwischen Überliefe- 
rung und zeitlicher Nützlichkeit anheimfiel. 

Fordert das zügellose und richtungslose Wesen der 
menschlichen Bewegung und Gesellung die Verankerung 
im Transzendenten und Absoluten, die gestaltende Kraft 
einer neuen Ethik und Sitte, so kann der Staat im 
Ererbten und notdürftig Zulänglichen nicht beharren. 
Somit fordert auch unsre Darlegung einen ! orrgang, der 
dem politischen Wege zu widmen ist. Den Weg der 
Ethik haben wir beschlossen; er ging vom Gesetz der 
Seele aus und führt zum Gesetz der Verantwortung und 
zum Leben nicht um des Glückes und der Macht, son- 
dern um der Gerechtigkeit und des Gottes willen. 



III, DER WEG DES WILLENS 



Indem wir uns anschicken, den dritten Weg zu be- 
schreiten, den Weg des Willens; des Gemeinschafts- 
willens, der allem politischen Handeln (Jrund und Trieb- 
kraft ist, fühle ich eines persönlichen Bekenntnisses mich 
schuldig und will zum erstenmal seit Jahren von eignem 
Erlebnis sprechen. 

Ich schreibe diese Worte am Nachmittag des 31. JuH 
1916, und morgen jährt sich zum zweiten Male der 
europäische Krieg. In tausend Städten werden stolze 
und wehmutvoUe, ernste und zuversichtliche Betrach- 
tungen gelesen und gehört werden, und der leise Be- 
ginn der Müdigkeit wird weichen vor der Hoffnung 
auf Sieg, Macht und GlücL 

Über die Baumwipfel vor meinem Fenster blicke ich 
in die farbige Feme des Bruchs, bläuliche Wiesen, 
weißblonde Felder, süberne Hügelstreifen am Himmels- 
rand. Eine reiche Ernte wird eingebracht, die Nahrung 
des Jahres gilt als gesichert. Draußen, an den bluten- 
den Grenzen in Ost und West erlahmt abermals, so heißt 
es, der tolle feindliche Angriff; dies war der letzte, dann 
kommt die Einsicht und der Friede. Sollen wir viel, 
sollen wir wenig fordern ? Die Parteien kämpfen um das 
Wie, nicht um das Ob. 



219 



Heute sind es zwei Jahre, daß ich von der Denkweise 
meinefi Volkes mich schmerzlich getrennt fühle, so weit 
sie den Krieg als ein erlösendes Ereignis wertet. 

Seit Jahren hatte ich die Volksdammerung erblickt 
und in WorL und Schrift verkündet. Ihre Zeichen 
traten mir entgegen im frechen Wahnsinn der Gro ßstadt- 
straßen^ in der Arroganz des materialisierten Lebens, 
im Milliardenwahn der Säkularleier von im Hohn 
der geschichtlichen Epigramme von Köpenick und 
Zabem, vor allem in der tödlichen Indolenz unsres 
rerantwortungsscheuen, von Geschäften umnebelten 
Großbürgertums. Zum letzten Male habe ich im Jahr 
vor Kriegsausbruch auf die nahende Wende hin- 
gewiesen: Nicht aus politischer Notwendigkeit, sondern 
aus transzendentem Gesetz müsse das Schwere kommen, 
denn Preußen habe nie anders als durch Schläge gelernt« 

Im Sommerglück der Julisonne jubelte das reiche, 
lebensfrohe Volk von Berlin dem Kriegsruf entgegen. 
Lebende und Todgeweihte in hellen EJieidern, heitern 
Auges, fühlten sich auf dem Gipfel lebendiger Macht 
und politischen Daseins. Ein Schatten des Hasses 
zuckte durch das wogende Menschenfeld: es hieß, 
ein russischer Spion sei auf den Stufen des Doms 
verhaftet worden; als Postbote verkleidet habe er 
Wurfgeschosse bei sich geführt. Doch die Augen 
hellten sich auf, der Schreck versank in der tausend« 
fältigen Spannung der Siegeshoffnung und Kampf essehn« 
sucht. 

Den Stolz des Opfers und der Kraft durfte ich teilen^ 
doch dieser Taumel erschien mir als ein Fest des Todes, 
als die Eingangssymphonie eines Verhängnisses, das ich 
dunkel und furchtbar, doch niemals jauchzend und 
um so furchtbarer geahnt halle, 

Z20 



UimI während der Siegeszug über den Westen brauste, 
die Türme von Paris sich zeigten, die zweite Sieges- 
kronung von Versailles erschimmerte, war mein Ge- 
danke s Rettung aus Not, aus starrer Umklammerung, 
aus tödlicher Friedensfeindschaft. Damals saß ich im 
preußischen Kriegsministerium, um durch Gedanken- 
arbeit die Wirkung der Meereskettung brechen za helfen; 
daß nicht täuschende Erinnerung mir die Sorge jener 
Zeiten übertreibt, dessen sind Zeuge die Maßnahmen, 
die sich auf viele Jahre erstreckten und deren Wirkung 
Berufene bekräftigen. 

An ehrenvolle, gottgesandte Rettung glaubte ich und 
glaube ich noch heute, doch ebensowenig an volles 
Ftiedensglück wie in jenen gesteigerten Tagen unsrer 
nationalen Geschichte. Und abermals sind nicht poli- 
tische und militärische Gründe bestimmend, sondern 
transzendente. 

Ich glaube nicht an unser Recht zur endgültigen Welt- 
bestimmung — noch an irgend jemandes Recht dazu — , 
weiJ weder wir noch andere es verdient haben. Wir 
haben keinen Anspruch darauf, das Schicksal der Welt 
ZU bestimmen, weiJ wir nicht gelernt haben, unser eige- 
nes Schicksal zu bestimmen. Wir haben nicht das Recht, 
unser Denken und Fühlen den zivilisierten Nationen 
der Erde aufzuzwingen; denn welche auch ihre Schwä- 
chen sein mögen, eines haben wir noch nicht errungen : 
den Willen zu eigener Verantwortung. 

Heiß und zuversichtlich glaube ich an glücklichen Aus- 
gang; darüber hinaus fürchte ich. Denn dieser Krieg 
ist nicht ein Anfang, sondern ein Ende; was er hinter- 
läßt, sind Trümmer. Und um diese werden sich Alle 
streiten: Völker, Parteien, Stände, Kirchen, Familien. 
Trüge nicht jeder Verfall die Keime neuen Lebens, so 

%2l 



dürften wir nicht mehr atmen. Das neue Leben aber 
kann kein andres mehr sein als das Erwachen der Seele^ 
deim es ist verkündigt; nur dieser Keim kann knospen, 
wenn jeder andre zertreten ist. Verschlägt es etwas, 
daß keiner von uns Lebenden diese Verheißung erlebt? 
Nein und }a: Wir sind des Künftigen aicher, doch wir 
sterben als ein Geschlecht des Übergangs, ein heim- 
gesuchtes, zum Düngen bestimmt, der Ernte nicht 
würdig. 

Was haben diese Bekenntnisse mit dem Kommenden 
zu tun 7 Sie bedeuten den Abstieg aus dem freien Reich 
des Gedankens, in dem wir uns bewegten, zur Not des 
Tages. Die Aufgabe, die Gedankensphären, deren Ziel 
und Erfüllung an bestimmbare Zeitlaufe nicht gebunden 
war, im Wirklichen zu verankern, ist unentrinnbar; denn 
sind sie Wahrheit, obschon de dem Bestehenden zu 
widersprechen scheinen, so müssen zum mindesten die 
Fugen im festen Bau der Gegenwai t aufgezeigt, die Bre- 
schen geschlagen werden, durch die der erste Hauch 
des neuen Reichs hereindringen soll. Das ist mühsame 
Erdarbeit, Wühlen im Gegebenen, im örtlich, zeitlich, 
zufällig Gebundenen; die Geschlossenheit des Gedankens, 
die Fühlung mit dem Meteorischen geht zeitweis ver- 
loren. Hartes Werkzeug wird gefordert; das leichte 
Klopfen an den Wänden, das der Gebildete liebt, frommt 
nicht; an manches Liebgewordene gehört die Axt. 

Ist der Abstieg vom Lichten ins Gemäuer beklem- 
mend, so hat es fast Unmenschliches zu bedeuten, 
wenn jetzt dem reinsten Volk, da es aus seinen Wun-' 
den blutet, da es zum Heer gewandelt das Unvordenk- 
liche leistet und trägt, wenn Härte jetzt, die Undank- 
barkeit scheint und Liebe ist, ihm alles Schwere und 
Unverklärte entgegenhält, das in seinem klaren Wesen 



12* 



dunkelt. Noch härter ist es, wenn im übergange vom 
schwer gehaltenen Burgfrieden zum Kampf aller gegen 
alle nicht die Stimme zum Frieden erhoben werden 
soll, sondern zur Verurteilung von Werken und Werten, 
die beständig schienen. 

Ein Jahr lang hat diese schmerzliche Erwägung die 
Fortsetzung meiner Niederschrift gehemmt. Ich nehme 
sie auf, weil die Pflicht mich bestimmt, nicht zu ver- 
schweigen, was als Überzeugung mir auferlegt ist, und 
weil ich glaube, daß im Zwiespalt zwischen Zeit- 
erwägung und absolutem Drange die zeitlose Wahl nicht 
zum Unrecht führen kann. 

Hauq Reihe von Vorfragen sind zu erörtern, die zum 
Teil im Voraufgegangenen gestreift wurden, 

I. Tradition und Ideal. Seit hundert Jahren bedient 
man sich in Deutschland in politischen Dingen unaus^ 
weichlich der historischen Methode. Es mag daher ein- 
mal gestattet sein, mit ihr selbst die historische Methode 
zu bekämpfen. 

Soweit unsre gemeinhin anerkannten Ziele nicht 
lediglich abgewandelte materielle Interessen sind, ent- 
stammen sie nicht der erbüchen Arbeit politischer 
Geister, wie sie in westlichen Ländern durch Partei- 
besitz, in östlichen durch Dynastenüberlieferung sich 
objektiviert, sondern der Kathederpraxis des deutschen 
Gelehrten j denn unsre Parteien sind jung, ahne ver- 
antwortliche Erfahrung, durch lebhafte Materialinter- 
essen geblendet, und unsre Krone war bisher, da sie 
eine bestimmte Regierungsform verteidigte, gezwungen, 
Partei zu sein. 

Der Forscher aber steht nach seiner Wesensanlage im 
polaren Gegensatz zum Tatmenschen, zum handelnden 
Politiker und Geschäftsmann. Sein Vehikel ist der Be- 



wei«, der diametral dem unbeweisbaren Instinkt, der 
Intuition gegenübersteht. Beim Handeln kommt es 
nicht sowohl darauf an, ob eine Tatsache wahr sei, 
sondern welche von zwei oder vielen wahren Tatsachen 
oder Tatsachenkomplexen schwerer wiege. Forschen 
heißt suchen, und suchen ist nicht wägen. Freilich 
wird auch der gewissenhafte Gelehrte Gelegenheit haben» 
im Kreise seines Beruf es die Arbeit des Wägens zu üben, 
etwa da, wo es sich um dokumentale Glaubwürdigkeiten 
handelt, doch vollzieht sich diese Übung im Bereich 
des Herkommens, das Wägen bleibt Hilfsbegriff and 
wird nicht zum Grundprinzip. 

Aber auch dies Prinzip des Wägens ist nicht das letzte; 
das letzte ist : Ziele in sich fühlen, die nicht vom Suchen 
und Lernen, sondern von einer bewußt oder unbewußt 
erschauten Weltauffassung gegeben sind. Unverrückbares 
Wissen, Gedächtnis und erprobte typische Denkmetho- 
den sind unentbehrliche Arbeitsmittel des Gelehrten; 
dem Handelnden sind sie gelegentliche Stützen; immer 
wieder muß sein Tatsachenmaterial geändert, beständig 
sein Gedächtnis geleert und gefüllt werden^ immer wie- 
der müssen die Methoden seines Denkens und Ent- 
schließens improvisiert sich erneuern, weil sein Handeln 
Kampf ist; nur das vorleuchtende Ziel darf seine Rich- 
tung bewahren. Wer zum Handeln taugt, der taugt 
nicht zum Forschen die Zumutung, sich in Ab- 
hängigkeit von fremdem Denken und gesammeltem 
Material zu setzen, wird ihn lähmen; wer zum For- 
schen taugt, wird in der dauernden Anspannung des 
unbeweisbaren EntscMusses ein irrationales Element der 
Verwegenheit erblicken. Das Gebiet des Handelns steht 
dem künstlerischen Schaffen unendlich näher als der 
Gelehrsamkeit. 



224 



Wird der Gelehrte politisch, so mufi er, was seine Ziele 
aolan^, die Neigung zeigen, de aus dem Gegebenen, 
etwa in der Form der Extrapolierang einer Kurve, ent- 
stehen ÄU 1 i-^en. Wäre die Vorsehung seiner Methode 
gefolgt, so hätte es die großen Beugungs- und Wende- 
punkte der Weltgeschichte nie gegeben; die jeweilige 
Richtung hätte sich in milder Asymptotenschwingung 
dem unerreichbaren Nullpunkt zugesenkt. 

Subjektiv stellt die Gelehrtenpolitik sich dar als eine 
zugestandene Neigung zur Tradition, zur Herlcitung 
aus örtlichen, zeitlichen, physischen und menschlichen 
Gegebenheiten, als Abneigung gegen alles Unvermittelte 
und Ideelle, das unter dem Bilde des Dogmatischen und 
Spekulativen erscheint. 

Durch Augentäuschung scheint die Kontinuität des Ver- 
ga ngenen die geschichtlich-gelehrte Auffassung der Politik 
zu rechtfertigen. Die Täuschung ist eine dreifache: 
Zunächst wirkt die Patina des Alters, Sie läßt das Un- 
gleichartige scheinbar zusammenwachsen, indem sie mit 
dem Auswuchs örtlicher, historischer Eigenart auch das 
Paradoxe überdeckt. Der rassische Feldzug Napoleons 
wird, wenn in 2000 Jahren die Dokumente zerstört sein 
sollten, vielleicht in seiner Paradoxie als ein Sonnen- 
mythos gelten; uns erscheint er in Kenntnis der 
Einzelheiten als ein sehr französisches Unternehmen. 
Sodann: In der Kontinuität selbst liegt eine Täu- 
schung; sie ist nur rückblirkend zu erkennen. Wenn 
jemand die unbekannte Blüte einer neuen Pflanze 
erwartet, so mag er aus Stamm und Blattern vielerlei 
Gebilde organisch bich ersinnen: erst der Anblick über- 
zeugt ihn von der einleuchtenden Notwendigkeit der 
naturgewoUten Form und Farbe. Er erblickt a posu-- 
rtori eine Kontinuität, die ihm Eindeutig erscheint, 



15 Rathen««!, Von kommcndeo T>lngen 



225 



bis er aus gieickartigel: Pflanze eine variierte Blüte sich 
entfalten sieht, die ihm die Mehrdeutigkeit der Funktion 
offenbart. Und endlich; Der rückgewandte Blick ändert 
die Voraussetzungen. Tritt das absolut Überraschende 
ein, so wird es dem Beschauer leicht, aus dem Dunkel 
des Voraufgegangenen neue Bedingungseigenschaften zu 
entdecken, die vorher unbeachtet waren und nunmehr 
die Vergangenheit und ihre Voraussetzungen umschaf- 
fen. Das Bild der Gegenwart ist fast so subjektiv wie 
das der Zukunft, und die scheinbar so objektive Ver* 
gangenheit ist veränderlich. 

Objektiv gefaßt ist Traditionalismus das Element der 
Trägheit und als solches gerechtfertigt. Die Einrich- 
tungen und Begebenheiten einer Gemeinschaft müssen 
nicht über ein gewisses Maß labil sein, sonst ergeben sie 
das Bild einer Negerrepublik, Freilich genügen gemein- 
hin die verwachsenden Wurzeln der Interessen, um das 
Bestehende zu erhalten. Tritt retardierende Auffassung 
der Tradition hinzu, so erhöht sie das Maß der Zähig- 
keit; übernimmt sie die Führung, so entsteht Über- 
alterung des Systems. Ist dies in einem Lande wie dem 
unsern, das ohnehin politischer Initiative und jeglicher 
Formfindung abneigt, der Fall und erkannt, so bedarf 
es eines gesteigerten Einschlages von spekulativem Idea- 
lismus und intuitiver Schwungkraft, um das Schwer- 
gewicht des Bestehenden zu entlasten. 

Und hierin löst sich die Antinomie von Tradition und 
Idee: Das Überlieferte wird stets die Erdkraft besitzen, 
um das Meteorische sich anzugleichen und so die Kon- 
tinuität des Geschehens zu wahren; das Ideelle, und mag 
es noch so abstrakt und ungewohnt erscheinen, muß 
das Verknöcherte und Verholzte zu neuen Trieben auf- 
lockern. 

ti6 



l\ Der deutsche FreihciLsbegrlff, gleichfall» dlne Schöp- 
fung der Gelehrsamkeit, besagt, wenn man ihn des 
metaphysischen Beiwerks entkleidet, etwa das folgende: 
Zügellos zu sein wünschest du nicht. Zwischen Zügel- 
losigkeit tind Freiheit liegt die orgauische Beschränkung. 
Du unterliegst keiner andern als dieser organischen, 
gottgewollten Beschränkung. (Dieser Zwischensatz wird 
selten bewiesen, vielfach mit dem Hinweis, daß es anders- 
wo auch nicht besser sei, abgetan.) Erkennst du dies 
an, so bist du innerlich frei; es bleibt dir überdies die 
transzendentale, die sittliche, ästhetische und religiöse 
Freiheit. 

Es ist unabweisbar, daß mit dieser Gedankenkette 
sowohl die antike und moderne Sklaverei, wie die In- 
quisition, der Absolutismus, die Leibeigenschaft, das 
Schwitzsystem und die Kolonialausschreitungen sich 
rechtfertigen lassen. Denn es kommt nur auf den Zwi- 
schensatz an; die transzendente Freiheit bleibt den Ob- 
jekten der Fürsorge stets gewahrt. In diesem Zwischen- 
satz aber entscheidet der Begriff des Organischen, und 
daß dieser Begriff von den Vertretern der Schlußkette 
ausgedehnt interpretiert wird, geht daraus hervor, daß 
erbliche Abhängigkeiten von Mensch zu Mensch, von 
Schicht zu Schicht, von Religion zu Religion, gelegent- 
lich auch von Volk zu Volk als innerhalb des gottge- 
wollten Rahmens erachtet werden. 

Ist aber die vermeintlich gottgewollte Bindung in 
Wahrheit keine organische, so geht sie in willkürlichen 
Zwang über, der zweifellos unter keinen noch so philo- 
sophisch gefaßten Freiheitsbegriff zu ordnen ist, und die 
Unerträglichkeit des Zwanges wächst mit der Willkür, 
die weder durch geschichtliches Herkommen, noch 
durch Autorität gerechtfertigt werden kann. 



227 



t)a nun über Kasuistik und iLriterien des deutsclieü 
Freiheitsbegriffes abermab derjenige za entscheiden ge- 
wohnt war, der ihn geschaffen hatte, nimlich der Be- 
rufsgclehrte, so sind seine bürgerlichen Veranlaguagen 
für die herrschende Auffassung lehrreich. Die bürger- 
liche Stellung des bestallten Gelehrten wird von keinem 
andern Kraftfeld bestimmt als von der Schätzung, 
die er bei seinesgleichen findet. Weder von einem 
Pubhl<um hängt er ab wie der Berufskünatler, noch von 
Gesetzgeb u n g und Konjunktur wie der Gewerbetreibende, 
noch von Parlamenten, Vorgesetzten und Suveränen 
wie der Staatsmann, noch von einer Arbeitgeberschicht 
wie der Proletarier. Er lebt, nicht nur geistig, sondern 
auch bürgerlich in einer Gelehrten republik, in einem 
Staat im Staate, in den neben der Vorsehung und der 
Steuergesetzgebung nur gelegentlich der milde Finger 
eines Kultusministers leise eingreift. Eine breite Auto- 
rität nach unten sichert der Ruf des Lehrstuhb, 
ein gefälliges Verhältnis nach oben kommt durch For- 
men und Beziehungen zustande und verkörpert sich in 
unausbleiblichen akademischen, höfischen und staat- 
lichen Würden. Dieses elastisch schwebende Gleich- 
gewicht innerhalb des flüssigen Körpers der Gesellschaft 
stimmt wunschlos und laßt sich als Inbegriff staatlicher 
Freiheit deuten. Idier ii>t wohlverstandene organische 
Gebundenheit mit geistiger und bürgerlicher Beweg- 
lichkeit, Autorität und Herrschaft mit erträglicher Unter* 
Ordnung vereinigt; das Lob der Gelehrtenlaufbahn ist 
die Apologie der deutschen Freiheit. 

Angenommen nun — was nicht zu befürchten ist — , 
der Gelehrte lehne sich künftig als befangen ab, das Schieds- 
gericht über die Auslegung des Freiheitsbegriffes zu üben: 
welche Möglichkeit eigenen Urteils bliebe uns erhalten f 



228 



Zweifellos ist das Kriterium der organischen Gebun- 
denheit kein absolutes, dennoch läßt es sich zwischen 
Grenzen einschließen. Eine Bindung hört auf, organisch 
zu sein, wenn sie nicht mehr notwendig ist. Sie ist 
nicht mehr notwendig, wenn glaubhaft gemacht werden 
kann, daß das Ziel auch mit minder beschränkten Mitteln 
erreicht werden kann. Das Ziel aber ist das durch die ent- 
scheidende Weltanschauung gebotene; und diejenige 
Weltanschauung entscheidet, die unabhängig von Inter- 
essen und persönlichen Wünschen aus tiefer Überzeu- 
gung in den Herzen der Menschen Wurzel faßt. 

Damit wäre nicht viel gewonnen, weil nun das Rätsel 
der Freiheit durch das Rätsel der Weltanschauung er- 
setzt sei? Damit ist manches gewonnen. Denn nun- 
mehr geht das Richteramt über das, was Freiheit ist 
und was Bedrückung, vom Historiker, Juristen und Ver- 
waltungsmann über auf den praktischen Staatsmann, dei 
entscheidet, ob die Ketten unentbehrlich sind, und der 
»ein Licht nimmt von dem, der Weltanschauung schafft 
und empfängt. Damit hat jede Einzelbindung aufgehört, 
an sich gottg wollter Selbstzweck zu sein, und keine ist 
unantastbar. Das Problem der Freiheit wird von neuem 
lebendig, es wird zum Problem der Entwicklung und 
der höchsten Fragen; der Fordernde kann nicht mehr mit 
überlegenem Sittlichkeitsbewußtsein von der Schwelle 
gewiesen werden; die Beweiskraft der Weltanschauung 
und Praxis lastet auf dem Bevorrechteten und Be- 
vorzugten. Weltanschauung ist aber nicht jeder belle* 
bige Komplex übersetzter Interessen, sondern nur der- 
jenige harmonische und geschlossene Glaube, der in 
der Tiefe des Menschlichen und Göttlichen wurzelt. 
Wer ihn ablehnt, indem er an das Schwert seiner Macht 
schlägt, der verteidigt Gewaltrecht und stellt sich 



229 



außerhalb der Kämpfe des Geistes auf den Streitpku 
der Interessen; er kann Mitinteressenten werben, aber 
er begibt sich des Rechtes, menschlich zu überzeugen. 

Von allen politischen Auffassung'en gibt es heute nur 
eine, die sich auf eine Weiianschauung stützt, nämlich 
die konservative, sovireit sie sich auf das Christentum, 
und zwar nicht im Sinne einer Konfession, sondern des 
absoluten Glaubens gründet. Daher die schöne Einheit 
ihres Empiindungskreises und die charakterformende 
Stärke ihrer Überzeugungen. Um jedoch die bestehen- 
den Bindungen zu rechtfertigen muß auch sie über den 
Kreis der evangelischen Wahrheiten, selbst der christlich- 
mittelalterlichen Gefühlsinhalte, weit hinausgreifen uud 
auf das Gebiet der Interessen übertreten« 

Im Gegensatz zur überkommenen Denkform bemüht 
sich diese Schrift, alle ihre Forderungen, die deshalb 
über den Bezirk der praktischen Politik zum Teil trans- 
a;endieren und somit eine U'ranszendentalpolitik bil- 
den, aus der Geschlossenheit einer Weltanschauung ab- 
zuleiten, die sich auf das Wesen und Werden der Seele 
gründet. Mit einer Ausnahme: Die pragmatischen Auf- 
gaben dieses letzten Teiles erfordern eine empirische 
Voraussetzung, um tiefer in das Wesen der bestehenden 
Dinge und Einrichtungen zu dringen. Diese Voraus- 
setzung ist der transzendental nicht unbedingt beweis- 
bare Satz vom Machtanspruch des Staates, der den 
Gegenstand der dritten Vorfrage bilden soll. 

3. Bedarf ein innerlich wachsender Großstaat wachsen- 
der äußerer Macht? So selbstverständlich die Be- 
jahung im interessenpolitischen Sinn erschaut, im 
menschlichen Sinne kann sie zweifelhaft sein. Nieman- 
dem fällt es ein, den Bürger der Eidgenossenschaft oder 
der Niederlande zu verachten^ weil sein Staat keine Groß- 



230 



macht ist^ keine Botschafter unterhält und zxx Kon- 
gressen nicht ständig zugezogen wird* Je länger der 

nationalistische Zerfall Europas vorschreitet, desto häu- 
figer werden die Fälle sich wiederholen, wo mittlere, 
kleine, selbst unansehnliche Staaten von Großmächten 
emsiger umworben werden als die schwer zu bewegen- 
den Imperiais taaten, weil im Gleichgewicht der Kon- 
flikte der Zutritt der kleinsten Belastung den Ausschlag 
geben kann. Balkanisiert sich weiterhin Europa noch 
einigeMenschenalter, so muß eine derartige Beweglichkeit 
der lockeren und festen Staatenbünde eintreten, daß mit 
Ausnahnie weniger restlicher Katii ):i;ilstaaten jede Na- 
tionalität eine Art von Recheneinheit bildet, die sich 
in wechselnden Verbindungen fraktionsartig summiert 
und nur in der Summierung nach Maßgabe der geo- 
graphischen und physischen Gesamtstärke Macht übt. 

Unzutreffend ist auch die abstrakte Erwägung, es sei 
in der geistigen Ökonomie der Welt irgendeine Kultur- 
form so unentbehrlich, daß sie zum Heil der übrigen 
mit wachsender Macht umhergetragen und eingeimpft 
weiden müsse. Es gibt eine extensive Macht der Zivi- 
lisation, weil diese auf Einheitlichkeit der Lebensführung 
beruht; es gibt keine extensive Macht der Kultur, denn 
sie besteht in der Eigenartigkeit und Einmaligkeit des 
Geistigen. Die stärkste und unsterblichste der Kulturen, 
die wir kennen, die helleniv«{che, wurde in ihrer Höhezeit 
von einer kleineren Zahl freier Menschen getragen, als 
heute in einer mittleren deutschen Provinzstadt zusammen 
wohnen; diese Kultur ist nach ihrem irdischen Tode Be- 
herrscherin ihrer Besiege r und ohne Propaganda über 
Europa hinaus bis nach China, Amerika und Australien 
mächtig geworden. Die ethische Kultur Palästinas um- 
spannte die Welt nach dem politischen Erlöschen ihres 



231 



Landes, solange sie konfessionell nicht gebunden war, 
und findet erst heute ihre Gegenkräfte in unerstarrten 

Glaubensformen. Fast hat es den Anschein, als leuchte 
das Kulturphänomen wie ein Abendrot über den Erden- 
himmel erst dann, wenn das spendende Gestirn sich ge- 
senkt hat« Sicherlich aber geht der Welt von diesem 
Phänomen nichts verloren; ist die Blüie der Nation, 
die mit ihrem politischen Höhepunkt selten zusammen- 
trifft, vorüber, so kann sie, sofern ihr Blut sich nicht 
gänzlich erneuert, nur noch sich selbst parodistisch wie- 
derholen ; doch das Geschaffene geht über in das Bewußt- 
sein des plane taren Geistes, gleichviel ob Pergamente, 
Erze und Steine vernichtet werden. 

Unwiderleglich bleibt jedoch der Trieb des Lebens. 
Jedes Geschöpf lebt so lange, bis es sterben wilL Der 
kollektive Geist der Nation aber, wie jeder andre Geist, 
drückt seinen Lebenswillen sichtbar aus durch Wachs- 
tum und Mehrung. Wachstum bedeutet Willen zur 
Vernichtung des andern, denn das Leben lebt vom Tode, 
und erst die keimende Seele wendet das Urgcsetz durch 
Liebe. Hochkonstituierte Sammclgeister, wie die der 
Nationen, sind jugendlich, um Jahrhunderttausende 
jünger und primitiver als die scheinbaren Einzelgeister 
der menschlichen Individuen, und wenn es auch der- 
einst gelingt, die Mordliist ihres Lebensv/illens zu bän- 
digen, so wird friedlicher oder gewaltsamer Kampf um 
Lebensclemente hier wie in aller organischen Natur den 
gesetzlichen Beweis des Daseinswillens und des Daseins- 
rechtes erbringen. 

Bilhgen wir den Lebenswillen und seinen kämpferi- 
schen Ausdruck der Selbstverteidigung, so nötigt uns 
die säkulare Gestaltung des Völkerlebens, deren Ablauf 
auf Jahrhunderte wir nicht abzusehen vermögen^ auch 

231 



ein werbendes Recht der Nationen auf Machtzuwachs 

anzuerkennen. 

Die zeitliche Gestaltung des Machtwillens haben wir 
nunmehr zu kennzeichnen; ihre Bezeichnung durch die 
beiden Tendenzen des Nationalismus imd Imperialismus 
mag beibehalten werden, obwohl sie nichts andres 
bedeuten als einen zweifachen Anbhck der Mechani- 
sierung des staatspolitischen Lebens. 

Gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts vollzog sich 
in Europa der Abschluß einer tausendjährigen Bewegung: 
die Verschmelzung der doppelschichtigen Bevölkerungen 
der historischen Nationen. Bis dahin war alle Geschichte 
ausschließlich Geschichte der Oberschicht gewesen; 
das Erleben der Unterschicht blieb unhistorisch wie das 
Erleben des Orients. Deshalb wissen wir fast nichts 
Von der Art und Herkunft dieser Unteren und Unfreien, 
die bei Beginn der geschichtlichen Epoche vielleicht 
nicht zalilreich waren, die aber sich geschwinder ver- 
mehrten als ihre Herren und überdies alle Elemente 
aufnahmen, die aus der Oberschicht proletarisch ab- 
sanken. Auch von ihrem Leben, Denken und Fühlen 
wissen wir wenig, und das wenige ist meist negativ. Sie 
hatten kein Nationalbewußtsein und keinen poHtischen 
Willen. Staatsrechtlich mehr oder minder geschützt 
oder entrechtet, waren sie Eigentum; ob der gnädige 
Herr ein Italiener, ein Franzose, ein Pole oder Schwede 
war; ob ein eingeborener, ein fremder Landesherr oder 
Kirchenfürst hoch darüber schwebte, galt ihnen gleich. 
Wenn heute ein romantisch konservatives Empfinden 
uns dies Verhältnis zum Patriarchentum verklart, so 
sollen wir nicht vergessen, daß bei mancher an Tier- 
schutz erinnernden Fürsorge diese Menschen als Ware 
T^rkäuflich waren und daß sie ihren Eignern ohne 

«33 



übelwollenden Beigeschmaclc zeitweilig schlechtweg 

Kanaille hießen. 

Überwiegend sind es die Nachkommen dieser Unter- 
schicht, die heute den Körper und die Kraft Europas 
bilden. Sie haben den Firnis aufgezehrt, den die ger- 
manischen Oberschichten den europäischen Ländern auf- 
erlegt hatten, siehaben die Völker entgermanisiert und den 
neuen Gemeinschaftscharakter der kontinentalen Bevölke- 
rungen in Aussehen, Bildung und Lebensform geschaffen. 
Sie haben die neuen dem Germanentum fremden und 
widerstrebenden Denkformen des mechanisierten Zeit- 
alters emporgetragen, sie haben neue Sprachen, Künste, 
Gewerbe und Lebensauffassungen erfunden, die aus den 
Wurzeln alter unterschichtiger Klugheit, disziplinierten 
Gehorsams und individualitätsloser Betriebsamkeit ge- 
sogen sind. Vielfach hat ein qualitativ sicheres, kausal 
irrendes populäres Empfinden die Juden für die ge- 
waltigsten Geistesumwälzungen der Zeiten verantwort- 
lich gemacht, weil man erkannte, daß ihr Denken mit 
dem der mechanisierten Epoche seltsam übereinstimmt. 
Es hieße die Juden zu den geistigen Herren der Welt 
machen und die europäischen Völker rücksichtslos unt er- 
schätzen, wollte man den wenigen Hunderttausenden, 
und noch dazu für Länder, in denen sie nicht wohnen, 
und für Zeiten, in denen sie kein bürgerliches Leben 
führten, Verdienst und Schuld der Mechanisici ung zu- 
weisen. Diese Weitbewegung konnte nur entstehen, in- 
dem die westliche Welt ihr Antlitz änderte, sie mußte 
es ändern, weil eine gewaltig angeschwellte Menschen- 
flut die dünn gewordene aristokr .iLisch-germanischc Haut 
durchbrach und weil zum erstenmal seit den Völker* 
Wanderungen eine neue Bevölkerung den Westen über- 
deckte. 



Die große französische Revolution wird von unsrex 

Geschichtsciireibung, eingedenk ihrer Staats gelehrten 
ßlütezeity vorwiegend mit den Augen der Restauration 
betrachtet; sie gilt nicht als ein Grundphänomen der 
Bevölkerungsgeschichte, sondern als ein geschichtlicher 
Zwischenfall verdächtiger Art, durch Mißstand und 
Mißwachs verursacht, von einem Großstadtpöbel an- 
gerichtet; als ein peinliches Übel, das eine Reihe über- 
raschender, dogmatisch-rationalistischer Experimente 
Zeiticrte und den wohlgesinnten Völkern unabsehbare 
Unbequemlichkeiten braciite. Dieser im Sinne der Ab- 
schreckung verdienstlichen Betrachtung gegenüberge- 
stellt bleibt die Auffassung, daß jener Umsturz die 
explosive Erscheinung bedeutet die in Frankreich die 
Umschichtung vollendete und die mit ungewollt an- 
gesteckten Detonationen auch in den Nachbarländern 
das neue Gleichgewicht, wenn auch mittelbar, erzwang« 
Daß Deutschland die Wirkung mittelbar erlebte, daß 
bei uns die Revolution latent büeb und sich stückweis 
in Putschen und Kongressen, in Parteikämpfen 
und Bürgerkriegen auswirkte, tragt zur Farbigkeit 
des deutschen Bildes bei, begründet aber unsem 
Mangel an politischem Verantwortungsgefühl, der, wie 
wir später sehen werden, eine der tieferen Ursachen des 
gegenwärtigen Krieges bildet. Immerhin: Die Um- 
schichtung wurde auch uns nicht erspart, und auf ihr 
ruht, was uns hier beschäftigt, das Phänomen des Natio- 
nalismus. 

Die überwiegend germanische Oberschicht Europas 
hatte eine verwandtschaftliche Internationalität gezeigt 

von der Art etwa, wie die heutigen Dynastien und höch- 
sten Adelsgeschlechter über alle Grenzscheiden und 
Glaubensgegensätze hinweg gleichsam eine kosmopoli- 



235 



tische Familie bilden^ die nur Eine grundsätzliche, duich 

Hausgesetze verbürgte Scheidung kennt: den unteren 
Ständen gegenüber; und die nur gelegentlich, soweit «ie 
durch Erbgang, Heirat oder politischen Anfall Besitz 
und Herrschaft übernimmt, die Konvention nationaler 
und konfessioneller Eigentümlichkeiten sich aneignet. 
Diese Freizügigkeit der Oberen stieß nicht auf nationale 
Kulturgegensätze. Wohin sie sich wendete, traf sie die 
gleiche Glaubensherrschaft der Kirche, die gleichen 
ritterlichen Gebräuche, die gleiche Sprache der Gebil- 
deten, den gleichen Inhalt der Bildung und Kultur. Der 
Begriff der Nationalität wurde nur undeutlich, etwa 
im Sinne einer Sprachabgrenzung, empfunden. Erst 
die beginnende Umschichtung schuf das stadtische 
Bürgertum und mit ihm die nationalen Spaltungen, 
die sich schließlich selbst auf den Glauben erstreckten. 

Der vollendete Übergang der Volkskraft auf die Unter- 
schichiea fand diese Spaltungen vollendet und bemäch- 
tigte sich ihrer zum Ausbau des nationalen Empfindens. 
Der Niedergeborene hat nur Eine Heimat, Eine Sprache, 
Einen Glauben, Eine Überlieferung, die seiner Väter. 
Das Fremde ist ihm unverständlich und verhaßt; das 
eigene Haus schließt er ab, der Nachbarort ist ihm ein 
Spott, der Nachbarstamm verdächtig, das fremdspra- 
chige Nachbarvolk ein geborener Feind. Die Schalen 
des Hasses umhüllen wie die Schalen der Liebe; nur 
der Überblickende vermag Kontraste aufzulösen und 
Gemeinsamkeiten zu achten; ein Nationaigefühl, das ein 
ganzes Land umfaßt, setzt entweder große Gleichför- 
migkeit der physischen und geistigen Artung voraus, 
oder die beginnende Hebung des Blicks; uns Deut- 
schen erwächst erst jetzt das volle und reine National- 
gefühl. 

236 



Öer politische NationaÜsmm bedarf nicht sowohl 
dieses Gefühls als der gewußten oder vorgestellten Er- 
fahrung des feindlichen Gegensatzes, der weit über die 
Grenze des Kontrollierbaren hinaus bei jeder politischen 
Verwicklung und vor jedem Fddzuge bewußt und mit 
einfachen Mitteln entfacht werden kann. Es ist uns 
schwer begreiflich, daß die älteren Kriege selten natio- 
nale Erbitterungen, häufig nicht einmal entfremdende 
Erinnerungen hinterließen, außer etwa im Hinblick auf 
neue und ungewohnte Greueltaten; es kommt uns frei- 
lich auch kaum zu Bewußtsein, daß die deutschen 
Kriege der letzten drei Jahrhunderte fast durchweg 
Bürgerkriege waren. Krieg wurde geführt, wenn der 
Herr es wölke und der Komet erschien; ins Feld zogen 
Berufene; wer die Saaten zerstampfte und Dächer zün- 
dete, Landsmann, Freund oder Feind, war Zufallssache. 

Die große Schule des Nationalismus brachten die 
Napoleonischen Kriege. Der Gegner war ein greifbarer 
dämonischer Franzose, sein Volk hatte unbarmherzig 
gehaust, die Söldnerheere Europas reichten zur Abwehr 
seines Volksheeres nicht aus; die Fürsten mußten zu 
ihren Völkern herniedersteigen und Waffenbrüderschaft 
mit ihnen schließen, den Stachel der unbewußten Er- 
kenntnis im Herzen, daß sie damit die Umschichtung 
des Kontinents vollendeten, oder, wie sie es nannten, 
der Revolution dienten. Doch in Frankreich selbst, 
das fast ein Menschenalter lang die Schale der natio- 
nalen Begeisterung gekostet hatte, war der eigentliche 
Nationalismus so wenig erwacht, so undifferenziert, daß 
man den Zaren als Befreier bejubelte und daß keine Spur 
von Haß gegen die Eroberer von Paris zurückblieb. 

Die Völker waren die Träger wo nicht ihrer Schick- 
sale, so doch ihrer politischen Vorstellungswek gewor* 



den; wo £tirg^z nnd Bestimmungswille herrschte, vef- 
langten sie Verantwortung, sonst zum mindesten Loslösung 
von Fremdhemchaft, daneben Einheit, In Deutschland 
wurde das Einheitsstreben nur von einem Teil der 
Gebildeten getragen; es konnte daher nicht vom Volke 
verwirklicht werden, sondern vom diktatorischen Sieger 
im Bürgerkriege und Eroberungsfeldzug. 

So ist das 19, Jahrhundert zur Epoche der großen 
nationalen Absonderungen und Zusammenschlüsse ge- 
worden; das Osmanische Reich zollte dieser Bewegung 
seine europäische und afrikanische Existenz» und dieser 
gewaltige Auflösungsprozeß bildete das zentrale Erdgnis 
der westlichen Politik, von dem mit Ausnahme der 
deutsch-französischen Abrechnungskonflikte alle euro- 
päischen Krisen ausstrahlten. Unberührt blieben bisher 
die beiden Sammelgebilde Österreich und Rußland, die 
beide wechselseitig ihre Spaltungsprozesse fördern, und 
zwar gegenwärtig mit Gewalt. 

Die höchstmögliche Steigerung wurde dem natio- 
nalistischen Gedanken durch die weltwirtschaftlichen 
Folgen des Umschichtungsprozesses zuteil. 

Die Bevölkerungszunahme, der wachsende Wohlstand, 
der steigende Bedarf an Dingen, die nicht unmittelbar 
der notwendigsten Lebenshaltung dienen, läßt die land- 
wirtschaftliche Grundlage der zivilisierten und dicht- 
bewohnten Staaten unzulänglich werden. Mechanisierte 
Produkte werden gefordert, und um sie zu erzeugen 
werden Grundstoffe jeder möglichen mineralischen und 
organischen Konstitution benötigt. Kein europäisches 
Land genügt sich selbst durch Bodenfülle und klimatische 
Reichhaltigkeit, um diese Mittel sämtlich aus seinen 
Flanken hervorzubringen; sie müssen gekauft und be- 
zahlt werden. Für die Tauschzahlung werden zunächst 



238 

1 



die eigenen Überschußprodukte herangezogen; doch 
bleibt noch immer für die Länder des europäischen 
Kontinents ein gewaltiger Restbedarf zu decken und 
2.U bezahlen. Wie bezahlt man ihn? Es gibt nur ein 
einziges Mittel: die Lohnarbeit. Man kauft mehr Roh- 
stofi^ als man für den eigenen Bedarf nötig hat, veredelt 
ihn und führt das fertige Produkt aus, um durch den 
Wertunterschied den eigenen Verbrauch zu entgelten. 
Man wird zum Lohnarbeiter der Welt, das T .^nd wird 
zur Lohnwerkstatt. Und da jeder in der Lage ist, sich 
um einen Anteil an der Gesamtarbeit zu bemühen, so 
entsteht ein Wettbewerb Aller auf dem Weltmarkt der 
Arbeit; dieser Wettbewerb spielt sich ab in den Formen 
des Kampfes um Ausfuhr. 

Denn Ausfuhr ist, gemeinwirtschaftlich betrachtet, 
nicht bloßer Ausdruck der Erwerbslust der Industriellen, 
sie ist auch nicht der übermütige Drang strotzender 
Gewerbe; sie ist Verkauf einheimischer Arbeitsleistung 
zur Abdeckung der Warenschulden, die Jedermann 
macht. Denn Jedermann kleidet sich in fremde Wolle 
und Baumwolle, verzehrt fremde Nahrungsmittel, ge- 
braucht Maschinen aus firemdem Metall oder Erzeugnisse 
dieser Maschinen aus fremden Substanzen. 

Die angelsächsischen Länder allein stehen diesem 
Wettkampf um den Lohnmarki: oder Absatzmarkt der 
Welt leidenschaftsloser gegenüber; die Amerikaner, weü 
ihr kontinentales Riesenreich der einzige geschlossene, 
nahezu selbstgenügende Bezirk der Erde ist, die Eng- 
länder, weil ihre Vorfahren in einer der Entwicklung 
unbegreiflich vorauseilenden Erkenntnis ein Kolonial- 
gebiet erschlossen, das liefert, was man verlangt, und 
empfängt, was man ihm bietet, während zugleich die 
Vormundschaft des europäischen Handels an Gewinnen 



239 



das erübrigte, was, als werbende Investition fremden 
Ländern anvertraut, jährliche Warentribute in gefor- 
derter Höhe eintrug. 

Mochten die übrigen Staaten bis auf den heutigen Tag 
den eigentlichen Zusammenhang ihres erbitterten Wett- 
bewerbes um den Arbeitsmarkt nur unbewußt emp- 
finden: — kollektives Handeln folgt gemeinhin dunklen 
Instinkten und vnrd der logischen Begründung erst rück- 
blickend sich bewußt — ihr Vorgehen entsprach folge- 
richtig den Bedürfnissen der neuen Not. 

Warum soll der Andre sich bereichern an der Arbeit, 
die er uns abnimmt ? Mag er sein Unentbehrliches yon 
uns beziehen, er soll es uns teuer bezahlen; und wir 
wollen ihm. das Zahlungsmittel entwerten, indem wir 
ihm die Tauschzahiung erschweren. Man nannte es 
Schutz der nationalen Arbeit, denn tatsächlich haben 
die Systeme des Schutzzolls die Kraft, erwachsende 
Wirtschaften zu stärken und einheimische Lebensbe- 
dingungen zu heben. Eine Übertragung des National- 
gefühls auf wirtschaftliche Interessenfragen war die 
Empfindungsform, in der die Logik des Erwerbskampfes 
unbewußt sich auswirkte. 

Nicht genue; denn es blieb noch die eigene Bedürftig- 
keit an fremden Urprodukten, die immer wieder den 
notgedrungenen Käufer zum Bittsteller bei seinem Gläu- 
biger machte. Hier konnte nur die englische Formel 
frommen, da die amerikanische unerreichbar blieb: Der 
Kolonialstaat, der vom fremden Bezüge unabiiängig 
machte, die Flotte, die ihn erwarb und beschützte, die 
Landwege, Häfen und Stützpunkte, die den Halt des 
Weltreiches stützten. 

Zwei neue Begriffe waren durch das Übergreifen der 
mechanistischen Lebens- und DenÜorm auf die Staats* 

240 



Wirtschaft gesdiaffen: Der wirtschaftliche Nationalismus 

als feindlich wirkende Arbeitskonkurrenz auf dem be- 
schränkten Markt der Erde, mit der begleitenden Er- 
scheinung der Umstellung eines wesentlichen Teils der 
äußeren Staatspolitik auf wirtschaftliche Ziele; sodann 
der Imperialismus, das nie zu stillende Bedürfnis der 
Machtausdehnung auf jedes erschließbare Gebiet, weil 
jedes zum Baustein^ zum mindesten zum Tauschwert 
für die Errichtung des ideellen Baues selbstgenügender 
Universalität werden konnte. 

Das alte Idealgebäude der klassischen Wirtschafts- 
lehre war niedergerissen. Daß ein jeder zugunsten der 
Weltökonomie das erzeugen und zur Gesamtwirtschaft 
beisteuern sollte, was er bevorzugt gut und billig leisten 
konnte, daß ein freier Ausgleich der Güter, ein rei- 
bungsloser Fluß den Mindestaufwand zur Höchstleistung 
befähigen sollte, war als dogmatische Forderung erledigt. 
Was machte es aus, wenn man ein Produkt teurer be- 
zahlte, sofern es von einheimischen Kräften und Men- 
schen erzeugt war ? Das Land der höchsten wirtschaft- 
lichen Stärke mußte Sieger bleiben; es konnte über die 
Materialquellen der Welt verfügen und seinen Rest- 
bedarf nach Gutdünken bezahlen. Konnte der Liefe- 
rant nicht bilhg genug herstellen, um mit Gewinn zu 
verkaufen, so verkaufte er im Zwang mit Schaden; um 
so schlimmer für ihn, wenn er tributpflichtig wurde, 
um so besser für den selbstherrlichen Empfänger. 

Nationalismus und Imperialismus sind Zeittendenzen. 
Aber sie beherrschen das politische Denken, mehr noch 
das Empfinden der Epoche vollkommen, sie haben als 
inneres Moment den gegenwärtigen Krieg vorbereitet 
und heraufgeführt, sie haben als Rüstungsgcdanken die 
Staaten in Spannung gehalten, als Konkurrenzgedanken 



t6 RathenaVa Von kuuitnowteM Dii)<;aii 



jeden herrschenden Gegensatz zwischen Ebenbürtigen 
vertieft, und sie werden nach dem Kriege erst zu ihrem 
Höhepunkt aufsteigen. 

Wir haben^ obwohl wir uns im Rahmen einer 
Zwischenfrage bewegen, der Entstehung und dem 
Wesen dieser Tendenzen mehr Zeit gewidmet, als der 
rasche Schritt dieser Schrift zu gestatten schien, weil 
wir der entwickelten Begriffe auch für die Folge be- 
dürfen. Im gegenwärtigen Zusammenhang sollen sie 
uns nochmals bekräftigen, daß unter der vorläufig un- 
absehbaren Herrschaft der beiden Prinzipien und im 
Sinne einer Politik, die auf Realität Anspruch macht, 
der Satz Tom Machtbedarf der Staaten bejaht werden 
muß. 

Hiermit sind die gestellten Vorfragen erledigt, tmd 
wir wenden uns der kurzen und allgemeinen Erörterung 
zu, die dem geschilderten gesellschaftlichen Aufbau die 
politische Hülle schaffen soll. 

Jede der Forderungen, die wir aus sittlichen, gesell- 
schaftlichen und wirtschaftlichen Erwägungen erhoben 
haben, stärkt die Macht und Fülle des Staates. Er wird 
zum bewegenden Mittelpunkt alles wirtschaftlichen 
Lebens; wns die Gesellschaft treibt und schafft, ge- 
schieht durch ihn und um seinetwillen; er verfügt über 
Kräfte und Mittel seiner Glieder mit größerer Freiheit 
als die alten Territorialherrschaften; der größere Teil 
des Wirtschaft'^ iil^erschusses fließt ihm zu; in ihm ver- 
körpert sich der Wohlstand des Landes. Die wirtschaft- 
lich-gesellschaftliche Schichtung ist aufgehoben, folg- 
lich übernimmt er die ganze Machtfülle der jetzt 
herrschenden Klassen; die geistigen Kräfte, über die 
er verfügt, mehren sich, die Torheit der Produktion, 
die Unverantwortlichkett des Verbrauches sind in neue 

«42 



Bahnen gelenkt und werden der Erhaltungskraft, soweit 
nötig der Verteidigungskraft, dienstbar. 

Dieser zum sichtbar gewordenen Volkswillen erhobene 
Staat kann kein Klassenstaat sein. Herrschen in ihm 
wdterhin ständische Schichtungen oder wie immer ge- 
artete erbliche Mächte mit alleiniger Ausnahme der 
monarchischen, so ist die Unfreiheit, unter der wir 
leiden, zur Unertraglichkeit und zur Vernichtung des 
innersten Gedankens wie der äußeren Existenz gereift. 
Es erhebt sich die Forderung des Volksstaates. 

Der Volksstaat setzt voraus, daß jede Beydlkerungs-- 
gruppe m ihm zur Geltung komme, daß jede berech- 
tigte Eigenart des Volkes sich in seinen Organisationen 
spiegle, daß jeder verfügbare Geist der ihm adäquaten 
Aufgabe dienstbar gemacht werde. Wie iu einem 
gesunden Hausstand sollen Arbeit, Autorität, Be- 
ziehung und Verantwortung, Stimmung, Aufwand, Ge- 
meingefühl und Vertrauen in harmonischer Teilung und 
Vereinigung wirken; nicht wie in einer Fabrik, wo die 
Schicht der Besitzer die Erträge bezieht, die Schicht 
der Beamten die Verwaltung leistet, die Schicht der 
Arbeiter im Tagelohn dient ; nicht wie in einer Kolonie, 
wo unter dem Schutz der Waffen die Gruppe der Freien 
auf der Masse der Heloten ruht. 

Daß der Volksstaat nicht mit Volksregierung, nicht 
einmal mit dem sehr theoretischen Begriff der Volks- 
suveränität gleichbedeutend bt, sollte in unsrer Zeit, 
die mit Organisationen im großen wie im kleinsten 
vertraut ist, nicht ausgesprochen werden müssen. Wem 
würde es einfallen, auch nur in einem Verein oder einer 
Aktiengeselbchaft die Geschäfts- und Verwaltungssorge 
der Hauptversammlung aufzubürden? Kollektivein- 
hdten sind Geisteselemente von langsamer Bewegung 



und Im Einzelfall primitivem Ürteil, das erst auf lange 
Zeitspannen ausgedehnt sich zu sicherer Auffassung aus- 
gleicht; Verwaltungen und Geschäfte bringen verwickelte 
Aufgaben, verlangen tiefes Eindringen und raschen Ent- 
schluß; sie können nur von Einzelnen gelöst werden. 
Bestimmung des kollektiven Geistes ist es, in anfänglich 
roher, ständig sich verfeinernder Auslese die Kräfte aus- 
zusondern und zu vereinigen, die sein höchstes Denken 
und Wollen verkörpern. Daß nicht der mechanische 
Wahlakt ausschließlich oder zum wesentlichen die Form 
der Aussonderung darstellen soll, mag erwähnt werden. 
In vollem Gegensatz zum organischen Vorgang, der 
im Aufbau jedes empfindenden Geschöpfes sich abspielt, 
steht jedoch die Wechselwirkung entfremdeter Elemente, 
die im dauernden Gegensatz von Leitung und Leistung 
sich beiderseits erschöpfen und wechselseitig zerreiben. 

Die täppische Frage, ob denn anderswo der Gedanke 
des Volksstaats verwirklicht sei, darf abgelehnt werden, 
wie überhaupt jede grundsätzliche Erörterung der Frage, 
ob alles in allem es bei diesem und jenem Volke besser 
oder schlechter bestellt sei. Jedes Volk schafft sich seine 
Gegenwart und sein Ideal und ist für beides verantwort- 
lich. Das Ideal des einen durch die Gegenwart und 
Wirklichkeit des andern zu verkümmern und zu töten 
ist niederster Tagesstandpunkt und führt zum Abstieg 
dessen, der seine Forderung nicht an der Idee, sondern 
an der äußerlich und oberflächlich erfaßten fremden 
Wirklichkeit mißt. 

Nicht Einrichtungen, nicht Verfassungsparagraphen 
und Gesetze schaffen den Volksstaat, sondern Geist und 
Wille. Ist die Gesinnung gewonnen, so folgen die Ein- 
richtungen, soweit es ihrer überhaupt bedarf, gefügig 
nach. Es gibt altertümliche, formal erstorbene Gesetzes- 

H4 



schalen, die mit freiem Lebensinhalt erfüllt sind; ei 
gibt neuzeitliche, elastische Verfassungen, die durch 
eigenen Willen zur Unfreiheit erstarren. 

Es bedürfte bd uns nicht der Änderung eines ge- 
schriebenen Wortes, um die Herrschaft des Feudalismus, 
des Kapitalismus und des Bürokratismus zu brechen; 
es bedürfte nur des Willens. Aber eines Willens, der aus 
der Tiefe der Volksseele stiege, von der Kraft der Nation 
getragen und von der Erkenntnis dessen, was hemmt 
und was niederzukämpfen ist, geleitet. Weshalb der 
Wille bisher gefehlt hat, soll in der Sonderprüfung 
deutscher Verhaltnisse weiterhin dargetan werden; was 
hemmt und erstickt, soll vorgreifend schon hier genannt 
sein: Es sind nicht Menschen und Dinge, bewußter 
Wille und aufzählbare Einrichtungen, sondern das, was 
zwischen Menschen und Dingen schwebt, scheinbar nicht 
zu fassen und doch mit jedem Atemzug empfunden^ 
die geistige Atmosphäre. 

Das klingt verschwommen und nebelhaft, und den- 
noch wird es uns gelingen, dies luftige Wesen zu fassen, 
zu pressen und zu filtern, bis es uns seine ungesunden 
Bestandteile preisgibt; freilich wird es uns nicht ver- 
drießen dürfen, bis in die Trivialität alltäglicher Vor» 
kommnisse hinabzusteigen. Für jetzt sei erläutert: Dies 
atmosphärische Element bedeutet den Inbegriff von Über- 
lieferungen, praktbchen Gepflogenheiten, erblichen An- 
schauungen, Selbstschutz der Klassen, kooptierender 
Auswahl, Gesetzesbeugung, Familienbeziehungen, Reich- 
tumsvorrechten, Begehrlichkeiten, Anmaßungen und 
Unterwürfigkeiten. Diese Dinge haben, mit Ausnahme 
unbedeutender Reste, mit gesetzlichen und verfassungs- 
mäßigen Bestimmungen nichts zu tun; sie sind Er- 
scheinungen des Charakters und Herkommens, die den 



HS 



mebten aus Mangel an Vergleichen und Gegenbeispielen 
unwahrnehmbar bleiben und schon deshalb den atmo- 
sphärischen Vergleich rechtfertigen, weil auch die ge- 
atmete Luft uns als ein gewohntes, nicht kritisierbares 
Element erscheint, bis ein Luftwechsel unsre Nasen 
und Lungen emfind lieber gemacht hat. 

Wir fragen uns unermüdlich, warum ausgewanderte 
Deutsche nicht heimkehren, da doch ihr Heimatsgefühl 
wärmer und lebendiger ist als bei andern Nationalitäten, 
die dennoch sich schwerer bestimmen lassen, in der 
Fremde zu sterben. Wir begegnen diesen Ausgewan- 
derten im Auslande: Ihre Vergleichsfähigkeit ist er- 
wacht, und wir sind erstaunt darüber; daß sie mehr an 
der neuen Heimat auszusetzen haben als vormals an 
der alten. „Warum also kehrt ihr nicht zurück?" — 
Sic schütteln den Kopf. „Nein. Niemals. In diese Ver- 
hältnisse können wir uns nicht mehr finden." Mehr 
ist aus ihnen nicht herauszubringen. Sie wissen nicht 
mehr; denn die Atmosphäre zu analysieren, die ihnen 
nun fühlbar geworden ist, sind sie nicht fähig. Iren, 
Russen und Deutsche bereichern den Boden der Ver- 
einigten Staaten. Daß Millionen unsrer Brüder, uns 
verloren, die beste Stärke dieses entfremdeten Staates 
bilden, spricht für die Realität unsrer geistigen Atmo- 
sphäre. 

Studieren wir die Gesetze der Freimaurer oder der 
Jesuiten, so werden wir aus geschriebenen Worten man- 
chen Anhalt über Wesen und Ziele der Orden gewinnen; 
ihr innerstes Sein und Wirken wird sich nur dem er- 
schließen, der dem ererbten und erworbenen lebendigen 
Geist der Institutionen nachspürt. Die Satzungen unsrer 
Wirtschaftsunternehmungen sind mit Ausnahme der 
kargen Zweckbestimmungen im zweiten oder dritten 



246 



Paragraphen fart wörtKch dÖe gleichen^ und doch wie 

verschieden artii; sind Lebensinhalt, Überlieferungen und 
Gepflogenheiten, sind Geist und Wille, der die verschie- 
denett Organisationen erfüllt. Es ist ein beklagenswerter 
Mangel unsrer politischen Betrachtungen, daß sie, ab- 
gesehen von allgemeinen Kennzeichnungen einzelner 
Stände, den Einrichtungen mehr Beachtung und Kritik 
zuwenden als dem Geist, der sie belebt. Uns soll es 
angelegen sein, bei unsrer Kennzeichnung des Volks- 
staates zu gedenken, daB nicht Gesetze hauptsächlich 
ihn schaffen, sondern freier, guter Wille, der nicht 
gehemmt sein darf durch gespenstische Reste alter und 
fremder Ordnungen, der gerichtet sein muß auf Un- 
voreingenonunenheit, Gerechtigkeit, Sachlichkeit und 
Vertrauen. 

Nicht aus bloßer Abneigung gegen Wahlumtriebe und 
Streberei, gegen Advokaten- und PubHzistenmache bin 
ich Anhänger des monarchischen Gedankens, sondern 
aus angeborener Empfindung und der Überzeugung, daß 
an der Spitze staatlicher Macht ein tief verantwort- 
licher Mensch stehen soll, allen Wünschen, Strebungen 
und Versuchungen des gemeinen Lebens enthoben und 
entrückt; ein Geweihter, nicht der Arrivierte einer glück- 
lichen Karriere. Die Tiefe dieser Überzeugung recht- 
fertigt es, die Konflikte anzudeuten, die zwischen Monar- 
chismus und Volksstaat möglich sind. 

Im Schöße der internationalen Familie, die von den 
europäischen Dynastien gebildet wird, hat es von jeher 
Anschauungen gegeben, die etwa den Standesbegriffen 
mancher größerer Rittergutsbesitzer nahestehen ; eine Nei- 
gung, die ererbten, erheirateten oder erworbenen Staats- 
gebiete als Hauseigentum, die sogenaimten Untertanen als 
lebendes Inventar zu betrachten und über die Köpfe 



H7 



dieser zuweilen etammverwandten, zuweilen fremden 

Masse hinweg das Band der Standesgemeinschaft zu den 
Nachbarherrschaften zu schlingen, mit ihnen Reichtümer, 
Rechte und Macht zu vergleichen, gemeinsame Inter- 
essen und Gefahren zu beraten. Gesetze des Herkom- 
mens schienen die Auffassung von fürstlicher Zusam- 
mengehörigkeit und unüberbrückbarer GegensätzUchkeit 
zu den Massen zu bestärken: }ede Vermischung mit 
dem eigenen Volksblut schloß für alle Zeiten die befleckte 
Nachkommenschaft von Herrscherrechten aus, jede Ver- 
mischung mit fremdestem Blut, sofern es dem christ- 
lichen Dynastenkreise entsprang, war gestattet. 

Intelligenten und freigesinnten Dynasten gelang es, 
dch aus dem Banne der physisch empfundenen Volks- 
gegensätzliclikeit zu lösen; schwerer war ein zweiter, 
ideeller Gegensatz zu durchbrechen, dessen Wirkungen 
nur in einer Minderzahl von Monarchien beseitigt sind. 

Rückwärts blickend nimmt der Dynast wahr, daB 
jedes der letztvergangenen Menschenalter seinem Hause 
Beschränkungen der Machtfülle gebracht hat, und nicht 
nur ihm allein; Dynastien haben gewechselt und sind 
gestürzt worden; Verfassungen wurden ertrotzt oder er- 
schmeichelt; ab und zu sind Republiken entstanden. Voi 
hundert Jahren nannten sie die feindselige Gegenkrafl 
Jakobinertum, Revolution oder Bünapaitismus, heute 
heißt sie Demokratie oder Radikalismus. Da nun das 
Volk oder ein Teil des Volkes, vielfach ein hochentwickel- 
ter Teil, Erzeuger und Träger dieser feindlich beschrän- 
kenden Bewegung ist, entsteht bisweilen ein bedenkUchei 
Gegensatz, der tief in das dynastische Leben eingreifen 
kann. So sehr in öffentlichen Kundgebungen der feind- 
liche Gegensatz zugunsten einer harmonischen Landes- 
väterüchkeit ignoriert wird, deren Ausdruck naive Formen 

248 



annehmen kann; so vorsichtig selbst vertrauenswürdigen 
alten Staatsdienern gegenüber die Frage behandelt wird: 
bei Begegnungen innerhalb der dj^nasdschen Gesamt- 
familie erscheint sie als wichtige Gemeinschaftssache; die 
Zu- und Abnahme des monarchischen Gefühls, die Mög- 
lichkeiten von Staatsstreichen und Revolutionen werden 
bei Gelegenheiten und in Formen erörtert, von deren 
Offenheit der durchschnittliche Untertanenkreis sich 
keine Rechenschaft gibt. Durch Bismarck wissen wir, 
welchen Einfluß auf die Entschließungen solche Er- 
örterungen selbst im Hause Wilhelms L und seines Sohnes 
gehabt haben. 

Die bürgerliche Denkweise hinsichtlich staatHcher Be- 
rufungen, die davon ausgeht, daß jede Verantwortung 
mit Hingabe und Leidenschaft erfüllt wird, solange 
sie gefordert wird, daß aber niemand einer Aufgabe 
sich oktroyiert, vielmehr jeder in glei-chem Maße 
zurückweicht, wie das Bedürfnis nach persönUch ge- 
bundener Amtsmacht abnimmt: diese Auffassung darf 
auf das dynastische Verhältnis nicht angewendet wer- 
den. Denn das vorherrschende Staatsrecht macht aus 
dem Dynasten nicht den oft genannten ersten Diener 
des Staates, sondern einen der Gesamtnation mehr oder 
minder gleichberechtigten Teilhaber; wird daher der 
Schwerpunkt zwischen beiden nach Lage der mensch- 
Hchen Dinge nicht als absolut unverrückbar angesehen, 
80 ist nicht der mindeste Grund einzusehen, weshalb er 
nicht ebensowohl zu Ungunsten der Nation verschoben 
werden sollte. 

Die vollkommenste Lösung des Konflikts scheint mir 
auch hier, wie in allen scheinbar verwickelten Verhält- 
nissen, diejenige zu sein, die sich auf die rein mensch- 
lichen Grundlagen der Dinge aufbaut. Sind in einem 



H9 



Hausstande die Söhne erwachsen, haben sie zum Teil 
sich eigene Hausstände gegründet, so muß darum die 
väterliche Autorität sich nicht vermindem. Sie wird 
Formen annehmen, die nicht mehr auf Zwang beruhen, 
sondern auf natürlichem Gleichgewicht; gesunde Natur 
und Vertrauen wird die Söhne dazu führen, Rat, An- 
sehen und Entscheidung des Vaters gelten zu lassen, 
gesunde Natur, Erfahrung und Uberblick wird den 
Vater zum Führer auch des erwachsenen Hauswesens 
machen. Dies Verhältnis wird um so fester sein, je un- 
bewußter und unerzwungener es ist. Wird es auf eifer- 
süchtige Vereinbarung, auf Angriff und Abwehr gestellt, 
so hat es seine innere Kraft verloren. 

Man spricht, zumal bei uns, viel von dem Begriff 
einer kräftigen Monarchie. Eine Monarchie ist kräftig, 
nicht wenn Zahl und Ausdehnung ihrer Vorrechte und 
Verantwortungen ungewöhnlich groß ist, sondern wenn 
sie dauernd den kräftigsten Teil der Bevölkerung für 
sich hat; am kräftigsten ist sie, wenn sie von einem 
tiefen und unzerstörbaren Gefühl des Volkes getragen 
wird. Denn im letzten ruht auch diese Grundmaclit 
nicht auf geschriebenen Sätzen und exekutier baren Rech- 
ten, sondern auf menschlicher Übereinstimmung und 
menschlichem Vertrauen. Ein absoluter Monarch, der 
ungestraft jede Willkür im einzelnen begehen kann und 
begeht, kann im wesentlichen vollkommen machtlos 
sein, unfähig, einen starken Willen zu verwirklichen, 
und wenn er ihn verwirklicht, ein Werkzeug Dritter. 
Der Träger einer scheinbar beschränkten Vollmacht 
kann eine fast unbeschränkte Herrscherkraft üben, wenn 
er sich bewußt ist, in jedem Konflikt die Nation für sich 
zu haben und ausschließlich für die Gesamtheit zu 
wirken. 



250 



Diese unwägbaren Dinge und zarten Ketten, die nicht 

immer in objektivem und leidenschaftslosem Geist ge- 
handhabt werden, berühren uns in ihrer Wirkung 
auf die Anschauungen der Dynasten und in ihrer Rück- 
wirkung auf die Atmosphäre des Volksstaates. Emp- 
findet der Monarch stärker den Konflikt als die Bin- 
dung, ist sein Rückblick durch Bedauern, sein Vor- 
blick durch Besorgnis getrübt, ist sein Geist auf die 
Verteidigung seiner Rechte und auf die Stabilisierung 
seines Hauses nachdrücklicher gestellt als auf das Ver- 
trauen zur Unzerstörbarkeit seines Verhältnisses zur Ge- 
samtnation, so gewinnt sein Denken und Entschließen 
jene Duplizität, die dem dynastischen Charakter häufig 
unentzifferbare und problematische Züge leiht. 

Jeder Schritt wird ein Doppelschritt, wie des Sprin- 
gers auf dem Schachbrett; er soll gleichzeitig der Sache 
und dem Hause dienen. Jedes Verhältnis zu Menschen 
wird ein Doppelverhältnis: Wie dient er der Sache? 
Wie dient er mir? Jede Äußerung erhält ein Doppel- 
antlitz: Sie soll nützen und zugleich wirken. 

Das Verhältnis zu Menschen und Umgebung ist es» 
das vni in seinem Wesen und in seinen Folgen für unsre 
Betrachtung des Volksstaates deutlicher hervorzuheben 
haben. 

Auch die dynastische Familie ist, trotz ihrer über- 
nationalen Beziehungen und Verwandtschaften, eine 

Familie des Landes. Sie bedarf des Verkehrs, vielleicht 
des repräsentativen Verkehrs, und hat das Recht, ihn zu 
wählen. Ein Element des Selbstschutzes tritt ein: Es 
hegt im dynastischen Wesen eine so vollkommene Ab- 
grenzung des eigenen Standes, daß in der Fernperspektive 
Größenunterschiede kaum mehr empiunden werden} 
jedes Landeskind erscheint als begrenzter Typ odet 

251 



Spesdafist^ jede Beziehung wird einseitig. Immerhin 
wird eine Abstufung sich dadurch ergeben, daß die 
großen Familien des Landes dem Hofe näherstehen und 
eine Gesellschaft bilden^ deren Mitglieder untereinander 
und der Dynastie bekannt und vertrauter werden, in An- 
schauung, Lebensauffassung und Lebensgewohnheiten 
sich angleichen. 

Ist nun das obengeschilderte Vcrhältnb gegeben, daß 
die Dynastie eines besonderen Schutzes gegen destruk- 
tive Neigungen der Bevölkerung zu bedürfen glaubt, 
indem sie sich nicht entschließt, sich auf die Gesamt- 
heit der Nation zu stützen, so tritt die bewußte Er- 
wägung hinzu, daß der erbliche, vor allem der grund- 
besitzende und militärische Adel denjenigen Teil der. 
Nation bildet, der gleichfalls bei jeder Demokratisierung 
zu fürchten hat, dessen Glanz, Stellung und Beruf eng 
von der Krone abhängt, der vor allem bereit und in 
der Lage ist, Militär und Beamtenschaft zu durchsetzen, 
zu kontrollieren und in der von beiden Teilen für er- 
forderlich erachteten Verfassung und Stimmung zu er- 
halten. Es entsteht eine ausschließliche und stets sich 
verengernde Interessengemeinschaft zwischen Dynastie 
und Adel, die gelegentlich durch Einzelkonfhkte getrübt, 
jedoch nie gelöst werden kann, deren Wirkungen dem 
Außenstehenden kaum sichtbar werden und deren Nach- 
haltigkeit und Universalität von keiner geschriebenen 
Verfassung gehemmt wird. 

Mit andern Worten: Jede Dynastie, die nicht bewußt 
mit höchster Liberalität imd vertrauensvoller Hingabe 
auf das Ideal des Volksstaates hinstrebt, schafft einen 
Aristokratismus militärisch-agrarischer Verfassung, des- 
sen Atmosphäre das Staatswesen erfüllt und dessen Ten- 
denz die Nation beherrscht« Ob und wieweit in Preußen 

25a 



ßestaiKiteile cles sicktbaren und unsichtbaren Feudalis- 
mus sich erhalten haben, bleibt im besondern Teil zu 
prüfen; hier setzen wir die allgemeine Betrachtung im 
Hinblick auf den Volksstaat fort« 

Um die absolute Herrschaft der Feudalschicht zu 
sichern ist es weder nötig, daß die gesamte Armee^ 
noch daß die gesamte Beamtenschaft von Gliedern der 
Feudalschicht durchsetzt sei; es genügen vier Elemente. 
Zunächst muß die Hofgesellschaft, die leitende Gesell- 
schaft des Landes, aristokratisch sein, um dauernd die 
Pflanzstätte, Schulung und Prüfstelle der Gesinnung und 
Gepflogenheit zu bilden, um die geeignete Auswahl ge- 
prüfter und reprasentabler Persönlichkeiten zu bieten 
und ein allgemeines Vorbild zu schaffen. Sodann muß 
ein ansehnlicher Teil der Generalität und die Offizier- 
schaft der bevorzugten Regimenter dieser Gesellschaft 
angehören. Der Bestandteil muß groß und einheitlich 
genug, die Bevorzugung genügend ausgesprochen sein, 
um Nacheiferung und Nachahmung bis in entfernte 
Landesteile zu sichern; die auserwählten Truppen dürfen 
daher nicht an einer Stelle konzentriert sein. Es muß 
drittens die Landesverwaltung mit aristokratischen Füh- 
rern soweit als möglich, zum mindesten an zusammen- 
fassenden Stellen, durchsetzt werden; endlich müssen 
die rein poUtischen Zentralbehörden des Äußern und 
Innern in ihren sichtbarsten und maßgebendsten Posi- 
tionen aristokratisch verwaltet sdn. 

Weiter in der Verquickung zu gehen ist zwecklos. 
Freilich wird es sich von selbst ergeben, daß auch in 
bloßen Verwaltungsstellen, in provinziellen Offizierkorps, 
in Bildungsanstalten und Selbstverwaltungskörpern die 
herrschende Schicht die ihr zustehenden Positionen be- 
setzt, doch ist dies für die Gesamtheit ohne Bedeutung. 



253 



Deim da clie feudale Tendenz dynastisch verankert 
In, sotnit weder Gefahr noch Hoffnung besteht, sie 
könne sich überleben, da ferner an allen entscheidenden 
Stellen Kontrollen eingesetzt sind^ die widerstrebenden 
Elementen den Durchgang verbieten, da maßgebliche 
Vorbilder im Lande in genügender Zahl geschaffen sind, 
nach denen jeder gutwillig sich orientieren kann, da 
endlich und vor allem eine verwandtschaftlich und ge- 
sellschaftlich eng zusammenhängende Schicht in ihrer 
Gesamtheit einen so unbeschränkten Person aleinfiuß aus- 
übt, daß sie jeden Widersetzlichen beseitigen und jeden 
gefährdeten Posten mit zuverlässigen Mitgliedern be- 
setzen kann, so entsteht eine vollkommen neue Erschei- 
nung, die zwar offen vor aller xA^ugen liegt und dennoch 
von Außenstehenden kaum gewürdigt werden kann, 
weil selbst die Betroffenen sich der Zusammenhange 
nicht durchweg bewußt sind: die Erscheinung der 
feudalen Anpassung und Imitation. 

Menschen, die nach Ursprung, Veranlagung, Welt- 
anschauung und Interessen nicht die mindeste Veran- 
lassung haben, aristokratisch zu denken und zu fühlen, 
gelangen in das Räderwerk der Staats- und Miiitär- 
maschinerie. Ihre jugendliche ßildsamkeit wird in An- 
spruch genommen, um ihnen die herrschenden An- 
schauungen und Gepflogenheiten, den Respekt vor feu- 
dalen Einrichtungen und Stellungen auf dem Wege 
einer langen amtlichen Erziehung einzuprägen. Gänz- 
lich Unbekehrbare scheiden aus unter dem harten 
Opfer der glänzendsten Zukunft, die das Land bietet; 
andre werden gleichgültig; viele beginnen unter dem 
peinlichen Eindruck, sich selbst und andern verdächtig 
ZU sein, die geforderte Denk- und Führungsweise zu 
übertreiben; sie bilden eine breite Schicht gelernter 



«54 



Aristokraten, die, den geborenen Standesgenossen ver- 
glichen, sich mit geminderter Freiheit bewegt und kei- 
neswegs die Vorzüge der beiden Standesschichten sum- 
miert. Erwachen, was ab und zu geschieht, in vorge- 
rückter Laufbahn, wenn gemeinhin der Druck der 
inneren und äußeren Beaufsichtigung einer zunehmen* 
den Indolenz gewichen ist, die zurückgedrängten In- 
stinkte der Unabhängigkeit, so ist müder Verzicht odei 
aussichtsloser Kampf die Folge. 

Wie nun aber der Mensch seines angeborenen Charak- 
ters selten, seines fiktiven Charakters niemals sich be- 
wußt bt, so werden die Erziehungs- und Anpassungs- 
produkte einer bezwingenden Atmosphäre sich als gänz- 
lich unbefangen empfinden und mit Entrüstung gegen 
die Unterstellung einer unorganischen Denkweise sich 
wehren, die ihnen ohne Vergleichskenntnis als die ab- 
solute erscheint. \'^d von Außenstehenden der Vor- 
mirf erhoben, das unter feudaler Atmosphäre stehende 
Staatswesen sei ein aristokratisch beherrschtes, so wird 
man mit Erfolg den Nachweis erbringen, daß an Zahl 
das bürgerliche Element in staatlichen Positionen über- 
wiege; und da die hier aufgestellte Anschauung des be- 
herrschenden Geistes und der entscheidenden Atmo- 
sphäre niemand geläufig bt, so gibt der Angreifer, 
nahezu überzeugt, sich zufrieden. Fremdländische Kritik 
tritt meist in so gehässigen Formen auf, daß das Ehr- 
gefühl es ablehnen muß, ihr näherzutreten; überdies 
kennt sie das Tatsächliche nicht, benennt die Dinge 
mit falschen Namen und führt schließlich zur Bekräf- 
tigung des gegebenen Zustandes. 

So bleibt dieser Zustand im Gegensatz zu andern un- 
sichtbaren Mächten, wie Freimaurerei und Jesuitismus, 
deren Wirksamkeit erkannt, häufig übertrieben wird, in 



*55 



tteter Verborgenheit. Gelegentlich wird ein gestürzter 
Minister sicK die Frage vorlegen, woher ein Privatmann 
in fürstiicber hoher Stellung die Kraft nahm, ihn zu ent- 
wurzeln, und eben Teil der Zusammenhänge vorüber- 
gehend seinem Bewußtsein enthüllen, häufiger werden 
radikale Organe den Klassenstaat in Gegensatz zum 
Rechtsstaat bringen und hüliioa versagen, wenn Beweise 
verlangt werden. 

Ein Rechtsstaat kann, ein Volbstaat kann nicht unter 
dem Druck einer feudalen Atmosphäre bestehen, denn 
sie wird immer wieder einen Teil des Volkes zum erb- 
lichen Herrn des andern Teils machen, sie wird zwei 
Völker schaffen, von denen das größere dauernd zum 
Unwillen und zur Auflehnung geneigt ist; und so schließt 
sich der Zirkel, indem die Dynastie von neuem die Be- 
stätigung dafür erhält, daß sie nur auf die Kaste, nicht 
auf das Volk sich stützen kann. Nur sie kann den Zirkel 
durchbrechen durch die Tat des endgültigen Vertrauens; 
dies ist der Anteil, der ihr für die Errichtung des Voiks- 
staates zufällt. 

Kein kleineres wird vom Volke selbst verlangt. Der 
Staat darf ihm nicht als Zweckverband gelten, als be- 
waffnete Produktiv- und Verkehrsassoziation, seine Zu- 
gehörigkeit als lästige und kostspielige Mitgliedschaft 
eines Vereins, der wertlose Rechte gewährt und aus 
dem man nicht austreten kann. Noch weniger darf der 
Staat dem Volk erscheinen als eine erweiterte Polizei- 
macht, die ungerufen in alle menschlichen Verhältnisse 
sich eindrängt, mit Organen, die, wo sie auftreten, als 
Vorgesetzte sich entlarven, die daher außerhalb des 
Kreises bürgerlicher Sitte stehen und hintergangen wer* 
den dürfen, wenn sie nicht zuschlagen können. Am 
wenigsten darf der Staat das werden, was er in ver- 



256 



kommenen romanisierten Ländern wt: Objekt des all- 
gemeinen Betrugs und der Streberei, Versorgungsanstalt 
kaufender und käuflicher Gruppen, Gemeinschaftskasse 
zu Gunsten der Schlauen auf Kosten der Dummen. 

Der Staat soll sein das zweite, erweiterte und irdisch 
unsterbliche Ich des Menschen, die Verkörperung des 
sittlichen und tätigen Gemeinschaftswillens. Eine tiefe 
Verantwortung soll den Menschen an alle Handlungen 
seines Staates binden, die gleiche Verantwortlichkeit soll 
ihm bewußt machen, daß jede Handlung, die er begeht, 
eine Handlung des Staates ist. Wie im Anblick der trans- 
zendenten Mächte kein Denken oder Handeln gering 
oder indifferent sein kann, so gibt es innerhalb des 
Staates keinen verantwortungslosen Bereich. Die drei- 
fache Verantwortung: den göttlichen, den inneren und 
den staatlichen Mächten gegenüber, schafft jenes wunder- 
volle Gleichgewicht der Freiheit, das nur dem Menschen 
beschieden ist und ihn zum Grenzbewohner des plane- 
taren Reiches erhebt. Indem wir die Richtung des 
Gewissens zum Staate so fest gewinnen, daß die Tendenz 
ins Unbewußte versinkt und zur Natur wird, haben 
wir das Maß der Staatsgesinnung geschaffen, das die 
Nation zur echten überpersönlichen Einheit erhebt und 
unsterblich macht. 

Solches Ereignis ist wiederum nur innerhalb des Volks- 
staates möglich, und deshalb muß dieser geschaffen sein, 
bevor der letzte Anspruch an die Nation erhoben wird. 
Im Machtbereich des Stände-, Klassen- und Kasten- 
staates reine Staatsgesinnung durch Bitten und Be- 
schwörung, Drohung und Versprechen zu entfachen ist 
naive Täuschung Seiner selbst und der Andern, Der 
Gewaltstaat hat die Macht; er mag sie, solange er kann, 
benutzen, um seine Unterworfenen zu zwingen; doch 



if Ratheaau« Von kooimcudca Dianen 



257 



soll er den Mut haben, von den Ubervorteilten nicht 
Dankbarkeit und Hingabe zu erbetteln. 

Von dieser allgemeinen Erörterung politischer Ideale, 
die keine einzelne Nation und doch wiederum alle im 
Auge hat, wenden wir uns allgemach den Dingen der 
Heimat zu, weil die aufs engste zeitlich und örtlich ge- 
schärfte Prüfung auf hartem und bekanntem Prüfstein 
unsrer Gedankenkette nicht erspart werden darf. Und 
indem wir fortschreiten^ wird der Weg beschwerlicher: 
teils deshalb, weil wir von der Menge des einzelnen nicht 
überwältigt werden dürfen und weil wir ein Gleich- 
gewicht zu erstreben haben zwischen den Forderungen 
des Tages und den absoluten Zielen; teils und haupt- 
sächlich, weil die schmerzlich große Epoche des Krieges 
uns einen Konflikt der Empfindung auferlegt. 

Wenn es Zeiten gegeben hat, wo mehr noch als der 
Vergleich an absoluten Normen die Sorge uns zur 
Kritik geneigt machte, die Sorge um ein kommendes 
Unvermeidbares, das uns und unserm Bauen ein Ende 
drohte und erst den Späteren einen Anfang versprach; 
wenn in jenen Zeiten ein Wort der Härte^ ja des Un- 
willens uns leichter über die Lippen ging, so ist es 
menschlich, wenn das herrliche Leisten, das heilbrin- 
gende Leiden unsres Volkes in dieser Zeit uns blind macht 
vor Liebe, so daß wir nur Licht und keine begrenzende 
Form mehr empfinden. Der Form, des Maßes und der 
Begrenzung aber bedürfen wii mehr als sonst, da wir 
bauen wollen; Idealarchitekturen, die ohne Gegenkraft 
und Beschränkung erwachsen, sind Luftschlösser. Auf 
die natürlichen Schranken unsres Charakters kommt es 
an, wenn wir die glücklichste Möglichkeit unsrer Zu- 
kunft ermessen wollen, und wir dürfen uns dieser Schran- 
ken nicht schämen, denn sie sind weitgezogen und natur- 



258 



geschaffen, und überdies: Erkenntnis reißt sie ein. Der 
Grandriß freilich, der sie verzeichnet, wird und kann 

nur ein Netz dunkler Linien und Schattierungen bieten; 
des farbig helleren Aufrisses bleibt der innere Blick 
sich bewußt. 

Deutschland, vor allem das bestimmende nördliche 

und mittlere, von dem wir vorzugsweise zu reden haben, 
ist, wie wir wiederholt erwähnten, das Ergebnis einer 
Schichtenverschmelzung. Von der früheren germanischen 
Oberschicht, die zugleich die herrschende Schicht der 
übrigen Westländer gewesen war, reden wir, wenn wir 
von der Vergangenheit erzählen. Wir kennen ihre Ge- 
schichte, ihre Namen und Stämme, ihre alte Sprache, ihre 
mittelalterliche Glaubenskultur und Kunst. Wix kennen 
die Wandlungen, die diese geschlossene Welt erfuhr, als 
die Anfänge der Mischung sich geltend machten, als groß- 
bäuerliche, städtische, patrizische Elemente vom 14. und 
15. Jahrhundert an die deutsche Kultur der Neuzeit 
schufen. Bis in die Zeit der Romantik hielt die Epoche 
vor, noch die Werke und Taten unsres klassischen Zeit- 
alters sind fast ausnahmslos vom adlig-patrizischen Volks- 
teil geschaffen worden; nur selten tauchte einer der 
Namenlosen empor, um fremde, seltsam unzeitliche 
Dinge zu sagen und zu schaffen. Und doch war um die 
Wende des 18. Jahrhunderts die Schicht der Oberen 
bis zum Zerreißen verdünnt und gespannt: Die Erben 
von Namen, Bildung und Besitz zählten nach Tausen- 
den, die Zahl der Ungenannten nach Millionen. 

Mir dem 19. Jahrhundert traten die Unteren in die 
Geschichte ein, mit dieser Epoche begann die letzte 
deutsche Wandlung in Lebens- und Denkweise, Sprache 
und Wirken. Jeder Betrachter des Vergangenen emp- 
findet den tiefen Einschnitt^ der das Ältere vom Neuen 



scheidet; und doch wird es uns schwer^ den Gedanken 
zu fassen, daß* wir ein neues Volk geworden sind. Man- 
cher möchte lieber der Welt Goethes, Kants und Beet- 
hovens gehören, die wir jetzt zu erfassen beginnen, 
als der Welt der Massen und Realien, welche die unsre 
ist; lieber Nachkomme und Erbe als A'orfalir und Er- 
werber. Mancher möchte mit fremdem Einfluß und 
äußerer Infektion das Grundphänomen unsrer Zeit, 
die Mechanisierung, erklären. Die Menschen, die unsre 
Zeit und unser Leben bestimmen und erfüllen, sind 
aber nicht die Söhne jener Alten; aus jenen Tausen- 
den sind nicht unsre Millionen entsprungen; ein Blick 
auf Gestalten und Namen, der Vergleich mit den echten 
Nachkommen in kleinen unvermischten Landesteilen 
beweist es. Diese Millionen, den Millionen andrer 
Völker enger verwandt, äußerlich imd innerhch ähn- 
licher als sie ahnen, sind ein neues Volk und mögen 
mit Freude und Stolz bekennen, daß sie es sind; denn 
ein Anfang ist härter und verantwortungsvoller als ein 
Ende. 

Freilich war unser Anfang schlimmer als schwer, er 
war in mancher Weise unfroh und unheilig. Jene, welche 

die Mechanisierung emporbrachten, prägten der Zeit 
ihren Stempel alter Unterworfenheit auf; Streben und 
Gier, Beflissenheit und Übergedidd erfüllten die ab- 
strakten, mechanischen, massenhaften Formen des Schaf- 
fens mit ihrem Geiste vorzeitlicher Erdgebundenheit. 
Das neue Volk war ein Urvolk in der Fassung raffinierte- 
ster Zivilisation und höchster intellektueller Anspannung. 

Hätte das Empordringen der Unterschicht sich bei 
uns mit vulkanischer Gewalt vollzogen, wie es bei an- 
dern Völkern revolutionär geschah, so wäre von Anfang 
an die Verantwortung der Herrschaft ihr zugefallen. 



260 



So aber drang sie hydraulisch zäh, langsam und unbe- 
wußt zur Oberfläche, sie empfing Herrenrechte, ohne 
Herrenpflichten zu übernehmen. 

Denn die Herrscherkaste, zum großen Teile aufge- 
sogen, vor allem durch Überzahl bewältigt, blieb in 
kleinen aber mächtigen Resten erhalten, hauptsächlich 
in Preußen. Die wirtschaftliche Herrschaft muüte sie 
mit der neuen, plebejischen Plutokratie teilen, die Ver- 
waltungsherrschaft trat sie zum Teil an eine assimi- 
lierte Beamtenkaste ab, die ländliche Herrscliatt ver- 
blieb ihr, die politische und militärische Kontrolle 
wurde ihr durch Verbindung mit der Dynastie ge- 
sichert. Vor allem hielt sie ihr Blut wenn auch nicht 
völkisch rein, so doch physisch hochgezüchtet, so daß, 
wie in keinem zweiten Lande, der Adelsdurchschnitt 
von dem Volksdurchschnitt auf den ersten Blick sich 
abhebt. 

Sinnfällig und sinnbildlich tritt der Volksgegensatz 
hervor, wenn man etwa ein vornehmes Regiment im 
Vorüberziehen betrachtet. Die Herren, die auch mit 
diesemNamen gern gerühmt werden, glänzen hervor durch 
blinkenderes Metall, feineren Gewandstoff und Schnitt, 
zierlichere Wafien, schmalere und gewähltere Abzeichen. 
Ihre edleren Pferde tragen silberbeschlagenes Zaumzeug 
und leichte Sättel. Ausgezeichneter als die äußere Form 
der Ausrüstung hebt sich die Gestalt hervor. Schmal 
erscheint das Haupt, scharf das Profil, weich und blond 
das Haar. Der Nacken, beim Mann kurz und gedrungen, 
ist beim Herrn schlank und beweglich, der Rücken lang 
und schmal, der Körper von stählerner Schlankheit, 
Vornehm geformt und weiß sind die Hände, der Sitz 
federnd und leicht, Schenkel und Füße edel und scharf 
gezeichnet. Im Vergleich mit dieser wahrhaft adligen 

a6i 



Erscheinung wirkt der Mann, mit Ausnahme etwa 
eines Holsteinexs oder Friesen, breit, untersetzt, schwer. 

Dieses Verhältnisses, das in körperlicher Erscheinung 
den Gegensatz von Herrschaft und Dienst auswirkt, ist 
der Mann sich tief bewußt. Er verehrt die weiße Hand 
und läßt sich gern von ihrem scharfen Griff zurecht- 
rücken, er erwidert das freundschaftlich hingeworfene 
Du mit der ehrfürchtigen dritten Form Pluralis, er übt 
bereitwillig die mit ganzem Körper zu leistenden Ehren- 
bezeigungen. Nicht von Natur aus, sondern nur da, wo 
höchste persönliche Achtung erworben wurde, wird er 
dem gebildeten Vorgesetzten des eigenen Blutes die 
gleiche, halb unbewußte Vergötterung zollen. So hat 
schon sein Vater den Vater dieses Herrn verehrt, so 
hat der Alte, während er die eigenen Blinder prügelte, 
andächtig zu dem jungen Herrn aufgeblickt. Und 
dieser kleine siebenjährige Graf fühlte sich mit fünf- 
hundert] ahuciger Erfahrung als gütiger und selbstbevmß- 
ter Patron, der seine Leute als Schutzbefohlene, Sonntags 
als Seines Gleichen pflegt, der weiß, was ihnen zuträg- 
lich und schädlich ist, was sie krank und was sie über- 
mütig macht, der gibt, was bilUg ist, und fordert, was 
ihm zusteht: Respekt gegen Vertrauen, Unterwerfung 
gegen Nachsiclit. Niemals braucht der Herr vor seinen 
Leuten sich zu schämen; er kann sich nach Belieben 
gehen lassen: denn seine kleinen Laster und Schwächen 
sind als Herrenrechte berücksichtigt^ wer sie nicht übt, 
ist verdächtig, und wer an ihrer Stelle bürgerliche 
Eigenschaften zeigt, Gelehrsamkeit, Geschäftigkeit und 
Überfleiß, der ist nicht echt. Sprache, Behandlungsweise, 
Auftreten, Gesprächsinhalte, Nachsichten und Uner- 
bittlichkeiten sind seit Jahrhunderten zwischen beiden 
Kasten vereinbart; jede zulässige und mögliche Cha- 

262 



rakterlorm und Abart ist bekannt und umschrieben, 

jede erträgliche Beziehung vorausgesehen. Zu den un- 
erträglichen gehören von oben Bosheit, geistiger Hoch- 
mut, Hohn und Ironie, von unten Kritik, Störrigkeit, 
Murren und Auflehnung. 

Dieses hingebungsvolle Unterschichten- und Unter- 
tanenbewußtsein erfüllt in Preußen Millionen von 
Seelen und dringt bis hoch hinauf in das freiere Bürger- 
tum, wo es dann freilich verderbte und sittlich 
gefährliche Formen annimmt. In seiner reinsten Form 
zeigt es kindlich schöne Züge und fügt sich in das glück- 
liche Patriarchenverhältnis, das uns in jeder Völker- 
jugend rührt. Volkspsychologisch sind diese Züge von 
hohem Wert ; sie schaffen die disziplinierbarste und or- 
ganisierbarste Masse, die wir kennen, einen Massen- 
korper, der unabhängig von Stimmungen und Mei- 
nungen bis an die äußerste Grenze der Kraft jede 
geforderte Leistung hergibt, einen Massengeist, der mit 
unverbrüchlichem Vertrauen jedem autorisierten Füh- 
rer folgt, der ihm verständlich und nachfühlbar handelt 
und redet. Weder wird Begeisterung zur Voraussetzung, 
noch wird Aufklärung gefordert, noch Kritik geübt; 
Pflichtbewußtsein ist nicht der Ausdruck dieses Ver- 
hältnisses, in dem überhaupt kein Konflikt auftritt, 
noch weniger ist es blinder Gehorsam, weil freie Nei- 
gung mitspricht, am nächsten ist es kindlicher Folgsam- 
keit verwandt. 

Der Bildsamkeit der Massen entspringen die beiden 
großen preußischen Organisationen: die Armee und 
die Sozialdemokratie, die eine landlichen und primären, 
die andere städtischen und mechanisierten Ursprungs. 

Der Kreis von Eigenschaften, den wir umsciirieben 
haben, ist nicht germanisch. Er widerspricht allen 



26} 



älteren Beschreibungen vom trotzigen, eigenbrötle- 
rischen und individualistischen Wesen, vom Unab* 
hängigkeitsdrang und organisationsfeindlichen Selbst- 
bewußtsein der germanischen Stämme, er widerspricht 
unserer geschichtlichen Kenntnis ihres Handelns^ er 
widerspricht vor allem dem Bilde der überlebenden 
germanischen Rc5,te in Südschweden, Friesland, West- 
falen, Franken und Alemannien, ja selbst der reineren 
patrizischen und adligen Schicht. Es ist slawischer Cha- 
rakter mit leichtem germanischen Einschlag, der die 
weibliche Weichheit und Schwermut der Halborientalen 
in kindliche Heiterkeit auflöste, der ihren passiven Ge- 
horsam durch Erinnerung an alte, selbsterwählte Ge- 
lolgschaft zu tätiger Beflissenheit kräftigte. 

Wie weit die großen Züge der alten deutschen Ober- 
schicht, die schöpferische Sehnsucht, die mystische Lei- 
denschaft, die Tiefe und Transzendenz in die Seele der 
Massen gedrungen sind, ist schwer zu bestimmen. Zum 
höchsten geistigen Leben haben sie noch wenig beige- 
tragen, das Volkslied ist verarmt, Volkskunst ist uns 
nicht erwachsen, Vergnügungen verdrängen die Freuden. 
Daß gewaltige, von keiner irdischen Nation erreichte 
Kräfte der Liebe, der Hingebung, des Opfers und des 
Mutes lebendig sind, bedurfte nicht der Bestätigung 
des Krieges, Klugheit, Geduld und Betriebsamkeit schu- 
fen die Mechanisierung. Oft haben wir diese Eigen- 
schaften sittlich gewertet; hier haben wir sie politisch 
auszudeuten im einzigen Hinblick auf nationale Zukunft. 

Schaffen Bildsamkeit imd Fügsamkeit, Autoritäts- 
respekt und Abhängigkeitsgefühl die handlichsten Un- 
tertanenverbände, so ist doch der Untertan nicht das 
letzte Ziel des Staates. Wie bei meisterlichen Bau- 
werken sollen alle Glieder zugleich lasten und tragen; 

96^ 



zeigt uns der westliche Nachbar den haltlosen Organis- 
mus eines Volkes, wo jeder herrschen und keiner leisten 
will, es sei denn, daß man ihn düpiert oder entflammt, 
so schreckt uns der Osten durch die tödliche Apathie 
der Massen, die, bb zur Zermalmung belastet, verkommen 
oder in Gewalt ausbrechen. Unsere Gefahr ist Unselb- 
ständigkeit und Mangel an Selbstbewußtsein, Verant- 
wortungslust und eigenem Urteil. 

Ist Kindlichkeit und Unselbständigkeit der politische 
Rohstoff, den unsere unbearbeiteten Massen dem staat- 
lichen Aufbau steuern, so häufen sich die schwachen 
Stellen des Materials, sobald wir die von der Mechani- 
sierung ergriffenen Massen prüfen: städtisches Prole- 
tariat und Mittelstand. 

Das unentweichlichte Abhängigkeitsverhältnis hat auch 
hier nicht aufgehört. Auch hier ist der Staat nicht die 
Sache aller, sondern ein Verwaltungsbereich der Vor- 
nehmen; auch hier wimmelt es von Vorgesetzten, zu 
denen man nicht gehört und nie gehören wird; doch 
sind sie nicht mehr edel, von patriarchalischer Persön- 
lichkeit, sondern es sind anonyme Stände und Ämter, 
vertreten durch gewöhnliche Leute; es i i das kapital, 
vertreten durch den Direktor, Betriebsiageiüeur, Pro- 
kuristen und Werkmeister, durch Auftraggeber, Kun- 
den, Geldleute; es ist das Beamtentum, vertreten durch 
den Steuereinnehmer, Schatzmann, Schalterbeamten; 
daneben ist man zwei Dienstjahre lang unter der Ob- 
hut der Feudalschicht, vertreten durch Leutnant und 
Unteroffizier. Die Hingebung an diese Mächte ist 
nicht mehr undifferenziert und instinktiv, sie ist auch 
nicht erzwungen, denn es fehlt an Vergleichsmöglich- 
keiten, wie sie sich dem Auswanderer bieten; sie wird 
als peinliche Lebensnotwendigkeit hingenommen, und 



26$ 



zwar mit dem Gefühlston einer schuldhaften Verpflich- 
tung; daher ist selbst die Auflehnung nicht ein Fochen 
auf das freie Recht, sondern eine bewußte, mit einem 
Rest von bösem Gewissen begangene Insubordination. 

Der brutale Schnarrton des Wortes Subordination 
inaclit uns die hoffnungslose Duldung anonymer Herr- 
schaft fühlbar. Ist die Auflehnung organisiert, wie die 
der Sozialdemokratie, so nimmt sie bei dem tiefeinge- 
wurzelten Wesen des Abhängigkeitsverhältnisses sofort 
wiederum die Form der Subordination an, ist sie es 
nicht, so erniedrigt sich der Ton der Unzufriedenheit 
zu wehrlosem Dienstbotenklatsch und kannegießernder 
Nörgelei. 

Kein Weg führt von den unteren Ständen zu den 
oberen. Reichtum und Bildung ziehen gläserne Mauern 
am ihre Bezirke, und der tiefe Einschnitt zwischen 
den Lebensformen diesseits und jenseits wird nicht 

von südländischer Nachalimungslust und Zutunlichkeit 
überbrückt. 

Grüblerische Tiefe, Sinn für das Wesentliche, von 
dem die Dinge nur ein Abglanz sind, starke Persönlich- 
keit und systematische Universalität, die zu jeder Mög- 
hchkeit die Gegenmöglichkeit erblickt und wertet, 
diese großen und größten Eigenschaften haben seit An- 
beginn den Deutschen zu einem Gegner der Form ge- 
macht. Denn alle Form ist Begrenzung und Einseitig- 
keit, sie beruht auf selbstgefälligem Genügen, auf der 
kindlichen Meinung, daß es neben dem Guten ein 
Bestes gibt, das nicht zu übertreffen sei, und daß es 
neben dem Bewährten nicht anders geht. Freilich be- 
ruht sie auch auf dem menschenparadieslichen Drang 
zum reinen Akkord, zur gefüllten Harmoiue, auf jenem 
klassischen Gleichgewichtsgefühl, dem vor himmlischen 



z66 



und liöliischen Abgründen schaudert. Auf den gesam- 
ten Gebieten der Künste und Wissenschaften, des per- 
sönlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Lebens gibt 
es kaum eine Grundform, die aus unserer Heimat 
stammt. Die Formen der Bauten und Stile, des Haus- 
rats, der Bildtafeln, der Musik, des Romans und Dra- 
mas, des Armeewesens, des Kultes, der Manufaktur, des 
kommerziellen und industriellen Betriebes, des Aktien- 
wesens und der Konstitutionen, alle diese äußeren Fas- 
sungen und Bildungen, die heute noch fremde Namen 
tragen, haben wir zu entwerfen Andern überlassen. 
Doch hat deutscher Geist eines nach dem andern dieser 
Gefäße ergriffen, mit reiner Hand und fühlendem 
Verstehen seinen i ormgedanken vollendet, dann mit so 
reichem Feuertrank die Rundung gefüllt, daß der über- 
strömende Quell neue Formen verlangte. 

Dies Schauspiel hat uns beglückt und die Welt be- 
reichert; doch blieben wir arm an 1 urni, weil wir sie 
verachten lernten; wie jene formenschöpf er, die uns 
verspotten, am Geist verarmten. 

Da aber politisches Wesen nicht ein absolutes ist, 
sondern ein Kampf von Kräften mit gegebenen Gegen- 
kräften, so müssen wir eine gewisse Formlosigkeit be- 
trachten, die uns schädigt. Wir haben von Gegensätzen 
der Lebensführung gesprochen und dürfen eingestehen, 
daB die unsere bis zum Zerfall jeder Gleichförmigkeit, 
und da eine lässige Bequemlichkeit, eine abgesagte Gleich- 
gültigkeit gegen den Schein uns innewohnt, bis zum 
formlosen Gehenlassen sich steigert. 

Die zivilisatorische Kraft, die auf entschlossener Hal- 
tung bewährter Lebensformen ruht, geht uns verloren. 
Und mehr noch: Wenn das Abhängigkeitsgefühl, in dem 
wir leben und das in der ständigen Doppelspannung: 



267 



untergeben nach oben, vorgesetzt nach unten, sich aus- 
wirkt, wenn dies wenig adlige Verhältnis es uns er- 
schwert, ein freies Herrenvolk zu sein, so trägt Form- 
losigkeit weiterhin dazu bei, nach innen das Herrenbe- 
wußtsein, nach außen die Herrenwirkung zu mindern. 
Daß wir so wenig wie in unsern Grenzen in fremden 
Ländern kolonisatorische Kraft entfalteten, daji wir weder 
die Nationen, die wir mit unserem Blut gesättigt haben, 
noch die stammverwandten an uns ketten konnten, 
liegt weniger an unsern Einrichtungen als am Mangel 
angeborenen Herrentums. Unter Herrentum aber ist 
nicht zu verstehen hochmütiges Anmaßen, denn das 
verträgt sich sehr wohl mit innerlich abhängigem und 
gedrücktem Wesen, sondern das instinktive, der Über- 
legung nicht bedürfende Gleichmaß der Pflichten und 
Rechte, der innere Sinn für Abstand und Nähe, der 
Verzicht auf kleinliche Ansprüche und das Festhalten 
am Wesentlichen, das Opfer der Bequemlichkeit zu- 
gunsten der Würde, vor allem die rückhaltlose, freie, 
von Vorurteil und Verachtung gelöste Gerechtigkeit. 

Verbindet sich Abhängigkeit mit bedrängter Wirt- 
schaftslage, so entsteht die Gefahr der Kleinlichkeit. 
Für sich selbst kann selbst der härteste Mangel mit Un be- 
fangenheit und selbstbewußter Freiheit einhergehen; 
wer jedoch mit ungewollter Abhängigkeit sich abzu* 
finden weiß, gerät leicht in Versuchung, sich im Schei- 
nen Ersatz zu schaffen; Schein und Mangel aber ver- 
tragen sich schlecht. Dies MiÜ Verhältnis zehrt am 
häuslichen Leben, es zieht die Frauen in den Kreis 
der Sorgen und züchtet unfrei erwachsende Geschlech- 
ter. 

Wem Unfreiheit im Blute steckt, wer unbewußt eine 
herrschende Kaste über sich anerkennt, die er nicht mehr 



268 



4 

liebt, zuweilen beneidet, wer sein und seiner Kinder 

Schicksal als unentrinnbar kennt, der findet seinen Trost 
im Anblick von seinesgleichen und in der Gemeinsam- 
keit der Last. Er will schließlich lieber verschärften 
Druck von den geborenen Obern ertragen, als daß er 
es mit ansieht, wie sein Nächster emporsteigt und sich 
frei macht. Daß einer aus seiner Nähe und Umgebung 
es zu Wohlstand oder Macht gebracht hat, macht ihn 
nicht stolz und hoffnungsvoll, sondern verdrießlich, 
denn er weiß, daß der Andere nun an jene olympischen 
Tische sich setzen und verachtungsvoll herabblicken 
wird. Die naive Freude der Amerikaner, die nicht müde 
werden, die Milliarden ihres Landsmanns zu preisen 
und hinzuzusetzen, daß er als Zeltungs junge angefangen 
hat, ißt nur mögHch in einem Lande, wo jedem 
Alles offensteht; das Ideal unsrer Unzufriedenen wird 
sicherlich nie das kahle Geldziel der Überseeischen, 
aber auch nicht das Bild eines ungehemmten geistigen 
Aufstiegs sein; sondern vielmehr die nüchternste, un- 
wirklichste und gefährlichste aller materiellen Utopien: 
nämlich die Gleichheit; und wenn es auch die ist, zu 
der aUe hinabsteigen. 

Es wäre ungerecht, diese Gefühlsreihe mit dem ver- 
ächtlichen Ausdruck des Neides abzutun. Der ideal- 
politischen Gefahr dieser gebundenen Gefühle aber 
müssen wir uns bewußt bleiben; denn wenn jeder 
freie und wünschbare Zustand nicht auf schwung- 
loser Demokratie, sondern auf bewegtem Auf- und 
Niedersteigen geistiger Kräfte beruht, so sind Emp- 
findungen der Mißgunst die stärksten Anker, um 
den Aufstieg zu hemmen und absterbende Herr- 
schaften, weil man ihrer einmal gewohnt ist, an der 
Macht zu halten. 



269 



Uberblickt man den ganzen Kreis großer und schöner 
Eigenschaften, die unsern mittleren und tieferen Stän- 
den eigen sind, die unbeirrbare Ehrenhaftigkeit, Sach- 
lichkeit und Pflichttreue, die mutige Entschlossenheit 
zur Arbeit, zur Gefahr und zum Leiden, den stillen, 
echten und andächtigen Sinn zu Gott, Mensch und 
Natur, die Heimatliebe und Selbstvergessenheit, das 
Streben zum Wissen, Begreifen und Können, so haben 
die Schattenzüge unsres Bildes menschlich nichts zu be- 
deuten, und unsre Nation ist glücklich zu preisen^aß 
der Dunkelheiten so wenige sind. Im Sinne politischer 
Ideale, die den Prüfstein dieser Untersuchung bilden, 
dürfen wir uns nicht so leichthm abfinden. Denn leider 
sind die wenigen Gefahren unsres Charakters gerade die, 
welche ein Volk zum unpolitischen machen können und 
lange gemacht haben. Was wir brauchen ist Unabhängig- 
keit, Adelsgefühl, Herrenhaftigkeit, Verantwortungs- 
willen, Groljmut, Freisein "vom Vorgesetzten- und Un- 
tergebenengcist, von Kleinlichkeit und Mißgunst. In 
dieser Forderung liegt die ganze deutsche Politik 
und politische Zukunft beschlossen, sie ist nicht eine 
Frage der Einrichtungen, sondern des Charakters. 
Jeder künftige Pohtiker, sofern er nicht Macht 
oder Interessen vertritt, wird sich bewußt bleiben 
müssen, daß die Erweckung neuer sittlicher Kräfte 
die Grundbedingung unsrer Gestaltung bildet und 
daß die Institutionen nachgiebig und beweglich der 
menschlichen Entwicklung folgen, wie die Rinde dem 
Wachstum des Stammes. Sind wir vor hundert Jahren 
zur Nation, vor fünfzig Jahren zur Staatsnation ge- 
worden, so müssen wir von jetzt an durch innere 
Neugeburt zur politischen Nation und zum Volks- 
staat erwachsen. 



270 



Freilich ließ noch vor wenigen Jahrzehntctt der größte 
Kenner der Nation uns geringe Hoffnung. Er rühmt 
das Volk, wenn er von seiner ländlichen Herrschaftstreue 
und Untertänigkeit spricht; er wird bitter, wenn von 
öffentlicher Meinung, von politischer Strömung und 
Verantwortlichkeit die Rede ist. Publizisten, Gelehrten, 
Berufspolitikern und Dilettanten schiebt er die Schuld 
an den populären Irrtümern zu, die sein Werk gefähr- 
de Len; die Unmündigkeit des Volkes setzt er voraus, 
indem er so weit geht, ihm ein unmittelbares National- 
gefühl abzusprechen: nur mittelbar, durch das dyna- 
stische Gefühl hindurchgeleitet, könne ein deutsch- 
nationaler Sinn zum Wirken kommen. 

Gewisse Formen des Patriotismus in den starren Jahren 
vor dem Kriege schienen das harte Urteil zu bestätigen. 
Wie selten brach der männliche freie Stolz auf unser 
Land, auf unser Volk, auf unsre Gemeinschaft aus uns 
hervor; wie sehr bedurften wir vermittelnder Huldi- 
gungssymbole, ja selbst der Aufreizungen gemeinsamer 
Haßgefühle. 

Bedrückender wird unser Bewußtsein, wenn wir zu 

den großbürgerlichen Schichten, den mächtigen, wo 
nicht leitenden so doch bestimmenden Gliedern unsrer 
kapitalistischen Gesellschaft aufsteigen. Sinnbildlich 
stdlt das Kraftfeld dieser politischen Zentralmacht sich 
dar in der Haltung ihres fraktionellen Abbildes, der 
nationalliberalen Partei des Deutschen Reichstages. 

Sie kann wenig erzwingen, aber alles verhindern; sie 
tragt eine höhere Verantwortung, als deren sie sich be« 
wüßt ist. Sie vertritt die großbürgerliche IntelHgenz, 
aber auch die Interessen des Kapitalismus; sie bewahrt 
die alten liberalen Ideale, aber gedämpft durch Kom- 
promisse mit bestehenden Mächten; sie neigt zum freien 



271 



und unvoreingenommenen Urteil, aber sie bedarf der 
Mittel und Kräfte bevorrechteter Beschützer. Sie könnte 
die Entscheidung in Händen haben; und überblickt man 
die Jahrzehnte, so hat sie unfreiwillig und unbedankt 
dem Feudalismus gedient. 

Wie der Partei, so mangelt es dem Stande, den sie 
vertritt, an Richtkraft. Interessen gehen Idealen vor. 
Von unten her ist der Besitz bedroht, und welches 
(nteresse ist höher als das des Besitzes? Schlimm genug, 
daß in der Volksvertretung die Stimme des Besitzlosen 
über das Vermögen des Reichen bestimmt; deshalb muß 
zuerst die Gefahr des Kommunismus bekämpft werden, 
das übrige wird sich finden. Davon abgesehen: Was 
bedeutet überhaupt Politik? Zeitverlust. Für Verwal- 
tung und auswärtige Angelegenheiten sorgen Fachleute; 
wo nicht vollkommen, so doch mindestens so gut wie 
anderswo. Man kann sie kritisieren, und wo sie persön- 
lichen Interessen zunahe treten, Einfluß nehmen. Drin- 
gender sind die Aufgaben des Tages; der Jahresertrag, 
die Machterweiterung des Unternehmens, die Dividende 
sind Dingte, die nicht warten können. Da sagt einer, 
daß diese Dinge auf einem tieferen, niemals un bedrohten 
Grunde ruhen, der Staatsmacht und dem Landeswohl? 
Laßt uns erst dies und jenes in Sicherheit bringen, viel- 
leicht bleibt daiiii Zeit, auch für Ungeschäftliches ZU 
sorgen. Freilich wäre es besser, wenn . . . und nun folgen 
harte Urteile über verantwortliche und unverantwort- 
liche Personen, weil man nicht begreifen kann noch will, 
daß für alle Personen das System, und für alle Systeme 
die Nation verantwortlich ist. 

Mit dieser Indifferenz ist es nicht abgetan. Je höher 
man die bürgerliche Stufenleiter hinansteigt, desto tiefer 
blickt mau ui die Schatten einer freiwilligen Abhängig- 

272 



keit, die kaum milder als mit dem Begriff ideeller Be« 

stechlichkeit bezeichnet werden kann. 

Man hat für Stellung und Karriere zu sorgen. Man 
möchte den Verkehr mit hochgestellten Würdenträgern 
nicht opfern; ein großer Haushalt fordert vornehme 
Gäste. Ohnehin bleiben zuweilen kleine Bildungs- und 
Erziehungsmangel zu vertuschen; nichts bedeckt sie 
gefälliger als ein dicker Auftrag vorschriftsmäßiger Ge* 
sinnung. Das Regiment und Korps des Sohnes, die 
Freunde und Verwandten des Schwiegersohnes ver- 
langen Rücksichten. Beziehungen dürfen nicht verscherzt 
werden, Ranges- und Standeserhöhungen bieten frohe 
Aussicht; und selbst kleinere Befriedigungen des bürger- 
lichen Ehrgeizes erfordern neben der materiellen Lei- 
stung eine einigermaßen zuverlässige Gesinnung. 

Gewiß gibt es noch Beispiele eines patrizischen Be- 
wußtseins, das nicht bittet noch empfängt, das, auf 
eigene Pflichten und Rechte gestützt, es verschmäht, 
verwechselt zu werden, und auf Gäste verzichtet, die 
einander in der Haustür die Entstehung des Verkehrs 
entschuldigend aufklären. Häufiger finden sich diese 
Beispiele in Städten und Häusern älteren Wohlstandes; 
dem neuen Reichtum, der in Deutschland zahlreicher 
ist als in irgendeinem der europäischen Länder, mag es 
zugute gehalten werden, daß er, erschreckt über den 
eigenen Aufstieg, nichts für unmöglich hält und weiter- 
zusteigen glaubt, da wo er nur eindringt. 

Ludwigs XIV. ränkevolle Klugheit bändigte seinen 
Adel, indem er ihm ein neues Ziel glaubhaft machte: 
den Hof. Unbewußt hat unser Feudalsystem dem an- 
strebenden Bürgertum das gleiche Schicksal bereitet: 
Für den Preis der Gesinnung wurde ihm ein neuer Auf- 
stieg eröffnet. Die Nachahmung der Feudalgesinnung 



s8 Rath«nav» Von konunendttk Dingen 



273 



gelang im Ergebnis besser als im Anblick; denn da 

ihr die leichte Beimengung von Skepsis fehlt, die dem 
echten, der Prüfung überhobenen Adel eignet, so schrei- 
tet sie etwas zu überzeugt, etwas zxl mißtrauisch und 
etwas zu I ivichtig einher. 

Gleichviel ob man diese Schwächen sittlich ernster 
oder leichter nimmt; politisch entnerven sie einen Stand, 
indem sie ihn zum Kostgänger eines andern Standes 
machen. So besteht in Preußen-Deutschland eine ein- 
zige wahrhaft politische Macht: der konservative Feu- 
dalismus. Das Volk folgt der Autorität, ursprünglich 
der feudalen und geistlichen; wo es ihr entfremdet wird, 
der agitatorischen. Der Sozialismus verfügt über Massen 
und Interessen, jedoch nicht über eine geistige Welt- 
anschauung. Der organisierte Katholizismus stellt die 
konfessionellen Interessen über die politischen. Der 
Feudalismus allein besitzt eine historisch-religiöse Welt- 
anschauung, die sich aufs glücklichste mit seinen poli- 
tisch-niateri eilen Interessen vereinigt. Er verfügt über 
die bestehende Exekutivgewalt, ist verbündet mit dyna- 
stischen, militärischen und familiären Mächten und 
zwingt den mächtigsten Teil des Bürgertums in seine 
Gefolgschaft. 

Das stärkste Argument für das Bestehende ist der 
Erfolg. Brächte der gegenwärtige Krieg den raschen, 
unbedingten Erfolg eines vollwertigen Sieges, so wäre 
die Verwirklichung des deutschen Volksstaates nicht be- 
schleunigt. Und dennoch gibt es keinen Deutschen, 
der Volk und Heimat liebt und der nicht tausendmal 
lieber die verschärfte Reaktion von 1815 ertrüge als 
den kleinsten Abbruch der nationalen Macht und Ehre« 
Wie aber auch der Weltkampf enden mag: Für die letzten 
Ziele der Nation, die uns hier befassen, bleibt er Vor- 



274 



bereitung, nicht Entscheidung. Drei Fernwirkungen 

in die Zukunft dürfen wir indessen erwarten; und 
vornehmlich einer von ihnen, der dritten, haben wir 
prüfende Beachtung zuzuwenden. 

Zuvörderst. Dies ist das erste wahrhafte Gemein- 
schaftserlebnis der zum Kern des deutschen Volkes ge- 
reiften alten Unterschicht. Die Kriegsheere des 19. Jahr- 
hunderts waren kleine Ausschnitte der Bevölkerung, vor- 
wiegend der landlichen, des höheren Bürgertums und 
des Adels. Heute zum ersten Male steht das ganze Volk 
in Waffen. Und nicht das Heer allein kämpft, leistet und 
leidet, sondern jede lebende Seele des Landes. Nicht 
die Augusttage schufen das verschmelzende Ereignis, 
so herrlich die unermeßliche Begeisterung emporbrach; 
denn sie war im höchsten Sinne ein Festesrausch; ein 
Blick hinter den Schleier der Zukunft hätte ihn ge- 
dämpft, und die wenigen, die sehend waren, standen, 
nicht kälter zwar, doch ernster zur Seite. Was heute 
uns einiL^tj ist nie ht so freudenvoll, nicht so schatten- 
los eixihellig, doch von keiner Zukunft und Ent- 
täuschung bedrohbar; es ist die Pflicht und Ver- 
antwortung, die unbeirrbar alle Proben bestanden hat. 
Heute fühlen wir die Einheit des Doppclklangs: der 
Sorgen und Schmerzen wie der Hoffnung und des 
Vertrauens. In höherem Maße schafft diese Gemein- 
schaft des Lebens und Leidens Nationalität als Her- 
kunft, Sprache, Sitte und Glauben; was unter solchem 
Druck sich vereinigt, das bleibt gebunden, w^as sich trennt, 
das bleibt für immer gesondert. Bis dahin war die Unter- 
schicht ein Bestandteil der Nation und weitaus der 
größte; von heute ab ist sie ein Glied und weitaus das 
mächtigste: sofern sie ihrer Verantwortung sich bewußt 
bleibt. Denn diese Verantwortung des Volkskörpers ist 



275 



esy dk alles entscheidet; können wir sie erwerben und 
erhalten^ so sind und bleiben wir eine Nation und ein 

Volksstaat; erwerben wir sie nicht, 80 bleiben wir die 
beherrschte Sciiicht eines politischen Bundes. Was 
immer uns von Unselbständigkeit, von Unreife und un* 
politischem Wesen anhaften mag, wird hinweggeläutert, 
wenn wir begreifen und behalten; Staat Land sind 
Res Publica, die Sache Aller, nicht die Sache von Einzel- 
menschen, Ständen und Klassen; jeder einzelne ist für 
diese Sache verantwortlich und haftbar wie für sein 
Selbst, Weib und Kind, Haus und Herd, Geschlecht 
und Namen. 

Zum zweiten. Die Verminderung des europäischen 
Wohlstandes, die der Krieg herbeiführt, die Verschie- 
bung dcü Besitzes und die Erhöhung der Lasten, 
die ihm folgen, werden allenthalben den Umfang und 
die Tragfähigkeit des oberen «Mittelstandes schmälern. 
Mag der Reichtum noch so entschieden und bis an die 
Grenze dessen, was die heutige Wirtschaftsform zuläßt, 
belastet werden, so wird sich zwar merkhch sein Ge- 
samtvermögen, doch nicht in gleichem MaBe die Zahl 
seiner Träger verringern, wenngleich durch teilweise 
Verarmung und Vermögensbildung ein Wechsel der 
Personen eintritt. Der Stand der Landwirtschaft wird 
ungeachtet vorübergehender Betriebserscliwerungen ka- 
pitalistisch gehoben und der allgemeinen Lage entspre- 
chend von schwereren Lasten verschont. Der untere 
Mittelstand und die Arbeiterschaft wird die gewohnten 
Existenzbedingungen gegenüber jeder Mehrbelastung 
im Lohnkampf zurückerobern. Ohne Ersatz bleibt der 
Stand der Rentenempfänger, Hausbesitzer, mittleren 
Geschäftsleute; er wird geschwächt, zum Teil prole- 
tarisiert, und der herabsinkende Teil der plutokrati- 



276 



sehen Schicht ist nicht breit genug» um ihn zu er- 
gänzen. 

Dieser mittlere Stand aber ist der Träger einer nicht 
gering zu schatzenden gelehrten« publizistischen und 
bürokratischen Intelligenz, in jüngerer Zeit auch eine 
der Quellen, die den Wirtschaftskörper mit wissenschaft- 
lich gebildeten und kommerziell verantwortlichen Ober- 
beamten versorgen. Der Rückgang eine« geistig unent- 
behrlichen Standes wird nicht nur seinen Gliedern eine 
dauernd schmerzliche Mahnung bleiben und zugleich 
einen empfindlichen Ausfall im gesellschaftlichea Orga- 
nismus hinterlassen: Vor allem muß er zur Erkenntnis 
führen^ daB ebenso wie unser Regierungskörper auch der 
Behälter unsrer Geistesarbeit auf einer zu schmal ge- 
schichteten Grundlage ruht. 

Diese Erinnerung aber weist tief hinein in die Fehler- 
haftigkeit unsres gesellschaftlichen Aufbaues^ der grund- 
sätzlich in urzeitlicher Form die Aufteilung der Ver- 
antwortungen an erblich geschichtete Kasten beibe- 
hält, gleichviel, ob diese sich quantitativ und qualitativ 
erschöpfen, während zu unterst die geistig unerprobte 
Masse des Volkes anschwillt, in der Gleichförmigkeit 
mechanbcher Arbeit sich verbraucht und dem natio- 
nalen Dienst und Wesen entfremdet wird. Daß ein 
lebendiger Körper nur durch das organische Auf- und 
Absteigen der Elräfte und Säfte sich dauernd innerlich 
erneuen und erzeugen kann, daB an die Stelle der un- 
organischen Starrnis das organische Prinzip der Bewe- 
gung und des Waclistums treten muß, wird hier zum 
erstenmal und unabweisbar dem praktischen Empfinden 
bewußt werden. 

Zum dritten. Der Krieg vernichtet endgültig die 
Ungebundenheit der Privatwirtschaft und bereitet küni- 

277 



tige Formen der Gemeinwirtschaft vor, indem er fühl- 
bar macht, daß Wirtschaftsangelegenheiten eines zivi- 
lisierten Staates nicht die Sache des Einzelnen» sondern 
die Sache Aller sind. 

Bisher war die Einmischung des Staates in den pri- 
vaten Wirtschaftsbetrieb gering. Sanitäre und soziale 
Fürsorge geboten die notwendigsten Einschränkungen 
und Belastungen, Handels- und Aktienrecht sicherten 
gegen die nächstliegenden Miß brau che des Verkehrs, 
einige Regale waren dem freien Betriebe entzogen, Han- 
delsverträge genügten, um den auswärtigen Tausch- 
handel zu regeln. Im Lichte der Forderimg vom freien 
Spiel der Kräfte betrachtet, waren diese Beeinflussungen 
fühlbar und vielen unwillkommen. Im Sinne einer ratio- 
nalen Gemeinwirtschaft waren sie geringfügig und pri- 
mitiv. Die Beurteilu j g unsrer unvorbereiteten und den- 
noch im Entscheidenden glücklich improvisierten Kriegs- 
wirtschaft gipfelt häufig in der Klage der Überorgani- 
sation und in der Hoffnung auf spätere Entspannung« 
Überorganisiert sind wir freilich durch manchen ins 
Kleinliche j^czoeenen, mit Widersprüchen behafteten Aus- 
bau, denn wir verwechseln leicht unsre stark entwickelte 
Organisierbarkeit mit Organisationsfähigkeit und tun des 
Guten zuviel im Verzetteln und Verordnen. Starke 
organisa türische Kräfte sind bei uns häufig im Eigen- 
bewußtsein, weil Jeder im systematischen und schema- 
tischen Denken sich geschult fühlt; sie sind höchst selten 
in der Wirklichkeit, weil der Sinn für das Entscheidende, 
für die Ausschaltung des Unwcscntlicli'^u und für Men- 
schenbeurteilung hohe Sonderbegabung und alte Schu- 
lung im Verfügen voraussetzt. Solcher Kräfte werden 
wir jedoch ernstlich bedürfen; denn wenn auch der 
Begriff des Umlemens in tausendfachen schulmeister- 



278 



liehen Abwandlungen mißbraucht wurde: hierin wird 
er sein Recht behalten, daß wir niemals wieder in die 
alte Ungebundenheit der Privatwirtschaft zurückgleiten 
können, die den Nachkommen nicht minder eigennützig 
naiv erscheinen wird als uns die Praktiken aus der Zeit 
des Robert Macaire. Diese dritte Fernwiikung des Krieges, 
die Umstellung des Wirtschaftsbegriffes auf den Satz: 
Wirtschaft ist Sache Aller, bedeutet den ersten merk- 
baren Schritt ins Reich des Künftigen; er ist wert, daß 
wir im Einzelnen seine Bedingungen und Folgen er- 
örtern. 

I. Den mechanisierten Krieg entscheidet die Ma- 
schine: SchieBzeug und Transportmittel. Die Umstel- 
lung der Gesamtindustrie des Landes, das Krieg führen 
will, auf Rüstungsarbeit wird gefordert. Rüstung be- 
deutet von nun an nicht mehr einen Vorrat an Waffen, 
sondern ein zum Arsenal umgeschaffenes Land, in dem 
alle Unbewehrten Rüstung schmieden. Rüstung aber 
besteht aus jedem erdenklichen Stoff, den die Erde er- 
zeugt, und da seine Bestimmung ist, zu vernichten und 
vernichtet zu werden, so ist sein Ersatz die technische 
Grundaufgabe des Krieges. 

Das Problem der Rüstung wird zu einem Problem 
der Arbeit und des Materials; der Ernst des Problems 
w;u Ii t zur Schicksalsbedeutung empor, wenn das kämp- 
fende Land von seinen Feinden abgesperrt werden kann. 

Es ist somit für den Staat von Bedeutung, dauernd 
zu beobachten und zu beaufsichtigen, was und wie in 
seinen Gebieten produziert wird, welche Stoffe zur Ver- 
fügung stehen, welche verwendet und welche erzeugt 
werden. Er dringt in das innerste Gewebe der Produk- 
tion, in die Werkstatt des Fabrikanten, In die Rechen- 
kammer des Grundbesitzers, in den Geschäftsraum des 



279 



Händlers. Er schafft Mobilmachungspläne für den wirt- 
schaftlichen Feldzug, teilt Beamte und Arbeitskräfte zu, 
er kontrolliert die Arbeitsmethoden, denn es kann ihm 
nicht gleichgültig sein, ob Raum, Kräfte und Werk- 
zeuge vergeudet werden, er kümmert sich um den Auf- 
wand an fremden Rohstoffen und Hilfsmitteln, die nach 
Möglichkeit erspart oder ersetzt, wiedergewonnen, vor- 
rätig gehalten und zugeteilt werden müssen. Ein neuer 
Begriff, der des Rohstoffschutzes, tritt ins Leben, der 
sich vom bekannten Industrieschutz wesentlich unter- 
scheidet: Der inländische Rohstoff muß bevorzugt und 
"verwendet werden, gleichviel ob es den nackten Rech- 
nungsinteressen entspricht oder nicht, gleichviel ob er 
in der Gewinnung merklich teurer ist als der auslän- 
dische; Betriebsersparnisse, notfalls Beihilfen, müssen 
den rechnerischen Ausgleich schaffen. Die Elastizität 
der Betriebe, nämlich ihre Ausdehnungsfähigkeit und 
ümstellbarkeit im Kriegsfalle, muß dauernd geprüft und 
gefördert werden; wo die Opfer dieser Forderung ge- 
rechtes Maß überschreiten, müssen Subventionen, in 
letzter Linie Staatsbetriebe eingreifen. 

Schon hiermit ist der freiwirtschaftliche Grundsatz 
durchbrochen, daß es jedem freisteht, sich Geld oder 
Kredit zu beschaffen, vor dem Notar eine Firma zu er- 
richten und nun nach Belieben über die beschränkte Zahl 
der verfügbaren Werkzeuge und Arbeitsmittel, über die 
Arbeitskräfte des Landes, über seine eigenen oder die 
tauschweise überlassenen fremden Rohstoffe, ja selbst 
über die Wertbewegung der Valuten nach freiem Er- 
messen der jeweiligen Konjunktur zu verfügen. Kapi- 
tal, Ai beitskräf te und Materien sind zwar nicht und werden 
nicht nach sozialistischem Rezept Eigentum der Gemein- 
schaft; wohl aber sind sie ihrem Schutze anvertraut. 



280 



2. Der wirtschaftliche Nationalismus wird, wenn die 
Zeit der großen politischen und ökoiionii:;cli<-n Kraft- 
proben vorüber ist, möglicherweise rationaleren An- 
schauungen weichen. Die Bedeutung dieses Fortschritts 
soll man nicht überschätzen, denn die Periode der natio- 
nalen Überspannung wird — und dies könnte ihre wirt- 
sdiaftsgeschichtliche Aufgabe werden — vermutlich 
den Nachweis erbringen, daß bei entsprechender Stei- 
gerung der Technik nahezu jeder Boden die seinen Be- 
wohnern unentbehrlichen oder wünschenswerten Er- 
zeugnisse zu wirtschaftlich erträglichen Bedingungen sich 
abtrotzen läßt. Der Ausgleich des Fehlbetrages wird, so- 
weit wie möglich, durch Austausch eigener natürlicher 
Monopolprodukte erzwungen werden; Ausfuhrzölle und 
Ausfuhrmonopole werden bei Staatsverhandlungen die 
frühere Bedeutung der Einfuhrzölle gewinnen. Überdies 
werden große natürliche Wirtschaftsgruppen zu zoll- 
verbundener Gemeinwirtschaft sich zusarnmcn chließen. 
Ein ästhetischer Vorteil wird überdies der uns noch 
widersinnig erscheinenden Absperrung zufallen: die 
mechanistische Verahnlichung der Verbrauchsgüter wird 
aufgehalten; und wie m früheren Zeiten der Reisende 
sich von Stadt zu Stadt, von Land zu Land an fremden 
Früchten, Gebacken, Geräten, Kleidern und Bauten 
erfreute, so werden die Erzeugnisse eines jeden Landes 
die ihnen vom Boden zukommenden Eigenheiten zeigen, 
und nicht ein jedes Gut überall zu sehen und zu haben 
sein. 

Wird mithin eine ferne Zeit der Rückkehr zum freien 
Weltaustausch mit geringerer Bewegung entgegenblicken 
als wir heute der Abschließung, so haben wir uns mit 
der Tatsache abzufinden, daß diese nationalistische 
Scheidung, gleichviel wie lange sie anhält, sich mit 

28X 



steigender Elraft fühlbar machen wird und demnach, 
wenn auch nur als Übergangsperiode, die herrschende 
Auffassung vom Privatcharakter der Wirtschaft umge^ 
stalten muß. 

Die Ursachen der gewaltigen Wirtschaftstrennung, 
die uns bevorsteht, hegen offensichtlich da. 

Der Krieg, wie er auch ausgehen mag, wird leiner 
einzigen Macht ihre letzten Wünsche stillen, ja nicht 
einmal einer einzigen ihre Opfer voll ersetzen. Wohl 
aber werden zu den alten Haßgefühlen neue, durch 
Schuldfragen geschärfte, erwachen, denn es gibt heute 
kein Paar, das in dieser furchtbaren Prüfung auf letzte 
Eigenschaften einander nichts vorzuwerfen hätte. Der 
Nationalismus erwacht nicht nur neu auf politischem, 
sondern vor allem auf wirtschafthchem Gebiet. Deim 
jeder wirft dem andern vor, er habe mit seinem Kalbe 
gepflügt; mit seinen Kapitalien, mit seinen Stoffen, 
mit den auf seinen Fluren gewonnenen und erhandelten 
Reic I riimern habe er ihn bekämpft. Jeder fühlt, daß 
einige Jahrzehnte später der kahle Besitz, die brutale 
Wirtschaftskraft allein, fast ohne kriegerische Beweis« 
führung die Überlegenheit besiegelt hätte; jeder fragt 
sich: wie konnten so ungeheure, nie vermutete Vor- 
sprünge der ökonomischen Leistung errungen werden, 
und jeder antwortet: Ich habe selbst dazu beigetragen. 
Jeder fühlt, daß er bei gesonderter Wirtschaft manches 
teurer kaufen, auf manchen Vorteil des Absatzes und 
Handels verzichten wird; aber der Krieg hat an zwei 
Dinge gewöhnt : an Verzicht und an große Zahlen, und 
man will lieber verlieren, als die Gewinne des Andern 
fürchten, diepohtisch vernichtend werden können. Soll- 
ten selbst vertragliche Versprechungen bei Friedens- 
schluß ausgetauscht werden, so gibt es für den Bös- 



willigen keine Begrenzung der Schikane. Sanitäre, tech- 
nische, verwaltungsmäßige Vorkehrungen stehen einem 
jeden frei, der Städte, Länder, Häfen, Kanäle, Kohlen- 
stationen dem Freunde offen, dem Feinde verschlossen 
halten will, und dieser Maßnahmen wird es kaum be- 
dürfen, denn^ der Haß von Volk zu Volk tut sein Bestes. 

So stehen wir vor einer Epoche, die den wirtschaft- 
lichen Nationalismus wo nicht an die Grenze der Binnen- 
wirtschaft der Gruppen, so doch biö zu einer starken 
V^erminderung des internationalen Austausches steigern 
wird. Da gewinnt die Handels- und Zahlungsbilanz eine 
Bedeutung, wie sie kaum zur Zeit der ältesten franzö- 
sischen \\ ii Lschaftslehre auf andrer Gedankengrundlage 
ihr zugesprochen wurde j es entsteht ein neuer Begriff: 
der Neomerkantiiismus. 

Auf die Dauer kann kein Land, soweit es nicht Emp- 
fänger ausländischer Renten ist, seine Einfuhr anders 
bezahlen als mit Waren, denn der Gesamtbetrag seiner 
Umkufsmittel reicht kaum für die Deckung einer Quar- 
talsrechnung hin. Ausfuhr ist somit weder Selbstzweck 
noch eine Art von Übermut der Wirtschaft, wie manche 
glauben, sondern Schuldenzalilung; nicht die Ausfuhr 
ist das primär bestimmende Element der Wirtschafts- 
beziehung, sondern die Einfuhr. Würde aus irgendeinem 
Grunde die Ausfuhr unterbunden, während die Einfuhr 
unentbehrlicher Stoffe andauerte, so würde das Land 
seine Wertschriften und Bcsitztitel exportieren müssen 
und somit allmählich die wirtschaftliche Oberhoheit den 
Fremden ausliefern, das heißt verbluten. 

Was gemeinhin bei Verbrauchsaufwand und Bezah- 
lung gilt, das gilt auch hier: Meinen Importverbrauch 
kann ich bestimmen; die Art der Exportzahlung bestimmt 
der Andre. Es steht ihm frei, mein Güterangebot zu 

283 



verschmähen, sei es, weil die Art, sei es, weil der Ur- 
sprung ihm nicht gefällt, er kaim es beliebig entwerten, 
indem er ihm Zollschranken entgegensetzt, die einseitig 
den Verkäufer belasten, sofern er nicht Monopolware 
anzubieten hat. Wirksamer noch als Zollschranken können 
Schranken der Schikane, der Handels- und Verkehrs- 
behinderung, ja selbst des nationalen Eigengefühb auf- 
gerichtet werden, indem dieses dazu gebracht wird, unter 
Preisopfern der einheimischen Erzeugung freiwillig den 
Vorzug zu geben. Die Entwertung des Zahlungsmittels 
aber bedeutet Verteuerung des Einkaufs, und da dieser 
vor allem die unentbehrlichsten Grundprodukte umfaßt, 
kommt das betroiiene Land in die Lage, unökonomischer 
als andre zu produzieren und somit abermals an Aus*- 
fuhrkraft einzubüßen. 

Wiederum also, wie vor zweihundert Jahren, nclitet 
sich das Interesse der Volkswirtschaft auf die Handels- 
bilanz, wenn auch aus verändertem Antrieb. Von der 
aufgezwungenen Tendenz zur Binnenwirtschaft geleitet, 
zieht der Neomerkantilismus nicht mehr die Ausfuhr 
und den Golderwerb, sondern die Einfuhr in den Mittel- 
punkt der Betrachtung. 

Während bis dahin es selbstverständlich schien, daß 
ein jeder berechtigt sei, im Ausland zu kaufen und ein- 
zuführen, was ihm gefiel, kommt jetzt zu Bewußtsein, 
daß jeder Auslandskauf die Gemeinschaft belastet, daß 
somit jede importierte Maschine, Perle oder Cham- 
pagnerflasche nicht nur fremde Arbeitskräfte ernährt 
und einen Teil des Nationalvermögens opfert, sondern 
auch die künftige Gemeinschaftsproduktion erschwert, 
indem diese gezwungen wird, nicht nach eigenem Be- 
darf und Ermessen zu erzeugen, was ihr angemessen ist, 
sondern nach fremdem Gutdünken, was sie schuldet 

2S4 



und was man 2ir abnimmt. Im äußersten Grenzfall 
könnte es geschehen, daß reiche Leute soviel Luxus- 

waren einführen, daß an Nahrungsmitteln und Rohstoffen 
Mangel entsteht} wenn nämlich gerade diese es sind, die 
das Ausland, gestützt auf die entsprechende Valuten- 
verschiebung, zu entnehmen geneigt ist. 

Diese neomerkantilcn Erwägungen werden zu dein be- 
stehenden landwirtschaf tlichen und industriellen Schutz, 
zu dem besprochenen Rohstoffschutz noch einen all- 
gemeinen Importschutz verlangen, der sich auf alle 
irgendwie entbehrlichen oder ersetzbaren Guter, auf 
alle Produkte, die sich in leidlichen Surrogaten im In- 
land wiederholen lassen, vor allem aber auf sämtliche 
Luxuserzeugnisse erstreckt. 

Wir haben vorhin auf einen ästhetischen Nutzen der 
angenäherten Binnen Wirtschaft hingewiesen; hier ent- 
steht, zunächst für eine Übergangszeit, ein bemerklicher 
ästhetischer Schaden. Ist schon jetzt die mechanisierte 
Ausbildung der künstlichen Verbrauchsgüter mit Aus- 
nahme der technischen, traurig genug in ihrer Erschei- 
nung, aus Gründen, die wir wiederholt dargelegt haben, 
so wird eine Wirtschaft der VerbilHgungen, der Surro- 
gatwaren, der täuschungslustigen Nachahmungen ent- 
stehen, die der anspruclislos verzichtenden Naivität 
der vergleichbaren Biedermeierzeit entbehren wird. 
Auch hier bedarf es des Vertrauens zum guten mensch- 
lichen Willen und zum gesunden nationalen Emp- 
finden, um in allmähücher Anpassung aus der Not 
eine Tugend von neuer Tönung und Charakteristik zu 
erhoffen. 

So geht aus dem Begriff der nationalen Wirtschafts^ 
sonderung eine zweite Durchbrechung des privatwirt- 
schaftlichen Prinzips hervor. 

285 



3. Keine Nachwirkung des Krieges, jede mdgliche 
politische Verschiebung eingeschlossen, wird an Bedeu- 
tung der innern Vermögensumschichtung und der zeit- 
weiligen Verarmung der europäischen Länder gleich- 
kommen. Von den gesellschaftlichen Folgen haben wir 
gesprochen; das wirtschaftliche Problem der Kapital- 
neubildung, das erschwert ist durch die Entstehung 
eines Staatsrentnerstamraes, durch den Verlust an Ar- 
beitskräften und Intelligenzen, durch kommende Be- 
lastungen des Verkehrs und erhöhte innere Reibung, 
tritt uns neu entgegen. 

Die Notwendigkeit längerer und strengerer Arbeits- 
anspannung ergibt sich von selbst, doch sind ihr Grenzen 
gesetzt. Bedeutsamer und wünschenswerter sind Er- 
höhungen desNut2,ciickt:s in der Ausnutzung der Arbeits- 
kräfte, der Rohstoffe, der Werkzeuge, der Wirtschafts- 
methoden und der Kapitalien. Diese Fragen, mit un- 
vollkommenem Einschluß der letzten, waren bislang 
dem Erwerbstrieb und der freien Konkurrenz anheim- 
gegeben; sie durften es bleiben, solange die Zunahme 
des Wohlstandes jeden gestellten Anspruch übertraf. 
Da nun, weit mehr als zuvor, die nationale Macht 
von materieller Rüstung, das Maß der Rüstung ohne 
Rücksicht auf zeitweiligen Wohlstand, von der kriegs- 
erprobten Konkurrenz der Mächte abhängig geworden 
ist, hat die Wiederherstellung und Mehrung des natio- 
nalen Reichtums politische, von der Staatsgemeinschaft 
zu verantwortende Bedeutung gewonnen. 

Die Einwirkung des Staates wird da einzusetzen haben, 
wo entweder unter besonderer Gunst der Verhältnisse die 
freie Konkurrenz letzte Anspannungen bisher nicht er- 
forderte, oder wo die Kraft des Einzelnen nicht aus- 
reicht, um den Wirtschaftdkreis umzugestalten, oder wo 



2S6 



das zeitweilige Interesse des Individuums dem dauernden 

Interesse der Gemeinschaft zuwiderläuft. 

Das Nächstliegende ist, daß technische und landwirt- 
schaftliche Betriebe auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft 
werden. Veraltete, Kraft, Stoff und Arbeit vergeudende 
Einrichtungen können erneuert, oder, falls dies nicht 
lohnt, Betriebe geschlossen und zusammengelegt werden. 
Krafterzeugungen werden zentralisiert. Syndikate wer- 
den unter Aufsicht gestellt. Soweit sie dazu dienten, 
zersplitterten, schlecht gelegenen oder unvorteilhaft ver- 
walteten Betrieben zur Last des Verbrauchers eine künst- 
liche Lebensfähigkeit zu erhalten, können sie dazu an- 
gehalten werden, mangelhafte Werke stillzulegen. Für 
sparsamen Rohstoffverbrauch und jede mögHche Wie- 
dergewinnung können Berufsvereinigungen haftbar ge- 
macht, Kleinbetriebe, denen es an vervollkonunneten 
Arbeitseinrichtungen mangelt, können zu Genossen- 
schaften vereinigt werden. 

Bedeutungsvoller und schwieriger als die Ausgestal- 
tung der Einzelwirtschaften ist die wirkungsteigernde 
Ausbildung der wirtschaftlichen Gesamtmethoden und 
Gebräuche, die tief in die Gewohnheiten der Ver- 
braucher eingreifen. 

An sich ist es gleichgültig, ob eine Zigarre oder Haar- 
nadel auf dem Wege vom Erzeuger zum Verbraucher 
sich um einen Teil oder ein Mehrfaches ihres Wertes 
verteuert; selbst bei einem Gewebzeug ist dies nicht 
wichtig, sofern es sich nicht um den unentbeluiichen 
Bedarf der Armen handelt; bei Luxuswaren ist es ehet 
wünschenswert, wenn ihr Verbrauch sich durch Teue- 
rung einschränkt. Wesentlich aber im Gemeinschafts- 
interesse ist es, daß niclit Hunderttausende von 
Händen und Köpfen mißbraucht werden, um durch 

287 



Warten, Anpreisen, Sortieren^ Reisen, Überlisten und 
Überreden den Gang der Ware zu begleiten; daß nicht 
in ungezählten Groß- und Klein- und Zwischenlagern 
Milliarden des Nationalvermögens sich zinslos und nutz- 
los stauen. Vielleicht würde etwas weniger Tabak ver- 
brannt, wenn nicht an jeder Straßenecke zwei schwach 
beschäftigte Beamte in zinsfressenden Lagern und Laden- 
einrichtungen auf einem Boden, der vom Mietpreis jähr- 
lich mit Silber neu gepflastert werden könnte, auf Käufer 
warten; vielleicht würde weniger Seife und Schreib- 
papier verkauft, wenn der Kunde 2\vcihundert Schritt 
weiter zu laufen hätte; vielleicht würde der Kleinhandel 
in Wirkwaren anstrengender sein, wenn die Besitzerin 
zweimal im Jahr ein Sammellager aufsuchen müßte, 
statt zweimal in der Woche von einem beredten 
Reisenden begrüßt zu werden. Es ist möglich, daß 
Damen es beklagen würden, wenn jährlich einige Zehn- 
tausende neuer Stoffmuster weniger ;iui dem Markt 
erschienen, von denen die Hälfte, vom Publikum ab- 
gelehnt, verschleudert werden muß und den normalen 
Konsum mit ihren Kosten belasten. £s ist möglich, 
daß der organisierte Reklamewettkampf völlig gleich- 
wertiger Verbrauchsartikel die JVIiüionenaufwände durch 
eine mäßige Absatzsteigerung lohnt: doch alle diese 
Fragen betreffen die Interessen einzelner, nicht der Ge- 
samtheit. Für sie kommt allein die Rettung und Er- 
sparnis nationaler Arbeitskräfte und Kapitalien in Be- 
tracht, sie wird zu erwägen haben, ob durch Ge- 
nossenschaften von Erzeugern, Händlern und Verbrau- 
chern, durch Vereinbarungen über Musterbeschränkung, 
Gemeinschaftsläger, Kreditnormalisierung, durch Ratio- 
nierung der Kieinverkaufsstellen und Festlegung der 
Zwischenarbeit wie der Zwischengewinne die Handels- 



288 



methoden und Gebräuche des Landes umzugestalten 
dnd, um ungezählte Arbeitskräfte produktiv zu machen, 
Lageransammlungeiiy Warenverderb und Verteuerung 
zu vermeiden. 

Das Verfügungsrecht der Gemeinschaft über die Arbeits- 
kräfte des Landes kann ausgedehnt werden. Heute steht es 
jedem Wohlhabenden frei, arbeitslos zu bleiben, somit von 
der Gemeinschaft ohne andre Gegenleistung als die Dar- 
leihung seiner A'Iittcl sich ernähren zu lassen, es Steht ihm 
frei, ohne Begabung und Leistung einen der freien Berufe 
zu ergreifen und unter Anspruch einer gehobenen ge- 
sellschaftlichen Stellung ein nicht einmal durch Betrach- 
tung gerechtfertigtes mäßiges Leben zu führen; ja mehr 
als das, es darf ein jeder beliebige Mengen von Arbeits- 
kräften dem Lande entnehmen und, sofern er sie be- 
zahlt, für jeden ihm geeignet scheinenden Wirtschafts- 
betrieb, gleichviel ob er nötig oder überflüssig ist, ver- 
wenden; er darf, wenn er sich gebührend bereichert 
hat, eine ebenso beliebige Arbeiter zahl zu seiner per- 
sönlichen Bedienung in Anspruch nehmen und der Lan- 
desproduktion entziehen. Wenn die Not es fordert, 
werden auch diese Gebräuche zu erörtern und zu be- 
schränken sein. 

Oime Aufschub jedoch sind Mißstände abzustellen, 
die die Freizügigkeit des Kapitals betreffen. Mit diesem 
Begriffe soll das Recht bezeichnet werden, das heute 
jedem zusteht, seinen Teil am Nationalvermögen nach 
freiem Ermessen im Inlande oder im Auslände anzu- 
legen* Dieses Recht führt dazu, daß Private, Kredit- 
institute oder andre Erwerbsgesellschaften je nach Lage 
des Kapitalmarktes Wertschriften des In- und Aus- 
landes nach freiem Ermessen feilbieten, ohne andre Kon- 
trolle als die einer ausreichend erscheinenden Sicherheit 



19 Salhtvati» Vod IwumiMid»!» Olncon 



oder einer oberflSchliclien politischen Prüfung hinsicht- 
lich der Beziehungen zum leihenden Auslandsstaat. Ge- 
währte dieser Staat einige industrielle Aufträge, so be- 
dachte man nicht, daß der Gewinn den Erwerbspreis 
nur um ein geringes verbilligte, und nahm es gerne hin, 
daß der Empfänger mit dem Ertrage des Leihkapitals 
eine Wirtschaft begründete, die fremde Arbeiter und 
Beamte ernährte und fremde Produktionen befruchtete. 
Man war zufrieden, daß das der heimischen Wirtschaft 
entzogene Kapital sich um einen Bruchteil höher als 
landesüblich verzinste. 

Die Sorge um die Neubildung des Kapitals wird zu 
der Erwägung führen, daß nicht das Zinsangebot allein 
Über Invesütionen entscheiden darf. Auch im Inland 
ist das gemeinwirtschaftliche Bedürfnis zu prüfen, das 
im allgemeinen, doch nicht in jedem Einzelfall seinen 
Maßstab in der Rente findet — sonst wäre eine Spiel- 
bank eines der dringendsten Wirtschafts bedürfnisse — ■; 
Kapitalausfuhr jedoch sollte niemals eine Frage des 
Zinsfußes, sondern der entschiedensten politischen und 
ökonomischen Gegenleistung sein und nur im Aus- 
nalinncfall bewilligt und von den politischen Behörden 
genehmigt werden. An die Stelle der Freizügigkeit des 
Kapitals tritt der Schutz. 

4. Die Umschichtung der Vermögen als Folge der 
Kriegswirtschaft findet ihren Ausdruck im Wachstum 
der Staatsschuld. Beträge in der Höhe der früheren 
jährlichen Nationalersparnis sind von der Gesamtheit 
aufzubringen und an Rentenempfänger abzuliefern, die 
freilich auch ihrerseits mit einem Anteil an der Auf- 
bringung beteiligt sind. Mit andern Worten: Der Ge- 
samtertrag der Ersparnis fließt durch die Hände des 
Staates zum Zweck neuer Aufteilung/ 



DaB die Aufbringung solcher Beträge nicht mit alten 
Mitteln erreicht werden kann, liegt auf der Hand. 

Gleichviel ob der Weg der teilweisen Verrrrögensein* 
Ziehung, der Erbschaftssteuer, der Monopole, der Ren- 
tensteuer, der Verkehrs- und Produktionsbelastung oder 
der Summe dieser Finanzmittel beschritten wird: der 
Vermögensbegriff kommt ins Wanken. Es festigt sich die 
Vorstellung, daß der Staat nicht als Kostgänger der 
Privaten mit einem notdürftigen Zehnten abzufinden 
ist, sondern daß er nach freiem Bedarf über Besitz und 
Einkommen seiner Glieder verfügt. Wird überdies im 
Falle einer Vermögcnskonfiskcuiun oder einer Monopol- 
wirtschaft der Staat Eigentümer und Verwalter unge- 
zählter wirtschaftlicher Einzelinteressen, die er, soweit 
es ihm gutdünkt, auf halbstaatliche oder gemischtwirt- 
schaftliche Institute abwälzen mag, so ist die letzte der 
Schranken gefallen, welche die Privatwirtschaft als schein- 
bare Sache des Einzelnen von der staatlichen Sache der 
Gemeinscbaft schieden; und gleichwie alles materielle 
Schaffen schlechthin, wird Wirtschaft erkennbar als 
mittelbare oder unmittelbare Staatshandlung. 

Von der Dauer und Beendigungsform des Krieges 
allein wird es abhängen, in weichem Zeitmaß und Um- 
fang die Gestaltungen, die wir betrachtet haben, sich 
verwirklichen werden. Wir gingen davon aus, daß sie 
nur als vorbereitende Erscheinungen zu würdigen sind; 
denn ein zeitliches Ereignis, mag es noch so gewaltige 
Ausmessungen gewinnen, kann vorbereitend, beschleu- 
nigend, auslösend wirken; das menschHche Herz vermag 
es nicht zu wandeln. Die großen Schritte der Mensch>- 
heit aber werden von den Wandlungen innerster Ge- 
sinnung bestimmt, nach Bewegungen letzter Gesetze. 
W enn es überhaupt eine vom Willen bewegte Macnt 



19» 



291 



gibt» die in diese Hefen dringt, so ist e$ die Erkenntnis. 

Und ist auch dieses Täuschung: so daß in Walulieit 
die Erkenntnis nichts bewegen kann, sondern nur als 
begleitende Harmonie der gesetzten Urbewegung folgt, 
so bleibt unsre Pflicht unverändert, die Klarheit der 
Erkenntnis zu suchen, mit der gleichen Freiheit und 
Verantwortlichkeit im harmonischen Verbände, als wäre 
unsre Stimme die führende Melodie. 

Nehmen wir also die Folgen des Krieges, so hart oder 
leicht sie werden mögen, als vorbereitende Erschei- 
nungen hin, so bleibt ihre Tendenz, die auf übermäch- 
tiges Erstarken des Staates gegenüber dem Individual- 
willen zielt, eine solche, die mit erneutem Nachdruck 
das Werden des Volksstaates fordert. Denn solche Macht- 
fülle einerseits, solche Hingabe anderseits kann nicht von 
Klasse zu Klasse, sondern nur vom Volk zu sich selbst 
verlangt und gewährt werden. Es wäre das schwerste 
Unrecht und die ungeheuerste Verantwortung, wenn 
nach orientalischer Art erbliche Kasten die Vormund- 
schaft gottähnlicher Macht sich anmaßten und namens 
der Gottheit Opfer verlangten, die der Priester ver- 
zehrt. 

Wir haben den Volksstaat als zeitliche und unabweis- 
bare Forderung Deutschlands an sich selbst erkannt und 
durchleuchtet. Wir haben die politischen Eigenschaften 
der Deutschen geprüft und vor allem die hemmenden 
beachtet. Wir haben die einleitenden und in die Ferne 
weisenden Folgen des Krieges erörtert, und empfunden, 
wie das Ruhende in Bewegung gerat. Ehe wir nun den 
letzten Teil unsrer politischen Aufgabe antreten, die 
Erwägung der Entschlüsse und Maßnahmen zur Ver- 
wirklichung des Zieles, haben wir die seltsame Bemer- 
kung vorauszuschicken und zu begründen, daß die»«» 

292 



letzte, durchaus praktische Erwägung trotz ihrer schein- 
baren Eindeutigkeit keineswegs die entscheidende ist; 
ja wir werden einen Schritt weitergehen und versuchen, 
eine Anzahl der ältesten und volkstümlichsten politi- 
schen Grundbegriffe zu Falle zu bringen. 

Wenn jemand einen Wald aufzuforsten hat, so wird 
er eine gesunde Lage und geeigneten Boden wälüen. 
Den örtlichen Verhältnissen wird er die Baumart an- 
passen und weder Oliven noch Zypressen in der Mark 
anpflanzen. L'm geschulteg* Forstpersonal wird für die 
Abwehr von Schädlingen, für den Schutz der Schonung 
und geeigneten ümtrieb sorgen. Das übrige wird er 
licht und Sonne, Regen und Frost anheimgeben, und 
ohne in den Kampf der Pflanzen und Insekten, der 
Stämme und Kronen einzugreifen, wird er für Kinder 
und Enkel das Laubdach sich breiten sehen. Wenn 
jemand eine Anzahl von Wirtschaftsunternehmungen 
zu verantworten hat, so wird er ihnen die Grundlagen 
ebnen, ihre Ziele stecken, ihnen die Grundsätze ein- 
prägen, die ihm wichtig scheinen, Sparsamkeit oder Aus- 
dehnungslust, Intensität oder Vielseitigkeit, doch wird 
er nicht ohne zwingende Not in die Verzweigungen des 
Organisationsausbaues eingreifen, den seine berufenen 
Verwalter schaffen. 

Wiederholt haben wir von der Atmosphäre des Staates 
im Gegensatz zu seinen starren Einrichtungen g ^ ro- 
chen. Diese Atmosphäre nährt sich von den Willens- 
impulsen, Überzeugungen, Wertungen und Haltungen 
der Völker; unter ihrem Druck sterben ungemäße Ein- 
richtungen* und Gesetze ab, andre werden mit neuem 
Inhalt erfüllt, andre erwachsen. Sie selbst aber stammt 
nicht aus Einrichtungen, wenn sie auch eine Zeitlang 
von Einrichtungen gehemmt und verdüstert werden 



295 



kann. Es ist falsch zu glauben, daß Einrichtungen von 

eindeutiger Notwendigkeit sind; ein Unternehmen ver- 
liert seinen schöpferischen Leiter: unter seinem Nach- 
folger schlägt es neue Richtungen ein; der Sturm fällt 
den Hauptast eines Baumes: der Nebenast begrünt sich 
stärker und wird zum Hauptast; ein Staat wird im Kriege 
besiegt und gewinnt neue Aufgaben und Bildungen. 
Voraussetzung ist Lebenskraft und Umwelt, bestimmend 
ist Bewußtseinsinhalt und Wille, vieldeutig, doch stets 
zum Schicksalsziele führend ist Bau und Wachstum. 

Deshalb ist es irrig, scheinbare Grundformen der Ver- 
fassung als primär entscheidende Erscheinungen hin- 
zustellen: Aristokratie und Demokratie, Parlamentaris- 
mus und Absolutismus. Wenn jemand mich fragt, ob 
ich Demokrat oder Absolutist sei, so kommt es mir vor, 
als ob er im Sinne der Scholastik mich auf Nominalis- 
mus oder Realismus prüft; ich kann nur das vedische 
„nein, nein!" ihm entgegenrufen. Eine radikale Demo- 
kratie kann sich als versteckter Absolutismus oder piuto- 
kratische OHgarchie enthüllen, ein absolutes Staatswesen 
als leicht überdeckte zügellose Herrschaft des Haufens. 
Jede dieser Kategorien, auf reinste Form gebracht, wird 
vnl^komnien sinnlos: Niemals kann ein Einzelner alle 
Macht haben, er sei denn unendlich; niemals kann ein 
Demos eigentlich regieren, er höre denn auf, Demos 
zu sein. Die Institutionen zivilisierter Staaten, mögen 
sie verschiedene Namen und äußere Formen tragen, 
sind in der Zusammensetzung ihrer verwickelten Gleich- 
gewichte ähnlicher als man vermutet, weit verschie- 
dener ist der Geist, der sie erfüllt. Im allgemeinen reifen 
sie, indem sie sich von ihren Ursprüngen hinwegbegeben, 
die Republiken, indem sie konservativ werden, die Mon- 
archien, indem sie sich liberalisieren. 



«94 



Wenn das Ge wissen des deutschen Volkes es wollte, 
so würde ohne Änderung einer Zeile des geschriebenen 
Rechts — einschließlich des preußischen Wahlrechts — 

jeder Wunsch des werdenden Volksstaates erfüllt. Denn 
dränge der Ruf nach Verantwortung und Freiheit, der 
diese Schrift erfüllt, durch tausend hellere Stimmen 
erhöht und gekräftigt in die Seelen der Deutschen, so 
würde allen materiellen Sonderinteressen zum Trotz 
alles parteiliche Denken so stark ergriffen, daß unab- 
hängig von aller Geometrie und Arithmetik der Wahlen 
die rechten Männer gefunden und die rechten Gedanken 
verwirklicht würden. Die Parteien waren eben dann 
nicht mehr, was sie heute sind: Interessenprogramme 
mit phraseologischer Entschuldigung, sondern die natür- 
lichen Gegensätze des Wie auf dem gemeinsamen Boden 
des Was. 

Indem ich unbedenklich dem trägen Bekenntnis zum 
Bestehenden dieses starke Argument überliefere, gedenke 

ich um so vertrauensvoller der Jugendkraft unsres neu- 
gemischten und neuerprobten Volkes, dem es zwar auf 
den Wein ankommen wird und nicht auf die Schläuche 
und das dennoch einige der verbrauchten erneuern wird, 
damit, nicht zuviel des Geistigen ungenossen verrauche. 
Deshalb hinweg mit den gefürchteten Gespenstern dei 
Demokratie und des Parlamentarismus, der Oligarchie 
und des Absolutismus! 

Auch der strengste Absolutismus ist Demokratie, wenn- 
gleich in gefälschten Formen. Der absolute Djnast hat 
das Recht und die Macht, jeden Teil seines Volkes, 
auf den sein Blick sich gerade richtet, zu zertreten und 
zu vernichten. Jedoch der unzertrctene Teil — und 
alle zertreten kann er nicht — beherrscht ihn selbst und 
herrscht durch ihn, wenn auch unter Wahrung byzan- 



295 



tinischer Formen. Absolutismus ist Volksherrschaft eines 
Voiksteils über den andern, und diese Partialdemokratie 
stuft sich ab bis zu der feudalen oder plutokratischen 

Vorherrschaft konstitutioneller Monarchien, Man 
wende nicht ein, daß die Person des Dynasten gewisser- 
maßen ein Drittes, eine selbständig auftretende Sin^ 
gularmacht sei. Kaum an den großen Wendepunkten 
von Krieg und Frieden kann die Person eine solche freie 
Schicksalsmacht zum Glück oder Verhängnis entfalten; 
der Bau des neuzeitlichen Staates ist so unendlich yer* 
zweigt, daß jene dritte Macht zur dauernden Wirbam- 
keit nicht gelangen kann^ auch wenn sie die kon- 
tinuierliche Genialität der Unabhängigkeit in sich trüge. 
Vor Zeiten konnte der Drnast die dritte Politik, etwa 
die der Hausmacht oder der Kirche oder eines Fremd- 
staates oder der gutsväterlichen Erziehung verkörpern; 
heute herrscht durch ihn hindurch ein Volksteil über 
den andern. Einer OHgarchie geht es nicht besser; auch 
sie kann ihren Plutokratismus nur durch Gefolgschaft 
zur Geltung bringen; ein von ihr beherrschter, in Wahr- 
heit sie beherrschender Volksteil muß hinter ihr stehen, 
damit die Restmasse geknechtet weiden kann. 

Ebenso ist Demokratie als reiner Begriff unmöglich, es 
sei denn in jenen seltenen und kurzen Zeiten des Über- 
ganges, in denen ein Pöbel, und zwar ein sehr oligar- 
chischer, das Volk beherrscht, während für eine Spanne 
die herkömmliche Autorität unsichtbar wird. Gibt es 
überhaupt geordnete Formen der Regierung — und 
ohne sie könnte heute ein zivilisierter Staat nicht länger 
als wenige Monate auskommen — , so kann niemals das 
Volk diese Regierung ausüben. Es bleibt ihm nichts 
übrig, als seine Mächte zu übertragen, nämlich an Ver- 
trauensleute, und so eine jeweilige Oligarchie und Ab- 

296 



fiolutie zu schaffen, der es doch wohl oder übel die 

stärksten Rechte ^egen sich selbst cini<iuinen mu ß. Und 
nun erheben sich vielfach jene Mißstände, die uns Deut- 
schen als spezifisch demokratisch erscheinen und unsre 
große Abneigung gegen diesen Scheinbegriff erwecken. 
Das Volk kann, sooft es will, seine Vertrauensmänner 
in ihrer Berufsarbeit stören, sie durch unsachliche Kon- 
trollen ermüden, sie zur Unzeit abberufen, unfähige 
Lieblinge mit Ämtern betrauen. Der Kampf um die 
Macht beginnt und wird zügellos. Lärmende Wahl- 
kampagnen setzen ein, Bestechung der Wähler wird ge- 
übt und aus der Korruption der Ämter bezahlt; der 
Schwätzer und Schreier, der Abenteurer und der Krösus, 
Advokaten, Journalisten, Spekulanten und Generale 
balgen sich um die Macht und das Geld. Daß diese 
Dinge mit veränderten Namen auch in Monarchien sich 
abspielenkönnen : als MinistervergeudungjDilettantismus, 
Regierungsstörung, Intrige, Kriecherei, Bluff, Beste- 
chung, Kamarilla, Militärherrschaft, Klassenjustiz, und 
wie sonst die Gegenstücke heißen mögen, dies berührt 
uns nicht. Es berührt uns nicht, daß auserlesene Dyna- 
sten diese Verbrechen in gewissen Grenzen zügeln kön- 
nen, daß gute Demokratien, wie etwa die der Schweiz, 
der Niederlande, des schwedischen Reichs, der Hansa- 
städte und vieler deutscher Kommunalverwaltungen sie 
niederhalten. Diese Dinge haben nicht mit der Form, 
sondern mit dem Wesen zu tun, sie sind Geisteszüge 
der Völker, denen sie entspringen. Was uns betrifft, 
ist dies; Auch die Demokratie ist nicht Herrschaft des 
Volkes, sondern die Belierrschung eines Volksteiles durch 
den andern; meist des ländlichen durch den städtischen, 
des permanciii armen durch den permanent reichen, des 
ungebüdeten durch den halb gebildeten oder zivilisierten. 

297 



Die anscheinend so tiefgreifenden Gegensätze der Ver- 
fassungsform dringen also nicht ins Innerste. Sie haben 
sehr ähnliche Lasten und Tugenden, sie haben sehr ver- 
schiedene Formeln und Riten; sie sind in guten und 
schlechten, kraftvollen und schwachen Vorbildern wirk- 
sam; aber sie sind an sich darin gleich, daß sie das 
Volk in herrschende und beherrschte Massen spalten« 

Da nun neue Vorstellungen sich deutlicher einprägen, 
wenn sie an einen neuen Klang gebimden werden, so 
mag der Begriff der Organokratie den Anspruch aus- 
drücken, den der Volksstaat an sein Verfassungsgebilde, 
gleichviel ob es dynastische oder demokratische Außen- 
formen trägt, zu stellen hat; wobei doch niemals ver- 
gessen werden soll, daß auch im Lichte dieses Begriffes 
nicht der Buchstabe entscheidet, sondern der Volksgeist. 

Der Begriff aber bedeutet, daß überhaupt kein Ruhe- 
zustand beherrschter und heirrschender Massen eintreten 
darf, sondern daß das organisch bewegte Leben im Auf- 
und Abstieg der Geister und Kräfte herrscht. Jedes 
Glied der Nation ist aufgerufen zu Herrschaft und Dienst, 
Verantwortung und Leistung. Nirgends darf der Geist 
versumpfen und nirgends verschmachten. Jeder zurei- 
chenden Kraft muß ihr Anspruch auf Bildung und an- 
gemessene Arbeit gewährt sein; es herrscht nicht Gleich- 
heit der Rechte und Pflichten, sondern Gleichheit des 
Zutritts; es besteht kein gemeiner Anspruch auf Aus- 
eiwähkmg, wolil aber auf Berufung. Das Volk herrscht 
nicht und regiert nicht, doch bildet es den stets sich 
erneuenden Urstoff der Herrschenden und Regierenden, 
mit Ausnahme der Monarchie, die losgelöst und erb- 
lich für sich allein steht, auch wenn es ihr nicht ver- 
wehrt sein sollte, ihren Stamm durch gesundes Volks- 
blut zu erneuen. Immer werden erbliche Vorzüge er- 



298 



halten bleiben, denn Gesinnungen, Erfahrungen, Bil- 
dung-4ind Begabung können sich vererben; doch um 
wirksam zu sein, bedürfen sie des Beweises; aus Abstam- 
mung allein dürfen ebensowenig erbliche Tugenden und 
Veranlagungen wie Laster und Entartungen gefolgert 
werden. Volksbildung und Erziehung wird schlechthin 
die höchste aller innem Aufgaben, die sorgsamste Aus- 
lese und Fortbildung jeglicher Begabung zur Grund- 
lage aller sozialen Arbeit. Religion und Kult genießen 
die Unterstützung des Staates, jedoch unter freier Ent- 
wicklung ihrer Lehren; niemandem steht das Recht zu, 
die seelischen Güter der Nation im gemeinen Interesse 
ständischer oder gesellschaftlicher Abhängigkeiten zu 
mißbrauchen. 

Der Einwand des Utopismus, der an dieser Stelle mit 
Sicherheit zu erwarten steht, kann dialektisch niemals 
widerlegt werden. Wer im Leben gewohnt ist, Ent- 
schlüsse zu fassen und durchzuführen, die der Kritik 
und Voraussage unterworfen sind, weiß, daß dem hoff- 
nungsvollen Gedanken stets das unerbitthchste „Unmög- 
lich** entgegengehalten wurde. „Uferlose Pläne", „wei- 
tes Feld", großzügig gedacht aber un realisierbar" sind 
die Stichworte aller unproduktiven Einwendungen und 
haben manchen Entschluß getötet. Nur möge man sich 
fragen, unter welcher Gefühlstönung des Vernehmens 
denn überhaupt Starkes und Gutes in die Welt treten 
kann. Unter Zustimmung niemals, denn jeder stimmt nur 
dem zu, was ihm geläufig ist; was aber als Forderung ge- 
läufig ist, das ist falsch, denn wäre es das nicht, so wäre 
es ja durch die übereinstimmende Meinung langst ver- 
wirklicht. So sind denn jene geringschätzenden Aus- 
rufungen stets der Gruß der Welt an das Gute ge- 
wesen, und jeder, der es brachte, hat ihn erfahren; 



199 



was nicht diesen Gruß empfängt, das kann nichts 

taugen. 

Auch ich weiß, daß dieser Satz nicht umkehrbar ist; 
es gibt Dinge, die uferlos erscheinen und es auch sind. 
Doch bleibt es von Wert, wo innere Gewißheit spricht 

und Beweise versagen, die Zuversicht zu rechtfertigen, 
die aus einigen Erfahrungen die Kraft nimmt, nicht 
gleich beim ersten Weheruf „Utopien!" in die Knie 
zu brechen. 

Beweisen freiHch läßt sich die MögHchkeit nicht, 
einen Staatsaufbau zu schaffen, der als ein lebendiger 
Organismus seine edelsten Kräfte aus allen Schichten 
des Volkskörpers zieht und sich die Aufgabe stellt, aus 
sechzig MiUionen Menschen jederzeit ein Aufgebot von 
Genialitäten, Begabungen und Charakteren zu erzeugen, 
das die napoleonischen Ernten verdunkelt; einen Auf- 
bau, der unbeschadet der Verschiedenheiten mensch- 
licher Anlagen und Pflichten nur freie, ihr Schicksal 
selbst bestimmende Menschen umfaßt. Beweise gibt es 
nicht, doch Analogien. Von allen großen und blühenden, 
sich selbst organisch erneuenden Menschheitsgebilden 
greife ich ein deutsches heraus: die preußische Armee. 

Daß der berufliche Eintritt in diesen Organismus nicht 
jedem freisteht, ist bekannt und kommt hier nicht in Be- 
tracht; hier handelt es sich um den Vorgang der freien 
und selbsttätigen Auslese vom Leutnant bis zum General- 
stabsoffizier, Regimentskommandeur und Brigadier; 
oberhalb dieser Grenzen setzen andre Prinzipien der 
Selektion ein, die nicht zur Erörterung stehen. Der 
Weg der Prüfungen und Beobachtungen, das System 
der kriegsakademischen, praktischen und stabsmäßigen 
Ausbildung ist bekannt; nie ist in Zweifel gezogen wor- 
den, daß diese Formung aus Zehntausenden von Kräften 

300 



fast restio« die stärbten zu entscheidenden Verant- 
wortungen emporleitet, die ungeeigneten aussondert und 
die mittleren zu normalen Aufgaben anhält. Da das 
feudale Prinzip bei der ersten Auswahl der Zuzulassen- 
den sich bereits hemmungslos betätigen konnte und so- 
mit die Normalisierung der Gesinnung den ganzen Kör- 
per umfaßt, scheidet innerhalb des Selektion s Vorganges 
selbst jede Standesrücksicht aus, die Auslese ist mithin, 
so erstaunlich dies klingen mag, eine demokratische, nicht 
in dem abwegigen Sinne, daß der Aufstieg durch Majo- 
ritlitswahlen erfolgt, sondern der Art, daß eine durch 
keinerlei Standesvorrechte bestimmte Vorgesetzten- 
schicht aus einer gleichartigen Subaltemschicht sich 
ständig nach pflichtmäßiger Auswahl ergänzt und er- 
neut, und zwar, was entscheidend ist, ohne Eingriff 
von außen, ohne Monopol der Anciennität und Be- 
schränkung der Konkurrenz der einmal zugelassenen 
Zehntausende. Selbst den beiden unmilitärischen Köni- 
gen, dem zweiten und vierten Friedrich Wilhelm, ist es 
nicht widerfahren, daß der Geist der Armee erschüttert 
wurde; der Körper ist so gesund, die Methode so voll- 
kommen, daß selbst unter gebrochener Spitze das orga- 
nische Wachstum fortlebt. 

Diese kurze kritische Betrachtung politischer Grund- 
begriffe darf nicht 5>cschlossen werden ohne einen Hin- 
blick auf das Wesen des Parlamentarismus; denn trotz 
aller berechtigt wachsenden Abneigung gegen die Volks- 
vertretungen aller Staaten wird ihnen eine neue und 
bedeutende Aufgabe erwachsen. 

Ursprünglich standische Versammlungen, die Lasten 
und Auflagen bewilligten und verteilten, sind auf dem 
Wege der Substitution des Grundes zu gesetzgebenden, 
in parlamentarischen Staaten zu regierenden Körper- 



301 



Schäften geworden. Aus der Urspningszeit ilirer stan- 

diochen und örtlichen Interessenvertretung haftet ihnen 
zumeist noch der völlig sinnlos und schädlich gewordene 
Modus der Bezirkswahlen an, der die Minoritäten ver- 
nichtet, das Land in zahlreiche, falsch abbildende Atome 
zersplittert und den Wahlakt verderbt. Die vorgestellte 
Wirkung der Parlamente äußert sich in der Übertragung 
der Mächte; das Volk überträgt die gesetzgebende Ge- 
walt, soweit sie ihm zusteht, auf eine Versammlung, • 
die Versammlung überträgt, im Falk des parlamentari- 
sehen Systems, die Exekutivgewalt einem Ausschuß. In 
Gedanken wird die gesetzgebende Macht von der exe- 
kutiven streng gesondert; in Wirklichkeit sind sie nicht 
zu trennen, denn im wesentlichen geht die Gesetzgebung 
von der Regierung aus, während die Volksvertretung 
dauernd in Form der Kontrolle und Bewilligung sich 
in die Geschäfte der Exekutive mischt. In beiden Fällen 
steht den Parlamenten die Kritik und Hemmung zu; 
vorwiegend verschlechtern sie die Gesetzentwürfe und 
stören die Verwaltung. 

Dennoch sind sie unentbehrlich. Der eine, mecha- 
nische Grund liegt auf der Hand: Sie erzvwngen Öffent- 
lichkeit und Kontrolle der Vorgänge und sichern eine 
gewisse äußere Übereinstimmung mit einem starken Teil 
der öflentlichen Meinung. Diese Wirkung ist notwendig, 
könnte aber auch mit andern und einfachem Mitteln 
erreicht werden. Den wahren Grund der Unentbchr- 
lichkcit erkennen wir, wenn wir absehend von aller 
theoretischen Phraseologie die praktische Wirkungsweise 
der Volksvertretungen beobachten und vornehmlich die 
Beispiele parlamentarischer Staaten im Auge behalten. 

Gedacht sind die Parlamente als Organe der Beratung: 
Das Volk im verkleinerten Abbild und Auszug bearbeitet 



30a 



seine Geschäfte. Dies ist in WirkHchkcit nie und nir- 
gends der Fall. Die Miniatur des Volkes ist vorhanden, 
und zwar in der Form eines mehr oder minder verzerr- ^ 
ten arithmetischen Abbildes. Dieses Zahlenbild grob 
skizzierter Interessen verdichtet sich zu Majoritäten und 
bildet so eine Art primitiven Filters, von dem angenom- 
men wird, daß es etwa diejenigen Vorlagen durchläßt, 
die dem jeweiligen Willen und Interesse der Volksmajo- 
rität entsprechen. Auch dies ist eine Fiktion, denn das 
Volk nimmt an den Vorlagen in der Regel geringen 
Anteil, Parlamentsatiflösungen und Neuwahlen ergeben 
häufig ein verändertes Bild, und die Majorität des Par- 
laments deckt sich in ihrer Zusammensetzung selten mit 
der Majorität des Volkes, sofern von einer solchen in 
konkreten Fragen überhaupt gesprochen werden kann. 

Ein gewisses arithmetisches Abbild ist also vorhanden, 
mag es auch kein zutreffendes sein, und dieses Abbild 
wirkt durch Abstimmung. Jedoch es berät und bearbeitet 
nicht. 

Das Parlament redet. Die Rede ist Empfehlung oder 
Protest, Elritik, Begründung oder Theorie, doch ist sie 

nicht bestimmt, im Hause jemand zu überzeugen; sie 
ist als politische Kundgebung gedacht und soll auf die 
Regierung, die Öffentlichkeit oder den Wahlkreis wirken. 
Ausnahmen kommen in romanischen Landern, bei uns 
in Augenblicken hoher Erregung vor, wenn Stimmung 
die Überlegung bewältigt. Wenn nun das Parlament 
weder berät noch arbeitet, sondern redet und abstimmt: 
wie kommt parlamentarische Arbeit zustande? Durch 
drei halbofHzielle Organisationen: Die Partei, die Frak- 
tion, die Ausschüsse. In parlamentarisch verwalteten 
Staaten führt der vornehmste und permanente Aus- 
schuß als Kabinett die Regierung; in halbparlamenta-* 

303 



rischcr Verfassung yerhandeln die Ausschüsse mit der 

Regierung und in sich selbst, soweit nicht die Partei- 
führer in persönlicher Absprache die Geschäfte er- 
ledigen. 

Das Parlament ist somit nicht solidarische Vertretung 
und Beratungsstätte des Volkes, sondern die Börse der 
Parteien^ sofern dieser Begriff nicht im Sinne persön« 
lichmaterieller Interessenvertretung, sondern des ge- 
schäftlich handelnden allgemeinen Interessenausgleichs 
verstanden wird. 

Der Teil der Volksvertreter, der in Acw Zwischen- 
organisationen keine entschiedene Tätigkeit ausübt, 
wirkt, abgesehen von Gelegenheitsreden und Fürsprachen 
für Wahlkreisangelcgenlieiten, statistisch. In vielen 
roraanisierten Ländern ratrappiert er sich geschäftlich, 
in andern amtet er aus Liebhaberei, gelegentlich in Ver- 
bindung mit einer privaten Beschwerdekanzlei, die aus 
ideellen Motiven, jedoch mit der Wirkung der Pression, 
die Behörden drangsahert. Wirkliche Agenten des Volkes, 
genauer der Partei, sind die Führer, und ihre Zahl ist 
um so größer, ihre Begabung um so stärker, je verant- 
wortlichere Aufgaben ihnen der Staatsorganismus zuweist. 

Dies Bild erscheint dem ersten Anblick seltsam und 
doch bei näherer Betrachtung vernünftig; wagt man 
es, den gegebenen Wirklichkeiten fest ins Auge zu 
blicken, so ergeben sich Folgerungen, die den parla- 
mentarischen Apparat aus einem notwendigen Übel in 
einen entwicklungsfähigen und fruchtbaren Organismus 
verwandeln. Wir müssen daher noch ein kurzes bei der 
Frage der Notwendigkeit beharren. 

Auch unabhängig vom Idealbegriff des Volksstaates 
kann eine Bearatenhierarchie — denn eine solche ist die 
normale Regierung — auf die Dauer sich nicht lebens- 

904 



kraftig erhalten, wenn sie auf sich selbst gestellt bleibt. 
Der Vergleich mit der Armee trifft hier nicht zu; denn 
bei einseitigeren und konstanteren Aufgaben steht dieser 
ein ungleich größerer, rascher sich erneuender Stamm 
yerantwortlicher Kräfte und, als Vergleichsmaß, die ana- 
loge, gleichgerichtete Konkurrenz des Auslandes zur Ver- 
fügung, während die Leistungen einer Regierung nur 
in ihren Endergebnissen, nicht in ihren Maßnahmen 
auswärtige Vergleiche zulassen. 

Vor Zeiten, als die Verwaltung eines Königreichs nach 
Art und Geschäftsumfang einer Domäne sich bemaß, 
konnte ein hausväterlicher Monarch durch Überblick und 
Stichproben sein Land überwachen, in sich selbst den 
Maßstab seiner Regierungsorgane tragen und durch ein 
einfaches Testament die Grundsätze der Sparsamkeit, 
Unbestechlichkeit und Schlagkraft vererben. Heute über- 
trifft ein einzi Ressort wie Telegraphie oder Gesund- 
heitspflege den Gesamtumfang der friderizianischen Ver- 
waltung; ein begabter Monarch, der auch nur die wich- 
tigsten der Verwaltung$vori;iliigc zur Kenntnis nehmen 
wollte, würde, von Tatsachen erdrückt, ein Gefähr- 
liches imtemehmen, wenn er auch nur den Schein einer 
sachlichen Kontrolle erwecken wollte. Eine losgelöste 
Regierung jedoch würde, selbst wenn sie nicht durch 
Inzucht erstürbe, nicht nur zum Tschin verknöchern, 
sondern auch einer entwickelten Wirtschaft und Mei- 
nung gegenüber sich rettungslos festrennen. 

Die zweite und unabhängige Instanz aber kann eben- 
sowenig wie vom Eia2,einen von einem Senat oder Tri- 
bunal gebildet werden, deim hier mangelt die unab- 
hängige Beweglichkeit; nicht von ständischen Korpora- 
tionen, denn hier herrschen materielle Berufsinteressen. 
Vor Jahrhunderten hat die Kirche eine unabhängige 

ao Ji«tk«Bftii/ Von lioiniTMilykin Diiigoo S^5 



Instanz gebildet; heute kommt nur das Volk in 
Betracht. 

Doch hier setzt die Gegenschwierigkeit ein. Weder 
kann eine Menge herrschen, noch auch nur beraten. 
Von ihr ist nicht inteilektuale Entscheidung zu ver- 
langen, sondern allgemein umrissenes Willenselement. 
Selbst die Vorstellung einer Vertrauenswahl, die im 
kommunalen Organismus Platz finden kann, hält dem 
Staatsorganismus gegenüber nicht stand. Eine Zentral- 
macht kann nicht auf örtUchen Vertrauensleuten be- 
ruhen; sie erfordert Politiker und Staatsmänner. Auch 
für die Beurteilung dieser Zulänghchkeit fehlt einer 
Wählermenge die Fähigkeit; urteilskräftig hingegen ist 
sie im Anschluß an ein ihr veiständUches und geläu- 
figes Parteiprogramm. Abermals begegnen wir der Para- 
doxie unsrer Wahlsysteme, die Parteiwahlen schaffen 
und wollen, während sie Ortj: wählen verordnen. Wir 
kommen hierauf zurück; für den Augenblick ist der 
springende Punkt der, daß aus den atomistischen Wol- 
iungselementen der Wahl zwar eine Volksvertretung her- 
vorgeht, doch nicht ein arbeitsfähiger, kontrollfähiger 
oder regierungsfähiger Körper. 

Die Übertragung der Mächte versagt; sie muß er- 
setzt oder ergänzt werden durch eine neue Abwälzung: 
nämlich auf die politische Partei, und von dieser wieder- 
um auf die poHtischen Führer. 

Die Partei bildet die Zusammenfassung eines be- 
stimmten, geistig, stimmungsmäßig, materiell umris- 
sencn Volksteils, einer Willenseinheit, eines Volks im 
Volke. Landesteile, Provinzen, Bezirke, Städte können 
örtliche Gemeinschaftsinteressen auskristallisieren und 
durch diese hindurch mittelbar zur Staatspolitik gelan- 
gen; aber die Summe örtlicher Interessen an sich macht 



306 



Staatspolitik nicht aus. Die Partei dagegen hat zum 
Zentralwillen ein unmittelbares Verhältnis, und da sie sich 

örtlich zusammensetzt, schließt sie Distrikteinteressen 
nichtaus, ohneauf ihnen zu ruhen. DieParteiist organisier- 
bar, in sich zusammenhängend, auf dauernden Austausch 
und fortlaufende Arbeit gestellt; sie kann daher mit 
vollem Urteil Organe und Einzelkräfte bestellen. 

Es hat sich somit im stillen und nn abhängig von ge- 
schriebenen Verfassungsworten der Zwischenorganismus 
gebildet, der die Riesenvölker unsrer Zeit willensfähig 
macht; diese selbsttätig entstandene Schöpfung ist ge- 
sund und organisch und steht daher auch zur Forderung 
des Volksstaates nicht im Gegensatz. Wenn wir daher 
den eigentlichen Mechanismus der Volksvertretung als 
Verhandlungsstelle, als politische Börse der Parteien be- 
zeichneten, so liegt in diesem Begriffe keine Gering- 
schätzung, sondern der zugespitzte Ausdruck einer ver- 
wertbaren Realität. 

Indem wir dieser Realität handfest nähertreten, er- 
kennen wir den eigentlichen Sinn der Volksvertretungen 
unsrer Zeit, sofern sie richtig verstanden und ausge- 
bildet werden: Das unvollkommene, doch ähnhchexe 
arithmetische Abbild der VolkswoUungen, das in der 
Parteizusammensetzung gegeben ist, bildet den dyna- 
mischen Untergrund, das Kräftemaß für den Rückhalt 
im Volke; es würde fast genügen, wenn in jeder Wahl- 
periode dieses Kräfteverhältnis auf Tafdn verzeichnet 
im Saale hinge und jede Führerstimme mit der Partei- 
zahl multipliziert würde; uncntbehrlidi ^bci ist der 
seltsame und nicht immer eriieuliche Parlaments- 
apparat deshalb, weil er eine Auswahl und Schule 
des Staatsmanns und Politikers ist — oder sein 
sollte. 



307 



Diese Wesenhaftigkeit kommt in parlamentarisch ge- 
fühiten Ländern im schlechten und im guten Sinne 
weit stärker als bei uns zur Geltung, obwohl eine bewußte 
Klarheit des Zusammenhanges auch dort nicht zu be- 
stehen scheint. Die Dynamik wirkt lebendiger, und zwar 
zum Schaden, indrm sie in allzu häufigem Wechsel, oft 
unabhängig von der Stimmung des Landes, Regierungen 
erneuert und den Zusammenhang der Geschäfte stört; 
die Auslese und Schulung wirkt im Verhältnis zu den 
geistigen Durchschnitten jener Länder unendlich er- 
folgreicher, indem sie aus kargerem Boden reichere und 
häufig bessere Geistesernten gewinnt. 

lu diet in Zu am inen hang wird die geringe Volks- 
tümlichkeit, die schwache Substanz, der mangelhafte 
Wirkungsgrad der deutschen Parlamente, insonderheit 
des Reichstages verständlich. Der örtliche Wahlakt 
schreckt ab. Die Herauspeitschung einer absoluten Ma- 
jorität aus einem Bezirk, der nicht stark politisch ge- 
stimmt zu sein braucht, setzt Mittel voraus, die eben- 
falls nicht immer rein politische sind. Fehlt an der 
geforderten Majorität eine Stimme, so sind Zehn tausende 
von Stimmzetteln ohne Wirkung abgegeben und eine 
gewaltige, vielleicht hochintellektuelle Minorität bleibt 
ohne politische Vertretung« Ortsgrößen haben einen 
Vorsprung. Ortlichen Wählern werden oft Dinge er- 
zalilt und versprochen, die mit dem innersten Wollen 
des Redners wenig zu tun haben« Es sind nicht immer 
die geistigsten und ehrlichsten Naturen, die an solchen 
Voraussetzungen Gefallen finden. 

Das Leben der Parteien mit Ausnahme der agrari- 
schen und sozialistischen ist schlecht und kleinhch orga- 
nisiert und ausgestattet. Neben dem Stammtischgast, 
dem Vergnugungs- und Berufspolitiker und Zeitungs- 



leg er müßte die ganze denkende und indikende Intelli- 
genz des Landes in Klubs und Vereinen, in Vortraga- 
und Wahlversammlungen sich zusammenfinden, um das 
Schicksal des Staates zu beraten; die stärksten politi- 
schen Kräfte des Volkes müßten in ständigem Austausch 
mit ihren Freunden und Mandanten bleiben, aus Kanne- 
gießerei und Personalkritik müßte Nlitarbeit weiden. 

Nun aber schließt sich der Zirkel: Tragen diese 
mangelhaften Voraussetzungen dazu bei, daß nicht die 
stärksten Kräfte des Volkes sich der Politik widmen, 
und somit die Volksvertretungen an Einsicht und Macht 
verarmen, so ist es wiederum die Stellung und Arbeits- 
weise des Reichstages selbst, die diese stärksten Kräfte 
zurückschreckt. 

Auf leeren Bänken sitzen, Frdaionsbeschlüsse durch- 
führen, Wahlreden anhören und gelegentlich für die 
Sekundärbahn des Kreises oder die Ziegenhaltung ein- 
treten ist nicht für jeden der Ersatz eines hingegebenen 
Arbeits] ahres. Der Bedarf an Fraktionsführem und Aus- 
schußarbeitern ist nicht groß, und bei der parlaments- 
müden Stimmung des Landes mag mancher schon die 
saloppe Frage sich vorgelegt haben: ,Wenn schon?* 

In parlamentarischen Staaten fühlt jeder der Volks- 
boten sein Poriefeuille in der Tasche, manchmal schlim- 
meres. Sind diese Motive nicht edel, so sind sie stark. 
Bismarck hat, und nicht mit Unrecht, den Reichstag, 
als das Geschöpf seiner Hände sich auflehnte, erniedrigt. 
Häufig hat das Volkshaus sich selbst zur unfruchtbaren 
Kritik verdammt, selten hat es erlösende Worte und 
Taten gefunden. So ist seine schöpferische Macht nicht 
gewachsen; nur zum Schöpferischen jedoch lassen sich 
die exponentialen Geister der Nation gewinnen. Nun 
tritt die Abneigung des deutschen Volkes hinzu, dem 

109 



alles Rednerische und Propagandistische fremd ist, das 

in politischen Meinungen sich nicht sicher fühlt und 
mißmutig wird mit jedem neuen unerfüllten Verspre- 
chen, das aber ein gesundes Empfinden hat für mensch» 
liehe Eigenschaften und schließlich die ehrliche Arbeit 
der Regierung, die es vor sich sieht, höher stellt als 
die Dialektik ihrer Kritiker. 

Einer tiefen Reform des deutschen Parlamentarismus 
bedarf es, nicht nur im Hinblick auf den Volksstaat, 
sondern schon um der kahlen Notwendigkeit willen, eine 
gesicherte politische Existenz schlechthin zu schaffen. 

Die Beseitigung der Ortswahl ist die erste Notwendig- 
keit und ihr Ersatz durch ein gesundes Proportional- 
system. Diese Forderung ist wichtiger als alle übrigen 
Wahl rech tsänderungen, Preußen und Meddenburg in- 
begriffen. 

Das zweite ist die Ausgestaltung der Parteien und 
ihrer Organisationen. 

Das dritte ist, den deutschen Parlamenten einen posi- 
tiven Inhalt und die MögHchkeit schöpferischer Arbeit 
zu geben außerhalb der bloßen Gesetzesmacherei und 
Geldbewilligung. Das bedeutet nicht die rückhaltlose 
Forderung des parlamentarischen Systems, das an sich 
weder gut noch böse ist, dem normalen Deutschen aber 
heutzutage einen kalten Schrecken einjagt. Ist es der 
gegenwärtige Sinn der Volksvertretungen, als Korrektiv 
der Beamtenhierarchie eine Schule des Politikers und 
Staatsmannes zu bilden, so kann nicht der Schulgang 
Selbstzweck des Schülers werden mit der schmichtigen 
Hoffnung auf die kritisch-dialektischen Erfolge und den 
tolerierten Regierungseinfluß eines Fraktionshäuptlings. 
Es hieße, zu weitgehend den ideellen ßelbstverzicht 
normaler Naturen in Rechnung stellen, wollte man er- 

310 



warten, daß talentierte und tatkräftige Menschen, zur 
Kontrolle der wichtigsten Regierungshandlungen be- 
rafen^ sich dauernd mit halbinformierter Beobachtung 
und nachträglicher Begutachtung zufrieden geben, statt 
einzugreifen. Die Stimmung, die aus dieser Haltung 
hervorgeht, ist überdies schädlich; sie schlägt nur zu 
leicht um in nörgelnden Pessimismus und verkümmert 
das letzte^ was der übeikontroUierten Regierung an 
Schaffensfreude bleibt. Vor allem aber lernt der zur 
Kriük herane:preifte Staatsmann nie das Wesentliclif-, er 
lernt parlamentarische Methoden und gesetzgeberische 
Formalarbeit^ doch niemals die Verantwortung des Han- 
delnden, Erfindenden und Schöpfenden. Was man nicht 
kennt und machen kann, das kann man im letzten Sinne 
auch nicht beurteilen. Ein Staatsmann muß schaffende 
Verantwortung tragen oder getragen haben, um einer 
zu sein; der Spieler stummer Klaviaturen wird nicht 
zum Künstler; der verantwortungslose Kritiker vergißt 
seine Irrtümer und wird mit dem Gefühl der Unfehl- 
barkeit impotent. Der Beruf zieht den Menschen nicht 
aufwärts noch abwärts; wohl aber zieht er den Menschen 
heran, dem er und der ihm entspricht. Abermals sclüießt 
sich ein Zirkel: Der Beruf unsres Parlamentes schafft 

mm 

nicht die rechten Staatsmänner; die vorhandenen können 
endgültige Wege und Ziele nicht erkämpfen; die Unvoll- 
konunenheit der Leistung schreckt fähige und verant- 
wortungsfreudige Kämpfer ab, die Aufzucht versagt ^ 
und der Kreislauf beginnt von neuem. 

Auf das Volk, vertreten in der partialen Willensorga- 
nisation, die Partei heißt, wirkt dieser Zustand ent- 
politisierend. Kehrten die Männer, die eine Partei 
führen, aus dem Kreise einer verantwortlichen Erfah- 
rung zurück, besäßen sie die Kenntnis der inneren Vor- 



311 



geschichtcn, der Motive und Hemmungen, hätten sie 
den Blick erworben für dasjenige, was durchführbar und 
wünschenswert, was schimärisch und gefährlich ist, wären 

die Aktoren der europäischen Bühnen ihnen bekannt 
und durch schau bar, so würden die parteilichen Be- 
ratungen der Atmosphäre des Gefühlsurteils und der 
kannegießernden Bürgerpolitik entrückt; sie gewannen 
pragmatischen Wert. Sähe überdies der parteiführende 
Politiker sich in der Lage, gegebenenfalls von neuem 
aktive Verantwortungen übernehmen zu müssen, so 
wäre nicht nur ein Schutz gegen unfruchtbare Störung 
der Staatspolitik gegeben, sondern auch der Begriff 
einer Parteiverantwortlichkeit geschaffen, der im Sinne 
der Mäßigung und Realpolitik wirkte. Unter dem 
Schutze dieser Farteiverantwortlichkeit aber würde ein 
unschätzbares und unentbehrliches Gut erwachsen, auf ^ 
dessen Bedeutung wir zurückzukommen haben: ein In- 
begriff echter, erblicher, durchdachter, real -idealisti- 
scher Ziele der inneren und vor allem der äußeren 
Politik, der an die Stelle farbloser und phrasen- 
hafter Parteiprogramme mit täglich wechselnden Aus- 
deutungen träte und unserm politischen Schaffen ge- 
währleistete, was ihm aufs bitterste ooltut: Stabilität, 
Der Mangel an Stabilität, dies sei hier angemerkt, die 
Uberraschungsgefahr, die aus plötzlich auftretenden, 
undurchsichtigen und undurchdachten Zielen entsteht, 
verbunden mit stärkster militärischer Macht, feudaler 
Atmosphäre und der fast widerstandslosen Lenksamkeit 
eines vertrauensseligen Volkes: das ist die Gruppe von 
Voraussetzungen, die unsre Gegner mit dem unzutref- 
fenden Namen Militarismus bezeichnet haben. Es ent- 
spricht nicht unsrer Würde, uns nach der Willkür 
unsrer Feinde zu modeln, doch es entspricht höchstei 



Menschenwürde» f«lei Urtdl zu prüfen, es vom Unrecht 

zu befreien und mit Sinn zu erfüllen, auch wenn es das 
Urteil des Feindes ist. 

Wir bedürfen nicht unbedingt des parlamentarischen 
Systems, vor dem die Interessenten des Feudalismus, 

deg gefestigten und ungefestigten Kapitalismus, die 
beamtete Geiehrtenschaft, die der Probe unsicheren 
Politiker und der von diesen Elementen beeinflußte 
Teil des gebildeten Volkes sich furchten. Die Gründe, 
die man anführt, sind freilich abwegig: die Zersplit- 
terung der Parteien ist ein Grand nicht gegen, son- 
dern für das System; denn sie verlangt Koalitions- 
ministerien, die einen stetigen Ausgleich und zunichst 
selbst ein Übergewicht der älteren Regierungsgrundsätze 
zulassen; Stimmungsumschläge und Ministerwechsel 
würden in Deutschland weniger heftig und häufig ge- 
schehen als anderswo, weil unser politisches Tempera- 
ment kälter ist; Bestechlichkeit und Personalpolitik sind, 
wie die Erfahrung der Kommunalverwaltungen dartut, 
kaum zu befürchten ; Auswahl und geistiger Durchschnitt 
der Staatsmänner dagegen würde jede Erwartung über- 
steigen, wenn auch nur annähernd das gleiche Güte- 
verhältnis zwischen der Masse und den Erwählten ein- 
tritt, wie es in allen parlamentarischen Staaten be- 
steht. Vor allem muß hier ein^akademisches, zum Ge- 
meinplatz gewordenes Argument zurückgewiesen wer- 
den: die gefährdete geographische Lage Deutschlands 
fordere einen Lcwissermaßen halbstarren konservativen 
Vcrwaltungsaufbau. Gerade diese Gefährdung fordert 
hohe Beweglichkeit und Gelenkigkeit, fordert die wirk- 
samste Auslese der Kräfte; fordert, im Gegensatz zum 
politischen Dogmatismus, Fähigkeit zur Anspannung 
und zum zeitweiligen Opportunismus; die Gegenkraft 



3»} 



stärbter Beanspruchung von außen ist nicht Sprödigkeit 
Sondern Elastizität. 

Gleichviel; wir bedürfen keiner absoluten Parlaments- 
herrschaft, wohl aber der Erziehung der Parlamente und 
ihrer Staatsleute zur Wirklichkeit, zur Verantwortung und 
Macht, einer Erziehung der Parteien zur realen Arbeit, 
zur Tradition und politischen Zielen, einer Erziehung 
des Volkes zur Politik und Selbstbestimmung. Die Mög- 
lichkeiten der Verwirklichung sind mannigfaltig und ein- 
fach; sie bedürfen keines geschriebenen Gesetzes. Der 
leichteste, und im Stande unsrer schlaftrunkenen Indo- 
lenz schwerste Beginn wäre der, daß die Parlamente 
verlangen, ein Teil der Ministerien müsse aus ihren 
Mitgliedern bestehen. Der wahrscheinHchste und gänzlich 
unbrauchbare Beginn wäre die Anwendung unsres uni- 
versellen Verlegenheitsmittels: Kommissionen. Parlamen- 
tarische Ausschüsse natürlich, die man mit indiskreten, 
störenden und unverantwortlichen Befugnissen den 
Ämtern zur Seite setzte, so daß vor Auskunftserteüungen, 
Rechtfertigungen und Abwehr undurchführbarer Vor- 
schlage alle Selbstachtung und Schaffensfreude der Be- 
amten erstürbe. Es ist schade um Geister, die über die 
Irrtümer der Andern ihr lebelang berufsmäßig verzweifeln 
und sich standhaft weigern, an ihrer Stelle Hand an- 
zulegen. 

Mehrfach haben wir dem letzten Teile uriDier Aus- 
führungen vorgegriffen, der den Inbegriff unsres künf- 
tigen politischen Lebens bezeichnen und seine Anglei- 
chung an das Wesen des Volksstaats vermitteln soll* 
Zum Zeichen dessen, daß wir uns inmitten praktischen 
Lebens beiinden, wohin der Gang von höchster Anschau- 
ung uns geführt hat, wo wir verweilen, nicht als bei 
einem Ziel, sondern als bei einer rationalen Bekräftigung 



des Übergangs und der Anknüpfung an ein Künftiges, 
soll von nun ab die Behandlung sich vorwieg rfd der 

utilitarischen Denkform bedienen, denn in diesem Kreise 
muß der Schritt zum Endgültigen, um sich als realisierbar 
zu erweisen, zugleich ein Schritt zum zeitlich Er- 
strebenswerten sein. Als solches aber hat der Begriff 
von der Macht und Stetigkeit des Staates der Prüfung 
standgehalten. 

Nach dem Gesetze des Lebenskampfes und nach dem 
Bilde jedes Einzellebens und Kollektivlebens steht der 
Staat, auf sich selbst gewiesen, schutzlos und nur von 
seinem Genius eehütet im Kreise seiner Lebensgegner 
und Wettkämpier. Sein Erbteil ist ihm gegeben in der 
Kraft seines Bodens, seiner Lage und Sönes Volkes. 
Diese Gegebenheiten sind begrenzt, wie das zeitliche 
Erbteil eines Menschen, eines Tieres, einer Herde oder 
eines Waldes, begrenzt sind aber auch die Fundamente 
seiner Gegner. Unbegrenzt ist daher die Relation der 
Wirkung, denn diese vervielfacht sich durch die Macht 
des Geistigen. 

Ja diese Macht vermag die physischen Bedineungcii' 
ZU ändern; sie verzehnfacht den Ertrag des JBodens, sie 
entreißt der Erde ihre Schatze, sie bewältigt die Natur- 
gewalten, formt Küsten, Gewässer und Gelände, heilt 
Siechtum, kraftigt und vermehrt das Blut, bildet und 
vollendet ungeborene Geschlechter. Aus Massen schafft 
sie Organismen, denen verleiht sie Sinne, Denkens- und 
Willenskräfte und werktätige Glieder. In den Lebens- 
kampf aber dringt sie mit dreierlei Kräften ein: Mit 
äußerer Riclitkraft und Stoßkraft, mit innerer Wider- 
standskraft. 

Wenn zwei gleichstarke Organismen miteinander 
kämpfen, so siegt auf die Dauer derjenige, der weiß, 



315 



viras er wilL Stärken, Vorrechte, Unangreifbaikeiteii er- 
wachsen aus unscheinbaren, nnbegehrten, leicht beweg- 
lichen Saatkörnern, Der tausendjährige Eichenstamm, 
keiner Menschenkraft um einen Zoll verrückbar, ent- 
sproß der Frucht, die eines Kindes Hand entglitt, dem 
Urstrom hat ein Kiesel seinen Weg gewiesen, da Über- 
seereich entspringt dem falschen Kurs eines Schiffes, 
ein Adelsgeschlecht entstammt dem Rausche eines 
Herrn, eine Mädchenlaune bestimmt die Schicbale 
von Dynastien. Zeit und gleichbleibende Richtung 
verschmelzen TM einer Macht, der nichts standhält. 
Jeder Augenblick aber streut von neuem Keime des 
Unvergänglichen aus, nun und jetzt werden die 
Schicksale der Jahrtausende gesät, und der gleichgerich- 
tete Wille bestimmt, welches Korn aufgeht. Das beste 
Mittel, jede Saat zu zertreten ist aber, sich endlos auf 
dem gleichen Boden hin und her zu drehen, immer wie*- 
der die Scholle zu lockern, immer neue Früchte wahl- 
los zu versenken. Ein großer Handelnder ist unablässig 
ein Sämann, der andern die Ernte gönnt. Wer heute 
bedenkt und betreibt, was in einem, in zehn, in hundert 
Jahren wirklich sein wird und wirksam sein soll, schafft 
frei und ungehemmt^ belächelt, aber nicht behindert; 
später mißverstanden und unbedankt; aber meisterlich 
ausgestaltend und unbezwingbar. Das allcrrealste Schaf- 
fen ist das visionäre, sofern nicht das nebelhafte, von un- 
gemäßen Gefühlen verblasene Phantom, sondern die 
greifbar körperhafte Gestalt ihm entspringt. Wirklich- 
keit, schauend durchdrungen und vergeistet; Träume 
durch Willenskraft verdichtet und an die Erde gekettet: 
Das ist das Geheimnis aller Produktion. 

Getötet wird alles starke Schaffen durch den Hin- 
blick auf den Tag. Wer kurzatmige rasche Erfolge sucht, 

Si6 



wer seiner Zeit und seinen Gehilfen Schauspiele der 
Größe gibt und in historischen Momenten schwelgt, 
wer jeden Tag die reifenden Früchte betastet, statt zu 
graben und zu pflanzen, wer mißgelaunt jedes neue 
Ereignis als zeitraubende Störung betrachtet, statt ihm 
seine stärkste Seite abzugewinnen, wer mühsam Tages- 
pensen abarbeitet, Widerständen ausweicht, und statt 
zu erfinden erledigt: Der kann bestenfalls eine Stellung 
verteidigen und den Zusammenbruch aufhalten; Leben 
und Wachstum schaffen kann er nicht, denn alles Natür- 
liche stirbt ab, wenn es in die Defensive gedrangt ist. 
Sorgeidosigkeit im höchsten Sinne, die Freiheit von 
jedem persönlichen Wunsch und Druck, Kräfteüber- 
schuß, ausgedrückt in Humor und geistiger Suveränität, 
freie Verfügung über freie Zeiträume ohne Furcht vor 
Sturz und Nachfolgerschaft: das sind die Bedingungen 
weittragender politischer Richtkraft. 

Wer verwirklicht sie m unserm Staatswesen? Erb- 
reihen, in denen ununterbrochen Cäsar und Karl, Fried- 
rich und Bonapaite wechseln, würden nicht genügen, 
um einer Dynastie die Aufgabe zuzuwälzen. Die Stetig- 
keit dynastischer Politik ist stark beansprucht durch die 
Verteidigung der eigenen Stellung; sie wird beeinflußt 
durch den gefährlichen Wechsel verwandtschaftlicher 
und freundschaltlicher Beziehungen; nach Bismarcks 
Wort durch Frauen und Günstlinge, durch Lockungen 
territorialer Machterweiterung. Noch weniger ist von 
unsern unverantwortlichen Parlamenten politische Stabi- 
lität ZU erwarten, denn sie sind, wie wir gesehen haben, 
auf Tagesaufgaben, Kritik und Gesetzesmacherei ge- 
stellt, sie haben keinen inneren Zusammenhang, sondern 
zerfallen in feindliche Fraktionen, die ihrerseits farb- 
lose, untereinander zum Verweciisein ähnliche Ideal- 



und Parteibanner entfalten, in deren Schatten sie die 
anvertrauten Tages- und Wirtschaftsinteressen ver* 
arbeiten. 

Es bleiben die Minister und ihre Spielarten. Zu- 
statten kommt ihnen im Sinne einer gewissen traditio- 
nellen Stetigkeit die Identität ihrer politischen Über- 
zeugung. Was sie sind, können sie nur sein und werden 
auf Grund des offiziellen Konservativismus, jener feu- 
dalistisch-professoralen atmosphärischen Färbung, von 
der wir gesprochen liaben. Ist ihre Vergangenheit libe- 
ralisierend oder katholisierend behaucht, so finden sie 
Gelegenheit, ihre politische Normalität klarzustellen; 
ohne diese Läuterung könnten sie kaum auf Wochen 
in einer widerstrebenden Atmosphäre sich behaupten« 

Doch diese Übereinstimmung der allgemeinen poli- 
tischen Ansicht genügt nicht, um auf lange Zeiträume 
die Richtkraft innerer und äußerer Leitung zu sichern; 
und alle übrigen Voraussetzungen sind negativ. Mag 
die durchschnittliche ministerielle Lebensdauer sich von 
fünf auf zehn Jahre erhöhen: Sie ist zu lang oder zu 
kurz. Zu lang: wenn ein Mann den Inbegriff seines 
Lebensgedankens dem Staatsgeist vererbt hat und in 
Verwaltungsrutine abstirbt; '^u kurz: wenn ein Men- 
schenalter mit fernhinschauenden Planen umspannt wer- 
den soll. Welcher Schaffende begnügt sich mit An- 
fängen, die der Nachfolger unter dem Beifall der Gehilfen 
überlegen lächelnd beiseite schiebt oder, zur Unkennt- 
lichkeit verbessert, sich aneignet f Und wenn er das 
Opfer wollte, wie könnte er es erschwingen ? Eine Tages- 
politik drängt, die nach drei bis vier Seiten verteidigt 
werden muß: Von oben bestimmt der Monarch, von 
unten das Parlament, von der Seite droht die öffentliche ' 
Meinung, vielleicht auch das Ausland; ein halbes Wun- 

318 



der, wenn ein diagonaler Ausweg sich ergibt; zuviel 
verlangt, wenn er dazu den Schritt zum Absoluten lenken 
soll. Die Unfreiheit des Handelns wird aber weiter be- 
engt durch die Bedrängnis der Zeit; die Hälfte des 
Jahres verschmiizt unter parlamentarischer Arbeit, dem 
Suchen von Beweisen, Rechtfertigungen, Materialien, 
dem Verhandeln und Paktieren mit Kommissionen und 
Führern eines Parlamentes, das unermüdet seine kritische 
Aufgabe wichtig nimmt, an die Voraussetzungen schöp- 
ferischer Arbeit nicht gewöhnt ist und an die Stelle 
eines Einheitswillens zersplitterte Anregungen setzt, 
deren Ablehnung verstimmt und deren Annahme nicht 
verpflichtet. ^ 

Es fehlt unserm Staatsleben das Organ, welches die 
Richtkrc ft sichert. Solange die Stetigkeit dieser Kraft 
uns mangelt, solange unsre Ziele nach der Einstellung 
des Tages, nicht der Menschenalter und Jahrhunderte 
geregelt sind, bleiben wir bei gleicher Leistung jedem 
Wettkämpfer unterlegen, der weiter vorschaut und 
stetiger handelt; wir sind schlechthin auf die Länge im 
Wettkampf der Nationen nicht konkurrenzfähig. Der 
erschreckend schlechte Nutzeffekt unsrer äußeren Politik 
bei höchstem Aufwand an Arbeit und Mitteln erklärt 
sich zur Hälfte aus Mangel an Richtung. Das unerhörte, 
uns unbegreifliche Mißtrauen, das die Außenwelt jahr- 
zehntelang uns, die wir der Stille, der Aufrichtigkeit 
und Harmlosigkeit unsres Sinnes sicher zu sein 
glaubten, entgegenbrachte, ist eine der Folgen unste- 
tiger, somit unverständlicher, somit verdächtiger Hal- 
tung. Staaten des wildesten Parlamentarismus, schein- 
bar sprunghafter Entschlüsse, beständiger Regierungs- 
wechsel, haben trotz scheinbarer Zusammenhangslosig- 
keit ihres WoUens durch die Richtkraft ihrer £nt* 



319 



Schlüsse uns übertroff en; denn such die einseitige, die 
absonderliche, die fanatische Richtung erzwingt den 
Erfolg, wenn sie stetig bleibt. 

Kein künstliches Organ kann auf die Dauer dem Staate 
Richtung geben, weder Ämter, Kommissionen, Senate 
noch Parlamente; auch die Dynastie kann es nicht. Am 
wenigsten kann es der Stand der beamteten Gelehrten, 
der nicht existierte, wenn seine Glieder zum Handeln 
statt zum Betrachten geboren wären. Richtung geben 
kann nur das Volk; nicht als herrschender Pöbel noch 
als Masse, sondern als Schoß des Geistes, dem die Zeiten 
seine Saat entlocken; das politisierte, denkfähige Volk, 
vergeistigt in Parteien; die Parteien vertreten durch 
ihre Organisationen, vor allem durch ihre Führer, Staats- 
männer und Denker. 

Man hüte sich, diesen Gedanken an der EJägüchkeit 
und Kärglichkeit unsres heutigen Parteiwesens zu messen. 
Solange die Parteien nur Zweckorganisationen waren zur 
Erhöhung oder Ermäßigung gewisser Zoll-, Steuer- oder 
Lohnsätze, zur Aufrechterhaltung oder Zerstörung ge- 
wisser Vorrechte, zur Versorgung oder Schädigung ge- 
wisser Stande oder Personen; Zweckverbände mit der 
Verbrämung phraseologischer Ideale, an deren Verwirk- 
lichung niemand glaubte; Organisationen, bestehend aus 
Interessenten und Geldgebern einerseits, aus Dilettan- 
ten, Bierbankphilistern und Mitläufern anderseits; so- 
lange das politische Leben der Nation gipfelte im In- 
teressenkonflikt der Gesetzesmacherei, die politische 
Laufbahn gipfelte im Versammln ii:;: bündiger und m der 
berufsmäßigen Parteigröße; solange das Volk verant- 
wortungslos seine Geschicke einer Regierungskaste über- 
ließ, die Gemeinschaft und Einheit seiner letzten Ziele 
verkannte und sich am Innern Interessenkampf be- 



320 



lauschte: solange war der Volksstaat unmöglich, so- 
knge war jeder objektive Ausdruck kollektiven Willen» 
illusorisch» solange war das poUtischeLebeu der Nation 

nicht steigerungsfäliig über den Pegel des Beziiksvereins 
und der Turnerschaft. Der Krieg hat in seinem Beginn 
gezeigt, daB ein höheres Leben möglich ist; die Not, 
die kommt, wird zeigen, daß es dauern kann. 

Vor Jahren habe ich in Furcht und Sorgen diese Not 
angerufen und hinweggesehnt; im Taumel des Erwerbs 
und Genusses verhallte die Stimme. Von jetzt ab und 
auf immer wird uns deutlich, daß wir alle, wenn auch 
durch Meinung gespalten, ein Haus sind und daß uns 
selbst, und niemand sonst, der Schutz und die Sorge 
für Gut und Blut obHegt. Niemals wieder darf Inter- 
esse und Erwerb uns das Erste, Nation und Staat uns das 
Zweite und Gott das sonntäglich Dritte sein; niemals 
wieder darf unser Schicksal in die Hände der professio- 
nellen Erbverwalter und unser Haus in die Hände der 
Bierbankphilister fallen; sonst sind wir reif für eine neue 
Völkerwanderung. Das letzte, was unsre Politisierung, 
unsre Ermannung zum geistigen Volksstaat erzwingen 
kann und muß, ist die Not. 

Diese Ermannung aber wird sich auf kein Gebiet so 
rückhaltlos erstrecken wie auf das der Partei und ihrer 
Reform. Die SUugen und Starken, die bisher atemlos 
an ihre Werke gekettet der Macht, dem Erwerb, der 
geistigen Schöpfung, der Betrachtung dienten, den Staat 
für ein Fremdes, Anderes hielten, das man Berufsleuten 
überläßt wie ein Gaswejdk, eine Kirche oder ein Theater, 
die selten aufblickten und mit einem Kopfschütteln, 
weil die Sache so schlecht gemaclit wurde und doch 
SO leidlich ging, sich wieder an ihre Arbeit machten: 
diese Menschen werden endlich Willen und Verant- 



ti Rathaiiaii, Voo konuneDdeii Diagro 



32t 



wortung fühlen, einzugreifen; freilich nicht mit dem 
leicht befriedigten Ehrgeiz des bierabendfrohen Partei- 
löwen» sondern mit dem Willen zur Tat. Sie werden» 
was sie haben und können, auf die Schale werfen und die 
Wirtshausgrößen der Ortsbezirke aufwägen. Das poli- 
tische Leben hört auf» tägliches Interessenspiel und mitt- 
lere Versorgung zu sein, und wird zur Willensorgani- 
lation dcM Staatsvolks. 

Oberflächliche Selbstgefälligkeit sagt, Deutschland sei 
zu vielfältig in Meinungen und Wollungen gespalten» 
als daß eine Willensrichtung selbsttätig aus den Kräfte- 
bündeln hervorbrechen könne; deshalb müsse eine erb- 
liche Hirten Weisheit uns lehren und lenken. Niemals 
kann aus Überreichtum der Eigenarten und Färbungen 
eine vernichtende Hemmung erwachsen» solange alle 
Richtungen ins Positive gehen, indem sie auf Selbst- 
erlialtung und Wachstum zielen. Eine Kräftediagonale 
kommt zustande nicht bloß aus zwei» sondern aus be- 
liebig vielen Komponenten» und sie wird um so un- 
verrückbarer sich erweisen» je mannigfacher sie ver- 
pflöckt und verankert ist. Absolut schwankend und un- 
zuverlässig ist nur diejenige Kraft» die sich aus sidi selbst 
im Einflüsse des Tages orientiert; der Wanderer» der 
von früh bis spat der Richtung seines eigenen Schattens 
folgt, dreht sich im Kreise. Hat ein Volk, dessen innere 
Hemmungen durch Organisation überwunden sind, nicht 
mehr die Kraft» aus eigenem Fühlen seine Weltrichtung 
zu bestimmen» so ist seine Geschichte geschlossen» und 
es verdient das Schicksal» Werkzeug fremden Willens zu 
werden. Immer wieder erinnere ich daran, daß unter 
dem Willen eines Volkes nicht zu verstehen ist die 
plumpe physische Laune einer Tagesabstimmung oder 
die Regung einer Straßenmenge» sondern die organisch 



322 



destillierte Einsicht seiner stärksten Kräfte» die alle 
WoUungen des Körpers in sich sammelt und vergeistigt. 

Nicht der zeitliche Müdigkeitshang, der Hungertrieb 
oder der Schwerkraftswille meiner Glieder bestimmt 
mein Wollen und mein Handeln, sondern der seelisch 
vergeistete Kern meines Wesens, der freilich jedem 
Gliede Schutz und Hilfe schuldet. 

Daß es uns an Richtkraft fehlte, hat dazu geführt, 
daß wir Bismarcks Erbe» einen straffen, altmodisch ge« 
gliederten, soldatisch überkräftigen Machtstaat, den 
Schiedsrichter Europas, weder nach außen noch nach 
innen entwickelt haben, daß wir ihm die Hegemonie 
entreißen ließen durch geduldete, ja geförderte fremde 
Bündnisse, daß wir an keiner der Weltteilungen beteiligt 
wurden, daß wir aus Planlosigkeit, die niemand uns 
glaubte, und au3 Verdrossenheit, die jeder uns ansah, 
verdächtig wurden, daß unser staatlicher Leib das quel- 
lende Fett ansetzte, das aus der Einseitigkeit von Technik 
und Finanz ihm erwuchs und das der Krieg nun hinweg^ 
schmelzen soll. 

Schlimmer ist, was der Mangel an Stoßkraft, das 
Fehlen führender Menschen verschuldet hat. jede 
Aktion und Verhandlung mußte mißlingen, jeder Ent- 
schluß endete mit einem Kompromiß. Aus der Unzahl 
angebotener Gedanken konnte keiner zu objektiver 
Größe emporwachsen, die Probleme wurden gestreift, 
und kopfschüttelnd beseitigt. Dies Land, das so gesund 
in sdnen Wurzeln war, daß es den Begriff der schiefen 
Situation vergessen hatte, lernte wieder das Gefühl der 
Verlegenheit. Der Reibungsverlust der Personalsorgen 
und der Schwierigkeit persönUcher Lagen und Gebun- 
denheiten zehrte an der lebendigen Kraft. Die Be- 
setzung der Verantwortungen begann mit Ratlosigkeit 



•I* 



3^3 



und endete mit Enttäuschung. Fortgeiissen weiden 
durch irgendeinen starken Willen und irgendeine kühne 
Phantasie, wir romantische Vergangenheit j die Photo- 
graphie, der Knalleffekt vermeintlich geschichtlicher 
Momente^ die Pose vor dem künftigen Historiographen 
und die monumentale Redensart traten an die Stelle 
organischer Arbeit und entsprachen den bombastischen 
Architekturen, die der erwerbende Eifer um sich streute. 

Richtkraft and Stoßkraft, ^e beiden Hauptwaffen im 
Daseinskampf der Nationen, sind Sache der Völker. 
Nicht Geschlechter noch Kasten können diese Kräfte 
verleihen, denn der Wettkampf fordert, daß die Ge- 
samtheit aller verfügbaren Menschenkräfte aufgerufen 
werde, um ihr ganzes Besitztum an Geist und Willen 
zu steuern. Richtkraft ergibt sich als Destilkt aller er- 
achwingbaren Gedanken, Stoßkraft als Aussonderung 
aller erreichbaren menschlichen Genialitäten. Die Be- 
schränkung beider Kräfte auf einen begrenzten Kreis 
von wenigen hundert oder tausend Seelen bedeutet 
eine freiwillige Verarmung des Geistes und Willens, an 
der ein Volk stirbt, wenn seine Nachbarn ihrt-n vollen 
Besitz ihm entgegenstellen. Ein Volk von Millionen ist 
metaphysisch verpflichtet, zu jeder Zeit und auf jedem 
Gebiet eine starke Willens rieh tu ng und eine Vielheit 
höchster Begabungen zu erzeugen; geschieht das nicht, 
oder werden diese Kräfte durch Einseitigkeit, etwa des 
Erwerbstriebes oder der Technik oder des Müßiggangs, 
abgelenkt, oder werden sie aus politischer Indolenz und 
Verantwortungslosigkeit nicht aufgefunden, so hat das 
Volk sich sein Urteil gesprochen. 

Bevor wir von den Bedingungen der Stoßkraft han- 
deln, die sich nunmehr darstellt als Resultante der 
•elbsttätigen Auswahl aller verfügbaren Begabungen und 

324 



Genialitäten des Geistes und Willen», haben wir die 
intellektuelle Form des politisch wirksamen Geistes zu 
kennzeichnen. 

- Noch im vorletzten Jahrhundert war Regierung Vcr- 
waltungsarbeit. Für Initiative, Erfindung und schöpfe- 
rischen Entschluß genügte eine Stelle, die oberste, die 
der königlichen Gewalt; die Kabine ttsregicrung war nicht 
der willkürliche, sondern der organische Ausdruck dieses 
Verhältnisses. Der Verwaltung, kriegerischer wie fried- 
licher, diente der gehobenste Stand hausväterlicher Ver- 
fügungs^ewohnheit, wie sie in ländiiclier Gutsherischaft 
vorbildlich sich darstellt* 

Reine Verwaltung ist Arbeit im uranfänglichen« un- 
mechanisierten Sinne, wie Landbau und altes Handwerk, 
vermehrt um die Autorität der ordnenden Entscheidung 
und väterlichen Fürsorge; sie ist bezeichnet durch 
Tradition, 

Nonnen und Ziele sind gegeben, örtliche und mensch- 
liche Verhaltnisse bleiben konstant. Jedes Problem ist 
dagewesen, jede Lösung erlernbar; auch das selten Ge- 
schehende wird durch Erfahrung bewältigt; daher der 
Wert und die Schätzung des Alters. Der Greis ist über- 
legen und irrt sich seltener, der Jüngling ist unerfahren 
und wird gebändigt. Land und Volk, der Gegenstand 
der Verwaltung, sind willige Objekte; nie wurde der 
Landmann und Handwerker sich vermessen, seine Mei- 
nung dem Befinden des Verwaltenden entgegenzustellen, 
denn auch er ist sich des herkömmlichen Wechselkreises 
seiner engbegrenzten Bürgerleistung bewufit, der Ge- 
danke des fremden und neuen Entschlusses liegt ih.ra 
fern. 

Im Kreise aber wiederholen sich alle Geschehnisse, 
Geburt, Leben und Tod, Saat und Ernte, Wohlstand 



1*5 



und Teuerung, Feuersbrunst, Wassersnot, Krieg und 
Pestilenz^ Verbreclien und Hochgericht. Ein große«, 
seltenes Ereignis ist ein Bau, ein Füwtenbesuch, emc 
Menagerie, eine Hexerei oder gar eine Reise. Häufiger 
sind Prozesse, Aufläufe, Soldatenwerbungen, Markt- 
zänkereien. Mau weiß, was in jedem Falle zu geschehen 
hat, die Arbeit ist milde, die Zeit billig. Die Verwal- 
tung ist vollkommen, wenn sie unbestechlich ist, die 
Augen offen hält und Erfahrung besitzt. Das Einmalige 
geschieht weit über den Häuptern der Regierenden und 
Regierten; Entscheidungen über Krieg und Frieden, 
über Eroberung und Reform, über Kirche, Gericht, 
Steuer, Wegbau, Besiedlung kommen von oben; wo nicht 
vom Himmel so vom König. 

Die geistigen Bedingungen der Verwaltungskunst sind 
persönliche Autorität, Selbstbewußtsein, Treue und Er- 
fahrung, ihre Wumceln sind Tradition: des Geschlech- 
tes, der Gesinnung und der Praxis. Es sind die Eigen- 
schaften des alten adligen Grundbesitzes. Erfindung, 
Phantasie, Schöpferkraft, Ausdehnungslust sind diesem 
Gesinnimgskreis fremd und feindlich, sie verkehren ihn 
zum Aufruhr, zur Neuerungssucht und zum gefährlichen 
Draufgehen. Ein schönes Bild dieses natürlichen Kon- 
flikts ist uns erhalten: Der jugendlich schäumende Bis- 
marck, der in ländlicher Gebundenheit sich und seine 
Umgebung aufreibt. 

Die neue Welt der Mechanisierung brach an, jede 
Arbeit verwandelte sich in Kampf und Denken. Tech- 
nik, Verkehr, Konkurrenz überstürzen sich; was gestern 
galt, ist heute verjährt; was heute unmöglich scheint, 
ist morgen verwirklicht und übermorgen vergessen. Er- 
fahrung bedeutet nichts mehr: schlimmer noch: sie ist 
gefährlich, denn sie verführt zur Schablone. Jede Lage 

326 



ist neu, Jeder Entschluß ohne Vorgang, das Wiiken 

schiebt sich von der Gegenwart in die Zukunft; nicht 
der Rückblickeade siegt, sondern der Vorschauende; im 
Kampf, dessen Maß und Beschleunigung vom andern, 
vom Feinde, bestimmt wird, sinkt die Tradition, und die 
Intuition tritt an ihre Stelle. 

Sinn und Bedeutung des napoleoaischen Sturms ist: 
daß zum erstenmal das mechanisierte, ertalunngswidrige 
Denken aus den Werkstätten und Laboratorien hervor- 
brach und sich der Politik bemächtigte, nicht bloß der 
leitenden und planenden Zentralpolitik, die auch früher 
schon traditionslos schuf, sondern aller helfenden und 
dienenden Glieder, der technischen, finanzMlen und 
administrativen. Vor dieser Explosivgewait brach das 
überlieferte Europa zusammen und gewann erst dann 
wieder Halt, als es sich der neuen Methoden des Den- 
kens und Handelns wenigstens in ihren Anfängen be- 
mächtigt hatte. Noch im Herbst 1813 bHeben die Ver- 
bündeten monatelang vor dem Rheine liegen, weil in 
einem Lehrbuch der Kriegsgeschichte stand, ein Fluß 
sei ein Abschnitt, und vor einem Abschnitt müsse man 
sich sammeln und neue Kräfte schöpfen. 

War Tradition die Grundlage der alten Regierungs- 
kunst, so bt die treibende Kraft neuerer Politik jene 
Fähigkeit, die den Organisator, den Unternehmer, den 
Kolonisator und Eroberer schafft. Ihr Kennzeichen ist 
die Vorstellungsfähigkeit für das noch nicht Bestehende, 
die Veranlagung, die organische Welt unbewußt im 
Innern nachzubilden und zu erleben, gefühlsmäßig in- 
kommensurable Wirkungen und Motive zu werten 
und abzuschätzen, die Zukunft im eigenen Geist 
entstehen zu lassen. Ihre Wirkungsweise ist reale Plian- 
tastik, Entschlußkraft, Wagemut und jene Verbindung 

327 



von Skepsis und Optimismua, die auf einfache Naturen 
sinnlos und widerwärtig wirkt und alle Meister der 
Politik bei Lebzetten unpopulär gemacht hat. 

Es ist nicht Terwunderlich^ daß die deutsche Sprache 
für die Zusammenfassung dieser Kräfte k eine Bezeich- 
nung hatj ich wähle den Ausdruck Gescliäftskunst, in 
dem die alte Bedeutung des Wortes Geschält fühlbar 
wird^ das iron Schaffen kommt. 

Der adlige Stand der GrundbesitKer, der seinen Ab- 
legern, Anhängern und Nachahmern die Regierungs- 
verantwortung in Preußen trägt, ist heute wie zur Zeit 
Friedrichs der unübertroffene Meister traditioneller 
Verwaltungskunst» sowohl auf eigener Scholle wie im 
Dienst des Staates. Unbescholtenheit und Ideah'smus, 
Gerechtigkeit und Vornehmheit, Pflichterfüllung und 
Treue, Mut und Männlichkeit machen heut wie ehedem 
diesen Stand zu einer der edelsten Kasten der Geschichte. 
Der preußische Subalternoffizier findet in unsrer Kennt- 
nis der Vergangenheit und Gegenwart nicht seines- 
gleichen. Der preußische Landrat hat kraft seiner Eigen- 
schaften ein theoretisch überflüssiges Geschäft zu einer 
staatlichen Einrichtung höchster Art, ja fast zur Un- 
entbehrlichkeit erhoben. 

Nicht nur Verwaltungen zu führen liegt in den 
schönen Fähigkeiten unsres Beamtenadels, sondern auch 
sie auszubauen, und zwar unter kraftvoller Überwindung ^ 
der angeborenen Abneigupg gegen das Neue, mit Hilfe 
aller wissenschaftlichen und technischen Methoden, selbst 
der ausländischen. Für solchen Ausbau freilich muß 
ihm Zeit und Eingewöhnung gewährt werden, denn 
alles Improvisatorische liegt ihm fem. 

Hiermit aber ist der Kreis seiner Wirksamkeit ge- 
schlossen. 

32» 



Das Einmalige, Neue, nocht nicht Dagewesene liegt 
dem preuBischen Beamten fem. Unter eigener Ver- 
antwortungy voraussetzungdos, eine verwickelte, viel- 
leickt verlegene Situation intuitiv durchbrechen, neue 
Verhältnisse und Dinge schaffen, kommende vorbereiten 
ist nicht seine Starke. Ja hier begegnet eine offenkundige 
Hemmung: Sein Handeln ist mit der vorausgesetzten 
und unbezweifelten politischen Anschauung des Kon- 
servatismus so eng verquickt, daß zu jeder Bindung der 
Lage eine «weite, die Bindung des subjektiv politischen 
Ziels hinzutritt und die Auswahl des Entschlusses ver- 
engt. Aus sich heraus den Geist zu versetzen in fremde 
Anschauung, in die Lage des Andern wird ihm schwer; 
so ist er weder ein Verhändler noch ein Kolonisator. 
Es fehlt ihm der Blick ins Ferne und ins Künftige. Es 
fehlt ihm der Hang zum Schrankenlosen, ohne dessen 
Sehnsucht der Blick für das Realisierbare sich ernüchtert. 

O I-«« 1 

Es Ist kein Zufall, daß mit Ausnahme des Emen, der 

nicht reinen Adelsblutes war, Preußen seit Friedrichs 
Tode keinen europäischen Staatsmann geschaffen hat. 

Man hat erzählt, der Krieg habe den Beweis unge- 
messener preußischer Organisationsfähigkeit erbracht. 
Es ist wahr, daß die dagewesenen Organisationen des 
Heeres, der Eisenbahnen, der Zentralbank in Betrieb 
und Ausbau jeder Forderung entsprachen; was dagegen 
neu geschaffen und improvisiert werden mußte, als 
das Unvorhergesehene — weshalb unvorhergesehen ? — 
herantrat, war, soweit es sich bewährt hat, nicht Weik 
des Staates. 

Kehren wir zum Problem der Stoßkraft zurück: Die 
Auslese der traditionellen Verwaltungsfahigkeit genügt 
nicht; wir bedürfen der Auslese absoluter politischer 

Befähigung mit entschiedenem Hinblick auf die Forde- 

$*9 



mng der Geschäftskunst im nenen Sinne. Der Stand, 
der bisher ausscMeßlich mit politischer Verantwortung 
betraut war, ist nicht nur im Verhältnis Ton f ünfund- 
sechzig Millionen zu fünftausend zu eng; er ist für die 
Aufgaben, die außerhalb des Vervvaltungsgebietes liegen, 
nicht einmal der vorzugsweise Befähigte. 

Der Einwand, die Herbeiziehung Außenstehender 
habe sich mangelhaft bewährt, zerfällt. Denn solange 
die Atmosphäre besteht, von der wir wiederholt ge- 
sprochen haben, wird der Herbeizuziehende in der Regel 
vierfach gekennzeichnet sein : durch zweifelhafte Erfolge 
im bisherigen Beruf und folgliche Abneigung, ihn fort- 
zusetzen; durch oj^anische Ähnlichkeit mit seinen künf- 
tigen Amtsgenossen, die ihn wünschenswert erscheinen 
läßt; durch eine gewisse Fixigkeit des merkantilen Den- 
kens und Ausdrucks, die man für tiefgreifend hält und 
von der man das Neue erwartet; durch Bereitschaft zu 
unerläßlichen Konzessionen, die ir:ri(Thalb der neuen 
Laufbahn Voraussetzung sind, jedoch die Aussichten des 
Versuchs verringern. 

In den führenden westlichen Staaten haben im Laufe 
langer Zeiträume parlamentarischer Gewöhnung selbst- 
tätig wiikende Selektionsmethoden sich herangebildet, 
durchweg ohne Zutun der Gesetzgebung und fast ohne 
in das politische Bewußtsein der Nationen zu treten, 
die diese Entwicklung vergleichslos als selbstverständ- 
lich hingenommen Laben. Diese Methoden, die unserm 
wissenschaftlichen Studium stets entgangen sind, weil 
das Problem der politischen Auslese niemals ernst gefaßt 
wurde, sollen hier nicht entwickelt werden. Es genügt der 
Hinweis, daß sie sämtlich im parlamentarischen Leben 
wurzeln, daß ihr Aufbau in England aui bewußter Aus- 
wahl, Züchtung und Erziehung von Führern innerhalb 



330 



der Parteien, in Frankreich auf paiLunen tarischer und 
publizistiscljier Präzis^ in Amerika auf plutokratisch- 
demagogischer Grundlage ruht. Schwer nachahmbar 
ist die Methpde Englands: Dort ist der werdende Partei- 
führer gleichsam schon den Schulgenossen erkennbar als 
der leiblich und geistig Bevorzugte, ein Minister greift 
ihn heraus^ macht ihn außerhalb JeHer hierarchischen 
Laufbahn zu seinem Sekretär und Hilfsarbeiter, treibt < ^ 
ihn durch die stetig verfeinerten Siebe der Parlaments- 
wahl, der parlamentarischen Praxis, der versuchsweis 
übertragenen höheren Verantwortung, und überträgt 
ihm, wenn er sich bewährt, Erfahrung, menschliche und 
gesellschaftliche Kenntnis, Einfluß und Amt. Man be- 
hauptet, daß in diesem Lande kein politisches Talent 
unentdeckt undkein entdecktes Talen i un verwertet bleibt. 

Frankreich betrat den Schauplatz der neuesten Ge- 
schichte als ein zerschmetterter, in seinen Vesten schwan- 
kender Staat, so schwach und t'ef gedemütigt, daß sein 
Botschafter den deutschen Kaiser bei seiner Ritterlich- 
keit um Frieden beschwor. Dank seiner Staatskunst 
hat Frankreich im Laufe von vierzig Jahren, während 
deren Deutschland von der Hegemonie herabstieg, seine 
Wehrkraft wiedererlangt, drei Kolonialreiche erworben 
und die stärksten Allianzen Europas geschlossen, die im 
Gegensatz zu zwei der unsern die Belastungsprobe des 
Krieges ertrugen. Ein Land, das seine Finanzleute und 
Industriebeamten aus dem Auslande beziehen mußte, weil 
es an einheimischen KrälLen und Talenten fehlte, konnte 
durch geeignete Auswahl mühelos seinen maßlosen Be- 
darf und Verbrauch an Staatsmännern decken und dar- 
über hinaus so reichliche Reserven sammeln, daß für 
jede neue Aufgabe organisatorischer, finanzieller, diplo« 
ma tischer, parlamentarischer Art Männer alier Schat- 



33« 



tiemngen zur Verfügung stehen» während bei uns man- 
cher Wechsel unterblieb, weil kein Nachfolger zu fin- 
den war. 

Vergleicht man Einwohnerzahl, Bildungsstand, Lei* 
stungsfähigkeit, Kulturhöhe und talentbildende Kraft 

beider Länder, so ergibt sich die hohe Wahrscheinlich- 
keit, daß Deutschland ein Vielfaches an Zahl und Stärke 
der französischen Staatsbegabungen jederzeit in Dienst 
stellen könnte, wenn wir selbsttätige Mittel der Aus- 
lese kennten. 

Wir kennen sie nicht; mehr als das: wir üben Me- 
thoden der Gegenkunst. Was kein Aktiendirektorium, 
kein Gewericschaftsyorstand, kein Bezirksverein ertrüge, 
das vollbringen wir, wo es sich um das höchste Wohl 
der Gemeinschaft handelt: wir übertragen .Verantwor- 
tungen ohne die Überzeugung, daß wir uns des stärk- 
sten Trägers versichert haben. 

Das mächtigste Erwerbsinstitut ginge im Laufe eine« 
Lebensalters rettungslos zugrunde, wenn es durch seine 
Satzung gezwungen wäre, verantwortliche Leiter nur 
aus einem Kreise von tausend Familien oder deren At- 
mosphäre zu wählen. Für die geistige Verteidigung des 
Reiches gegen einen überhitzten Wettkampf nach außen 
und innen, für eine Aufgabe, die nichts Geringeres ist 
als die Daseinsfrage unsres Volkes, sind diese Methoden 
gut genug. Dieses Unbegreifliche laßt sich nur duich 
ein andres Unbegreifliches erklären: in die Bcidike, in 
denen unser Schicksal entsteht, sind die Begriffe des 
Wettkampfs, der organischen Arbeit, der natürlichen 
Begabung noch nicht gedrungen. Da, wo so vieles erb- 
lich ist, glaubt man an die Inspiration des Amtes, an 
die geborene Überlegenheit über die Masse, an die 
Historie der Geschichtstabellen, wo Zeile für Zeile die 



33* 



großen Momente aufeinandeiiolgen, während von der 
unermeßlichen Arbeit und Genialität^ die zwischen den 
Zeilen liegt, nichts erscheint; die Weltgeschichte ver- 
läuft wie ein Feuilleton, wo jede eingeführte Figur 
ihre Schuldigkeit tut, und zwischendurch verbleibt die 
Zeit für Apercus, Haranguen und Staatsaktionen. 
Sonst ließe sich auch die Nebenerscheinung nicht er- 
klären: wie rücksichtslos über die Zeit der Staatsbeamten 
verfügt wird, nicht zum wenigsten seitens der Parla- 
mente; wer große Aufgaben lösen soll, braucht drei- 
hundertfünfundsechzig mal vierundzwanzig Stunden für 
sich und seine Werke; Rechenschaften, Feste und Er* 
Öffnungen müssen andre für ihn erledigen. Die anek- 
dotische Auffassung der Geschichte hat in allen Zeiten 
vielleicht nur einmal gegolten, und mehr in den Augen 
der höfischen Berichterstatter als in Wirkhchkeit: wäh- 
rend des kurzen Höhepunktes der langen Regierung 
Ludwigs XIV., als dem französischen Reiche ebenbürtige 
Konkurrenadträfte nicht erwachsen waren. 

Ein angehender Staatsbeamter bewirbt sich um die 
Laufbahn des auswärtigen Dienstes. Ein adliger Name, 
eine vornehme Erscheinung, ^ne Millionärsrente, die 
Zugehörigkeit zu einer der bevorzugten studentischen 
Verbindungen, zu einem der bevorzugten Regimenter, 
die traditionelle politische Überzeugung sind nachge- 
wiesen; die Empfehlung einer höfischen Stelle tritt hin- 
zu. Es ist schwer, diesen Bewerber abzuweisen, der, 
wenn er sein Vermögen verloren oder seinen Dienst 
quittiert hatte, sich vielleicht mit der Aufgabe des Ver- 
kaufs von Automobilen begnügen würde« Zweifelsohne 
kann auch dieser bevorzugte Bewerber die Eigenschaften 
höchster politischer Geniah tat besitzen, denn zuweilen 
gefällt sich die Natur in verschwenderischer Gebelaune; 

333 



doch die kalte Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auf lange 
Zeiträume unbarmherzig Recht behalt» sagt aus» daß 
mit jeder geforderten schönen Gabe» sofern sie nicht 
sachlich unerläßlich ist, der an sich kleine Kreis der 
Auswahl auf Bruchteile und abermals Bruchteile zu- 
sammenschrumpft^ so daß schließlich das Wohl und die 
Existenz des Staates statt auf dem gesamten Spiel der 
Volkskräfte auf wenigen Karten ruht. 

Abermals unzulässig ist der übliche Einwand und Hin- 
weis auf mehr oder minder zahlreiche Außenseiter in den 
entscheidenden Amtern: denn die Assimilanten an eine 
gegebene, nicht überwindbare Atmosphäre haben die 
Anwartschaft auf die doppelten Schwächen dc8 ver- 
lassenen und des imitierten Standes und verarmen 
weiter in der Assimilation, die zu übertreiben sie ge» 
zwungen sind. 

Ist der geistige Rohstuif nach falschen Grundsätzen 
ausgesiebt, so wächst die Gefahr im Aufstieg. Die letzte 
Auswahl zur hohen Verantwortung ist nicht, wie bei 
den Verwaltungsbehörden mit geringer politischer Be- 
deutung, Sache hierarchischer Klimmung, sondern Kabi- 
nettsmethode. Die Vorstellung obrigkeitlicher Erleuch- 
tung, die dieser Methode zugrunde liegt, kann in Zeit- 
läuften besonders günstiger Menschenkonstellation zu- 
treffen. Es sind im Laufe der Geschichte Dynasten und 
Kabinettschefs von so überwältigender Menschenkenntnis 
und so durchdringender Sachliclikeit aufgetreten, daß 
keine andre Methode an die Intuition ihrer Auswahl 
herangereicht hätte. Doch die Einrichtungen eines 
Staates müssen auf die Jahrhunderte gestellt sein; ver- 
sagen sie nur eine Spanne lang, so droht Vernichtung. 
Deshalb muß auch die Möglichkeit unsachlicher, will- 
kürlicher, günstlingsmaßiger Tendenzen erwogen wer- 



334 



den^ und es bedarf keines Hinweises^ wie in solchen 
Epochen Gaben- des Äußeren, der Unterhaltungskunst, 
der höfischen Anpassung, zufallige Dienste und Begeg- 
nungen das Staatsschicksal entscheiden können. 

Wu haben die Bedeutung echter Parlamente darin 
erkannt, daß sie nicht der Massenregiemng, sondern 
der Volksyergeistigung, der Sublimation des nationalen 
Denkens und Wollens dienen sollen; daß sie neben 
ihrer herkömmlichen mechanischen Eigenschaft als 
^ Barometer der Interessen in Zukunft die Schule des 
Staatsmannes bilden müssen. Gelingt es uns, und es 
wird uns gelingen, die Parlamente auf diese Höhe zu 
heben, so erwächst in ihnen das volksmäßige Regulativ 
für die Auswahl zur Verantwortung. Es ist nicht un- 
bedingt nötig, daß die Parlamente die höchsten st it- 
Uchen Leiter ernennen; es ist unbedingt nötig, daß 
sie die hohen Begabungen, deren die Ernennung be- 
darf, zur Verfügung halten und daß die Parteien, denen 
sie entnommen sind, die Männer ihres Vertrauens so 
Stade unterstützen, daß ihnen jeghche Neugestaltung im 
bürokratischen Aufbau ihrer Amter ermöglicht wird. 
Weder die Bürokratie noch die Feudalklasse werden 
durch diese parlamentarische Reform und Regelung ge- 
schädigt, soweit ihre Begabungen dem Wettbewerb 
standhalten, denn auch sie sind wählbar und werden ihre 
auf Überlieferung beruhende Erfahrung und Geschäf ts- 
kenntnis zur Geltung bringen. Die Reform der Paila- 
mente aber, die mit dieser Entwicklung Schritt halten 
muß, ist Sache der Nation, die, wie wir gesehen haben, 
durch Schaffung geeigneter Wahlsysteme, durch Ver- 
tief ung des Parteilebens, durch Neurichtung der Parteien 
den einsichtsvollen Regungen der Obrigkeiten, die heute 
allenthalben keimen, zum Lichte helfen muß. 



335 



Ein letztes Wort muß über die dritte der suatlichea 
Kräfte gesagt werden, die den beiden eisten, der Richt- 
kraft und der Stoßkraft, den Halt und die Festigkeit des 

kämpfenden Organismus verbürgt: die Widerstands- 
kraft. 

Alle Staatenpolitik ist dauernde Kraftprobe, und die 
höchste Steigerung der Politik, die des Krieges, ist eine 
Prüfung, die sich auf alle Fächer, physische, psychische 
und intellektuelle, erstreckt und die normalerweise nicht 
beendet werden kann, solange noch eine einzige Frage des 
Vergleichesunerschdpftist.DieReichstagungdes4.August 
19 14 hat offenbart, was unser inneres Empfinden wußte, 
daß keine Not des Landes unser Volk gespalten findet. 
Doch zugleich hat sie fühlbar gemacht, daß die innere 
Einheit nicht eine Folge, sondern eine bewußte sittliche 
Überwindung unsrer Einrichtungen bedeutet. Wenn 
Volksteile geminderten Rechtes, deren Überzeug'angen 
als gesellschaftsunfähig gelten und nach Beheben als 
staatsfeindHch, vaterlandslos und landesverräterisch be- 
zeichnet werden dürfen, den Kampf um die Heimat, 
die sie bewohnen, mit gleicher Begeisterung ergreifen 
wie diejenigen, denen diese Heimat rechtlich und wirt- 
schaftUch gehört und gehorcht, so ist diese Entsagung 
für jeden, der deutsch empfindet, selbstverständlich. 
Auf Vorrecht und Entsagung aber erbaut man keinen 
Staat. 

Weim wir in diesem, der zeitlichen Praxis gewidmeten 
Abschnitt die ideale Forderung der Aufhebung erblichen 
Proletariats in den Hintergrund treten lassen, so ist denn 
doch der politische Aufbau des Staates aus herrschenden 

und beherrschten Volksgruppen selbst im Sinne der 
kühlen Festigkeitsberechnung zu verwerfen, weil das 
Gleichgewicht ihm mangelt. 



336 



Um ist ao eingeboren und eingewurzdt der Gedanke^ 

der Staat aei eine Sadie, die nur den bevorrechteten 
Spezialisten angehe, er sei ein Erbbesitz von Familien- 
Terbänden, Parteigruppen und Weltanschauungsformen, 
er sei ein despotisches Sonderwesen, das mit Polypen- 
armen in Lebensführung, Recht und Besitz des einzelnen 
eingreift und dem man sich fügt, teils aus Zwang, teils 
weü dies Wesen die öffentlichen und politischen Pflichten 
gut oder schlecht versieht; wir sind so auferzogen im 
Bewußtsein, jeder von uns habe sich seinem bürgerlichen 
Beruf, heiße er £rwerb, Beamtenpflicht oder Geistes- 
weik, restlos hinzugeben mit seltenem Aufblick zur pri- 
vilegierten Obrigkeit, mit Verzicht auf unbotmäßige und 
unwissende Kritik, die abgelöst ist durch das Recht, in 
Zeitläuften einen Wahlzettel zu beschreiben, der im 
Millionenstrudel der Stinunen verschwindet, daß wir 
den Staat als Res Publica, als Sache Aller, als Gemein- 
schaft unsres irdischen Wollens zu denken kaum ver- 
mögen. £s fehlen uns die Gegenbilder; was Geschichte 
' und Umwelt an solchen uns bietet, erscheint uns ver- 
zerrt durch Übertreibung der Fehler, denn die wenigen, 
die unsern Blick auf Vergleichsgebilde richten, sind 
Professoren, reisende Kaufleute imd Journalisten gebun- 
dener Willensrichtung. 

Wir erschrecken nicht vor dem Gedaiikeii, diejenige 
Hälfte des Volkes, die unsre Lebens- und Wirtschafts- 
formen als feindlichen Zwang betrachtet, von der Mit- 
gestaltung des öffentlichen Wesens auszuschließen und 
sie auf agitatorische und parlamentarische Kritik zu ver- 
weisen; wir glauben, auf Grund höherer Erkenntnis sie 
zum Objekt gesetzgeberischer Abwehr, ja selbst kirch- 
licher und erziehlicher Besserungsversuche machen zu 
können; wir empfinden nicht das Unorganische, das in 



ts Rtthenau, Vca kommandca £>ing«o 



537 



der rückhaltlosen Beherrschung einer begehrenden und 
expansiven Intelligenz durch eine besitzende und restrik- 
tive gegeben ist. 

Wir halten es für zulässig und politisch vertretbar, 
daß eine obrigkeitliche Regierung eine unveränderliche 
Parteipolitik betreibt^ Parteipolitik von Klasse zu Klasse, 
von Gruppe zu Masse; wir nennen diese Politik kon- 
servativ und staatserhaltend. Was gibt es denn, da:, in- 
mitten organischen Lebens dauernd erhalten werden 
könnte ? Nur dis organische Leben selbst, das sich aus 
sich selbst heraus erneut; nicht seine zeitlichen und in- 
i dividuellen Formen. Der scheinbar Erhaltende verbürgt 

sich für ein lebenbekämpfendes Prinzip, für Verzögerung 
und Veraltung. Schlimmer aber ist, daß jede Politik, 
die nicht Gesamtpolitik ist, sondern Parteipolitik» dauernd 
mindestens zwei Herren dienen muß, ihrem äußeren 
objektiven Ziel und ihrer inneren geheimen Parteiüber- 
Eeugung; sie bleibt unfrei und unsachlich gebunden und 
unterüegt auf die Länge jeder dem Zwange enthobenen 
und in der Wahl der Mittel unabhängigen Gegenpolitik. 

Seit zwei Jahren sucht man nach innerer, metaphysi- 
scher Begründung unsres Weltkriegschicksals; diec.cs ist 
sie und keine andre; Eine Politik ohne Stetigkeit und 
ohne Erfolge hat das deutsche Volk nicht davon über- 
zeugt, daß es verpflichtet ist, die Verantwortung für 
«ein Leben und Geschick zu tragen. Das Volk, in un- 
ermeJjiicher Bereicherung, Geschäftigkeit und Tech- 
nisierung befangen, begnügte sich mit schlaftrunkenen 
Stoßseufzern über die Mangelhaftigkeit einzelner Ämter 
und lehnte es ab, von den tief fundamentalen Ge- 
brechen, deren äußere Symptome es für zufällig, ja für 
nebensächhch hielt, sich Rechenschaft zu geben. Ein 
paar weitere glückliche Jahre persönlichen Erfolges 



33« 



«chienen einem Jeden wichtiger als die Sache der Ge- 
meinschaft, die schließlich wohl oder übel sich selbst 
erhalten mochte. In jenen Tagen habe ich immer 
wieder in Wort und Schrift auf die drohende innere 
Logik hingewiesen, die unabhängig vom politischen 
Sonderfalle die Schicksalsstunde herausforderte. Der 
Krieg, dessen Ursachen heute noch durch populären 
Hinweis auf nebenseitige Auslösungsmomente abgetan 
werden, mußte kommen, um uns durch die Not der 
Gemeinschaft auf die Verantwortung und Solidarität 
der Gemeinschaft zn weisen* 

Es gibt eine schöne Tugend dienender Naturen: für 
Leben und Besitz nicht der Menschheit, sondern des 
Andern, des Herrn dazusein; in seinem Hause und Be- 
trieb, in seinem Schicbal und Charakter aufzugehen und 
die anhangliche Treue auch den Nachkommenden zu 
wahren. Dies Geschick und Dasein ist echt und gut; 
es kann ehrwürdig sein, denn jedes vollkommen mensch- 
liche Verhältnis, ob schaffend oder leistend, ist Selbst- 
zweck. Es ist die Bestimmung Dessen, der nicht Herr 
sein kann, dem kein Haus, kein Freiheitsdrang, kein 
individuell gelöstes Leben und Wirken beschieden ist. 
Dem deutschen Volke aber ist es nicht bestimmt, in 
einem Staatsverbande zu wohnen, der nicht in jedem 
Sinne sein eigen ist, ein Schicksal zu vertreten, das eine 
erbliche Kaste ihm fügt, Einrichtungen zu beschir- 
men, die das Vorrecht Einzelner bedeuten. Dies Volk, 
das eigenlebigste von allen, die sind und waren, hat 
Rechenschaft zu geben von eigenem Wollen und 
eigenen Pflichten. 

Wenn es überhaupt möglich sein soll, auf lange Dauer 
den schillernden Individualismus, die reichen und frucht- 
baren Gegensätze der Naturen und Interessen, die unser 



339 



Land kreuz und quer durchfurchen^ hi einem und ein- 
heitlichen Staatsyerbande zu erhalten» so müssen von 

allen geistigen und leiblichen Gliedern starke und un- 
gestaute Nerven und Adern zum Zentralorgan der Be- 
stimmung führen; nur dann gelingt der Ausgleich der 
Rechte und Lasten und die Erweckung der freien Kräfte. 
Wege zu diesem Ziele haben wir dargetan: Die Reform 
des politischen und parlamentarischen Lebens, die 
AuswahTder Befähigten, die Mitwirkung des geistigen 
Volkes an der Verwaltungsarbeit und Staatspolitik, Im 
Siime der Widerstandskraft des Staates erscheint uns 
das Ziel als Ausgleich der inneren Spannungen, die 
heute den Körper spröde und brüchig machen. Träg- 
fähig aber ist nur der organische Körper, der von ge- 
sunden, geordneten Sehnen durchzogene. Auf ihm 
ruht jede Last fremden Drucb und eigener Vertei- 
digung, weil jedes gesunde Element den gemeinsamen 
Endzweck der Erhaltung will und sich für ihn und 
seine Mittel verantwortlich und stark tnacht. Auf ihm 
ruht gesichert und beschützt die Krone der Monarchie, 
über parteilichen Willen erhoben und freudig getragen, 
weil in ihr nur das Gemeinwohl, unbeschattet von per- 
sönlichen Wünschen, sich verkörpert, und weil ein jeder 
im Aufblick zu ihr der selbstlosen, zum Dienste Aller 
verklarten Gerechtigkeit sich bewußt wird* Auf ihm 
ruht das höchste der politischen Güter, das wirkende 
Staatsbewußtsein, weil nicht Einer aus dem Besitz und 
Verbände des vaterländischen Staates sich ausgeschlossen 
fühlt;, wdl Keiner, der sich dem Dienste der Gemein- 
schaft hingibt, insgeheim von dem Bewußtsein bedrückt 
wird, nur einei klugt^n Schicht und Klasse zu dienen, 
weil Jeder die SoUdarität und mitbestimmende Ver- 
antwortung erlebt, die Quelle jenes adligen Stolzes auf 

340 



Staat und Königtum, der uns von fem berührt und 
jedem üntertanenlande fremd ist. 

So sind wir aus zeitlichen und politischen Erwägungen 
tum Volksstaat zurückgekehrt, der uns aus absoluten 
und sittlichen Betrachtungen vorschwebte. Wir haben 
das zeiträumlich gebundene Gebiet der eigenen Zustände 
durchschritten^ so nahe es unsre Herzen berührt, nicht 
als ein Hauptgebiet unsrer Aufgabe» sondern nach dem 
Bilde des Antäus, um der kämpfenden Idee durch den 
Druck der Heimatserdc die Kraft der Wirklichkeit ein- 
zuhauchen. Zum letzten Male umspannen wir das Ge- 
samtbild unsres gesellschaftlichen Daseins mit rückge* 
wandtem Blick des Abschieds. 

Von der gewaltigsten Bewegung unsrer planetaren 
Menschheit sind wir getragen, der mechanistischen. Ihre 
Anfänge wiird; n verspürt, wo immer vor Jahrtausenden 
in wasserreichen Niederungen, an Küsten und Fluß- 
läufen das menschliche Geschlecht seßhaft wurde und 
zu Myriaden sich verdichtete, sei es am Euphrat, am 
Nil, am Mittelbecken oder in Ostasien. Die Verdich- 
tung schritt auf drei Kontinenten unaufhaltsam fort, 
das Waldreich war gelichtet, das Tierreich wich. Das 
Werben des Einzelnen, der Horde, des Stammes um die 
Güter der Natur wurde unergiebig, der Eruberungs- 
kampf der Menschheit gegen die Gesamtheit der Natur« 
kräfte setzte ein. 

Ihn haben wir Mechanisierung geheißen* 

In der Weltenära der Mechanisierung leben wir; als 
Naturkampf hat sie ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, 
als Geistesepoche hat sie ihn überschritten, denn sie ist 
bewußt geworden. Physisch betrachtet ist sie ein Ur* 
zeitliches, denn sie ist animalischer Kampf um Nahrung, 
Leben und Glück, metaphysisch betraclitet ist sie kein 

34« 



Endgültiges, denn sie ist iierrsciiä.ft der niederen Gei- 
steskraft des Intellekts. 

Aller menschlichen Kräfte hat Mechanisiemng sich 
bemächtigt^ allen Denkens und aller Tätigkeit. Um sich 
selbst 2u schaffen hat de Wissenschaft und intellektuale 
Philosophie gebildet, um sich zu erhalten bedarf sie der 
Technik, des Verkehrs, der Organisation und der Politik. 

Alles praktische Denken hat ihre Formen angenom- 
men; ausnahmslos bew egt es sich in den Zeitmaßen der 
Polarität, der Abstraktion, der Entwicklung, des Gesetzes 
und des Zwecks, mit den Werkzeugen des Maßes und 
der Beobachtung. Alles metaphjrsische Denken hat un- 
willkürlich diesen Formen sich angeschmiegt und die 
Bewegungen des zweckhaften Intellektes nachgeahmt; 
ja selbst das religiöse jLinpfinden liat innerhalb der 
Mechanisierungsform der Kirchen, des organisierten Er- 
bauungs- und Erlösungsbetriebes seine tr^szendentale 
Ursprünglichkeit auf die Bedürfnisse diesseitiger und 
jenseitiger Massenordnungen eingestellt. Die seltenen 
Stimmen, die im Laufe der Jahrtausende von Indien 
und Palästina her, ahnend aus Griechenland und schwär- 
mend aus dem germanischen Mittelalter durch die At- 
mosphäre des intellektualen Denkens drangen, haben im 
Bewußtsein der Welt nur Niederschlage mechanisierten 
Kompromisses hinterlassen. 

Doch das Denken selbst, die riesenhafte, gebundene 
Macht der Erde, bricht über seinen zweckhaften Willen 
hinaus und ringt um Freiheit. Es erkennt die notwen- 
dige Gewalt der Mechanisierung, die im Phjrsischen Kegt, 
und begreift ihre transzendente Armut. Es erblickt die 
intuitive Macht der schauenden Seele, erkennt ihre welt- 
vernichtende Einheit und erschrickt nicht vor dem Opfer 
seiner selbst. Entschleiert liegt die Mechanisierung in 

Sit 



irdischer Hilflosigkeit; de hat alle Kräfte des Planeten 

und seiner Sonne aufgerufen, doch nur, Uta sich neue 
Massen und neue Arbeit zu schaffen ; sie hat alle Mensch- 
heit zu gemeinsamem Dienst verkettet, doch nur, um 
hinter dem Schutzschild sie zu heißerer Wechsdfeind- 
schaft zu reizen; sie hat alles Sinnen und Trachten ge- 
ordnet, doch nur, um es in Reih und Glied in den Ab- 
grund der Unwirküchkeit zu treiben. 

Der unbekannte Erdgeist, dem wir dienten, wird zum 
Objekt; bald duldet er das Siegel Salomonis, das zum 
Dienste bmdet. Hatte die Mechanisierung das Unerhör- 
te geleistet, indem sie unser geistiges, leibliches, ge- 
sellschafthches Sein zum Naturkampf formte, so hatte 
sie weder den Sinn dieses Kampfes uns gegeben, noch 
unsre urzeitlichen Regungen gemeistert. Ja sie hat aufs 
höchste diese Regungen gestachelt und mißbraucht, die 
Furcht, die Gier, den Eigennutz, den Haß: alles was 
den ewigen Geist zur Täuschung des Ich und seiner 
Herrschaft spaltet. Die Formen des Raubes, des Schat- 
zes, des Kampfes und der Knechtschaft hat sie zur ano- 
nymen Not yernebelt und verewigt; als Lockung und 
Drohung gewährte sie uns Entbehrung und Genuß, die 
kalten Pflichtideale und Notiiiifen der intellektualen 
Philosopliie, das himmlische Spiegelbild unsrer irdischen 
Hölle, oder das Nichts. 

Unabhängig vom Zweck und Denken ist der Sinn 
nnsres Seins in uns erwacht; der ist das Werden, Wachsen 
und Leben der Seele. Unabhängig von Zweck und Wol- 
len prüfen wir das Wesen der Meclianisierung und er- 
kennen im Kern des erdgebundenen Werks der Natur- 
bezwingung ein echtes Gut, das uns gegeben ward und 
dessen wir uns in der Trübnis seines Widerspiels noch 
nicht in Reinheit bewußt sind. 

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Der Natuikampf der Mechanidenmg ist ein Mensch- 
hdtBkampL Alles frühere Streben war Werk Einen, 

des Geschlechts, der Kaste, des Stammes; so wurde Tier- 
heit und Wildheit, Boden und Meeresflache bezwungen. 
Der Gesamtkampf der menschlichen und natürlichen Ge- 
walten aber schließt jedes menschliche Dasein und Wesen 
ein; der planetare Geist kämpft als Einheit. Praktisch 
und handgreiflich hat die Mechanisierung nach dieser 
Voraussetzung gehandelt; zu millionenfachen Organi- 
sationen hat sie die menschlichen Einheiten zusammen- 
geschlossen, durch Ketten aus Äther, Luft, Wasser und 
Metall die Erdvesten verbunden, zu Weisen und Hand- 
lungen die entferntesten Glieder und Geister vereinigt. 
Im Geiste aber hat sie das Wesen der Bindung und des 
Gememschaf tswirkens nicht erkannt ; noch immer bedient 
sie eich der urzeitlichcu uud sklavischen Reize und In- 
stinkte im Sinne des Kampfes und der Entzweiung. Be- 
gehrlichkeit und Eigensucht, Haß, Neid und Feind- 
schaft, die Furiengeißeln der Vorzeit und der Tierwelt 
halten den Mechanismus unsrer Welt im Schwünge und 
trennen Mensch von Mensch, Gemeinschaft von Gemein- 
schaft. Die Tianen des Glaubens vertrocknen am Feuer 
des mechanistischen Willens, und Priesterworte müssen 
sich zum Segen des Hasses fügen. In die Galeere ge- 
schmiedet, sollen wir uns in Ketten zerfleischen, obwohl 
es unser Schiff ist, das wir rudern, und unser Kampf, 
zu dem es auslief. ^ 

Doch so wahr wir wissen, daß die erwachende Seele 
das göttliche Heiligtum ist, für das wir leben und ein- 
stehen, daß Liebe die Erlöserkraft ist, die unser innerstes 
Gut beireit und uns zur hohem Einheit verschmilzt, 
SD unbeirrt erkennen wir in dem unentrinnbaren Weit- 
kampf der Mechanisierung das eine Wesentliche: den 

544 



« 



Willen tat Einheit. Indem wir der Mechanisiemng das 

Zeichen entgegenhalten, vor dem sie erbJaljt, die trans- 
zendente Weltanschauung, die sie bei allem Aufgebot 
intellektaaler Philosophie zu verdunkeln wußte» die An- 
dacht zur Seele^ den Glauben zum Absoluten; indem wir 
ihr Wesen durchleuchten und zum verheimlichten Kern 
des Einheitswillens hinandringen, ist sie entthront von 
der Herrschaft und zum Dienst gezwungen. 

Wir werden sehend; um des Hungerlohns willen und 
des Höllenglücks von etlichen Genüssen und Eitelkeiten, 
vom Dank der Trägheit, der Eigensucht und Verant- 
wortungslosigkeit verschreiben wir nicht die Würde 
unsrer Menschheit und das Leben unsrer Seelen. Wir 
streben zur Einheit und Solidarität menschlicher Ge- 
meinschaft» zur Einheit seelischer Verantwortung und 
göttlicher Zuversicht. Wehe dem Geschlecht und seine; 
Zukunft^ wenn es den Ruf seines Gewissens betäubt und 
beharrt in materieller Stumpfheit» in der Freude am 
Flitter, in den Banden der Eigensorge und des Hasses. 

Wir sind nicht da um des Besitzes willen, nicht um 
der Macht willen, auch nicht um des Glückes willen; 
sondern wir sind da zur Verklärung des Göttlichen aus 
menschlichem Geiste. 



WERKE 

VON 

WALTHER RATHENAU 



ZUR KRITIK DER ZEIT 
20. Aotlage 



ZUR MECHANIK DES GEISTES 

II. Auflage 

DEUTSCHLANDS 
ROHSTOFFVERSORGUNG 

59. Auflage 



PROBLEME 
DER FRIEDENSWIRTSCHAFT 

25. Auflage 

STREITSCHRIFT DES GLAUBENS 

14. Auflage 



VOM AKTIENWESEN 
Eine geschäftliche Betrachtung 

2j. Auflage 

i 

DIE NEUE WIRTSCHAFT 
54. Auflage 

ZEITLICHES 
z^, Auflage 



AN DEUTSCHLANDS JUGEND 

20. Auflage 



NACH DER FLUT 

15. AuUage 

DER KAISER 

54. Auflage 

DER NEUE STAAT 
18* Auflage 

KRITIK DER DREIFACHEN REVOLUTION 

Apologie 

14. Auflage 

DIE NEUE GESELLSCHAFT 

16, Auflage 

WAS WIRD WERDEN 
14. Auflage 



DEMOKRATISCHE ENTWICKLUNG 

8. Auflage 



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